Emily St. John Mandel: Das Glashotel

Als Vincent 13 Jahre alt ist, kehrt ihre Mutter nicht von einem Ausflug mit dem Kanu zurück. War es ein Unfall oder wollte sie es so? Keiner kann das sagen. Vincents Vater ist beruflich viel unterwegs und so zieht sie von ihrer Heimat Caiette, einem verlassenen Ort an der Westküste Kanadas, der nur mit dem Boot erreichbar ist, zu ihrer Tante in die Stadt. Doch so bald wie möglich will sie auf eigenen Füßen stehen und nimmt sich ein paar Jahre später gemeinsam mit einer Freundin eine Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel. Geld ist Mangelware, doch sie schafft es, sich durch Jobs in Bars über Wasser zu halten.

Eines Tages taucht ihr älterer Halbbruder Paul bei ihr auf, ein Außenseiter, der nur schlecht Anschluss findet und für eine Weile untertauchen muss. Vincent hat jahrelang nichts von ihm gehört. Finanzwissenschaft studiert er nur, um seine Mutter zu beruhigen, nachdem er schon einige Entziehungskuren hinter sich hat. Aber er ist weder motiviert noch begabt. Am liebsten möchte er Musik machen. Und er will mit seiner Traumfrau Annika zusammen sein, die ihn kaum eines Blickes würdigt. Als er Annika und ihren Band-Kollegen in einem Club ein paar Pillen anbietet, hat das üble Folgen. Weiterlesen

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Stefan Hornbach: Den Hund überleben

Romane um Krankheit gehen immer zu Herzen, berühren die Leserinnen. Wenn die Krebserkrankung zusätzlich noch einen jungen Mann trifft, der gerade am Beginn seines Erwachsenenlebens steht, erschüttert es umso mehr.

Der Debütroman des jungen deutschen Autors Stefan Hornbach, der bereits mit Theaterstücken Furore gemacht und Preise eingesammelt hat, dreht sich genau darum. Sebastian, Student in Gießen und etwas verpeilt, behütet von lieben Freundinnen, homosexuell und voller Pläne für sein Leben, erkrankt an Krebs. Die Tumore, denen er Namen gibt und die er wie Kinder adoptiert, fressen sich an mehreren Stellen in seinen Körper, seine Organe. Der junge Mann ist mit der Diagnose, mit den Behandlungsplänen und den vielen Arztgesprächen zuerst völlig überfordert. Er kehrt zurück nach Hause in sein Elternhaus in Mutterstadt bei Ludwigshafen.

Seine Eltern sind herrlich unkomplizierte Menschen, die ohne Wehleidigkeit, ohne sich der Verzweiflung hinzugeben, an seiner Seite stehen. Seine Mutter begleitet ihn zu jeder Untersuchung, zu jeder Sitzung der Chemotherapie. „Sie waren die tapfersten Eltern. Mama weinte nicht mehr so oft, und wenn, dann aus Erleichterung, das redete ich mir zumindest ein. Papa weinte nicht – oder so, dass es keiner bemerkte. Manchmal bekam er einen knallroten Kopf, meistens ging er damit vor die Tür. Nie habe ich ihn erwischt, weder beim Schreien noch beim Weinen im Wald.“ (S. 231) Weiterlesen

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Mieko Kawakami: Heaven

Die japanische Sängerin und Schriftstellerin Mieko Kawakami, geboren 1976, ist einer breiteren deutschen Leserschaft durch ihren 2020 erschienenen Roman „Brüste und Eier“ bekannt geworden, in dem sie sich gegen die Diskriminierung von Frauen wendet.

Nun ist ein weiterer ihrer Romane – von Katja Busson – ins Deutsche übersetzt worden: „Heaven“, der im japanischen Original bereits 2009 erschienen war.

Die Autorin greift darin das Schicksal von zwei 14-Jährigen auf, die in ihrer Klasse schwer gemobbt werden. Das geht bis hin zu Körperverletzung. Anlass für die Angriffe: Der namenlose Ich-Erzähler schielt, das Mädchen Kojima trägt schmutzige Kleidung und wäscht sich nicht. Schließlich kommt es zu einem Briefwechsel zwischen den beiden, und eine zarte Freundschaft bahnt sich an.

Der Autorin gelingt es überzeugend, in den Dialogen, die die beiden Jugendlichen führen, die Befindlichkeiten von Teenagern einzufangen:  Weiterlesen

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Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ihre Mutter liegt im Bett und weigert sich aufzustehen – tagelang, wochenlang, monatelang. Für Gifty ist dies ein vertrauter Anblick seit sie elf Jahre alt ist. Die einstmals stolze Frau aus Ghana, die mutig nach Amerika aufgebrochen ist, scheint gebrochen. Zuerst hat ihr Mann sie verlassen. Dann ist ihr Sohn, früher ein gefeierter Basketballstar, an einer Überdosis Drogen gestorben. Seit seinem Tod wird sie von Depressionen geplagt. Ihre Tochter muss schnell erwachsen werden und eigene Antworten auf die Fragen des Lebens finden. Gifty sucht diese in der Wissenschaft, ihre Mutter im religiösen Glauben. Dies entfremdet die beiden Frauen immer mehr.

