Delphine de Vigan: Dankbarkeiten

Delphine de Vigan hat einen neuen, glühenden Fan gewonnen. Der mir bislang zugegebenermaßen unbekannten Autorin gelingt etwas, woran andere scheitern. Sie schildert das Altwerden, das Vergessen und sich Verlieren mit einer großen Empathie, mit Mitgefühl und Verständnis und dabei vollkommen ohne Pathos, Gefühlsduselei oder Überheblichkeit.

Michka ist alt, sie verliert Dinge und sie verliert Worte, täglich mehr. Sie ersetzt sie durch andere, ähnlich klingende. Als sie allein nicht mehr zurechtkommt, bringt Marie sie in einem Altersheim unter.

Marie ist eine junge Frau, die als Kind früher von Michka versorgt wurde. Marie hat eine starke Bindung an Michka, liebt sie und besucht sie regelmäßig. Für Michka ist es schwer, sich im Heim einzuleben, sich zurechtzufinden. Sie gewöhnt sich nicht an den Verlust ihrer Selbstständigkeit, ihrer Privatsphäre. Sie hat Albträume von einer furchterregenden Heimleiterin, in denen sie die Worte noch weiß, sie der Frau aber hilflos ausgeliefert ist.

Neben Maries Besuchen ist ihr weiterer einziger Lichtblick Jérôme, der Logopäde, der zweimal in der Woche zu ihr kommt. Er will ihr helfen, den Verlust der Wörter aufhalten. Doch die Aphasie erweist sich als stärker, Michka findet immer weniger die Worte, ihr fällt es immer schwerer, sich verständlich zu machen. Weiterlesen

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Dave Eggers: Die Parade

Von Dave Eggers erscheinen in diesem Frühling gleich zwei Romane. Neben „Der größte Kapitän aller Zeiten“, einer Trump-Parodie, die wir hier ebenfalls besprochen haben, legt der Amerikaner ein Werk namens „Die Parade“ vor.

Es spielt in einem nicht näher benannten Land, in dem es kurz zuvor einen Bürgerkrieg gegeben hat. Zwei Männer, die im Buch bloß „Vier“ und „Neun“ heißen, haben die Aufgabe, eine große Straße zu asphaltieren, die die Provinzen enger mit der Hauptstadt verbindet.

Das hat unbestreitbare Vorteile für die unterentwickelte Landbevölkerung. Sie kann künftig besser Handel treiben und auch die Zentren der medizinischen Versorgung leichter erreichen. Doch es gibt ein dickes „Aber“: Diktatoren werden es leichter haben, diese Bevölkerungsteile zu unterjochen. Tun „Vier“ und „Neun“ also wirklich etwas Gutes für das geschundene Land?

„Die Parade“ ist ein sehr gradlinig und auch minimalistisch erzählter Roman. „Vier“ sitzt in einer hochmodernen Maschine, die zuverlässig und makellos den Asphalt verlegt. Kontakte zu Einheimischen versucht er streng zu vermeiden – ganz so, wie es die Firma, für die er arbeitet, es ihm vorschreibt. Weiterlesen

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Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Wer war Gerda Taro? – Der Rahmen ihres Lebens ist kein Geheimnis: Geboren 1910 in Stuttgart als Gerta Porohylle, Tochter eines jüdischen Kaufmanns, gestorben 1937 in Spanien, überrollt von einem Panzer im Bürgerkrieg. Dazwischen ein intensives Leben. Nach dem Umzug der Familie nach Leipzig 1929 schloss sie sich dort einer linken Gruppe an und beteiligte sich am Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1933 ging sie nach Paris ins Exil, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und lernte den Ungarn André Friedmann kennen. Von ihm, dem späteren Starfotografen, lernte sie zu fotografieren, bald wurde sie seine Lebensgefährtin. Gemeinsam erfanden sie sich neu als Robert Capa und Gerda Taro und zogen in den Spanischen Bürgerkrieg, um der Welt mit ihren Fotos davon zu erzählen. Sie wurde die erste Kriegsfotografin, die von der Front berichtete.

