189 Kurzgeschichten auf 227 Seiten – sich so kurzzufassen, muss man erst mal schaffen. Elke Heidenreich hat in ihrem neuen Band „Alles kein Zufall“ jedoch nicht nur Kurzgeschichten veröffentlicht, sondern auch kleine Witze, Gedanke und Beobachtungen, die manchmal nur zwei Zeilen lang sind.
Alphabetisch sortiert – von „Alles kein Zufall“ bis „Zufall“ sind die 189 Texte. Auch das ist ungewöhnlich, fügt sich am Ende aber zu einem geschlossenen Ganzen zusammen. Weiterlesen
Belletristik
Raymond Scofield: Der große Lord
Was ist wohl aus dem kleinen Lord Fauntleroy geworden, nachdem er Weihnachten Großvater und Mutter versöhnt hat? Auch Autor Gert Anhalt aus Bad Wildungen hat sich das gefragt und 130 Jahre nach Frances Hodgson Burnett unter dem Pseudonym Raymond A. Scofield die Fortsetzung des Weihnachts-Klassikers, „Der große Lord“, geschrieben.
21 Jahre nach dem Versöhnungsfest lebt Cedric in London, arbeitet in einem Gemischtwarenhandel, wird zu Straftaten angestiftet und verliebt sich. Weiterlesen
Karen Duve: Macht
Wer sich erhofft, Karen Duve lege mit „Macht“ einen Roman ähnlich ihrer erfolgreichen Bücher „Taxi“ oder „Regenroman“ vor, wird herb enttäuscht. Duve ist zur Anklägerin einer Gesellschaft geworden, die kritiklos u. a. Massentierhaltung und Klimawandel akzeptiert. Mit „Macht“ scheint die Autorin ihrer Enttäuschung hierüber Ausdruck verleihen zu wollen. Dabei herausgekommen ist ein satirischer Zukunftsroman, der sich explizit von provokanten Überzeichnungen nährt.
Karen Duve siedelt diesen fiktiven Roman im Jahr 2031 an und beschreibt eine sehr düstere Endzeitstimmung: Die Klimakatastrophe hat den Untergang der Welt eingeläutet. Weiterlesen
William Boyd: Die Fotografin
Amory Clay ist auf dem besten Weg, ein Stipendium für Oxford zu bekommen, als ihr Vater, traumatisiert vom Ersten Weltkrieg, sich und seiner Lieblingstochter das Leben nehmen will. Nach dem verhinderten Freitod ist alles anders. Amory schafft nicht mehr den erforderlichen Notendurchschnitt, der Vater wird in einer geschlossenen Psychiatrie für Jahre weggesperrt, während der Mutter und ihren Geschwistern im rasanten Tempo das Geld ausgeht. Amory will in dieser Situation unbedingt eigenes Geld verdienen. Deshalb geht sie bei ihrem Onkel in die Lehre, der sich mit Porträtaufnahmen einen Namen gemacht hat. Weiterlesen
Jackie Thomae: Momente der Klarheit
Das sagte ich bereits. Es lässt mich ratlos zurück. Erinnert mich ein wenig an dieses völlig überschätze Büchlein von Katharina Hacker „Die Habenichtse“ wofür sie seinerzeit 2006 auch noch den deutschen Buchpreis bekam. Wie gesagt, wir kamen nicht zusammen. All diese Figuren und Lebemänner und – Frauen, aus Kunst-und Kulturbetrieb, Medien und Film oder sonst welchen hippen Zusammenhängen, ich bekam sie einfach nicht vor meine Linse. Sie waren alle so leer. Vielleicht ist das ja auch das Thema: die geistige Leere und des sich Einredens von Wichtigkeit. Ständige neue Beziehungsgeflechte der Protagonisten nervten auf Dauer. Unglück und Projektion halten Hof, kein gelassenes Altwerden sondern die Angst vor der Nichtbeachtung von wem auch immer. Und schon bei der jeweils nächsten Geschichte musste ich zurückblättern und nachsehen, wer das schon wieder war. Also, eben nicht meins. Aber es gibt garantiert andere Meinungen.
Jackie Thomae: Momente der Klarheit.
Hanser, Juli 2015.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.
Frank Goosen: Förster, mein Förster
Wenn man es positiv sehen will: Der Bochumer Ruhrpottbarde Frank Goosen bleibt seinem typischen Sound und seinen nostalgischen Themen, die viele Leser mögen, im aktuellen Buch „Förster, mein Förster“ treu.
