Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Es ist eine Art Kontaktaufnahme mit der eigenen Kindheit, die Edgar Selge in diesem Buch beschreibt. Dabei beweist er, dass er nicht nur ein brillanter Schauspieler ist (man denke nur an Houellebecqs „Unterwerfung“), sondern auch ein lesenswerter Schriftsteller.

In vielen Episoden erzählt er in diesem Buch von den Gepflogenheiten im Elternhaus in den Sechzigerjahren.

Edgar ist zwölf und lebt mit seinen Brüdern und den Eltern in direkter Nachbarschaft zum Gefängnis, dessen Direktor sein Vater ist.

Musik spielt eine bedeutende Rolle im Haus der Selges. Den regelmäßigen Hauskonzerten, bei dem sich der Vater am Flügel durch einen Violinenspieler begleiten lässt, dürfen auch Strafgefangene im Wohnzimmer der Selges beiwohnen.

Den Gefangenen gegenüber und ihren Motiven, die zur Straftat geführt haben, begegnet der Vater mit erstaunlicher Güte und Empathie. Die eigenen Kinder dagegen bestraft er mit unerbittlicher Härte. Für seine Verfehlungen (Edgar bestiehlt den großen Bruder und veruntreut die Klassenkasse) bezieht Edgar regelmäßige Prügel mit dem Rohrstock. Weiterlesen

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Ozan Zakariya Keskinkiliç: Muslimaniac: Die Karriere eines Feindbildes

Die Neuerscheinung des Politikwissenschaftlers und freien Journalisten Ozan Zakariya Keskinkılıҫ hat mich auf mehrere Arten berührt. Sein Roman „Muslimaniac – Die Karriere eines Feindbildes“ bespricht in persönlichen Erfahrungen, aber auch in einer weitgehenden Recherche des Autors das Feindbild Deutschlands (und der Welt) gegenüber dem Islam. Dieses äußert sich in mehr Facetten, als die meisten Außenstehenden es sich vorstellen können.

„Muslimaniac“ ist eines von jenen Büchern, die mir beim Lesen wie ein Hammer auf den Kopf fallen und mir die Augen öffnen für all die indirekten Diskriminierungen, an denen mein Alltag mich oft genug blind vorbeiführt. Dass ein Teppichladen in Deutschland zugunsten des Umsatzes architektonisch einer Moschee ähnelt; dass ein Neugeborenes einen „Mongolenfleck“ auf dem Rücken trägt; dass Sie doch lieber nicht den Namen Ihres türkischstämmigen Mannes annehmen sollten, wenn Sie jemals wieder eine Wohnung finden wollen. All diese Aspekte und noch viele mehr stellen aufs Neue heraus, wie wenig die deutsche Gesellschaft über den Islam und all jene, die sich ihm zugehörig fühlen, weiß und wie falsch und vorurteilbehaftet unser Schubladendenken funktioniert. Doch dieses Buch, auch wenn es in erster Linie das Feindbild Islam thematisiert, geht noch darüber hinaus, muss es sogar. Denn das Feindbild des Islam beschränkt sich nicht nur auf die Religion oder ihre Gläubigen. Es dehnt sich darüber hinaus auf alle Menschen aus, die als ausländisch wahrgenommen werden, außerdem auf Homosexuelle, Frauen und jegliche Personen, die nicht dem weißen, männlichen, heterosexuellen Stereotypen entsprechen. Weiterlesen

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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst

Wer den Soziologen Harald Welzer kennt, kennt seine Thesen.

In diesem Buch mischt er viel Persönliches mit politischen, wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungen, was es umso lesenswerter macht.

Gleich zu Anfang des Textes bezeichnet Welzer alle vom Menschen erzeugten Produkte (Häuser, Autos, Plastik, Asphalt etc.) als „tote Masse“, die sich seit ca. 1900 alle zwanzig Jahre verdoppelt. Hingegen ist die natürliche „Biomasse“ aller Wildtiere in den letzten fünfzig Jahren laut Welser um mehr als vier Fünftel geschrumpft (S. 11).

Die Absurdität unseres unstillbaren Hungers nach immer weiterem Wachstum zeigt sich sich längst in vielfältigen ökologischen Problemen, im Artensterben und Klimawandel, weshalb Welzer unsere Gesellschaft als realitätsverweigernd  bezeichnet. Die Endlichkeit der Welt wird von uns systematisch negiert.

