Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Der neunjährige Jai lebt mit seiner Familie in einem Basti, einem stark verzweigten Slum, in dem es kleine Plätze aber auch Steinhäuser gibt. In Sichtweite stehen die HiFi-Hochhäuser, die Wohntempel der Reichen. Wer dort eingezogen ist, hat es geschafft. Jais Eltern haben es nicht geschafft. Zu viert leben sie in einer Einraumhütte, die jeder jederzeit betreten kann. Er hört den Zank der Nachbarn, riecht deren gekochtes Essen und wird Ohrenzeuge ihrer Vertraulichkeiten. Auch von den Gerüchten seines verschwundenen Klassenkameraden hört er und ist erschrocken. Wie kann Bahadur verschwinden, ohne dass es ihm selbst aufgefallen ist?

Jai schlägt seinen besten Freunden, der schlauen Pari und dem muslimischen Faiz, vor, wie die berühmten Detektive nach Bahadur zu suchen und gleichzeitig ihr Basti zu retten. Denn die korrupte Polizei droht, bei einer Durchsuchung jede Hütte zu planieren.

Innerhalb weniger Monate verschwinden weitere Kinder spurlos, und Jais Detektivarbeit geht nicht nur in den Hausaufgaben unter. Die Angst der Erwachsenen erschwert seine Recherche. Schon bald fallen Interessenvertreter auf, die die Bewohner gegeneinander aufwiegeln. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kiran Millwood Hargrave: Vardø – Nach dem Sturm

Selbstbestimmtheit oder Scheiterhaufen? Der auf historischen Begebenheiten beruhende Roman Vardø schildert diesen Konflikt in beeindruckender Weise. Am Weihnachtstag 1617 zieht vor dem norwegischen Küstendorf Vardø wie aus dem Nichts ein gewaltiger Sturm auf. Dieser löscht mit einem Schlag alle 40 Männer des kleinen Ortes aus, die gerade zum Fischen aufs Meer hinausgefahren sind. Zurück bleiben die Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen, um nicht während des langen Winters zu verhungern. Sie beginnen die Rentiere zu hüten, die Felder zu bestellen, Handel mit Schiffsleuten zu betreiben und wagen sich sogar selbst mit Fischerbooten aufs Meer hinaus. Bislang eine hundertprozentige Männerdomäne. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Denn emanzipierte Frauen, die keinem Manne Untertan sind, passen nicht in das patriarchalische Weltbild der Herrscher und Kleriker. Noch dazu, wo in diesem entlegenen Teil Norwegens die indigene Bevölkerung der Sami alte Riten pflegen, die als pures Teufelswerk abgetan werden. Folge: Absalom Cornet, der bereits in Schottland Hexenprozesse geleitet hat, wird nach Vardø geschickt, um den Ort wieder „gottgefällig“ zu machen. Für manche Frauen hat dies fürchterliche Konsequenzen…

Geschrieben wird diese sich annähernde Katastrophe aus Sicht von zwei unterschiedlichen Frauen, beide Anfang Zwanzig, beide auf ihre Art klüger als ihre Umwelt. Maren ist in Vardø geboren und lebt nach dem Tod der Männer mit ihrer Mutter sowie ihrer Schwägerin Diinna und deren neugeborenem Sohn zusammen.  Diinna ist eine Sami. Zwischen ihr und Marens Mutter kommt es zusehends zu Spannungen. Beide Frauen sind durch den Tod ihrer Männer verbittert, Marens Mutter wendet sich vermehrt der Kirche zu, die wiederum die alten Riten der Sami – wie Runen, Trommeln oder „Wetterzauber“ – aufs Schärfste verurteilen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gill Sims: Mami kann auch anders