Erzählt wird die bewegende Geschichte aus der Sicht von Gifty. In Rückblenden schildert sie sowohl ihre eigene Kindheit, als auch die Vorgeschichte ihrer Eltern. Sprachlich völlig ungekünstelt, bedient sich die Autorin anderer stilistischer Mittel, um starke Bilder heraufzubeschwören. So stellt sie zum Beispiel Giftys kindliche Tagebucheinträge ihrer Arbeit als erwachsene Neurowissenschaftlerin im Labor gegenüber. In ersteren bittet die brave Zehnjährige den lieben Gott darum, ihren Bruder von seiner Drogensucht zu erlösen. Bei letzterem begleiten wir Gifty dabei, wie sie Labormäusen Drogen injiziert, um Hirnforschung zu betreiben und das Rätsel zu lösen: Warum machen Menschen Dinge, die ihnen schaden? Weiterlesen

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Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle

Peter Stamms neuer Roman „Das Archiv der Gefühle“ ist eine zarte Liebesgeschichte. Sie handelt von zwei Menschen, die von ihrer Jugend an einander zugetan sind, zwischen denen sich aber nie eine Beziehung ergibt. Der Ich-Erzähler hat Franziska, so heißt die Herzensdame, vor 40 Jahren seine Liebe gestanden, die sie damals jedoch zurückgewiesen hat.

Seither denkt er jeden Tag an sie, auch wenn die beiden über viele Jahre hinweg keinen Kontakt zueinander haben. Kann es sein, dass sie später ihre Meinung geändert hat? Hinweise darauf gab es durchaus. Hätte er diese Gelegenheiten nur beim Schopf packen müssen?

Er wird zum Einsiedler mit autistischen Zügen, der ein von einer Zeitung aufgegebenes Archiv privat im Keller weiterführt und den Kontakt zu anderen Menschen meidet, sie zu einer gefeierten Chanson-Sängerin. Dann treffen sich die beiden doch noch wieder. Haben sie eine Chance auf einen Neubeginn? Weiterlesen

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Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

Der Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held hat mich tief berührt. Er thematisiert die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz und ist gleichzeitig die Geschichte einer Liebe. Wie kann das zusammenpassen?

Lena lernt Heiner im Gerichtsgebäude in Frankfurt kennen. Von 1963 bis 1965 findet in der Stadt der erste Auschwitz-Prozess statt. Lena arbeitet beim Gericht als Dolmetscherin. Heiner ist als Zeuge nach Frankfurt gereist. Er ist einer der wenigen, die die Lagerhaft überlebt haben. Im Prozess muss er erleben, wie seine Aussagen von der Verteidigung angezweifelt und seine Beobachtungen unglaubwürdig gemacht werden. Er sieht in den Gesichtern der Täter keine Reue, eher Hohn. Als er schließlich im Flur des Gerichtsgebäudes zusammenbricht, findet ihn Lena und hilft ihm.

Lena und Heiner verlieben sich, sie heiraten und kaufen sich ein Haus auf dem Land irgendwo im Norden Deutschlands. Das Zusammenleben ist nicht leicht. Heiner verkraftet keinen normalen Arbeitsalltag, er schreit nachts und kann ohne Licht nicht schlafen. Auschwitz lässt ihn nicht los, er hat das Lager ertragen, weil er eine Mission hatte: Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein. Jedem Besucher zeigt er sein Senfglas, welches auf den ersten Blick mit Sand gefüllt scheint, aber in Wirklichkeit Asche und Knöchelchen von Verbrannten enthält. Weiterlesen

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Golnaz Hashemzadeh Bonde: Was bleibt von uns

Diesem Buch muss man sich stellen, muss es aushalten. Denn es tut weh, es ist aggressiv, es verstört. Die Autorin, als Kind aus dem Iran nach Schweden geflohen, schont ihre Leserinnen nicht. Sie eröffnet vielmehr einen ungewohnten, einen gewöhnungsbedürftigen Blick auf Krankheit und Tod.

Der Klappentext führt hier eher in die Irre. Im Grunde geht es um die Bewältigung von und den Umgang mit der Nachricht, bald sterben zu müssen. Das ist es, was der Protagonistin und Ich-Erzählerin Nahid widerfährt. Nahid, im Iran geboren und aufgewachsen, lebt heute, sie ist sechzig Jahre alt, in Schweden. Sie wohnt allein, ihre Tochter Aram lebt in einer Beziehung mit dem Schweden Johann. Als Nahid von ihrer Ärztin die Nachricht bekommt, sie habe nicht mehr lange zu leben, wirft sie das völlig aus der Bahn. Sie kann das nicht verarbeiten, sie ist wütend, auf alles und jeden. Nahid will nicht sterben, sie will, dass die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihr Leben zu retten. Nahids Zorn richtet sich auch besonders gegen Aram, diese Tochter, die ihr nicht nahe ist, die, in Nahids Augen, zu wenig besorgt ist um ihre Mutter, die zu wenig weiß über Nahids Geschichte. Weiterlesen

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Therese Anne Fowler: Gute Nachbarn

Das ist wieder so ein Roman, bei dem es mir schwerfällt, zu sagen, er gefällt mir oder er gefällt mir nicht. Denn obwohl die Autorin sehr subtil Spannung aufbaut und mittels einer ungewohnten Perspektive fesselt, bedient sie gleichzeitig viele Klischees. Auch ist die Handlung leider trotz allem vorhersehbar.

