Florian Gottschick: Henry

Florian Gottschicks Debütroman „Henry“ hat eine interessante Grundidee: Ein zwölfjähriges Mädchen wird versehentlich entführt, als es unbemerkt von einem Autodieb auf der Rückbank von Mutters Luxus-BMWs schläft. Doch statt in Panik zu geraten, als sie erwacht, freundet Henry – die eigentlich Henriette heißt – sich mit ihrem Entführer Sven an.

Svens Freundin Nadja machen die beiden weis, Henry sei Svens Cousine. Zu dritt verbringen sie ein paar coole Tage, die sich für Henry zum ersten Mal so anfühlen, als sei sie kein Kind mehr. Sie genießt die Auszeit vom Elternhaus.

Auch der witzige Sprachstil zu Beginn ist sehr gelungen.

​Leider jedoch verwässert der gute Eindruck vom Anfang mit wachsender Seitenzahl. Die Grundidee trägt nicht über 300 Seiten, und der weitere Verlauf, zum Beispiel wenn es langatmig um das Zubereiten irgendwelcher Mahlzeiten geht, hat längst nicht mehr den Witz vom Beginn. Das Ganze verliert sich etwas in Seichtigkeit. Weiterlesen

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Andrea Barrett: Die Reise der Narwhal

Vor einigen Jahren bereiste der berühmte Kapitän John Franklin mit seiner Mannschaft den unerforschten Norden, ohne dass ihm 1847 eine Rückkehr gelang. Auch noch 1855 versucht seine Witwe über öffentliche Aufrufe, jemanden zu finden, der den vergeblichen Suchaktionen ein Ende setzt. Inzwischen ist das öffentliche Interesse so groß, dass der Überbringer von eindeutigen Informationen über Franklins Verbleib Geld und Ruhm gewinnen wird.

Auf einer Feier, bei der Erasmus Wells glaubt, dass Zeke offiziell die Verlobung mit seiner Schwester verkünden will, berichtet dieser stattdessen über seine baldige Expedition in die Arktis. Er sei derjenige, der Franklin finden wird. Und während Erasmus die schockierende Nachricht noch verdaut, bietet ihm Zeke einen Platz als seine rechte Hand auf der Narwhal an. Er brauche dringend Erasmus‘ Fachwissen, das er als Naturforscher in der Arktis gewonnen habe. Eigentlich will Erasmus ablehnen. Zu viele schlechte Erfahrungen nagen an ihm. Nur die Bitte seiner Schwester, auf den jüngeren, unerfahrenen Zeke aufzupassen und ihn zurückzubringen, zwingt ihn zu einem Umlenken. Erasmus redet sich die Wendung schön. Doch die zweite Chance, als Forscher Anerkennung zu gewinnen, entwickelt sich ganz anders. Seine Reise führt ihn ins Ungewisse. Weiterlesen

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Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter

Der Klappentext klingt ein bisschen wie ein klassischer Agatha-Christie-Roman: drei Männer verschwinden aus einem verschlossenen Leuchtturm und tauchen nie wieder auf. Was ist geschehen?

Dieses tatsächliche Ereignis aus dem Jahr 1900 ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans der britischen Autorin, die die Ereignisse allerdings ins Jahr 1972 verlegt, sowie auf einer zweiten Zeitebene die Frauen der verschwundenen Leuchtturmwärter zwanzig Jahre später 1992 beobachtet.

Ein Autor nämlich greift das Verschwinden wieder auf und möchte die drei Damen interviewen. Diese sind gezeichnet von den Vorkommnissen, gehen jedoch sehr unterschiedlich damit um. Helen, Jenny und Michelle haben sich ihr Leben neu schaffen müssen. Die eine vermag darüber hinwegzukommen und eine neue Familie zu gründen, während die andere in der Vergangenheit haften bleibt, ihre Animositäten und Feindschaften pflegt. Weiterlesen

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Robert Krause: Dreieinhalb Stunden: Wie entscheidest du dich?

Allein der Titel suggeriert bereits die Spannung, die man, wie bekanntlich am perfektesten von Hitchcock angewandt, durch eine zeitliche Begrenzung des Geschehens erreichen kann. Die Handelnden haben nur dreieinhalb Stunden Zeit, eine nahezu lebenswichtige Entscheidung zu treffen. Nur leider verschenkt der Roman diese Möglichkeit zur Gänze.

Robert Krause ist Drehbuchautor und hat das Drehbuch zum Film gleichen Titels geschrieben. Und daraus dann auch diesen Roman gemacht. Der Film lief im Fernsehen, passend zum Inhalt, zeitnah zum 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus in Berlin. Denn an diesem Tag, dem 13. August 1961, spielt die Handlung von Film und Buch.

Nun habe ich mir absichtlich den Film nicht angesehen, solange ich den Roman nicht gelesen hatte, um mir die Spannung nicht zu verderben. Doch, siehe oben, es gab keine Spannung im Roman. Und auch nicht im inzwischen von mir gesehenen Film.

Die Handlung trägt sich zu in einem D-Zug auf dem Weg von München nach Ostberlin, eben an besagtem Tag. An Bord des Zugs befinden sich neben einigen Westdeutschen vor allem Ostdeutsche, die zurückkehren wollen nach Berlin. Als nun im Zug erste Gerüchte auftauchen und dann im Radio die Bestätigung kommt, dass zum Zeitpunkt ihrer Reise in Berlin die Mauer gebaut wird, müssen sich all die Ostdeutschen im Zug entscheiden: Kehren sie zurück, lassen sie sich einsperren? Oder steigen sie an einer der letzten Stationen vor der Grenze aus, bleiben in Westdeutschland, kehren ihrer Heimat und möglicherweise ihrer Familie den Rücken? Weiterlesen

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Tanja Schwarz: In neuem Licht

Die deutsche Autorin Tanja Schwarz (Jahrgang 1970) lebt und arbeitet in Hamburg. Am 27. September 2021 veröffentlichte hanserblau im Carl Hanser Verlag ihr Buch „In neuem Licht“.

Darin finden sich zwölf Erzählungen oder wie es im Untertitel heißt Romanminiaturen.

Schon mit der ersten Geschichte „Sonnenwende“ packt Tanja Schwarz mich als Lesende. Da begegne ich Nele, die sich mit ihrer psychisch kranken Mutter beschäftigen und für sie eine besondere Therapieentscheidung treffen muss. Neles eigene Tochter Sina ist darüber fassungslos und empört.

In „Axalp“ wehrt Sina sich dann gegen die Ski-Reise mit ihrer Mutter und will bei ihrem Vater Hauk leben.

In  „Unabomber“ verliebt sich die über fünfzigjährige Ulla in Ibo, einen jungen Kurden. Sie lässt ihn und seine Freunde bei sich wohnen, bezahlt Ibo den Deutschkurs oder seine Internetbestellungen und sie liebt den Sex mit ihm, ganz zum Unverständnis ihres Sohnes Ian. Am Ende brennt die Unabomberhütte.

Da ist Lene mit ihrer Tochter Lynn, die von ihrem Mann getrennt lebt und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Eines Tages läuft eine Unterrichtsstunde aus dem Ruder. Die Figur Lene taucht auch in den Geschichten „Cover me“ und „Eine Harzreise“ wieder auf. Weiterlesen

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Ingo Schulze: Dresden wieder sehen

Kennen Sie das? Sie lesen einen Text und ertappen sich permanent dabei, wie Sie ausrufen: „Genau!“ oder „Meine Rede, nur besser formuliert!“ oder gar „Woher kennt der Mann meine Gedanken?“ So erging es mir beim Lesen der Texte in Ingo Schulzes „Dresden wieder sehen“.

Der Autor von u.a. „Tasso im Irrenhaus“ oder „Die rechtschaffenen Mörder“ ist in Dresden geboren und aufgewachsen, lebt jedoch seit vielen Jahren in Berlin. Von dort beobachtet er mit Interesse das gesellschaftliche Leben in der Heimatstadt. Davon zeugt sein neues Buch. Das schmale Bändchen im regenbogenbunten Design beinhaltet mehrere Essays, einen offenen Brief und seine Dresdner Rede, und damit Texte, in denen er auf aktuelle Entwicklungen in der Stadt eingeht. Die Publikationen entstanden zwischen 2006 und 2021.

Ingo Schulze geht dem Mythos Dresden auf den Grund, fragt nach dessen Ursachen und was vom Mythos übriggeblieben ist. Er beschreibt seinen ersten Eindruck beim Anblick der wiedererbauten Frauenkirche: „Je näher ich der Frauenkirche kam, um so mehr schien sie sich zu verwandeln, um dann, vom Neumarkt aus betrachtet, zu ihrer eigenen Wachsfigur zu erstarren“ (S.17) Weiterlesen

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Jonathan Franzen: Crossroads

Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen bildet unter den lebenden Autoren fast eine eigene Liga. Kaum einem anderen gelingt es, seinen Figuren derart viel Tiefe und psychologische Glaubwürdigkeit einzuhauchen wie dem heute 62-Jährigen, der vor 20 Jahren mit seinem Roman „Die Korrekturen“ – ausgezeichnet mit dem National Book Award – Weltruhm erlangte.

In seinem neuesten Wälzer „Crossroads“, dem Auftakt einer Trilogie, geht‘s um eine sechsköpfige Familie Anfang der 1970er Jahre, in der jedes einzelne Mitglied mit nicht eben geringen Problemen zu kämpfen hat. Bei keinem anderen Autor ist auch der Drama-Anteil so hoch wie bei Franzen. In seinen Romanen geht‘s immer um die ganz großen Themen des menschlichen Daseins: Liebe, Sex, schwerste Zerwürfnisse unter Partnern und familiärer Zusammenhalt.

In „Crossroads“ ist da zunächst Vater Russ Hildebrandt, ein evangelischer Pastor, der nur eines im Sinn hat: Er muss ein anderes Gemeindemitglied, Frances, für sich gewinnen – am besten, um gleich ein ganz neues Leben mit ihr zu beginnen. Weiterlesen

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Janine Adomeit: Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen

Ein überzeugendes Debüt einer deutschen Autorin, von der man hofft, mehr lesen zu dürfen. Die Geschichte, die Janine Adomeit erzählt, wird vor allem getragen von den interessanten, vielschichtigen und überraschenden Charakteren, Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern und sich ihm entgegenstellen wollen. Doch nicht allen gelingt das.

Villrath, ein, wie ich vermute, fiktiver Ort zwischen Ahr, Mosel und Rhein, war einmal ein angesehener Kurort mit allem was dazugehörte, Touristen, florierendem Einzelhandel, abwechslungsreicher Kultur und spendablen Kurgästen. Doch nach einem Erdbeben versiegte die Quelle des Heilwassers und damit die Quelle allen Wohlstands des Ortes. Nicht nur die Läden und Häuser der Kleinstadt verkamen, sondern auch mit den Einwohnern ging es immer mehr bergab.

Da sind Vera, Wirtin im Stübchen, das sie von ihrer Mutter übernommen hat, und ihr Sohn Johannes. Sie trinkt zu viel, raucht zu viel, hat zu viele Männer (gehabt) und sieht keinerlei Licht am Horizont. Johannes lebt in seiner eigenen Welt, die sich vor allem um Motorräder dreht, widerwillig hilft er seiner Mutter in der Kneipe, er himmelt von Ferne eine Klassenkameradin an und verliert seinen Aushilfsjob im Supermarkt. Weiterlesen

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Freya Sampson: Die letzte Bibliothek der Welt

Wieder ein Roman, in dem eine Bibliothek gerettet werden soll. Eine schöne, herzerwärmende, wenn auch leicht kitschige, hausbackene Geschichte, die uns die englische Autorin erzählt. Ein wenig haben mich die Story und die handelnden Personen an den Roman „Die Buchhandlung“ von Penelope Fitzgerald erinnert. Besonders die Hauptfiguren ähneln sich sehr.

Die junge June lebt allein in dem Haus, in dem sie seit ihrer Kindheit mit ihrer Mutter wohnte. Diese ist vor einigen Jahren verstorben, doch June bewahrt im Haus alles so, wie es zu Lebzeiten ihrer Mutter war. Sie lebt im Grunde nicht ihr eigenes Leben, sondern vielmehr versucht sie, ihre Mutter zu sein. So hat sie auch deren Stelle als Bibliothekarin in der örtlichen Bücherei übernommen, obwohl sie sich einen ganz anderen Lebensweg gewünscht hatte.

June ist Herz und Seele der Bibliothek, ganz im Gegensatz zu ihrer kratzbürstigen Chefin Marjorie. Etliche Bewohner des Dorfs betrachten die Bibliothek als Zuflucht, Wohn- oder Arbeitszimmer, Treffpunkt oder Nachhilfeschule. June kümmert sich um den alten Stanley, hilft Chantal bei schulischen Problemen, widersteht allen Beschwerden älterer Mitbürgerinnen über den angeblich schlechten Lesestoff. Weiterlesen

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Richard Powers: Erstaunen

In dem neuesten Werk des US-amerikanischen Autors Richard Powers, der mit seinem 2005 auf Deutsch erschienenen Roman „Der Klang der Zeit“ für Furore sorgte, geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung. „Erstaunen“ heißt es.

Ein Astrobiologe, der nach Leben auf fremden Planeten forscht, versucht seinem am Asperger-Syndrom leidenden Sohn Robin ein möglichst angenehmes Dasein zu verschaffen. Robin jedoch trauert immer noch – genauso wie der Vater – um seine Mutter Aly, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.

Um den Jungen auf andere Gedanken zu bringen, verbringt der Vater mit ihm ein paar Tage in den Smokies, einem Gebirgszug in den Appalachen. Die beiden erfreuen sich an der Natur und erfinden Geschichten über mögliches Leben im All. Weiterlesen

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