Mittlerweile ist Ellen, die uns in „Mami braucht ’nen Drink“ und „Mami muss mal raus“ tagebuchartig die Erlebnisse einer Mutter zweier Kinder schilderte, 45 Jahre alt und ihre Kinder Teenager. Peter (13) frisst Ellen die Haare vom Kopf und hat einen unstillbaren Hunger, während sein Zimmer zwischen Mansize-Taschentüchern und Jungs-Mief kaum mehr betretbar ist. Jane (15) ist immer noch davon überzeugt, dass ihre Mutter ihr Leben zerstören will. Vielleicht verrät sie Ellen deshalb nichts von ihrem heimlichen Freund Harry? Und da ist ja auch noch Simon, Ellens Ehemann und das größte Problem in „Mami kann auch anders“. Denn Simon ist fremdgegangen und hat es Ellen auch noch gebeichtet. Nun braucht er Abstand und ist sich gar nicht mehr so sicher, ob er Ellen überhaupt noch liebt. Da macht die emanzipierte Mutter Nägel mit Köpfen, setzt Simon vor die Tür, kündigt die Wohnung und zieht mit den Kids aufs Land, um sich endlich ihren Traum von einer kleinen ländlichen Hütte zu erfüllen.

Die Vorgängerbände von Gill Sims habe ich grölend verschlungen und konnte manchmal vor Lachen kaum mehr atmen. Sie schreibt erfrischend, erfindet das Rad zwar nicht neu, hat aber ein Händchen für das Chaos in Ellens Leben. „Mami kann auch anders“ braucht allerdings in meinen Augen etwa die Hälfte der Seiten, um zumindest an dieses Niveau ranzureichen. Das mag daran liegen, dass mit Ellens anstehender Scheidung und der Frage, was dies mit den beiden Kindern macht, erstmals im Mittelpunkt des Geschehens sehr ernste Themen stehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Michael Stavarič: Fremdes Licht

Beängstigend gut: Ein Roman, der das Thema „Kälte“ sprichwörtlich in jeder Zeile verkörpert – und unbewusste Endzeitszenerien als Parallele zur aktuellen Situation zwischen Klimawandel und Corona hervorruft. Wer schon bei „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ der Faszination des ewigen Eises erlegen ist, darf diesen schaurig-schönen Roman nicht verpassen. Die weiblichen Protagonistinnen der Geschichte kämpfen sich durch zwei unwirtliche Settings. Erstens: ein unbewohnter Eisplanet in der Zukunft. Zweitens: Grönland im ausgehenden 19. Jahrhundert. Meisterlich verwebt der Autor die beiden Plotebenen miteinander, legt Fragmente, Szenen, Gedanken, Erinnerungen, Märchenhaftes und Wissenschaftliches wie Puzzleteilchen aneinander. Wir Leser werden in ein weißes Nichts geworfen, das eigenen Naturgesetzten folgt. Hier herrscht nicht der Mensch über die Materie, hier kämpft er im Würgegriff gnadenloser Elemente ums nackte Überleben.

Gleich die ersten Seiten des Romans treiben uns eiskalte Schauer über den Rücken. Die Biologin Elaine erwacht in einer unbekannten Umgebung. Der Boden bedeckt von Eis und Schnee, der Himmel verdunkelt durch graue Nebelwände, durch die ein diffuses Licht hindurchscheint. Hier kann nichts Lebendiges gedeihen. Elaine ist mutterseelenallein. Nach und nach kommt die Erinnerung zurück an ein nicht minder schreckliches Szenario. Die Erde wurde durch einen Kometeneinschlag zerstört. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

Die Idee könnte aus einem Kinderbuch stammen: ein Haus erzählt seine Geschichte. Berliner Gründerzeit, um 1890, Wedding! Da wurde dieses, damals prachtvolle Haus erbaut. Heute verdammt in die Jahre gekommen und nahezu abbruchreif. Allerdings hat es die Kriege überlebt, aber so wie es aussieht, wohl nicht mehr das heutige Spekulantentum.

