Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Gerwin van der Werf hat die Handlung dieses Buches in die isländische Landschaft eingebettet und damit für seinen in sich gefangenen Protagonisten Tiddo die perfekte dramatische Kulisse geschaffen. Bereits die ersten beiden Sätze, in denen vom kahlgeschorenen, schwarzen Land und von toten Steinen zu lesen ist, assoziieren unheilvolle Bilder und lassen erahnen, welchen Verlauf die Geschichte, die sich im zweiten Teil wie ein Krimi liest, nehmen könnte.

Tiddo hat viele Hoffnungen in diesen Islandurlaub gelegt: Seine Ehe mit Isa ist im Laufe der letzten Jahre brüchig geworden und auch zu seinem dreizehnjährigen Sohn findet er nicht mehr den richtigen Zugang. Der Urlaub soll alles wieder ins Lot bringen. Entsprechend der Gliederung in Teil 1 „Die Ringstraße“, in der die Wohnmobilreise noch ganz moderat verläuft, manövriert Tiddo den Urlaub in Teil 2 „Das Hochland“ immer weiter ins Desaster.

Die Reise beginnt dann auch recht erfolgversprechend. Doch mit dem Anhalter Svein, den die Familie auf Isas Drängen hin auf dem Weg zu den Gletschern ins Wohnmobil einsteigen lässt, verändert sich die Situation zunehmend. Svein gelingt es, jeden aus der Familie um seinen Finger zu wickeln. Er scheint dieselbe Mystik zu verströmen, die über der gesamten Insel liegt. Weiterlesen

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Helwig Brunner: Gummibärchenkampagne

Wer viel in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist oder in Wartezimmern oder Ämtern längere Wartezeiten zubringen muss, wird dieses Buch mögen. Helwig Brunner unterhält die Leserin mit Minutennovellen. Diese sind wunderbar geeignet, jede Wartezeit amüsant zu verkürzen.

Unterteilt in die Kategorien Eigenbrötler, Paare, Schreibende, Lesende und Herden präsentiert der Autor fein pointierte, scharfzüngige, aber nie verletzende „Erzähldestillate“. Er führt uns, immer mit einem Augenzwinkern, unsere eigenen Absonderlichkeiten, Manierismen und alltäglichen Absurditäten vor Augen.

Wenn er von der Frau erzählt, die unbedingt eine zyklamfarbene Handtasche erwerben muss, die ihr nach einer Weile gar nicht mehr gefällt und die sie daher in den Sammelcontaier gibt, erkennen wir (Frauen) uns darin nicht alle wieder? Wenn jemand seine Brille nicht findet, weil er ohne Brille nicht genug sieht, ist das zwar sicher kein neuer Witz, aber wenn es so leichtfüßig erzählt wird, macht es einfach Spaß, davon zu lesen. Weiterlesen

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Inès Bayard: Scham

Was für ein Buch! Wäre es ein Kinofilm, würde er mit FSK 18 eingeordnet, vermutlich. Schon der Beginn ist ein heftiger Schlag in die Magengrube.

Der Roman von Inès Bayard, geboren 1992, erschien in Frankreich 2018. Geschrieben wurde er also wahrscheinlich zu oder kurz nach dem Beginn der #MeToo-Bewegung. In ihrem Debütroman schildert die Autorin in teils drastischen Worten und in teils extrem plastischen Bildern, was eine Vergewaltigung mit dem Opfer macht.

Marie, gutaussehend, jung, glücklich verheiratet, erfolgreich im Beruf wird von ihrem Chef im Auto brutal vergewaltigt. Inès Bayard erspart der Leserin hier nichts. Brutal heißt brutal auch in der Beschreibung des Vorgangs.