Bei Gerda Taros Beerdigung bildeten tausende, auch prominente Menschen den Trauerzug. Doch dann wurde sie schnell vergessen. Erst in den letzten Jahren wurden sie und ihre Arbeit wieder entdeckt. Ihrer beeindruckenden Persönlichkeit, ihrer Begabung und ihrer Lebensgeschichte nähert sich die Autorin Helena Janeczek in ihrem Roman „Das Mädchen mit der Leica“ über die Erinnerungen von drei Freunden aus ihrer Leipziger Zeit, mit denen sie auch in Paris noch Kontakt hatte: Willy Chardack, Ruth Cerf und Georg Kuritzkes. Jede dieser Personen steht im Mittelpunkt eines Teils des Buches. Weiterlesen

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Nick Hornby: Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Ein Roman über Sitzungen bei der Eheberatung, von denen man nichts mitbekommt. Tom und Louise sind schon länger verheiratet und haben zwei Kinder. Sie glauben, eine Eheberatung kann ihnen helfen. Sie haben zehn Termine bei einer Beraterin namens Kenyon. Vor jedem Termin treffen die Beiden sich im Pub gegenüber der Praxis, trinken ein Glas zusammen und reden. Vermutlich reden sie bei diesen Gelegenheiten mehr und vor allem offener miteinander als in vielen Jahren zuvor.

Dabei streiten sie nicht. Jedenfalls fast nicht. Sie sagen sich Wahrheiten, die sie in ihrer Ehe bislang für sich behalten haben. Die Dialoge sind dabei wie ein Ping-Pong-Spiel, sie werfen sich die Bälle zu und schlagen sie zurück, manchmal mit Verve, mal mit Gefühl und Verständnis. Tom und Louise schenken sich nichts. Doch ihre Gespräche sind schlagfertig und witzig. Und sie sind vor allem eins: authentisch.

Louise fühlte sich sexuell vernachlässigt und ist fremd gegangen. Damit hat Tom schwer zu kämpfen. Louise war auch diejenige, die den Termin bei der Eheberaterin vereinbart hat, Tom steht dem eher skeptisch, um nicht zu sagen ängstlich gegenüber. So findet er wiederholt Ausreden, um sich vor den Treffen zu drücken.

Zehn Wochen lang beobachten und belauschen wir die Beiden bei ihren teils absurden, oft weit abschweifenden Gesprächen. Weiterlesen

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A. M. Homes: Deine Mutter war ein Fisch

In der amerikanischen Literatur genießen Short Stories – ganz anders als in Europa, einen hohen Stellenwert. Kurzgeschichtenbände schaffen es in den USA nicht selten sogar in die Bestsellerlisten.

A. M. Homes gilt als Meisterin von Short Stories. In ihrer Danksagung auf der letzten Seite dieses Buches erfährt man, dass die darin gedruckten Geschichten über einen sehr langen Zeitraum hinweg entstanden sind.

Zwölf kurze Geschichten sind es, in denen die Autorin ihren Blick auf das heutige Amerika fokussiert. Manches davon mag man als leicht überzeichnet empfinden, vielleicht ist es aber lediglich  „typisch amerikanisch“.  – Letztlich sind die Darstellungen um so treffender auf den Punkt gebracht. A. M. Homes‘ Blick durchdringt die Oberfläche und ist oft so komisch und skurril wie die Buchtitel gebende Story „Deine Mutter war ein Fisch“. Darin geht es um eine Urgroßmutter, die sich selbst ein Meerjungfrauenkostüm genäht hat und nach Amerika geschwommen ist: Sie stichelt eine Geschichte, näht eine Erzählung, Naht für Naht (eBook S. 201).

A. M. Homes beweist einen Spürsinn für Kuriositäten und greift genau diese in ihren Geschichten auf. So zum Beispiel die Menschen in einem Wellensittichforum, die durchaus elementare Themen behandeln, sich dann aber wieder Banalem zuwenden, was jedoch als höchst wichtig erachtet wird. So unterhalten sie sich beispielsweise über einen Vogel, der sein Futter versteckt und machen sich hierüber lange Gedanken. Weiterlesen

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Jennifer Egan: Emerald City: Stories

