Charles Pépin: Kleine Philosophie der Begegnung

Einige Begegnungen grenzen fast an Magie. Plötzlich glaubt man, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Man fühlt sich, als hätte man erst durch diese Person zu sich selbst gefunden.

In dem Sachbuch „Kleine Philosophie der Begegnung“ zeigt Charles Pépin, dass jeder zwischenmenschliche Kontakt nicht nur eine Begegnung mit der Welt, sondern auch eine Begegnung mit sich selbst ist. Der Schriftsteller, der Philosophie unterrichtet, entfaltet seine Argumentation anhand großer Denker des 20. Jahrhunderts, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen und deren fundamentalen Bedingungen beschäftigt haben – von Aristoteles über Sigmund Freud, Martin Buber und Simone Weil bis hin zu Jean-Paul Sartre. Doch dabei bleibt es nicht: Pépin beleuchtet Begegnungen auch von der anderen Seite und entführt einen in die Welt derer, die bezaubernde Begegnungen in Szene gesetzt haben, also unter anderem Maler, Filmregisseure und Romanschriftsteller. Nicht zuletzt erzählt er von bekannten Werken, die ohne eine Begegnung nicht entstanden wären – spannende Geschichten und Details vorprogrammiert.

Essentiell für ein Sachbuch – vor allem für eines, das sich mit Philosophie beschäftigt – ist eine klare Struktur, die es einem erleichtert, dem Inhalt zu folgen. Das ist Pépin hervorragend gelungen. Gefolgt von einem Inhaltsverzeichnis und einer kurzen Einleitung unterteilt sich das Werk in drei Teile. Zuerst klärt Pépin darüber auf, was man unter einer wahrhaftigen Begegnung versteht. Weiterlesen

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Martin Suter: Einer von euch: Bastian Schweinsteiger

Martin Suter schätze ich seit „Small World“ als Autor guter Geschichten. In seinem aktuellen Buch wagt er sich mit der Romanbiografie von Bastian Schweinsteiger auf neues Terrain. Von letzterem wusste ich bis vor kurzem gerade mal, dass es ihn gibt, irgendwas mit Fußball und ich hätte ihn weder optisch noch faktisch von zum Beispiel Stefan Effenberg – auch ein Fußballer mit langem Namen – unterscheiden können. Die große Frage ist, ob es dem Autor gelingt, mir einen Menschen nahezubringen oder wenigstens zu erklären, dessen Leben, obwohl wir uns im gleichen Land befinden, mit meinem augenscheinlich nichts gemeinsam hat.

Um es kurz zu machen: Es ist gelungen – sowohl das Nahebringen als auch das Erklären. Aber so richtig zufrieden bin ich nicht.

Gleich zu Beginn stellt sich ein Gefühl von Vertrautheit ein. Ich lese von Kindheitserlebnissen, Familienunternehmungen, von kleinen Ängsten und großen Freuden und von behütetem Aufwachsen. Die Eltern erkennen das sportliche Talent und geben ihm Raum. Weiterlesen

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Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 – 1910

In Corona-Zeiten beschäftigt man sich – und das ist sicher sinnvoll – mit der Geschichte von Epidemien. Mehrere Veröffentlichungen und Wiederveröffentlichungen zur Spanischen Grippe vor gut hundert Jahren hat es hier gegeben – und wir erkennen, teilweise mit Schrecken, die Parallelen, Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur heutigen weltweiten Pandemie.

Mit „Tod in Hamburg“ – der Titel klingt fast wie ein Krimi – bringt nun der Pantheon-Verlag ein gewichtiges Paperback in die Buchläden, das sich der Geschichte von „Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren“ zwischen 1830 und 1910 widmet.

Diese umfangreiche Studie von über 900 Seiten stammt eigentlich aus dem Jahr 1987, es handelt sich um eine Wieder-Veröffentlichung; der Verfasser hat lediglich ein neues, aktuelles Vorwort beigesteuert. Richard J. Evans ist unter den Historikern eine feste Größe. Geboren 1947, waren vor allem die Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aus der Feder des Cambridge-Professors bahnbrechend. Sein Werk „Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914“ ist Meilenstein und Standardwerk in einem.

Im Gegensatz zu der damals sehr teuren Ausgabe ist Evans‘ große Hamburg-Studie nun in einem preiswerten und doch wertigen Paperback erschwinglich. 928 Seiten, dazu Karten, Diagramme, Statistiken und zahlreiche Fotografien lassen die Zeit wiederaufleben. An jeder Stelle spürt der Leser, dass Evans seinen Stoff vollkommen überblickt und mit souveräner Quellensicherheit zu Werke geht. Weiterlesen

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Katharina Ziegelbauer: Superkraft Immunsystem: Mit den Hausmitteln der TCM zu neuer Power

Was für ein wundervolles Herzensbuch! Man spürt beim Lesen sofort die positiven Vibes. Das Cover ist sehr eye-catching, erfrischend und stimmungsaufhellend. Es strahlt wie die Sonne und versprüht spritzige Hoffnung. Insgesamt ist diese Lektüre liebevoll und ästhetisch gestaltet, sowohl Rezepte als auch einzelne Themen werden mit wunderschönen Bildern akzentuiert in Szene gesetzt.