Danach ist für sie nichts mehr wie vorher. Ihr Vergewaltiger droht ihr, sie und ihren Mann Laurent zu zerstören, wenn sie davon erzählt. Aber vermutlich hätte sie dies ohnehin nicht getan. Marie ist wie paralysiert, sie erzählt tatsächlich niemandem davon, nicht ihrer Familie, nicht ihrem Mann. Marie redet sich vergeblich ein, dass die Schande, die sie empfände, wenn sie ihrem Mann die Wahrheit sagen würde, sicherlich nur ein kleines Opfer im Gegenzug für ihre Freiheit wäre, am Ende fügt sie sich doch immer der Lüge, wohl wissend, dass sie sich damit selbst täuscht und zerstört. (S. 58). Sie erträgt auch die sexuelle Bedürfnisse ihres Mannes, lässt alles über sich ergehen. Er merkt nichts, ihm fällt ihre Veränderung nicht auf. Weiterlesen

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Helga Schütz: Von Gartenzimmern und Zaubergärten

Die deutsche Schriftstellerin und Drehbuchautorin Helga Schütz (Jahrgang 1937) ist ausgebildete Gärtnerin. Sie besitzt einen großen Waldgarten in Potsdam und weiß, wovon sie spricht, wenn sie vom Gärtnern erzählt. Mit dem Buch „Von Gartenzimmern und Zaubergärten“, das von Nils Hoff wunderbar illustriert wurde, lässt sie die Leserinnen und Leser an ihren Gartenerfahrungen und ihrer Gartenleidenschaft teilhaben. Das Buch ist am 10. März 2020 im Aufbau Verlag erschienen.

Nicht schon wieder ein Buch über den Garten und das glücklich machende Gärtnern, dachte ich nach gefühlt 50 gelesenen Büchern zu diesem Thema und jedes Jahr (besonders im Frühling) kommen neue dazu. Aber dann las ich Helga Schütz’ ersten Satz „Selten führt so ein freundlicher Raum seinen richtigen guten Namen“ und sie meint damit das Gartenzimmer. Das ist, einmal abgesehen von Nils Hoffs Zeichnungen, ein überraschender Beginn. Spricht man in Gartenzeitschriften oft von Gartenzimmern, so ist der Trend gemeint, den Garten durch die Einteilung in Bereiche unterschiedlicher Bepflanzung abwechslungsreich zu gestalten. Weiterlesen

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Franz Hohler: Fahrplanmäßiger Aufenthalt

Der Schweizer Erzähler Franz Hohler (Jahrgang 1943), preisgekrönt und bedeutend, hat einen neuen Band mit kurzen Geschichten geschrieben. „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“ ist am 16. März 2020 im Luchterhand Literaturverlag erschienen. In dem schmalen Buch finden sich 43 Erzählungen, die wenige Seiten lang sind, manchmal gar nur eine halbe.

Vor einiger Zeit hatte ich Hohlers „Ein Feuer im Garten“ aus dem Jahr 2015 gelesen, das mich nicht überzeugen konnte. Nun also neue Kurzerzählungen vom „Meister der kleinen Form“. Und gleich die erste Geschichte „Nach Europa“ schlägt bei mir ein. Darin wähne ich mich (von Hohler geschickt mit „du“ im Text angesprochen) als einen Wanderer auf Bergtour. An einem Bergsee angekommen, erlebe ich statt der Stille die Ankunft eines Schlauchbootes und kann nicht anders als zu helfen.

In der titelgebenden Geschichte „Fahrplanmäßiger Aufenthalt“, die bei mir im Kopf immer wieder als „fahrplanmäßige Ankunft“ herumgeistert, nutzt der Ich-Erzähler den kurzen Stopp seines Zuges am Bahnhof zum Besuch einer Gedenkstätte für KZ-Häftlinge. Die Fragen, die der Erzähler sich stellt, bevor er zu seinem wartenden Zug zurück eilt, sind auch heute wieder aktuell: „Wo hatten sich Mitleid und Menschenliebe verkrochen in dieser Zeit?“ Weiterlesen

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Rebecca Makkai: Die Optimisten

Nico ist tot. Gestorben an dem Virus, das die Gesellschaft viel zu lange ignoriert hat, weil es vor allem schwule Männer trifft, und das von einigen sogar zur Strafe Gottes erklärt wurde. Es ist 1985, Aids beginnt auch in Chicago zu grassieren. Die Eltern hatten Nico wegen seiner Homosexualität verstoßen, seine einzige Vertraute in der Familie war seine jüngere Schwester Fiona. Sie hat ihn, gemeinsam mit seinen Freunden aus „Boystown“, bis zu seinem Tod begleitet.

