Catriona Ward: Das letzte Haus in der Needless Street

Ted ist ein eigenartiger Mann. Geistig ein wenig zurückgeblieben galt er vor Jahren als Verdächtiger im Mordfall eines kleinen Mädchens. Ted hat ein sehr schlechtes Namensgedächtnis. Er beurteilt Menschen auf zwei Arten – danach, wie sie Tiere behandeln und danach, was sie gerne essen. Falls ihr Lieblingsessen irgendeine Art von Salat ist, sind sie definitiv schlechte Menschen! Ted hat eine Katze – Olivia – und eine Tochter – Lauren – die ab und an zu Besuch kommt. Dann fährt Ted auf seinem rosafarbenen Fahrrad durchs Haus, und ruft die Namen von Hauptstädten. Lauren klingelt wenn er die richtige Antwort weiss. Habe ich Olivia schon vorgestellt – Teds Katze? Ein Biest von einer selbstherrlichen Katze, manches Mal aber auch Teds einzige Trösterin und Freundin.

Als Teds Haus in der Needless Street damals von der Polizei auf der Suche nach Spuren des verschwundenen Mädchens Lulu durchsucht wurde, war er eine Zeitlang das Gespräch im Ort. So Manche zeigte auf ihn, wechselten gar die Strassenseite oder drehten um, wenn sie ihn sahen. Einige Zeit traute Ted sich kaum aus dem Haus. Doch inzwischen ist Zeit vergangen, die Menschen haben verdrängt und vergessen. Weiterlesen

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Jamie Wheal: Next Level Living

Der englische Originaltitel könnte passender nicht sein: „Recapture the Rapture: Rethinking God, Sex, and Death in a World That’s Lost Its Mind“.

Auf 514 Seiten offenbart der Autor ein intensives Transformationsprogramm, das Traumata heilt, Inspiration steigert und uns dabei hilft, aufzuwachen, endlich erwachsen zu werden und für eine Welt einzustehen, die uns alle braucht.

Denn wenn wir uns spirituell weiterhin nicht weiterentwickeln „[…] und anderen das Feld überlassen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als auf einem ausgelaugten Planeten Mad Max zu spielen, während eine Handvoll Tech-Tycoons ihr Bewusstsein auf Computer laden oder sich einen der letzten Flüge ins All sichern.“ [S. 19]

Seite um Seite, Wort für Wort, habe ich all das wertvolle Wissen aufgesaugt, denn der Autor holt „radikale“ Forschung aus ihren Nischen heraus und wendet sie auf den Mainstream an. Weiterlesen

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Jasmin Gonzalez: Wir sind die Töchter der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet

Das Buch ist hip, rebellisch, ganzheitlich, tiefgreifend, modern und verspricht ein pures, anregendes Lesevergnügen. Von mir wurde es rasant und intensivst durchgesuchtet. Dabei habe ich unglaublich viel Wertvolles sowie Berührendes markiert, denn die Autorin schreibt schonungslos ehrlich, von Herz zu Herz.

Du ahnst es selbst, Frauen lesen nicht nur kitschige Liebesromane. Und dieses ist keines der typischen Klischee-Bücher. Jasmin Gonzalez hat eine Lektüre kreiert, die mich unterhalten, aber auch zum Nachdenken angeregt hat – ein Plädoyer für Weiblichkeit und Female Empowerment.

Es ist tatsächlich sehr schwierig, zu sagen, was ein grandioses Buch für eine Frau ist, ohne jemanden zu beleidigen oder eine feministische Debatte auszulösen, doch dieses hier ist Gold wert. Aber es geht nicht darum Männer zu bashen, sondern Zusammenhänge zu verstehen. Beispielsweise wird die Institution Kirche (die über dem Recht steht und sich über jegliche moralische Regel hinwegsetzen kann) und die herrschende männliche Elite kritisch unter die Lupe genommen. Außerdem wird u. a. die sogenannte Hexenwunde* „witchwound“ definiert, die noch immer tief in unserem Unterbewusstsein verankert ist. Weiterlesen

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James Bernhard MacKinnon: Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen

Gǂkao  (gesprochen so ähnlich wie Gitkao) lebt in einem kleinen Dorf in der Kalahari. Die Menschen dort ernähren sich von der Jagd, sie besitzen nur das Nötigste. Früher hat Gǂkao als öffentlicher Bediensteter gearbeitet und Geld verdient. Inzwischen lebt er wieder bei seinem Volk.