Jennifer Egans Kurzgeschichten sind ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ihre elf Stories handeln zum Beispiel von der Modelbranche mit den Befindlichkeiten und Gepflogenheiten der Akteure; von einem Wall-Street-Broker, der mit seiner Familie einem Fremden in die chinesische Provinz folgt; von einer Frau, die während eines Urlaubs mit einem reichen Mann auf Bora Bora von der Ausstrahlung einer jungen Frau am Strand ergriffen wird; von einem Vietnam-Veteran und der Verbindung zu einem jungen Mädchen, das einen ernüchternden LSD-Trip hinter sich hat; von einem Geschwisterpaar und dem frühen Tod der Mutter…

Egans Protagonisten bringen mit den geschilderten Momentaufnahmen  die jeweiligen elementaren Probleme ihres Lebens auf den Punkt. Alle tragen sie einen Kampf mit dem, was belastend in ihrem Innern schlummert, aus. In ihren Ausbruchs- und Lösungsversuchen verfangen sie sich in trügerischen Traumvorstellungen. Weiterlesen

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Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten

Dave Eggers ist mit seinem Roman „Der größte Kapitän aller Zeiten“ eine wunderbare Satire auf das heutige Amerika unter Donald Trump gelungen. Auf einem riesigen Schiff namens „Glory“ wird ausgerechnet der allerunfähigste Mann an Bord zum Kapitän gewählt. Als eine der ersten Amtshandlungen schmeißt er die Bücher weg, die darüber Auskunft geben, wie man ein solches Schiff überhaupt navigiert. Dann entlässt er die Offiziere und wirft missliebige Personen, von denen es aus Sicht des Kapitäns eine ganz Menge gibt, einfach über Bord. Das Schwarze Brett nutzt er vor allem dazu, täglich die Größe und Funktionsfähigkeit seines Penis‘ herauszustreichen.

Man liest dieses Buch und kommt im Grunde aus dem Kichern gar nicht mehr heraus – wobei es natürlich ein Kichern ist, das eine erschreckte Grundnote hat, weil Eggers‘ Gags so zielsicher ins Schwarze der derzeitigen US-amerikanischen Realität zielen.

Natürlich gibt es einige wenige Menschen an Bord, die sich gegen die Schreckensherrschaft des rundum unfähigen Kapitäns stellen. Aber sie haben gegen seine Unterstützer, ein Trupp, der sich „Die Eitlen Gockel“ nennt und im Hahnenkostüm auftritt, keine Chance. Weiterlesen

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Martina Borger: Wir holen alles nach

Endlich geht es aufwärts: Die alleinerziehende Sina hat einen Job in einer Münchner Werbeagentur und sich jahrelang zwischen Karriere, Kind und dem Überleben in der Großstadt aufgerieben. Nun hat Sina mit Torsten einen Partner gefunden, der sie unterstützt und sich liebevoll um ihren achtjährigen Sohn Elvis kümmert. Mit Ellen, einer pensionierten Buchhändlerin, tritt ein weiterer Glücksfall in Sinas Leben. Sie sorgt nicht nur als Nachhilfelehrerin dafür, dass sich die Noten des schüchternen Jungen verbessern. Ellen springt auch ein, als Elvis leiblicher Vater ihn in den Ferien versetzt und Sina nicht weiß, wo sie ihren Sohn in den letzten beiden Ferienwochen unterbringen soll.

Bei Ellen blüht der introvertierte, sensible Elvis sichtbar auf. Zumal Ellen einen Hund hat, den Elvis abgöttisch liebt. Wünscht er sich doch selber seit Jahren einen eigenen Vierbeiner. Sina schwankt zwischen Glück und Eifersucht, da sie merkt, dass Ellen und Elvis Erlebnisse miteinander teilen, die eigentlich ihr als Mutter vorbehalten sein sollten. Sie hat so viele wichtige Momente im Leben ihres Sohnes verpasst. Doch das lässt sich ja nachholen – oder auch nicht?

