Christina Sweeney-Baird: Die andere Hälfte der Welt

Die Leseprobe hatte mich neugierig gemacht: Eine Welt ohne Männer! Geht es Christina Sweeney-Baird um die Überbevölkerung, das Problem, das Dan Brown in Inferno angeprangert hat? Beugt sie sich am Ende wie er dem Mainstream? Nein, das hat sie nur einmal angerissen: Der Klimawandel bildet sich zurück, da die Weltbevölkerung im Jahr 2025 auf 55% des bis dahin aktuellen Umfangs zurückgeht. Doch diese Betrachtung ist nicht Gegenstand des Romans. Das Werk lebt von den Gefühlen der Betroffenen, von den Gefühlen der Frauen und von ihren Schicksalen. Wie aber passt das mit dem lockeren, selbstironischen Schreibstil zusammen? Ist die ‚andere Hälfte‘ eine Anspielung auf die ‚bessere Hälfte‘? Die Ernsthaftigkeit greift ebenso schnell Raum, wie der Leser begreift, dass sich die Welt im Krieg befindet: im Krieg gegen ein tödliches Virus.

Im Einzelnen eine Handlung wiederzugeben, fällt mir bei diesem Buch schwer. Sweeney-Baird verfolgt das Schicksal eines halben Dutzends Frauen, die ihre Ehemänner, ihre Söhne und Väter verlieren. Wie gehen sie damit um – versinken sie in Verzweiflung oder in blindem Aktivismus? Oder stellen sie sich der Situation und arbeiten an einer neuen Weltordnung? Die Welt wird anders mit nur einem Zehntel der Männer. Politik, Wirtschaft, Bildung – alles ändert sich für die Gesellschaften. Evakuierungsprogramme, Arbeitszwang, Rationalisierung – alles ändert sich für die Frauen und die wenigen verbliebenen Männer.  Manche Schicksale werden erst  am Ende des Romans zusammengeführt: im Licht einer neuen Weiblichkeit mit gestiegenem Selbstbewusstsein, mit Erfahrung in neuen Berufen und mit dem eisernen Willen, die Rasse Mensch nicht aussterben zu lassen. Weiterlesen

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Clare Chambers: Kleine Freuden

Ganz im Gegensatz zum Titel ist es eine große Freude, dieses Buch zu lesen. Behutsam, mit viel Verständnis und ebenso viel Einfühlungsvermögen erzählt die englische Autorin von einer einsamen, pflichtbewussten, in den Moralvorstellungen der Zeit verfangenen Frau im London der 50er Jahre.

Jean Swinney, Ende Dreißig und als Lokalreporterin tätig, lebt zusammen mit ihrer Mutter in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Haus in London. Ihre Mutter ist gesundheitlich angeschlagen und ein schwieriger Charakter. Daher genießt Jean die Stunden, die sie in der Redaktion oder mit Recherchen fern von zu Hause verbringen kann, ist sie doch in ihrer Freizeit stets ans Haus und an ihre Mutter gebunden.

Aufgrund eines wissenschaftlichen Artikels über Parthenogenese meldet sich bei Jeans Zeitung eine Frau, die behauptet, ihre Tochter sei die Frucht einer jungfräulichen Empfängnis. Das ist der Auftakt zu Ereignissen, die Jeans Leben komplett verändern werden. Weiterlesen

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Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme

Die aus Nigeria stammende, in England lebende Autorin erzählt uns eine herzzerreißende Geschichte, bei der man sich ständig fragt, ob man sich tatsächlich im 21. Jahrhundert befindet. Und bei der einem ständig bewusst ist, dass all dies tatsächlich täglich nicht nur in Nigeria genauso geschieht. Genau dieser Gedanke ist es, der den Roman so unerträglich und gleichzeitig so faszinierend macht. Hinzu kommt ein wunderbarer Erzählstil.

Ich-Erzählerin und Protagonistin ist Adunni, 14 Jahre alt und aufgewachsen mit ihren beiden Brüdern in einem armen Dorf weit weg von der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Seit ihre Mutter gestorben ist, trauert das Mädchen nicht nur intensiv um diesen Verlust, denn sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie vermisst ebenso die Schule, die sie seit dem Tod der Mutter nicht mehr besuchen darf. Denn ihr Vater, dem Alkohol verfallen und bettelarm, sieht in Mädchen keinen Nutzen und hält Schulbildung für überflüssig.

Adunni hingegen träumt von nichts anderem als davon, zur Schule gehen zu können. Sie ist ungemein intelligent, aufgeweckt, sie findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab, möchte für sich und für andere etwas ändern. So hat sie es von ihrer Mutter gelernt, Weiterlesen

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Naja Marie Aidt: Carls Buch – Hat der Tod dir etwas genommen, dann gib es zurück

Ein herzzerreißendes Meisterwerk über einen unvorstellbaren Verlust wird Linn Ullmann auf dem Buchcover zitiert – was nicht besser ausgedrückt werden könnte.