Auch Yale war Nicos Freund. Der junge Mann arbeitet in der Brigg Gallery und hat derzeit einen großen Fisch an der Angel. Nora Lerner, Nicos und Fionas Großtante, hat der Galerie eine Schenkung angekündigt: Werke berühmter (und weniger berühmter) Künstler vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, für die Nora in ihrer Zeit in Paris Modell gestanden hatte. Obwohl Yale um seinen Freund (und die, die ihm noch folgen) trauert und die Epidemie ihn aufwühlt, konzentriert er sich auf seine Arbeit. Er fühlt sich sicher, weil er mit seinem Partner Charlie schon seit Jahren monogam lebt.

Dreißig Jahre später fliegt Fiona nach Paris, um ihre Tochter Claire zu suchen, die schon vor einiger Zeit den Kontakt zu ihr fast vollständig abgebrochen hat. Fiona plagt das schlechte Gewissen. Weiterlesen

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Ilse Helbich: Diesseits

„Gebrauchsanweisung: Manche Geschichten sind wie Steine, die man aus dem Fluss fischt. Rund und glatt und schwer in der Hand.“  Diese Anleitung stellt die Autorin ihren gesammelten Erzählungen voran.

Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman „Schwalbenschrift“ veröffentlicht. Darauf folgten mehrere Anthologien und Erzählbände. Und nun legt der Literaturverlag Droschl dieses Buch vor, das schon allein durch seine Gestaltung, seine Optik und seine Haptik Leserinnen erobern dürfte. Viele der in diesem Band gesammelten Erzählungen sind vorher noch nicht veröffentlicht worden. Leider, so im Info-Teil am Ende, lässt sich nicht mehr für alle Texte sagen, wann sie entstanden sind. Ich finde das auch nebensächlich, außer dass natürlich das eigene Leben der Autorin jeden Text immer beeinflusst.

Ilse Helbich hat einen ganz eigenen, faszinierenden Stil. In ihren Geschichten geht es um alltägliche Menschen, Frauen zumeist, in alltäglichen Situationen im alltäglichen Leben. Auffällig ist, dass die Autorin ihren Protagonistinnen kaum je einen Namen gibt. Manch eine Nebenfigur erhält einen Namen, aber in den meisten ihrer Texte bleibt die Protagonistin einfach „sie“. Das schafft gleichzeitig Nähe und Distanz, Empathie und Fremdheit. Weiterlesen

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Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung

Der ehemalige somalische Botschafter Mugdi und seine Frau Gacalo haben in Oslo ihre zweite Heimat gefunden. Das beschauliche Leben des älteren Ehepaares könnte harmonisch verlaufen, wenn ihr Sohn sich nicht den Dschihadisten in Somalia angeschlossen hätte. Kurz vor seinem Selbstmordattentat bittet er Gacalo: ‚Falls mir etwas passiert, kümmert euch um meine Frau und die beiden Kinder.‘

Viel zu schnell stehen die trauernden Eltern einer strenggläubigen Witwe und ihren beiden Kindern aus erster Ehe gegenüber. Naciim ist zwölf Jahre alt und seine vierzehnjährige Schwester Saafi von einer Gruppenvergewaltigung traumatisiert. Verantwortung und widersprüchliche Gefühle prallen bei der unfreiwilligen Familienzusammenführung aufeinander.