Es gibt drei Haupterzählstränge: die von Getrud, Leo und Leila. Gertrud, hoch in den Neunzigern, Leo ebenso und Leila die noch mitten im Berliner Alltagsdurcheinander lebt, ausgerechnet als Sozialarbeiterin. (so eine Art Quartiersmanagerin im Neusprech) Gertrud hat seit Jahrzehnten das Haus nicht mehr verlassen, Leo ist aus Israel angereist und Leila, die gar nicht weiß, dass einst ihre Sintifamilie hier gelebt hat.  Diese drei tragen die Hauptlast der Geschichten, die von großer, profunder Kenntnis sind! Von der Judenverfolgung, der Sinti und Roma Verjagungen aus und in ganz Europa, des Naziterrors, und der langsamen Inanspruchnahme des Hauses durch alle möglichen Ethnien, zuerst der Wolga- und Russlanddeutschen und heute das prekäre Leben bulgarischer und/oder rumänischer Großfamilien beherbergt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Den Roman „Die Wahrheit ist“ von Eshkol Nevo haben gleich zwei unserer Rezensenten gelesen. Lesen Sie hier beide Beiträge von Sabine Sürder und Andreas Schröter.

Sabine Sürder meint: Der israelische Schriftsteller und ehemalige Werbetexter Eshkol Nevo (Jahrgang 1971) landete 2007 mit seinem zweiten Roman „Wir haben noch das ganze Leben“ in Deutschland einen Bestseller. 2018 veröffentlichte dtv seinen Roman „Über uns“. Nun erschien ebenda am 24. April 2020 Nevos neuestes Werk unter dem Titel „Die Wahrheit ist“ in einer Übersetzung von Markus Lemke.

Darin beantwortet ein Autor mit dem Namen Eshkol Nevo Leserfragen, die ihm ein Online-Redakteur übermittelt. Und es beginnt ein Spiel mit Wahrheit und Lüge. Der Autor lässt seine Lesenden im Unklaren darüber, wie viel in seinen Antworten wahr ist und wie viel er erfunden hat. Das hat anfänglich viel Reiz, da ich mich als Lesende immer wieder neu frage: stimmt es oder stimmt es nicht? Aber mit zunehmender Seitenzahl und Lesedauer ermüdet mich dieses Frage- und Antwortspiel. Und zwar vor allem deswegen, weil der Autor penetrant darauf besteht, ein notorischer Lügner und Geschichtenerfinder zu sein. Der alles und jede/n zu einer Geschichte macht. Wie unnötig, mich fortwährend mit der Nase darauf zu stoßen. Genauso unnötig wie das fortlaufende Gejammer über Dysthemie („einer auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmung“), unbefriedigende Lesereisen und mangelndes Talent.  Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Hartmut Lange: Der Lichthof

In fünf unterschiedlichen Novellen beschreibt Hartmut Lange Menschen in ihrem Alltag, der durch bestimmte Ereignisse kein Alltag mehr ist. Sie erleben Grenzerfahrungen, die ein Umdenken, Anpassen oder sogar ein Aufgeben erforderlich machen:

Eine Frau, die für ihren Mann ihre gut dotierte Stellung aufgibt, wird nach dem gemeinsamen Umzug auf einmal von ihrem Ehemann verlassen.

Ein Paar verreist nach Italien, während ihr defektes Navigationsgerät für Umwege und Unstimmigkeiten sorgt.
Ein Schauspieler gerät an seine körperlichen Grenzen und sieht ein Scheitern auf sich zukommen.
Ein Politologe erlebt nach seiner Emeritierung eine erhellende Reise.
Und als letzte Novelle erzählt Hartmut Lange von einem Umbruch in seiner Kindheit, in der Mord, Flucht und Gewalt seiner Biografie eine gravierende Wendung geben.

Der Autor und Dramaturg Hartmut Lange hat sich im Laufe seines Schaffens auf Novellen spezialisiert, in denen Ereignisse und nicht die Personen eine Veränderung erfahren. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Cora Stephan: Margos Töchter

Über neun Jahre ist es her, dass Jana Seliger einen Antrag auf Einsicht in die Unterlagen gestellt hat, die das Ministeriums für Staatssicherheit über ihre Mutter gesammelt hat. Nun, im Jahr 2011, kommt der Bescheid, dass die Akten einen Vorgang zu Leonore Seliger enthalten. Will sie jetzt überhaupt noch wissen, was darin steht? Würde sie erfahren, was im Mai 1991 geschehen war, als ihre Adoptivmutter Leonore ums Leben kam? Nie hatte sich Jana damit abgefunden, dass es Selbstmord gewesen sein sollte. Dass sie vielleicht schon von der zweiten Mutter freiwillig im Stich gelassen wurde. Janas Mann rät ihr, die Vergangenheit ruhen zu lassen, doch sie beschließt, nach Berlin zu fahren, um sich Klarheit zu verschaffen.