„Carls Buch“ ist ein sehr persönliches und gleichzeitig unendlich trauriges, seitenweise fast albtraumhaftes Buch.

Die dänische Schriftstellerin und Dichterin Naja Marie Aidt, die zu den wichtigsten Stimmen Skandinaviens zählt, hat darin das Schlimmste, was einer Mutter, bzw. Eltern widerfahren kann, verarbeitet: Den Tod des eigenen Kindes:

Im Alter von nur 25 Jahren kommt Naja Marie Aidts Sohn Carl im Jahr 2015 ums Leben. Er stürzt sich nach der Einnahme von halluzinogenen Pilzen aus dem Fenster. Nicht nur sein eigenes Leben ist von einem auf den anderen Tag beendet, auch seine Familie wird in ihrer Verzweiflung aus der Bahn geworfen. Wie es nach einem langen Prozess des Begreifens und des Verarbeitens der Trauer überhaupt einigermaßen wieder möglich wird, dem eigenen Leben eine gewisse Struktur zu verleihen, daran lässt die Autorin uns teilhaben. Weiterlesen

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László Krasznahorkai: Herscht 07769

Um es gleich zu Beginn klar zu sagen: Es ist eine einzige Quälerei, dieses Buch zu lesen. László Krasznahorkais Roman „Herscht 07769“ besteht auf über 400 eng bedruckten Seiten aus einem einzigen Satz. Absätze oder gar Unterteilungen in Kapitel sucht man vergeblich.

Wer die Form derart überbetont, hat inhaltlich wenig zu sagen, möchte man meinen. Dem ist hier nicht so: Im Grunde ist „Herscht 07769“ ein Ausloten deutscher – vor allem ostdeutscher – Befindlichkeiten.

Titelheld Florian Herscht schreibt Briefe an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in denen er sie vor dem Weltuntergang aufgrund irgendwelcher physikalischer Prozesse warnt. Sein Leben zwischen Neonazis, seinem ganz speziellen Wahn, der Musik Bachs und anderen Absonderlichkeiten, die immer mehr ins Absurde gehen, könnte beispielhaft den Zustand eines Teils der Gesellschaft offenlegen – wäre da nicht die schier unerträgliche Form. Eine vertane Chance. Schade!

László Krasznahorkai: Herscht 07769.
Aus dem Ungarischen übersetzt von Heike Flemming.
S. Fischer, Oktober 2021.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Te-Ping Chen: Ist es nicht schön hier: Storys

Wer sich für modernes Leben in China interessiert, der sollte Te-Ping Chens Geschichten-Sammlung „Ist es nicht schön hier“ lesen. Der 1985 geborenen amerikanischen Journalistin mit chinesischen Wurzeln ist mit diesen zehn Storys ein abwechslungsreiches und vielseitiges Debüt gelungen.

Gleich in der ersten Geschichte geht es um etwas, an das man als Westeuropäer vielleicht zuerst denkt, wenn das Stichwort China fällt: die Verletzung der Menschenrechte. Lulu, eine strebsame und intelligente junge Frau gerät in die Fänge des Staates, weil sie ihn kritisiert.

Doch wer meint, es ginge im ganzen Buch nur um dieses Thema, der irrt. Wir treffen beispielsweise einen jungen Mann, der versucht, auf dem Aktienmarkt reich zu werden, eine Blumenhändlerin, die sich weigert, einem wohlhabenden Paar einen wertvollen Füller zurückzugeben, oder einen erfolglosen Erfinder. Weiterlesen

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Graham Norton: Heimweh

Der irische Komiker, Schauspieler, Moderator und Buchautor Graham Norton wurde 1963 als Graham William Walker in Dublin geboren. Besonders bekannt wurde Norton durch die Comedy-Talkshow „The Graham Norton Show“. 2017 erschien sein Debütroman „Ein irischer Dorfpolizist“ bei Kindler in Deutschland. Nun veröffentlichte der Verlag am 19. Oktober 2021 Graham Nortons Buch „Heimweh“ in einer Übersetzung von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann.

Ende der 1980er Jahre verunglücken in dem irischen Städtchen Mullinmore sechs junge Leute auf ihrer Rückfahrt von einem Ausflug zum Meer. Bernie Bradley und David Hegarty wollen am nächsten Tag heiraten. Carmel O’Connell, ihre Brautjungfer, und Linda, Carmels Schwester, Martin Coulter, der Sohn des Dorfarztes und Connor Hayes, dessen Eltern ein Pub in Mullinmore besitzen, sitzen in dem Auto, das an einem Kreisverkehr von der Straße abkommt und sich überschlägt. Bernie, David und Carmel sind tot, Linda schwerverletzt, Martin und Connor nur leicht. Connor Hayes hatte den Wagen gefahren. Nach dem Gerichtsprozess wird Connor nach Liverpool geschickt. Seine Schwester Ellen heiratet später Martin Coulter und Linda O’Connell sitzt im Rollstuhl. Für Connor beginnt in England ein anderes Leben. Er lernt Männer kennen und geht schließlich nach New York, wo er viele Jahre mit Tim zusammenlebt. Dort lernt er 2012 einen jungen Iren in einer Bar kennen. Und mit dieser Begegnung muss er sich der Vergangenheit in Mullinmore stellen. Weiterlesen