Etwa seit der Jahrtausendwende ist der Konsum die größte Gefahr für unsere Umwelt. Der kanadische Journalist  J. B. MacKinnon beschäftigt sich in seinem Buch umfassend mit dem, was er fast schon euphemistisch als Konsumkultur bezeichnet. Er erläutert die Folgen – den enormen und ständig steigenden Verbrauch von Ressourcen und den damit verbundenen Ausstoß von CO2 ebenso wie den daraus entstehenden Müll. Zielsicher benennt er das Dilemma, in dem wir uns befinden: „Wir müssen aufhören, Zeug zu kaufen, aber wir können nicht aufhören, Zeug zu kaufen.“ (S. 22) Unser Leben ist darauf ausgerichtet, Dinge zu produzieren, zu verkaufen, zu entsorgen, damit wir neue Dinge produzieren, verkaufen, entsorgen können. Unsere Ausgaben erzeugen anderer Leute Einkommen und wir haben uns längst vom Prinzip der einfachen Arbeitsteilung verabschiedet, wir sitzen im Konsum-Hamsterrad. Weiterlesen

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Rainald Grebe: Rheinland Grapefruit. Mein Leben. Eine Autobiografie

Eine Biografie von und über Rainald Grebe?!? Ich war von der Idee begeistert – und wurde nicht enttäuscht. Sie ist genauso wie der Künstler, „darf man das noch sagen?“, selbst: Bunt, schillernd, ein wenig chaotisch und sprunghaft und dabei immer äußerst geistreich. Manchmal kommt sie recht laut daher, wenn er zum Beispiel von seiner Zeit in Berlin erzählt, dann aber auch wieder in ganz leisen Tönen, wenn er uns an seiner Krankheit und seinem Reha-Aufenthalt teilhaben lässt. Einfach anders als die anderen und darum vielleicht auch so ergreifend.

Selbst mit seinem Nachruf hat er sich bereits beschäftigt: „Und dann gibt es bei Facebook einen Todespost, zwei bis drei Tage geht der Bär ab: Fassungslos! So jung! Ich bin sprachlos! Trauer! Die Tournee wird weitergehn! Es ist gut, Rainald! Dann gibt es eine Todesnachricht auf dem Theaterportal nachtkritik, zwei Kommentare. Unfassbar! Wieder einer gegangen. In unseren Herzen lebst du weiter. Und dann verblasst das Ganze sehr schnell, denn der Outputmeister ist ja tot, der Instagrammer, der Posterboy postet nix mehr.“ (Seite 84) Weiterlesen

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Joel Sartore: Photo Ark Wunder: Die einzigartige Vielfalt des Tierreichs

Zu viele Tierarten auf unserem Planeten sind vor dem Aussterben bedroht – und oft wissen wir noch nicht einmal, welche das eigentlich sind. Oder mit welchen faszinierenden Tierarten wir uns allgemein unseren Lebensraum teilen.

Dieses Buch zeigt es uns. Der Fotograf Joel Sartore hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Aufmerksamkeit der Menschen auf jede Art von Lebewesen zu lenken. Er nimmt den Leser und Betrachter mit auf seine Reisen und zeigt uns Tiere, mit denen wir gut vertraut sind, neben Tieren, deren Existenz wir uns nicht in unseren kühnsten Träumen ausmalen könnten. Seine Fotos sind einzigartig, charakterstark, manchmal witzig und insgesamt vor allem eines: atemberaubend. Jedes einzelne Lebewesen wird hier auf dem Papier lebendig und scheint aus dem Buch herauszukommen, um uns zu zeigen, dass es existiert und dass wir darauf achten müssen, dass das auch so bleibt.

Was dieses Fotobuch von jedem anderen Fotobuch über Tiere unterschiedet, ist die humorvolle, einsichtige und überzeugende Sortierung, die einen Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Tieren erkennen lässt, die niemand für möglich gehalten hätte. Außerdem sind die Bilder unterstrichen von Berichten des Autors über seine Reisen, unterstützt von Kommentaren seiner Frau und seiner Kinder, die einen staunen und schmunzeln lassen. Weiterlesen

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Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Sie heißen Lonesome George, Incas, Martha. Sie sind Endlinge. Ein Begriff, der die ganze Dramatik auf den Punkt bringt. Diese Tiere sind die letzten ihrer Art gewesen. Ausgestorben, hauptsächlich durch menschliches Zutun. Ob Dodo, Quagga, Koalalemur, Rosenkopfente, Waldrapp, Mondnagelkänguru, Bodensee-Kilch, Uraniafalter oder Pinta-Riesenschildkröte: In 50 Steckbriefen – untermalt mit herrlichen Illustrationen berühmter Naturmaler des 19. Jahrhunderts, zur Verfügung gestellt von der Staatsbibliothek Berlin – gibt der studierte Biologe Kegel dem Artensterben Gesichter. Plus dramatische Hintergrundgeschichten. Diese rufen insbesondere bei Tierfreunden Fassungslosigkeit, Trauer oder Wut hervor. Er untermauert die Schicksale mit allgemeinen Informationen zur Defaunation, Overkill-Hypothese, Koextinktion, biologischen Sonderwege auf Inseln und die Bemühungen der Forscher, ausgestorbene Arten wieder zum Leben zu erwecken. Zum Beispiel durch genetische Experimente. Doch Erfolg hat bisher keine der Methoden erbracht. Damit hat das Zitat von Artur Schopenhauer leider nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Weiterlesen

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Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Es ist eine Art Kontaktaufnahme mit der eigenen Kindheit, die Edgar Selge in diesem Buch beschreibt. Dabei beweist er, dass er nicht nur ein brillanter Schauspieler ist (man denke nur an Houellebecqs „Unterwerfung“), sondern auch ein lesenswerter Schriftsteller.

