Johannes Hepp: Die Psyche des Homo Digitalis

Eine Befragung ergab, dass 40 Prozent aller unter 35-jährigen Amerikaner selbst beim Autofahren auf Social Media gehen, 64 Prozent bei der Arbeit, 65 Prozent während eines Dates und 36 Prozent direkt nach dem Sex.“ (S. 128)

21 Neurosen, die uns im 21. Jahrhundert herausfordern? Zuerst einmal: Was ist eine Neurose? Als Neurosen werden psychische Verhaltensstörungen definiert, wie bspw. Phobien, Angststörungen, Zwangsstörungen, Panikattacken, depressive Neurosen, hypochondrische Neurosen, diffuse Angstzustände oder dissoziative Störungen. Genau diese Definition fehlt mir, um gleich zu Beginn im zentralen Thema des Buches anzukommen. Dennoch fand ich es interessant, denn Seite um Seite ist richtig gut zu lesen, ohne Durchhänger meinerseits, ohne langweilige Passagen.

Noch spannender hätte ich es gefunden, wenn die zahlreichen Themen durch weiterführende erhellende Einsichten und erfrischende Blickwinkel ungewöhnlicher Perspektiven geglänzt hätten. Auch wenn ich nicht allem zustimmen konnte, was der Autor erörterte, regt es jedenfalls gut zum Nachdenken an. Doch bei seiner Kritik über Social Media bin ich voll und ganz bei ihm. Denn der Homo Digitalis denkt, er konsumiere kostenlose Produkte, doch er ist das Produkt. Weiterlesen

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Beate Kniescheck: Eva und Söhne

Der sterbende Vater macht die Journalistin Katharina auf einen Brief aufmerksam, den er vor langer Zeit geschrieben und versteckt hat. Darauf steht „Nach meinem Tod zu öffnen“. In dem Schriftstück spricht er nur Katharinas Brüder Toni und Thomas an. Er gibt ihnen gute Ratschläge für das Leben und Tipps, wie sie das Familienunternehmen führen sollen. Katharina wird nur in einem lapidaren Nebensatz erwähnt. Frauen zählen nicht viel in der Familie und das seit Generationen. Sie stehen im Hintergrund, stärken den kulturell und unternehmerisch tätigen Männern den Rücken, haben Kinder zu versorgen, den Haushalt zu organisieren und sich in die Vorgaben des Hausherrn zu fügen. Das macht Katharina wütend. Auch ihre Mutter, nach dem Tod des Vaters führerlos, weiß nicht recht, wohin mit sich, weil sie ihr Leben nie wirklich selbst in die Hand nehmen durfte. Geraume Zeit nach dem Begräbnis des Vaters räumt Katharina gemeinsam mit der Mutter seine Sachen zur Altkleidersammlung. Weiterlesen

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Stacy Willingham: Das siebte Mädchen

Chloe Davis erklärt, sie habe den Beruf der Psychologin nicht ergriffen, um einen leichten Zugang zu Medikamenten zu haben. „Ich wurde Psychologin, weil ich verstehe, was ein Trauma ist; ich verstehe es auf eine Weise, die keine Ausbildung einem je lehren könnte. Ich verstehe, wie das Gehirn jeden Bereich des Körpers sabotieren kann […] Und wie sie (Emotionen) dafür sorgen, dass […] dumpfer, pochender Dauerschmerz […] niemals vergeht.“ (S. 70)

Doch Chloes Dauerschmerz bekommt neue Nahrung. In ihrer Umgebung verschwinden zwei Mädchen, deren Körper später in der Nähe ihrer Praxis abgelegt werden. Zur gleichen Zeit irritiert sie ein Reporter aus New York, der zum zwanzigsten Jahrestag einen Artikel über die Mordserie schreiben will, für die ihr Vater ins Gefängnis ging. Chloe glaubt, in einem Déjà-vu gefangen zu sein. Ihr Alltag fühlt sich seltsam und furchterregend zugleich an. Auch die baldige Hochzeit mit Daniel verunsichert sie. Und warum verhält er sich so komisch, als wollte er vor ihr etwas verheimlichen? Weiterlesen

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Zoe Chance: Der gute Einfluss: Menschen für sich gewinnen, authentisch bleiben und Gutes bewirken

Vorweg: Ein Buch einzig und allein anhand des Genderns zu beurteilen und unverschämte 1-Sterne-Kritiken zu geben, ist für mein Empfinden absolut kleingeistig und engstirnig. Auch wenn die Eleganz der Sprache und der Lesefluss durch „Verführungskünstler*innen“, „Trickbetrüger*innen“ oder „Lobbyistinnen und Lobbyisten“ gestört wird, ist dies nur ein winziger Negativaspekt einer sonst unfassbar wertvollen Lektüre. Auf den Genderwahn zu verzichten mit einem Hinweis im Vorwort, wäre in einer zweiten Auflage perfekt.