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Pajtim Statovci: Grenzgänge

Manche Bücher eröffnen neue Welten. „Grenzgänge“ von Pajtim Statovci ist eines davon. Der Roman erzählt die Geschichte von Bujar, der ein Junge ist, aber ein Mädchen sein möchte. Erzählt von Flucht und der Suche nach Wertschätzung und nach Liebe.

Bujar wächst in Albanien auf, beim Sturz der letzten kommunistischen Regierung ist er vierzehn Jahre alt. Kindheit und Jugend sind geprägt von den Geschichten, die der Vater erzählt – von Helden und Gleichnissen, von Skanderbeg und dem Adler und vom Stolz darauf, ein Albaner zu sein.

Im Frühling 1991 stirbt sein Vater, seine Schwester verschwindet und die Mutter versinkt in Trauer.  Bujar verlässt mit seinem Freund Agim sein Elternhaus. Im Sommer 1992 kaufen sie sich ein kleines Motorboot und wagen die Überfahrt nach Italien.

Bujar verbringt mehrere Jahre in Rom, wo er seine Träume von einem erfolgreichen Leben schwinden sieht. Er ertrinkt fast in dem Gefühl, unbedeutend zu sein, wagt schließlich nach einem misslungenen Selbstmordversuch einen neuen Anfang. Die Suche nach dem neuen Leben führt ihn nach Berlin, Madrid, New York und schließlich nach Helsinki. Er gibt sich mal als Mann, oft als Frau, erfindet seine Lebensgeschichte immer wieder anders. Weiterlesen

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Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy

Eine Insel voller Kinder. In den Nachkriegsjahren. Schon in wohlversorgten, erschlossenen Landschaften kein einfaches Unterfanen, auf einer einsamen, kargen norwegischen Insel aber sicher eine ganz besondere Herausforderung. Dennoch nimmt Ingrid ein weiteres verlorenes Kind auf.

Darum geht es in dem neuen Roman aus Norwegen, der Fortsetzung von „Die Unsichtbaren“, dem Roman, von dem ich vor zwei Jahren so begeistert war. Der kleine Mathias bleibt bei Ingrid auf der Insel, als sein Vater, der das Milchschiff fährt, ihn dort zurücklässt und nicht wiederkommt. Mathias, dessen Mutter ebenfalls schon vorher einfach verschwand, hat eine undurchschaubare Herkunft, man weiß es nicht, man munkelt nur. Nun also kommt er unter Ingrids Fittiche, die doch, damals selbst noch halb Kind, bereits andere mutter- oder vaterlose Kinder bei sich aufgenommen hatte. Hinzu kommen ihre Tante Barbro, deren Sohn Lars mit seiner Familie und die Nachkommen der anderen Adoptierten, die alle auf Barrøy wohnen und ernährt werden müssen. Weiterlesen

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PeterLicht: Ja okay, aber

Herrlich schräg: Für Freunde der absurden Komik und der halsbrecherischen Wortakrobatik hat Musiker Peter Licht genau das richtige Buch geschrieben. Er versteht es, sich aus den einfachsten Alltagssituationen heraus in wahnwitzigen Gedankenwelten zu verirren. Schwankend zwischen genial und grotesk, schlittert er bisweilen anarchisch gekonnt am guten Geschmack entlang. Doch er kriegt jedes Mal die Kurve und nimmt uns mit auf einen phantastischen Ride der Absurditäten, mitten durch den Alltag eines Co-Working-Büros. Da wird die Kaffeemaschine zum Kapitalismustreiber, an dem sich Co-Worker unterschiedlichster Branchen treffen. Zum Beispiel eine feministisch-nudistische Allroundkünstlerin oder einer, „von dem keiner weiß, was er eigentlich tut“. Sowie ein IT-ler mit Verdauungsproblemen plus diverse gestresste Call-Center-Mitarbeiter, denen die Stimme versagt – samt anderer Vitalfunktionen.

Obwohl der Protagonist praktisch im Space aka Büro lebt und schläft, erleben wir ihn nie bei seiner eigentlichen Arbeit. Auch erfahren wir an keiner Stelle, womit er seine Brötchen verdient. Er möchte arbeiten, er will vorankommen… und verplempert doch seine Zeit in der Gemeinschaftsküche oder in gewagten Projekten seines heimlichen Büroschwarmes, der Allrundkünstlerin. In ihren Theaterstücken kann es passieren, dass „ein Rudel nackter Martial-Arts-Kämpferinnen ein Auto vergewaltigt.“ Weiterlesen

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