Negativer: Der Roman bietet nichts Neues. Alles kommt einem wie schon hundertmal gelesen vor: dieses ewige, mittlerweile doch etwas sonderbar anmutende Schwelgen in längst vergangenen Zeiten – hach ja, als es noch die C 90-Kassetten gab … Weiterlesen
Claudius Reimann: Ist das Jazz oder kann das aus?: Die kurzen Briefe des Hugo Buriem
23 Jahre hat Jule Kleba mit ihrem Vater nicht mehr gesprochen. Zuletzt hat sie ihn gesehen, als ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Nun ist der Vater tot, und Jule betritt nach über zwei Jahrzehnten wieder ihr Elternhaus.
Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt Claudius Reimann in seinem Briefroman „Ist das Jazz oder kann das aus?“. Denn Jules Elternhaus ist vollgestopft mit Briefen von ihrem Jugendfreund Hugo, einem Jazz-Saxophonisten, der ihr in den 23 Jahren nach jedem Konzert einen Brief geschrieben hat. Jules Vater hat die Briefe aufgehoben – irgendwann wird Jule sie schon finden. Sie findet auch Hugo, reist ihm zum Konzert in Gelsenkirchen hinterher. Und schreibt ihm eine Postkarte. „Ist das Jazz oder kann das aus?“ steht darauf und noch mehr Dinge, die Jule beim Aufarbeiten ihres Lebens entdeckt hat.
Claudius Reimann: Ist das Jazz oder kann das aus?: Die kurzen Briefe des Hugo Buriem.
Ventura Verlag, September 2015.
170 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.
Angelika Waldis: Marktplatz der Heimlichkeiten
Wenn jemand im Bett neben sich jemanden hat, der gerne vorliest, dann Augen zu und zugehört. Kurz vor dem Einschlafen wandert man durch dieses Schweizer Verlagshaus wie in einem Film oder in einer Live Doku. Vorsichtig öffnet sich eine Tür und ein neues kleines Lebensdrama entwickelt sich. in 26 Teilen. Alles aber wie ein Puzzle – und es passt wie selbstverständlich. Manchmal schön, manchmal traurig. Die kleinen, personenbezogenen Stories sind liebevoll gezeichnet, Charakterstudien, wie man sie selbst oft formuliert hat aber selbst nie niederschrieb. Es sind die Kolleginnen und Kollegen, die kurz ein Eigenleben entwickeln um sich dann wieder im Verlag zu treffen. Mit all den Niederträchtigkeiten eines Großraumbüros, voller Neider aber auch netten Menschen. Fast könnte man sagen, wie im richtigen Leben. Es gibt oben und unten, es gibt Karrieregeile und Gelassenheit. Frech verbunden sind die kleinen Schmankerl durch eine Volontärin, die sich zu all dem, was in diesem Haus geschiegt, ihre frechen und manchmal ins Schwarze treffenden Gedanken macht. Genuss ohne Reue!
Angelika Waldis: Marktplatz der Heimlichkeiten.
Europa Verlag, Juli 2015.
250 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.
Peter Buwalda: Bonita Avenue
Großartig! So was habe ich lange nicht mehr gelesen. Ich bin ja ein großer Freund von Gesellschaftsromanen der amerikanischen Beobachter und Autoren, die „Aufstieg und Fall“ von vermeintlichen Helden und/oder Familien beklemmend formulieren können. Meisterhaft wie John Updike in seinen vier Rabbit Romanen, oder Tom Wolfe mit „Fegefeuer der Eitelkeiten“ oder „Ein ganzer Kerl“. Jonathan Franzen versucht in diese großen Fußstapfen zu treten mit „Die Korrekturen“. In Europa kommt dieses klassische Sozialdrama von dieser Qualität seltener daher. Vor Jahren las ich van der Heijdens „Anwalt der Hähne“ oder „Fallende Eltern“. Ein Holländer. Weiterlesen
Stefan Moster: Neringa: oder Die andere Art der Heimkehr
Stefan Mosters Protagonist, ein fünfzigjähriger erfolgreicher Software-Entwickler, der Erfinder der Cloud, begibt sich auf Spurensuche in die Vergangenheit. Das Leben seines Großvaters Jakob Flieder, der Pflasterer in seiner Heimatstadt Mainz gewesen war, beschäftigt ihn. Vor dem elterlichen Haus hatte er einen kunstvoll gemusterten Weg mit kleinformatigen Steinen gestaltet, über den der Erzähler als Kind immer gelaufen war. Auch das Holzpflaster in der Großen Bleiche in seiner Heimatstadt, das später, während der Bombardierungen im Krieg in Flammen aufgegangen war und vielen Menschen das Leben gekostet hatte, soll er gelegt haben. Aus Erzählungen seiner Mutter hat er weiter erfahren, dass der Großvater sehr jähzornig gewesen sein soll und nur durch einen glücklichen Umstand seine Frau nicht getötet hatte. Weiterlesen