Nuruddin Farah, geboren 1945 in Baidoa, zählt zu Afrikas bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern. Seine Romane thematisieren sein unmittelbares Erleben im Bürgerkrieg, bei der Flucht sowie im Exil. Er plädiert für die Freiheit des Einzelnen und lehnt damit jegliche Form von totalitärer Herrschaft ab. Der kulturelle Hintergrund des Islams verlangt von dem zwölfjährigen Naciim, die Rolle des Familienvorstands für seinen verstorbenen Stiefvater zu übernehmen. Wenn er zum Beispiel nicht in der Wohnung ist, dürfen weibliche Familienmitglieder weder die Wohnungstür öffnen noch ein Telefonat annehmen. Weiterlesen

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Sofia Lundberg: Ein halbes Herz

Elin lebt mit ihrem Mann Sam in New York. Seit die gemeinsame Tochter Alice in ein Zimmer im College gezogen ist, leidet Sam verstärkt darunter, dass bei Elin der Beruf deutlich mehr als das halbe Leben einnimmt. Sie geht in ihrer Tätigkeit als Porträt-Fotografin auf und versteckt sich (und vor allem ihr Inneres, ihre Gefühle) hinter der Linse. So wahrt sie die Distanz zwischen sich und der Welt, die sie braucht, um einigermaßen stabil zu bleiben. Sie scheint nicht zu merken, dass ihre Beziehung zu Sam und Alice dicht am Zerbrechen ist. Selbst ein Essen mit den Schwiegereltern oder die Termine bei der Paartherapie verschwitzt sie oder lässt sie für einen dringenden Auftrag sausen.

Als sie von ihrem Jugendfreund Fredrik eine Karte aus ihrer Heimat Schweden bekommt, bricht ihre verdrängte Vergangenheit über sie herein. Lange hat es Elin geschafft, sich gegen die beängstigenden Erinnerungen zu wehren und sich ihren Verletzungen nicht zu stellen. Und auch jetzt kann sie oft einfach nicht aus ihrer Haut. Ihre Strategie gegen alles, wovor sie sich fürchtet, ist der Rückzug hinter die Kamera.

Doch langsam bricht ihr Panzer auf. Plötzlich erinnern sie Kleinigkeiten an ihre Kindheit, die sie in ärmlichen Verhältnissen auf Gotland verbracht hat, an ihren kriminellen Vater und die überforderte Mutter, aber auch an ihre Freundschaft mit Fredrik und der Ladenbesitzerin Gerd. Nicht einmal ihrer Familie hat sie davon erzählt. Weiterlesen

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Jasmin Schreiber: Marianengraben

Paula ist ein Mensch, der sich eigentlich mit sehr wenig zufrieden gibt. Wenn ihr kleiner Bruder Tim um sie herum ist, ist sie glücklich. Doch Tim gibt es nicht mehr. Tim ist im Urlaub im Meer ertrunken. Ausgerechnet im Meer, das er so sehr geliebt hat! Der 10-jährige kleine Junge war neugierig ohne Ende und fragte Paula, die angehende Biologin ist, regelmäßig über alles aus. Denn Tim wollte einfach alles wissen. Und nun vermisst Paula ihn unendlich. Ihr Leben hat keinen Sinn mehr, keine Richtung, nach der sie streben könnte. Ihr Therapeut rät ihr, endlich das Grab ihres Bruders zu besuchen. Doch Paula traut sich nicht und will sich schließlich nachts dorthin schleichen. Dabei überrascht sie allerdings den rüstigen Helmut beim Urnendiebstahl seiner Exfrau. Er will ihre Asche nicht unter der Erde sehen, sondern überall verstreuen. Paula begibt sich kurzerhand mit ihm auf eine Reise.

Jasmin Schreiber (Jahrgang 1988) ist selbst studierte Biologin und arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin, das heißt sie hat sich mit beiden Kernthemen ihres Romans schon intensiv auseinandergesetzt. Und das spürt man am Text: Er ist komplett aus der Ich-Perspektive von Paula geschrieben, sie richtet sich aber direkt an ihren verstorbenen kleinen Bruder Tim. Weiterlesen

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