In vielen Episoden erzählt er in diesem Buch von den Gepflogenheiten im Elternhaus in den Sechzigerjahren.

Edgar ist zwölf und lebt mit seinen Brüdern und den Eltern in direkter Nachbarschaft zum Gefängnis, dessen Direktor sein Vater ist.

Musik spielt eine bedeutende Rolle im Haus der Selges. Den regelmäßigen Hauskonzerten, bei dem sich der Vater am Flügel durch einen Violinenspieler begleiten lässt, dürfen auch Strafgefangene im Wohnzimmer der Selges beiwohnen.

Den Gefangenen gegenüber und ihren Motiven, die zur Straftat geführt haben, begegnet der Vater mit erstaunlicher Güte und Empathie. Die eigenen Kinder dagegen bestraft er mit unerbittlicher Härte. Für seine Verfehlungen (Edgar bestiehlt den großen Bruder und veruntreut die Klassenkasse) bezieht Edgar regelmäßige Prügel mit dem Rohrstock. Weiterlesen

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Ozan Zakariya Keskinkiliç: Muslimaniac: Die Karriere eines Feindbildes

Die Neuerscheinung des Politikwissenschaftlers und freien Journalisten Ozan Zakariya Keskinkılıҫ hat mich auf mehrere Arten berührt. Sein Roman „Muslimaniac – Die Karriere eines Feindbildes“ bespricht in persönlichen Erfahrungen, aber auch in einer weitgehenden Recherche des Autors das Feindbild Deutschlands (und der Welt) gegenüber dem Islam. Dieses äußert sich in mehr Facetten, als die meisten Außenstehenden es sich vorstellen können.

„Muslimaniac“ ist eines von jenen Büchern, die mir beim Lesen wie ein Hammer auf den Kopf fallen und mir die Augen öffnen für all die indirekten Diskriminierungen, an denen mein Alltag mich oft genug blind vorbeiführt. Dass ein Teppichladen in Deutschland zugunsten des Umsatzes architektonisch einer Moschee ähnelt; dass ein Neugeborenes einen „Mongolenfleck“ auf dem Rücken trägt; dass Sie doch lieber nicht den Namen Ihres türkischstämmigen Mannes annehmen sollten, wenn Sie jemals wieder eine Wohnung finden wollen. All diese Aspekte und noch viele mehr stellen aufs Neue heraus, wie wenig die deutsche Gesellschaft über den Islam und all jene, die sich ihm zugehörig fühlen, weiß und wie falsch und vorurteilbehaftet unser Schubladendenken funktioniert. Doch dieses Buch, auch wenn es in erster Linie das Feindbild Islam thematisiert, geht noch darüber hinaus, muss es sogar. Denn das Feindbild des Islam beschränkt sich nicht nur auf die Religion oder ihre Gläubigen. Es dehnt sich darüber hinaus auf alle Menschen aus, die als ausländisch wahrgenommen werden, außerdem auf Homosexuelle, Frauen und jegliche Personen, die nicht dem weißen, männlichen, heterosexuellen Stereotypen entsprechen. Weiterlesen

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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst

Wer den Soziologen Harald Welzer kennt, kennt seine Thesen.

In diesem Buch mischt er viel Persönliches mit politischen, wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungen, was es umso lesenswerter macht.

Gleich zu Anfang des Textes bezeichnet Welzer alle vom Menschen erzeugten Produkte (Häuser, Autos, Plastik, Asphalt etc.) als „tote Masse“, die sich seit ca. 1900 alle zwanzig Jahre verdoppelt. Hingegen ist die natürliche „Biomasse“ aller Wildtiere in den letzten fünfzig Jahren laut Welser um mehr als vier Fünftel geschrumpft (S. 11).

Die Absurdität unseres unstillbaren Hungers nach immer weiterem Wachstum zeigt sich sich längst in vielfältigen ökologischen Problemen, im Artensterben und Klimawandel, weshalb Welzer unsere Gesellschaft als realitätsverweigernd  bezeichnet. Die Endlichkeit der Welt wird von uns systematisch negiert.

Wie können wir damit aufhören, unser Leben mit immer mehr Ressourcenverbrauch immer weiter optimieren zu wollen? – Immerhin sühlt sich unsere Gesellschaft geradezu im Wachstumskapitalismus, in dem uneingeschränkter Konsum und das Anhäufen vieler oft nutzloser Produkte als erstrebenswert gilt. Weiterlesen

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