Es werden wertvolle Tipps aufgeführt für eine gute Verdauung, wie man das Immunsystem stärkt und unser Qi sowie unser Yin und Yang ausbalanciert. Wenn diese Energien im Gleichgewicht sind, geht es unserem Körper und unserer Verdauung gut, und mithilfe von abgestimmten Rezepten kann man dem Organismus helfen, diese Harmonie zu fördern. Weiterlesen

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Bernardine Evaristo: Manifesto – Warum ich niemals aufgebe

Das Manifest einer Autorin zu lesen, deren Bücher man bis dato nicht kannte, mag als seltsamer Einstieg in ihr Werk erscheinen. Doch kommt es mir so vor, als schaffe Bernardine Evaristo es, mich gerade durch ihre Anfang 2022 publizierte Neuerscheinung „MANIFESTO – Warum ich niemals aufgebe“ (aus dem Englischen von Tanja Handels) an ihren Beitrag zur Weltliteratur heranzuführen. Die Booker-Prize-Preisträgerin schreibt in sieben Kapiteln über ihren Weg zu der Frau, die heute von zahllosen Buchcovern schaut – stolz, bunt, welterfahren. So geht sie von ihrer Kindheit im überwiegend weiß geprägten London der 60er Jahre aus – als eines von acht Kindern einer englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters. Sie erzählt von Steinen, die an die Haustür der Familie geworfen wurden und von der unglaublichen Standhaftigkeit ihrer Eltern im Umgang mit Rassismus und Alltagsanfeindungen. Sie erzählt von der Stärke der Liebe ihrer Eltern und auch von den so unterschiedlichen Beziehungen zu ihnen. Die liebende starke Mutter auf der einen, der kühle und heimatferne Vater auf der anderen Seite. Evaristo schreibt sich durch ihre Partizipation als einzig Schwarzes Kind im Kirchentheater, durch die vielen Wohnungen, die sie haben eine Londoner Nomadin werden lassen und durch toxische wie heilende Beziehungen zu Frauen und Männern. Die Seiten ihres MANIFESTOS offenbaren einen Charakter, schillernd, rebellisch und kaum fassbar, Weiterlesen

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Axel Melzener: Genre: Ein Leitfaden für Autoren

Die Freude am Grellen und Schrecklichen, am Lauten und Bizarren, am Verworrenen und Verwunschenen, am Psychedelischen und Ab- und Jenseitigen, am Mindf*ck, an der Enthemmung und Erregung […] was für Storys wir schreiben können, wenn man uns nur lässt.“ (Zitat Axel Melzener)

Hinter dem dezenten Cover dieses Buches versteckt sich ein höchst moderner, medien- und literarpraktischer Pageturner. Diese schwindelerregende Lektüre ist von einer Magie durchzogen, die horizonterweiternd, schonungslos ehrlich und faszinierend zugleich ist. Zu gern hätte ich sie in Warpgeschwindigkeit gelesen, doch sie ist so wertvoll, dass ich alles genauestens studiert und dabei unfassbar viel markiert habe.

Seite um Seite löst der Autor Axel Melzener die Handbremse im Kopf des Kreativen, bricht betonierte Blockaden und verpasst uns eine längst überfällige Frischzellenkur, denn zwischen den klugen Zeilen lauert so viel Wahrheit, Weisheit und pure Erkenntnis. Er liefert unkonventionelle Denkanstöße zu Trends, Innovationsstrategien, zeigt Chancen sowie Herausforderungen und hilft dem Leser dadurch, den eigenen Horizont zu erweitern. Dabei inspiriert er uns dazu, Klischees zu demontieren oder mit ihnen zu spielen. Das ist stark, weil Erkenntnis stiftend. Weiterlesen

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Jardine Libaire & Amanda Eyre Ward: Berauscht vom Leben: Die Freiheit, nicht zu trinken

Alkohol spielt eine große Rolle in unserer Gesellschaft. Die meisten machen sich das gar nicht bewusst und müssen dies auch nicht, wenn sie den richtigen Umgang damit für sich gefunden haben. Doch es geht nicht allen so. Die Autorinnen Jardine Libaire und Amanda Eyre Ward haben ihre Freizeit damit verbracht, sich auf Partys oder anderen Anlässen zu betrinken und konnten sich hinterher an nichts mehr erinnern. Jahrelang googelten sie immer wieder „Bin ich Alkoholikerin?“, bis sie irgendwann einsahen, dass allein diese Frage zu quälend ist, um sie lange mit sich herumzutragen. Seitdem trinken sie keinen Alkohol mehr und es tut ihnen gut. Für alle, die es ihnen nachmachen wollen oder Verbündete in ihrem nüchternen Leben brauchen; die sich Gedanken machen oder einfach mal ausprobieren wollen, haben sie dieses Buch geschrieben. Wenn Alkohol ein Leben lang der Schlüssel zu Spaß, neuen Kontakten und Entspanntheit war, ist es schwer, ganz plötzlich ohne klarzukommen – und zwar in allen Lebensbereichen. Weiterlesen