Plötzlich gerät das fragile Familienkonstrukt ins Wanken. Schuld daran sind die blauen Flecken auf Elvis Körper, die Ellen entdeckt. Hat er sich verletzt, als er am Wochenende mit seinem Stiefvater zelten war? Steckt etwas anderes dahinter? Etwas, das seine Introvertiertheit erklären könnte? In Ellen keimt ein schrecklicher Verdacht. Als sie diesen in einem unüberlegten Moment äußert, tritt sie eine Kettenreaktion an Ereignissen in Gang. Weiterlesen

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Peter Zantingh: Nach Mattias

„Die Tage danach bestanden aus Stunden, Minuten und Sekunden, müssen sie wohl, denn so ist es immer, aber ich war nicht dabei. Ich habe nichts davon mitbekommen.“ Mattias stirbt völlig unerwartet und hinterlässt ein zutiefst traumatisiertes Umfeld. In einzelnen Kapiteln wird die Zeit danach aus Sicht der Freundin, des besten Freundes, der Mutter, Großeltern und weiteren Personen geschildert. Sie alle trauern höchst unterschiedlich, sie alle haben eine eigene Sicht auf Mattias. Mit jedem Kapitel formt sich der Verstorbene zu einem immer komplexeren Charakter. Gleichzeitig nähert sich der Plot mit jedem Puzzleteilchen der Frage, welche die ganze Zeit unbeantwortet im Hintergrund lauert: Wie und warum ist Mattias gestorben? All dies liest sich auf subtile Weise spannend, ohne reißerisch geschrieben zu sein. Im Gegenteil, es ist gerade der unbarmherzige Fortgang des Alltags, der uns Lesern die emotionale Ausnahmesituation vor Augen führt.

Eine dieser alltäglichen Situation kommt mit der Post. Denn eine Woche „nach Mattias“ wird das von ihm noch vor seinem Tod bestellte Fahrrad angeliefert. Da steht es nun, wie ein stilles Mahnmal mitten im Wohnzimmer. Beim Saubermachen fällt ein Buch zu Boden, das Lesezeichen fällt heraus. Mattias Freundin bricht darüber in Tränen aus, weil sie nun nicht mehr weiß, welche Seite er zuletzt gelesen hat. Mal ist es ein Song auf einem Konzert, mal ein unvollendetes Projekt, das die ihm nahestehenden Personen umtreibt.

Der niederländische Schriftsteller Peter Zantingh bedient sich bei der Charakterzeichnung seiner titelgebenden Hauptfigur eines vielschichtigen Kaleidoskops aus persönlichen Rückblicken. Immer wieder kommen Personen darin vor, die scheinbar kaum oder gar nichts mit Mattias zu tun hatten. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Erst nach und nach lichtet sich das Konstrukt des menschlichen Miteinanders, die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung. Fazit: Manche Menschen können auch nach ihrem Tod noch einiges bewegen. Weiterlesen

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Franziska Hauser: Die Glasschwestern

Zufälle gibt es, die gibt’s gar nicht. So wie bei Dunja und Saphie, Zwillingsschwestern, deren Ehemänner am gleichen Tag das Zeitliche segnen.

Die beiden Schwestern sind sich nur wenig ähnlich. Dunja lebt in der Großstadt, getrennt von ihrem Exmann, sie hat zwei halberwachsene Kinder, Jules und Augusta. Saphie ist im Dorf ihrer Kindheit, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, geblieben und führt dort ein kleines Hotel, sie ist kinderlos.

Nach dem Tod ihres Mannes lässt Dunja ihr bisheriges Leben in der Stadt zurück und zieht zu ihrer Schwester ins Hotel, hilft ihr, die das Geschäft nur alleine leiten muss. Für Dunja ist es nicht einfach, wieder in das Dorfleben zurückzufinden, den Menschen ihrer Kindheit wieder zu begegnen, mit all ihren Vorurteilen und Erinnerungen. Sie hat ganz viele solcher Erinnerungen abrufbereit gespeichert, während Saphie sich an nichts mehr erinnert, was in ihrer Kindheit geschah, weder an Familienbräuche noch an Familiengeheimnisse. So wird es für beide Schwestern eine Art Wiederfinden verschütteter Ereignisse, Geschichten und Lügen.

Vor allem geht es im Roman von Franziska Hauser aber um das Finden von sich selbst, dem Erkennen der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. „Dunja knüllt sie zusammen. ‚Ich weiß einfach nicht, wer ich bin, wo ich hinwill und was ich kann‘, sagt sie zähneklappernd. Sie sieht in sein vom Mondlicht bläuliches Gesicht. ‚Hab ich wahrscheinlich noch nie gewusst.‘“ (Seite 93) Weiterlesen

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