In einer zu einigem Ansehen gekommenen Siedlung in North Carolina zieht eine wohlhabende Familie in ein neues, etwas protziges Haus. Diese neuen Bewohner haben es sich bereits vor ihrem Einzug mit ihrer Nachbarin Valerie verdorben, da durch die Bautätigkeiten ihr Garten und besonders eine sehr alte Eiche darin Schaden genommen haben. Zusätzlich ist Valerie durch ihre Vorurteile voreingenommen gegen die Familie, vor allem den Vater Brad, der ihr wie das personifizierte weiße Übel vorkommt. Valerie ist farbig, ihr Mann war weiß und so ist ihr Sohn Xavier, 17 und gerade mit der Schule fertig, ein „Mischling“, der sich nirgendwo so richtig zugehörig fühlt.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als sich Xavier und die gleichaltrige Juniper, Brads Stieftochter, ineinander verlieben. Neben den durch die Hautfarbe bedingten Problemen kommen erschwerend die von der Kirche beeinflussten, etwas merkwürdigen Erziehungsmethoden von Junipers Eltern hinzu. So musste sie zu Beginn der Pubertät ein Gelöbnis ablegen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Weiterlesen

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Douglas Stuart: Shuggie Bain

Der Schotte Douglas Stuart (Jahrgang 1976) studierte Modedesign in London und arbeitete für bekannte Marken wie Calvin Klein oder Gap. Er lebt in New York. Für sein Erstlingswerk „Shuggie Bain“ erhielt Stuart 2020 den Booker Prize. Nun ist der halbautobiografische Roman am 23. August 2021 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag erschienen. Übersetzt hat ihn Sophie Zeitz.

Douglas Stuart wuchs in Glasgow auf. Seine Mutter war alleinerziehend und alkoholabhängig. Sie starb als Stuart sechzehn Jahre alt war. Ihr hat er das Buch gewidmet.

„Shuggie Bain“, der eigentlich Hugh heißt, ist der jüngste Sohn von Agnes und Shug Bain. Seine Geschwister Leek und Catherine stammen aus Agnes’ erster Ehe mit Brendan McGowan. Sie leben Anfang der 1980er Jahre – zunächst zusammen mit Agnes’ Eltern, Lizzie und Wullie – in einer Hochhaus-Siedlung im Glasgower Stadtteil Sighthill. Big Shug Bain ist Taxifahrer und Macho. Er betrügt Agnes nach Strich und Faden mit anderen Frauen. Dann ziehen sie nach Pithead, einem heruntergekommenen Bergarbeiterdorf, um. Shug verlässt die Familie. Und Agnes, auf sich allein gestellt, säuft und lässt sich mit Männern ein, die ihr den nächsten Drink, das nächste Bier spendieren. Catherine geht mit ihrem Freund und Verlobten nach Südafrika. Und auch Leek haut irgendwann ab. Nur Shuggie harrt bei seiner über alles geliebten Mutter aus. Er verzeiht ihr alle Alkoholexzesse, ihr Selbstmitleid und ihr Gezeter. Für kurze Zeit wird Agnes  mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken. Sie hat einen neuen Freund, Eugene, der ebenfalls Taxi fährt. Doch die neue Liebe hält nicht lange. Agnes versinkt im Alkohol. Und Shuggie spürt immer mehr, dass er anders ist als die anderen Jungs. Weiterlesen

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Ethan Hawke: Hell strahlt die Dunkelheit

Ethan Hawke ist nicht nur ein bekannter vierfach oscarnominierter Hollywood-Schauspieler („Before Midnight“, „Die glorreichen Sieben“), sondern auch ein erfolgreicher Schriftsteller. Mit „Hell strahlt die Dunkelheit“ legt er nun bereits sein viertes auch auf Deutsch erschienenes Werk vor.

Darin geht‘s um den Filmschauspieler William Harding, der am Broadway bei einer Shakespeare-Theater-Produktion mitmacht – Henry IV -, die ihm alles abverlangt. Dazu hadert er mit seinem Leben, denn seine Frau, ein gefragter Rockstar, will sich von ihm trennen, weil er sie mehrfach betrogen hat. Harding gerät in einen Strudel aus Alkohol, Drogen, schnellem Sex und den Anforderungen des Theaterstücks …

​Das alles ist dicht dran an der Biografie des 1970 geborenen Autors. Denn auch dessen Ehe mit der Filmschauspielerin Uma Thurman („Kill Bill“) scheiterte wegen Hawkes Seitensprüngen. Weiterlesen

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