Die Dynamik erfahrener Verkäufer: „»Du willst sie anregen, du willst ihre Neugier wecken. Und dann willst du, dass sie mit dir im selben Team spielen.« Aus den besten Verhandlungen kommen Sie mit einer Idee heraus, die noch großartiger ist als jene, mit der Sie hineingegangen sind.“ (S. 204)

Jeder Mensch könne andere beeinflussen, sagt die Yale-Professorin Zoe Chance, auch Introvertierte. Sie erklärt in ihrem Werk, wie authentischer Einfluss wirklich gelingt. Dabei verwebt sie faszinierende Studien, wissenschaftliche Forschungsergebnisse, Experimente, Theorien so klug mit originellen, persönlichen Anekdoten, dass man beim Lesen dauerhaft ins begeisterte Staunen verfällt, da man selbst immer wieder neue Erkenntnisse entdecken darf. Weiterlesen

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Andreas Eschbach: Freiheitsgeld

Ich muss diese Rezension damit beginnen, dass ich ein glühender Fan von Andreas Eschbach bin. Nicht nur, dass seine Romane stets hochpolitische und aktuelle Themen aufgreifen, sie sind auch durchweg irre spannend und wahnsinnig gut geschrieben. Mein absoluter Favorit ist sein Roman „Todesengel“.

Von daher hat es fast etwas von Sakrileg, an einem seiner Romane herumzumäkeln. Doch in der Tat hat mich sein neuer Roman nicht so gepackt wie seine vorherigen, obwohl er sich mit einem ebenso brisanten wie heiß diskutierten Thema befasst.

In diesem neuen Roman dreht sich alles um das sogenannte Freiheitsgeld. Wir befinden uns im Jahr 2064, niemand muss mehr arbeiten, wenn er oder sie nicht will. Vor etlichen Jahren wurde dieses Geld eingeführt, ein bestimmter monatlich ausgezahlter Betrag, den jeder Mensch in Europa bekommt, sobald er oder sie 18 wird. Die Arbeit, die die Menschen nicht mehr machen (wollen), wird von Robotern erledigt, wie beispielsweise die Krankenpflege oder ähnliches. Auch der ÖPNV ist automatisiert und kommt ohne Personal aus.

Die Kehrseite ist die Finanzierung dieses Freiheitsgeldes. Diese basiert auf immens hohen Steuern, die diejenigen, die eben doch noch arbeiten, zahlen müssen. Eingeführt hat das Freiheitsgeld der damalige Bundeskanzler und spätere Präsident der EU, Robert Havelock. Der ist inzwischen 95 Jahre alt und wohnt in der sogenannte Oase. Das ist eine in Zonen eingeteilte, hermetisch geschlossene Wohneinheit für Privilegierte. Darin gibt es je nach Zone abgestuften Luxus, von dem die Ausgeschlossenen nur träumen können. Weiterlesen

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Anna Fleck: Meeresglühen 02: Wiedersehen in Atlantis

#Ella ist am Ende des ersten Bandes zurück an die Oberfläche gekehrt. Es war ihre eigene Entscheidung, aber glücklich ist sie damit nicht. Zu sehr vermisst sie Aris. Bis er nach einem Jahr plötzlich wieder in ihrem Leben auftaucht. Sie kehrt zurück nach Atlantis, aber Atlantis befindet sich im Krieg. Es ist Aris, auf dem die Verantwortung liegt, diesen Krieg zu beenden und zunächst ahnt Ella nur, wie er das bewerkstelligen soll. Als ihre Ahnung bestätigt wird, stellt sie das vor eine neue furchtbare Entscheidung.