Was Jana in den Unterlagen findet, erfahren die Leserinnen und Leser erst eine ganze Weile später. Zunächst nimmt sie die Autorin Cora Stephan mit ins Jahr 1964, in die Jugend von Leonore. Sie erzählt vom (ziemlich gestörten) Verhältnis zwischen Leonore und ihrer Mutter Margo. Nie scheint Leonore ihr gut genug zu sein, eigentlich interessiert sie sich nicht besonders für ihre Tochter. Margos Arbeit steht immer an erster Stelle. Sie ist stolz darauf, was sie erreicht hat. Ihr Mann Henry kann sich die Zeit als Richter so einteilen, dass er daheim ist, um für die Tochter zu kochen, doch er trinkt häufig einen über den Durst und seine Stimmung kann unberechenbar schwanken. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Antonia Marker (Hg.): Lesezeit. Liebe. Lektüre für jedes Zeitfenster

Das Thema Liebe ist unerschöpflich. Wer hat nicht alles darüber geschrieben: Haruki Murakami, Delphine de Vigan, Mariana Leky, Kurt Schwitters und viele andere. Von all diesen wunderbaren Autoren versammelt der Band aus dem DuMont-Verlag Auszüge aus in seinem Haus erschienenen Büchern, die sich mit diesem aufregendsten aller Gefühle beschäftigen.

Dabei, und das finde ich ganz hilfreich und spannend, wird für jeden Text die geschätzte Lesezeit benannt, basierend auf der Annahme, dass ein geübter Leser etwa zweihundertfünfzig Wörter in der Minute lesen kann. Diese im Inhaltsverzeichnis bei den jeweiligen Titeln gegebene Information erweist sich als ausgesprochen nützlich, möchte man beispielsweise zwischen zwei Haltestellen oder beim Warten auf den Anschlusszug einen Text lesen und ihn auch beenden können, ohne unterbrochen zu werden.

Einer der Auszüge, die mir besonders gut gefallen haben, stammt von Delphine de Vigan, aus ihrem Buch „Loyalitäten“: Es geht darin um Théo, den Sohn getrennt lebender Eltern, und die Liebe seiner Mutter. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Ein bisschen „Spiel mir das Lied vom Tod“ finde ich hier. Nach 40 Jahren in die Stadt des vermeintlich größten Unglücks seines Lebens – dem Tod des geliebten Bruders – zurückkommen und sich an dem Schuldigen rächen. Michels (16)  vierzehn Jahre älterer Bruder Joseph (Jojo) war Bergmann und im Hirn des jungen Michel hat sich ein Gespinst festgesetzt: am Tag des Unglücks, hervorgerufen durch eine schlampige, nur gewinnorientierte Bergwerksleitung, bei dem 42 Kumpel am 27.Dezember 1974, durch eine Schlagwetterexplosion umkamen, hatte Michel als Fahrer des Mopeds, auf dem hinten sein Bruder Joseph saß, glatteisbedingt einen Unfall.

Jojo hatte also das zweifelhafte Glück, nicht im Berg gewesen zu sein als die Explosion geschah, sondern am gleichen Morgen auf der Straße zu verunglücken und erst 22 Tage später im Krankenhaus zu sterben. Trotzdem macht sich im Kopf von Michel die Schuldfrage breit, von der er sein Leben lang nicht mehr los kommt. Die Profitgier der Werksleitung war schuld, personifiziert durch den damaligen Schichtführer, den Michel dann nach 40 Jahren gebeutelten Lebens endlich aufsucht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: