Doris Knecht: Die Nachricht

Zunächst einmal ist der Titel des Romans irreführend, denn die Hauptfigur erhält nicht eine, sondern sehr viel verstörende Nachrichten. Und diese beleidigenden Nachrichten erreichen nicht nur sie, sondern auch ihre Familie, ihre Freunde und Kollegen.

Doris Knecht, eine vielfach ausgezeichnete österreichische Autorin, ist bekannt für ihre sehr eigene Sprache. Diese kommt im vorliegenden neuen Buch wieder zum Ausdruck. Die Protagonistin Ruth, eine seit vier Jahren verwitwete, selbstbewusste Frau und Mutter, lebt in einem einsam gelegenen alten Holzhaus. Ihre Söhne und ihre Stieftochter sind mehr oder weniger erwachsen  und gehen ihre eigenen Wege. Ruth hat eine neue Beziehung begonnen mit Simon, eine On-Off-Beziehung. Sie wäre bereit zu mehr, zu einem engeren, festeren Verhältnis, doch er zieht sich immer wieder von ihr zurück.

Da beginnen die Nachrichten. Über verschiedene Kanäle – Facebook, Messengerdienste und so weiter – erhält sie widerwärtige Texte, beleidigend, bedrohlich. Und die Herkunft der Nachrichten erschließt sich ihr nicht, stets sind die Absendernamen erfunden und nicht rückverfolgbar. Der Absender oder die Absenderin kennt Ruth aber offensichtlich sehr gut, erwähnt Dinge in den Mitteilungen, die kaum jemand von ihr weiß außer den ihr sehr Nahestehenden. Weiterlesen

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Daniela Krien: Der Brand

Die deutsche Autorin Daniela Krien (Jahrgang 1975) lebt und arbeitet in Leipzig. Ihr Roman „Die Liebe im Ernstfall“ aus dem Jahre 2019 wurde ein Erfolg und vielfach verkauft. Nun ist am 28. Juli 2021 ihr neues Buch „Der Brand“ im Diogenes Verlag erschienen.

Das Ehepaar Rahel und Peter Wunderlich aus Dresden ist fast drei Jahrzehnte verheiratet, ihre Kinder Selma und Simon sind erwachsen. Rahel ist Psychologin und arbeitet als Gesprächstherapeutin, er ist Literaturprofessor, sie leben in Dresden. Für den Corona-Sommer 2020 haben sie eine Hütte in den Ammergauer Bergen gemietet. Diese Hütte brennt drei Tage vor ihrer Ankunft ab. Zufällig ruft kurz nach der Absage des Vermieters Ruth an. Die siebzigjährige Ruth ist die Freundin von Rahels verstorbener Mutter Edith. Ruths Mann Viktor hat einen Schlaganfall erlitten, und Ruth bittet Rahel sich um den Hof in Dorotheenfelde in der Uckermark zu kümmern. Rahel sagt zu. Ihre Ehe ist in eine Sackgasse geraten. Peter schläft nicht mehr mit ihr. Für drei Wochen werden Rahel und Peter nun den Hof und die Tiere versorgen, Gespräche führen und Streits austragen, Rotwein trinken, ihre Kinder zu Besuch empfangen und am Ende zu einem Gundermann-Song zurück nach Dresden fahren. Weiterlesen

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Sasha Filipenko: Der ehemalige Sohn

„… In der Stadt der mittelmäßigen Architekten regnete es. … Es änderten sich die politischen, ökologischen und futtertechnischen Bedingungen. Die Vögel flogen fort. Ohne Visum und Stempel im Pass. Alle aufs Mal, nach vorheriger Absprache.“ (S. 115)

Als Jugendliche hatten Franzisk und seine Freunde noch über diverse Missstände ihre Witze gerissen. Sie fühlten sich jung, unverwundbar und genossen ihre Streiche. Kurz darauf geriet Franzisk in eine Massenpanik. 10 Jahre lang lag er im Koma. Wäre seine Großmutter nicht gewesen, hätten die Ärzte ihn für gehirntot erklärt und seine Organe verschachert.

Kurz nach dem Tod seiner Großmutter erwacht Franzisk aus seinem Koma. Alles scheint auf den ersten Blick wie früher zu sein. Nur die Bestrafungen für unerwünschtes Verhalten sind ihm neu. Für jeden seiner alten Witze würde er heute verhaftet werden. Das Belarus von heute nimmt Franzisk den Atem.

Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, studierte Literatur und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Fernsehmoderator. Seinen zweiten politischen Roman hat Ruth Altenhofer aus dem Russischen übersetzt. Der ehemalige Sohn beschreibt sehr anschaulich, wie die strikte Ordnung in Belarus alles Leben erstickt, Menschen in den Selbstmord treibt und anders Denkende zerstört. Weiterlesen

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Ali Smith: Sommer

Der Sommer ist da und mit ihm Ali Smiths letzter Band ihres Jahreszeitenquartetts. Nach „Herbst“ (2019), „Winter“ (2020) und „Frühling“ (2021) ist „Sommer“ am 26. Juli 2021, wiederum übersetzt von Silvia Morawetz, im Luchterhand Literaturverlag erschienen.

Darin findet sich die Familie Greenlaw in Brighton 2020 am Anfang der Corona-Pandemie, die die Welt erschüttern wird. Die 16jährige Sacha hadert mit ihrer Mutter Grace, ihrem 13jährigen Bruder Robert und mit der

menschengemachten Apokalypse. Der Vater von Sacha und Robert, Jeff, hat sich von Grace getrennt und lebt nun nebenan mit seiner neuen Freundin Ashley. Die Greenlaws erhalten Besuch von Arthur („Art in Nature“) und Charlotte, die die Leserinnen und Leser des Zyklus aus „Winter“ kennen. Die beiden wollen zu dem inzwischen hundertvierjährigen Daniel Gluck (aus „Herbst“), der ein alter Freund von Arts Mutter Sophia gewesen sein soll. Daniel, der inzwischen im Haus von Elisabeths Mutter, seiner ehemaligen Nachbarin, lebt und gepflegt wird, schwebt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Weiterlesen

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Ute Mank: Wildtriebe

Lisbeth, Marlies, Joanna. Drei Frauen, drei Generationen, drei Schicksale. Schwiegermutter, Schwiegertochter/Mutter und Tochter; drei Leben verknüpft mit dem Bethches-Hof in Hessen.

Weil Lisbeths Brüder im II. Weltkrieg gefallen sind, erbt sie das Anwesen. Ihre Mutter kann den Tod der Söhne nicht überwinden und versinkt in Depressionen. Darum muss Lisbeth in ganz jungen Jahren das Kommando über die Mägde übernehmen und den großen Haushalt führen. Sie lebt gewissenhaft die althergebrachten bäuerlichen Traditionen, ist fest eingewoben in die Dorfgemeinschaft und trägt auch im Alltag aus Überzeugung die hessische Tracht. Als ihr einziger Sohn Konrad seinen Eltern Marlies vorstellt, ist der Konflikt vorprogrammiert. Marlies, im Minirock, mit lackierten Fingernägeln und riesigen Ohrringen, entspricht ganz und gar nicht Lisbeths Vorstellungen von der idealen Schwiegertochter. Wie soll aus der Verkäuferin und Modepuppe eine Bäuerin werden? Nach Konrad und Marlies´ Hochzeit gibt Lisbeth das Szepter dann auch nicht aus der Hand. Nichts kann Marlies der Schwiegermutter recht machen. Vom Putzen der Fenster bis zum Dekorieren des Christbaumes – nichts macht sie richtig. Mit ihrem Mann Konrad, dem Schwiegervater Karl, Lisbeth und dem alten Knecht Albert lebt sie in einem Haushalt. Eine eigene Küche gibt es für sie nicht. Wo käme man denn da hin? Ihre Aussteuer bleibt in Kisten und Schachteln verpackt. Sie macht den Jagdschein. Weiterlesen

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Richard Russo: Mittelalte Männer

Die Spezialität des 1949 geborenen amerikanischen Autors Richard Russo sind das Seelenleben und die Befindlichkeiten „mittelalter Männer“. Und genau so heißt auch ein Roman, der im Original bereits 1997 erschienen ist, aber erst jetzt auf Deutsch herauskommt.

Henry „Hank“ Devereaux Jr. ist Englischprofessor an einer kleinen Uni und hat gleiche mehrere Probleme: Seinem Fachbereich drohen Kürzungen, und die Kollegen verdächtigen ihn als Fachbereichsleiter, bereits eine Streichliste verfasst zu haben. Seine Frau scheint der Ehe überdrüssig zu sein, und er hat körperliche Malessen in den unteren Körperregionen. Viel Stress für einen einzigen Mann.

Weil Russo immer tief in die Gedankenwelt seiner Figuren eintaucht und er seine Geschichten stets mit viel Witz erzählt, macht das Lesen dieses 600-Seiten-Wälzers ganz einfach Spaß. Weiterlesen

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Petra Hartlieb: Sommer in Wien

Petra Hartlieb entführt ihre Leser nach Wien in die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Marie Haidinger kommt aus bescheidenen Verhältnissen am Land und arbeitet bei der Familie des Schriftstellers Artur Schnitzler als Kindermädchen. Diese Tätigkeit macht ihr viel Freude und sie ist sehr dankbar, eine so gute Stelle gefunden zu haben. Ihre anfangs noch unverbindliche Beziehung mit Oskar Nowak, Teilhaber des Buchladens Stock in der Währinger Straße, intensiviert sich. Beide möge einander sehr und verloben sich. Als Oskars Chef und Haupteigentümer des Buchgeschäftes unerwartet stirbt, erbt Oskar dessen Wohnung und den Laden. Jetzt steht einer Hochzeit mit Marie nichts mehr im Wege. Er kann ihr ein Zuhause und ein gesichertes Einkommen bieten. Marie kündigt daraufhin schweren Herzens bei der Familie Schnitzler. Sie fürchtet, neben dem belesenen Oskar keine gute Figur zu machen. Der aber mag Marie, wie sie ist, schätzt ihre Herzenswärme und ihre Fähigkeit zur Empathie. So hilft Marie Fanni Gold, einer Bekannten von Oskar, einen Weg aus ihren Depressionen zu finden. Fanni hat den Untergang der Titanic überlebt, ihre Geliebte aber ist ertrunken. Dadurch hat sie ein schweres Trauma erlitten. Durch Marie fasst sie wieder Lebensmut und bleibt ihr und Oskar in herzlicher Freundschaft verbunden. Weiterlesen

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Tayari Jones: Das Jahr, in dem wir verschwanden

Es ist ja bekannt, dass Erstlingswerke von Autor:innen es oft schwer haben, einen Verlag zu finden. Erst, wenn das zweite oder dritte Buch der Autorin ein Erfolg war, werden die Frühwerke ebenfalls herausgegeben. Dabei stellt sich dann manches Mal heraus, dass die ersten Ablehnungen vielleicht nicht ganz unbegründet waren. Denn die Erfolge der weiteren Romane besagen nichts über die Qualität der Debüts.

Für den vorliegenden Roman von Tayari Jones fällt es mir schwer, genau dies zu beurteilen. Von ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Das zweitbeste Leben“ war ich wirklich begeistert und ich bedaure, dass ich ihr anderes Buch „In guten wie in schlechten Tagen“ bislang noch nicht lesen konnte.