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Hermann Bausinger: Vom Erzählen: Poesie des Alltags

Der 2021 verstorbene Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger widmete der Erzählkunst sein letztes Buch. Auf den 208 Seiten nimmt er uns mit in die Welt des Erzählens, der Märchen, Übertreibungen, Stilebenen und des Witzes. Dabei analysiert er nicht nur Gespräche über den Gartenzaun oder auf einer Sommer-Gartenparty, sondern widmet sich auch dem Sinn sinnloser Geschichten, „Wiederholungsorgien“ der Fernsehsender, aber auch Fragen, wie sich Gerüchte entwickeln und wie Menschen einander Dinge erzählen. Zu nebensächlich? Nicht, wenn Bausinger Philosophie und Wissenschaft mithilfe vieler Beispiele so facettenreich und unterhaltsam verwebt.

Im Kapitel zur Erzähltheorie des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann zitiert der Autor: „Man eigne sich die eigene Vergangenheit an, indem man daraus einen Sinn mache. Das Verstehen, das durch das erzählende Erinnern erreicht werde, (…) bringe das entscheidende Gefühl der Zugehörigkeit zu einem selbst hervor.“ Daraus schlussfolgernd sei das eigene Selbst, ein sich dauernd erweiterndes Gespinst von Geschichten – „wie ein Gebilde aus Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt, nur ohne Materie“. (S. 42) Weiterlesen

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Juan Moreno: Glück ist kein Ort: Geschichten von unterwegs

Für den spanisch-deutschen Autor Juan Moreno braucht es zum Reisen vor allem Zeit und das Interesse am anderen Leben. Reisen ist Geduld und Zuhören. In seinem Buch „Glück ist kein Ort“ erzählt er von den Begegnungen mit Menschen in unterschiedlichen Gegenden der Welt. Reportageaufträge und Neugier brachten ihn nach Nord- und Südamerika, Indien oder Sibirien, aber auch nach Berlin, Kottbusser Tor. Er war dabei, als in Thailand Kinder aus einer überfluteten Höhle gerettet wurden oder als sich in Kolumbien die Guerillatruppen der Farc trotz Friedensvertrag neuformierten. Das Buch vereint Reportagen und Texte, welche mit nur zwei Ausnahmen bereits in Zeitschriften veröffentlicht worden waren, darunter auch Aufzeichnungen von den Stationen einer Weltreise, die ihn 2005/06 im Verlauf eines Jahres durch achtzehn Länder führte.

Moreno erzählt im Plauderton und doch sprachlich präzise. In den meisten Texten nimmt er sich mit seinen Befindlichkeiten zurück, seine Gedanken und Erlebnisse bleiben im Hintergrund. Er rückt Menschen vor Ort in den Fokus, lässt sie über ihr Leben erzählen. Oftmals sind es Biografien im Umbruch, wie zum Beispiel die des indonesischen Seenomaden Tadi, der mit seiner Familie auf einem Boot lebte, bis die Regierung den Menschen einen festen Wohnsitz aufzwang. Weiterlesen

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Stefan Rebenich: Der kultivierte Gärtner

In seiner Hinführung erklärt Stefan Rebenich: Er wolle Menschen ansprechen, die nicht nur eine Passion für den eigenen Garten innehaben, sondern auch über seine räumlichen Grenzen hinaus blicken wollen. Seine verschiedenen Beiträge bedienen das Thema ganzheitlich, indem er den Garten als Lebensraum und Kulturobjekt betrachtet. Dabei zeigt er epochenübergreifende Perspektiven und repräsentative Zusammenhänge in der Gartengeschichte.

Nicht nur heute besteht das Bedürfnis nach einem Rückzugsort im Grünen. Wer über keinen eigenen Garten verfügt, kann in Parkanlagen, öffentlichen Grünflächen und Wäldern die Natur genießen. Bei den alten Römern gönnten sich die Reichen ein luxuriöses Anwesen außerhalb der Stadt. Auch dort führten sie Konkurrenzkämpfe, um über die Lage, Größe und Gestaltung ihrer Residenz ihren politischen und sozialen Status zu offenbaren. Zum Komfort gehörten unter anderem Bibliotheken, Pinakotheken, Empfangsräume, Wandelgänge, beheizte Bäder und Wintertrakte und neben den obligatorischen Ziergärten kühle Sommerbereiche. Auf jeden Fall wurde die Natur im großen Stil inszeniert, in dem nach strengen Systemen Wege, Portiken, Laubengänge und Wasserläufe für die Gestaltung der weitläufigen Gartenanlagen angelegt wurden. Gartenarchitektur und Kunst gingen mit Obstbaumwiesen einher und schufen die Bühne für ein Naturschauspiel. Während die Reichen den Blick in die Natur von erhöhten Plattformen genossen, fanden die Städter ihren eigenen auf Dachgärten und bepflanzten Balkonen. Weiterlesen

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