Wie können wir damit aufhören, unser Leben mit immer mehr Ressourcenverbrauch immer weiter optimieren zu wollen? – Immerhin sühlt sich unsere Gesellschaft geradezu im Wachstumskapitalismus, in dem uneingeschränkter Konsum und das Anhäufen vieler oft nutzloser Produkte als erstrebenswert gilt. Weiterlesen

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Andrea Weidlich: Wie du Menschen loswirst, die dir nicht guttun, ohne sie umzubringen

Nachdem ich 2020 bereits „Liebesgedöns: Der geile Scheiß vom Suchen und Finden“ von Andrea Weidlich begeistert gelesen hatte, habe ich mich direkt für „Wie du Menschen loswirst …“ vormerken lassen. Auch dieses hat mich ab der ersten Seite mit dem zauberhaft lebendigen Schreibstil verzückt. Es ist jedoch viel mehr als nur ein Ratgeber für persönliche Entwicklung. Die Autorin hat „die A*schloch-Detox-Methode“ klug in eine unglaublich interessante, romanartige Story eingeflochten. Das Ganze wird untermalt und aufgelockert durch wertvolle Zitate oder auch bedeutsame Hinweise, wie bspw. dass man das anzieht, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet – also nichts wie weg mit destruktiven Meinungen. Jenen Leser*n, denen Persönlichkeitsentwicklung kein Fremdwort mehr ist, wird nichts bahnbrechend-neues entdecken können, dennoch dient das Werk der Selbstreflexion.

„Spannend, mit Tiefgang und schwarzem Humor führt Andrea Weidlich uns an einen mystischen See, wo eine Freundesgruppe ein Experiment wagt: Was passiert, wenn sie sich von toxischen Menschen befreien, und wie beseitigen sie die Leichen, die im eigenen Keller schlummern?“ (Zitat Klappentext)

Denn niemand muss lebenslänglich in einem Gefängnis mit toxischen Menschen sitzen bleiben. Weiterlesen

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Tim Geyer: 10 Fragen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen: Schonungslose Interviews

„10 Fragen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“ ist ein elektrisierendes, scharfzüngiges Buch voller feinsinniger Betrachtungen. Tim Geyers journalistisches Gespür führt den Leser* direkt ins Leben der Menschen. Es ist ein derart delikat-modernes Lesevergnügen, dass es sich beinah verboten anfühlt. Tims Interviews riechen nach Nervenkitzel und Aufregung, schmecken nach Kontroverse und nehmen uns mit auf eine rasante Fahrt durch eine scharfe, differenzierte Gesellschaftsanalyse.

Einmal stellvertretend alle Klischees abfragen.“ (S. 6)

Ungehemmt fragt er einen Polizisten und einen Zollbeamten, ob diese gerne mal mit ihrer Dienstwaffe herumballern würden. Aus einem Sugarbabe kitzelt er heraus, dass ihr „sinnliches Kerngeschäft“ sie in ihrer Rolle als Frau bestärkt. Außerdem befragt er einen Exorzisten, wie man einen Dämon austreibt und was ein Exorzismus kostet. Weiterlesen

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Roger D. Nelson & Georg Kindel: Die Welt-Kraft in dir

Ich habe ebenso das Vorgängerbuch „Der Welt-Geist: Wie wir alle miteinander verbunden sind“ von 2018 von beiden Autoren gelesen, doch „Die Welt-Kraft in dir“ hat mich tatsächlich mehr berührt.

Der Mensch kann paranormale Fähigkeiten wie Gedankenübertragung, Hellsichtigkeit oder Telekinese aktivieren?

Das klingt nicht nur spannend, auch die Wissenschaft kann es belegen. Aber trocken wissenschaftlich-theoretisch und damit oberflächlich, ist diese Lektüre keineswegs.

Geschickt haben die Autoren Wissenschaftlichkeit mit spannenden Fakten verbunden und den Stoff auf unterhaltsame und zugleich informative Weise präsentiert. Auch im Verlauf des Buches haben sie es geschafft, mich zu fesseln.

Leider wird nur kurz angeteasert, dass 70.000 CIA-Dokumente Fernwahrnehmung dokumentieren und sogar Geheimdienste zwei Jahrzehnte lang die Forschung finanzierten. Des Weiteren wird die unfassbar bedeutsame Wirksamkeit des Placeboeffekts allein durch die Macht unseres Glaubens erwähnt. Bsp.: Aderlass.

Fakt ist: Die westliche Medizin bestand jahrhundertelang nur aus dem Placeboeffekt.“ (Zitat S. 114) Weiterlesen

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Isabell Beer: Bis einer stirbt: Drogenszene Internet

Mit 13 raucht Leyla ihren ersten Joint, ihr wird übel davon, doch sie will unbedingt die berauschende Wirkung spüren, von welcher die anderen schwärmen. Irgendwann funktioniert es und von da an raucht sie regelmäßig. Später kommen andere Drogen dazu, Kokain, Pep, schließlich auch Heroin. Sie will alles ausprobieren.

Josh hat seinen ersten Kontakt mit Marihuana mit 15 im Internat. Das Rauschmittel wird Teil seines Alltags, daran ändert sich auch nichts, als seine Eltern ihm wieder nach Hause holen. Die Schule wird immer uninteressanter, irgendwann geht er nicht mehr hin. Er experimentiert mit verschiedenen Stoffen, mit Amphetaminen, Ecstasy, mit Kräutermischungen, Marihuana, verschiedenen Medikamenten und Research Chemicals. Mehrere Male überlebt er nur knapp. Mit 19 stirbt er an einer Überdosis, bei der Obduktion wird eine Mischung verschiedener gefährlicher Stoffe nachgewiesen. Auf dem Buchcover steht vor seinem Namen ein Kreuz.