Ihr jetzt von Arche veröffentlichter Roman basiert auf wahren Ereignissen, die sie aus der Sicht von Kindern erzählt. Die Handlung ist in Atlanta angesiedelt und spielt im Jahr 1979. Damals verschwanden bis zu 20 Kinder. Endgültig aufgeklärt wurden diese Fälle wohl nie. Tayari Jones greift das auf und lässt drei Kinder im Alter von 11 oder 12 Jahren sprechen. Alle drei sind farbig, gehen in dieselbe Klasse auf einer Schule für Farbige und leben in einem Viertel, in dem keine Weißen wohnen. Dennoch sind die Lebensumstände der Drei sehr unterschiedlich. Weiterlesen

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Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn

Martin steht ohne Familie da, seit sein Vater in einem Anfall von Wahn alle erschlagen hat. Er ist elf Jahre alt, bettelarm und fristet sein Leben als Tagelöhner. Gleich zu Beginn des Romans wird klar: „Er lebt von dem, was er verdient. Sonntags aber wird nichts verdient, da muss er fasten.“ (Kapitel 1)

Doch trotz allem ist er klug und freundlich, dazu ruhig und sehr bedacht. Das können die Menschen um ihn herum kaum begreifen – sie selbst sind ganz anders gestrickt. Und als ob das noch nicht reichen würde, ihn im Dorf zum Außenseiter zu machen, trägt er ständig seinen schwarzen Hahn mit sich herum, von dem alle meinen, er sei der Teufel.

Aber was soll Martin tun? Schließlich ist er hier zu Hause.

Einzig Franzi fühlt sich Martin verbunden und auch sie ist ihm zugetan. Franzi versteht ihn und hat es selbst nicht leicht. „Sie ist sehr schön, und die Männer bekommen Lust, ihr wehzutun.“ (Kapitel 1)

Die Männer, die das Sagen haben, sind vor allem der Henning, der Seidel und der Sattler, von denen Martin denkt, dass sie strohdumm seien (und die Geschichte bestätigt das mit einem wunderbar schrägen Humor) und von denen es heißt: „In der Hauptsache besteht ihre Gabe wohl in der Einschüchterung anderer.“ (Kapitel 4) Weiterlesen

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Tessa Korber: Alte Freundinnen

Freundschaft ist etwas sehr Kostbares, besonders wenn sie über viele Jahre existiert. Eine solche Freundschaft besteht zwischen Franziska, Annabel, Nora und Luise, die sich seit ihren Studienzeiten kennen. Jede ist anders und ihre Lebenswege sind völlig unterschiedlich, dennoch haben sie über die  vielen Jahre zusammengehalten, standen einander zur Seite, teilten Freud und Leid. Und sie hatten einen Traum: im Alter wollten sie zusammenziehen, eine WG bilden.

Das ist der Ausgangspunkt des Romans von Tessa Korber. Die Autorin, Jahrgang 1966 und in Nürnberg lebend, beginnt ihre Geschichte, als Franziska, ständig am Rande der Pleite lebende Schriftstellerin, genervt von ihrer Aushilfstätigkeit in einem Altersheim, diesen Traum wieder aufleben lassen möchte. Die vier Frauen sind inzwischen alle über 60. Annabel lebt als pensionierte Lehrerin in einer nahezu staubfreien Wohnung. Nora hat Karriere gemacht und nimmt sich meist, was sie will. Und Luise ist frisch verwitwet.

Es bietet sich die Gelegenheit, in Franziskas Elternhaus zu ziehen. Das erfordert zwar einige Umbaumaßnahmen und verlangt von Franziska, sich wieder in die dörfliche Gemeinschaft einzufügen, aus der sie als junge Frau geflohen war, aber die vier Frauen gehen dieses Projekt mit Begeisterung an. Annabel, die immer mehr erblindet, findet eine neue Liebe. Nora wird schwer krank, Luise entschwindet in ihre eigene Fantasiewelt und Franziska schreibt ein neues Buch. Weiterlesen

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