Beide Jugendlichen kommen aus einem fürsorglichen Elternhaus. Joshs Eltern trennen sich einvernehmlich und ohne Streit, nachdem er aus dem Internat zurückkommt, und ich hatte beim Lesen seiner Lebensgeschichte nie den Eindruck, dass seine Sucht Resultat dieser Trennung war. Sowohl Josh als auch Leyla werden Teil einer Community, Josh, der vorher nur für Computerspiele Interesse gezeigt hatte, schließt sich verschiedenen Gruppen im Internet an, findet online neue Freunde. Weiterlesen

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Catherine Raven: Fuchs & ich – Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft

In diesem Buch geht es um eine introvertierte Biologin, die ihr Leben einzig und allein der Natur verschrieben hat und um die außergewöhnliche Verbindung, die sie zu einem Fuchs aufbaut.

Bevor Catherine Raven in Biologie promovierte, hatte sie als Park Rangerin im Mount-Rainier-Nationalpark/Washington gearbeitet. Danach baut sie sich, abgeschottet von der restlichen Welt, in der Wildnis von Montana inmitten von Wüstenbeifuß, Kakteen und Gräsern eine kleine Hütte. Hier in der Einsamkeit heilt sie ihre Ängste und ihre Langeweile, indem sie sich gänzlich der Natur widmet. Pflanzen bestimmen, mit Wühlmäusen und Spinnen leben und wilde Tiere beobachten ist ihr Lebensinhalt. Wenn sie die Jalousien hochzieht, kommt es vor, dass sie direkt in die Augen eines Maultierhirschs blickt. Sie beginnt den Bewuchs um das kleine Cottage herum zu roden. Zwischendurch hält sie Wildbiologiekurse oder führt Exkursionen mit Studenten durch. Doch eigentlich reicht der menschenscheuen Wissenschaftlerin der Kontakt mit einer Schnecke aus. Weiterlesen

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Wolfgang Knauer: Black and Blue: Louis Armstrong, sein Leben und seine Musik

Black and Blue ist der Titel eines Songs von Fats Weller, den Louis Armstrong durch eine kleine Änderung im Text zu einer Anklage gegen die Diskriminierung der Schwarzen werden ließ.

Black and Blue ist folgerichtig der Titel von Wolfgang Knauers neu aufgelegter und erweiterter Biographie über Old Satchmo.

Knauer beschreibt den Werdegang Louis Armstrongs, von der Kindheit in New Orleans bis zu seinem  Tod am 06. Juli 1971. Er geht ausführlich auf jede Station ein, ob Chicago, New York oder seine Auftritte in Europa und Afrika. Ich lese von seinen vier Ehefrauen, von Freunden, von seinen Lebensgewohnheiten und Vorlieben, auch von liebenswerten Schwächen. Knauer schildert Armstrongs Lebensverhältnisse, sei es am Anfang, als er in New Orleans auf der Straße sang und spielte, um Geld zu verdienen, sei es später, als er finanziell erfolgreich war.

Parallel dazu hat Wolfgang Knauer die Karriere des Musikers Armstrong dargelegt. Ich erfahre, was ihn zum Musiker gemacht hat, welche Einflüsse es gab, von wem er lernte und wer ihn förderte. Wegbegleiter, Kollegen, Bands werden ausführlich besprochen. Weiterlesen

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Elke Heidenreich: Hier geht’s lang – Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Elke Heidenreich und Bücher – diese Verbindung gehört einfach zusammen. In ihrem Buch „Hier gehts lang zeigt sie auf, wie Bücher ihr Leben von klein auf geprägt haben. Das Lesen hat schon früh entscheidenden Einfluss auf ihr Denken und Werden genommen: Hineingeboren in das Kriegsjahr 1943 durchlebte Elke Heidenreich eine entbehrungsreiche Zeit. Vor allem das schwierige Verhältnis zur Mutter, das von wenig Empathie geprägt war, bewirkte, dass die junge Elke sich gern und oft aus dunklen Momenten heraus in ihre Bücherwelten flüchtete. Immer gaben Bücher ihr einen Halt und Kraft.

Als ihr erstes wirkliches Literaturerlebnis führt sie „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen von Selma Lagerlöf an. Dieses Buch zog sie schon als Zwölfjährige in Bann und vermittelte ihr eine ganz andere Leseebene als die typischen Mädchenbücher wie „Nesthäkchen oder „Trotzkopf.

Später, während ihrer Studenzenzeit, wurde ihr klar, dass Frauen in der Literaturwelt einen schweren Stand in der von Männern dominierten Szene hatten. Dabei war und ist sie von weiblichen Literaten immer viel mehr angetan. Weiterlesen

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