Auch der zweite Band der Trilogie hat ein wundervolles Cover, das mit seiner Farbgebung und seiner Reliefstruktur gleich an eine Unterwasserlandschaft denken lässt. Aber auch der Inhalt hat mir gefallen. Ella hat sich endlich mal weiterentwickelt und hier sind es vor allem die Nebencharaktere, die mir ans Herz gewachsen sind und die Anna Fleck genauso liebevoll ausgearbeitet hat, sie das Setting und die Hauptprotagonisten. Weiterlesen

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Michael Bremmer & Veronika Grüning: Gangs of Katzenstadt

Katzenkrimis sind süß? Von wegen! Kaum den Roman aufgeschlagen, bleibt Fans der kuscheligen Felinen sofort die Luft weg: Denn in der allerersten Szene wird Kater Matula mit einem Beil die Pfote abgehackt! Als Warnung für andere Katzen. Schon sind wir LeserInnen im Plot gefangen, der bis zur letzten Seite sein hohes Spannungstempo hält. Dafür ist zum einen der ungewöhnliche Schreibstil in kurzen, dynamischen Szenen verantwortlich. Zum anderen die Geschichte und ihre cleveren, vierbeinigen Akteure. Diese wachsen beim Lesen sofort ans Herz. Den Zweibeinern sind sie in puncto Ideenreichtum überlegen. In Sachen Zivilcourage sowieso. So steckt in dem Roman weit mehr, als ein Katzenkrimi (oder eher: Thriller). Nicht nur für Tierliebhaber ein absolutes Muss!

Einst war Katzenstadt ein blühender Ort. Ein Paradies für Katzen. Dies lag an der erfolgreichen Katzenfutterfabrik. Der nette Geschäftsführer nahm ein paar Tiere bei sich auf, darunter die Schwestern Bandini und Bonnie. Es ging ihnen gut. Bis ihr Herrchen unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Schlimm genug, dass die Fabrik daraufhin geschlossen wurde und die Stadt dem wirtschaftlichen Niedergang geweiht war. Eine mediale Hetzkampagne gab den „Bestien“ die Schuld an seinem Tod und weiterer Verbrechen. In der Folge verließen immer mehr Einwohner den Ort, ohne ihre Vierbeiner. Die okkupierten nach und nach die Stadt. Die Katzengang rund um Bandini und Bonnie ließ sich in der Futtermittelfabrik nieder, andere Katzengangs im Stadtpark, der Bücherei (die Katzen aus Intellektuellenhaushalten) oder auf der Müllhalde (die anarchischen Aussteigerkatzen). Weiterlesen

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Mary Beth Keane: Mit dir bis ans andere Ende der Welt

Ihren im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Er hat lange nachgehallt, nicht nur wegen des Inhalts, sondern vor allem wegen des sehr einfühlsamen Schreibstils der amerikanischen Autorin. Nun hat der Eisele-Verlag auch ihren Debütroman veröffentlicht, der in seiner behutsamen Erzählweise dem anderen Buch in nichts nachsteht.

Erzählt wird die Geschichte von Greta, die Ende der vierziger Jahre in Irland geboren wird, als jüngstes Kind nach vier Brüdern und einer älteren Schwester, Johanna. Die Familie ist arm und muss zum Überleben dem illegalen Lachsfang nachgehen. Das führt zu Unheil und noch größerer Armut, während das Dorf, in dem die Familie lebt, immer einsamer wird. Denn nach und nach wandern die Einwohner ab, entweder in größere Städte oder noch weiter, nach Australien, Neuseeland oder Amerika.

Dorthin reist schließlich auch Greta zusammen mit Johanna und dem jungen Michael, der den umherziehenden Travellern entstammt und zuletzt im Hof der Familie zur Hand ging. Aus der Beziehung dieser drei Menschen zueinander, die zum Zeitpunkt ihres Auswanderns noch blutjung sind, entwickelt sich eine hochdramatische, spannende und sehr berührende Lebensgeschichte. Weiterlesen

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Rebecca Gablé: Drachenbanner

Es geht zurück nach Waringham. Endlich. Und in diesem Band findet Rebecca Gablé auch wieder den Erzählfluss, den ich bei ihr so liebe. Und trotzdem ist dieser and doch anders als die anderen. Denn diesmal spielt nicht ein Mitglied des Adels die Hauptrolle – auch kein gefallenes – sondern ein Leibeigener. Unfrei geboren, vollkommen abhängig von seinem Lehensherrn, der in diesem Fall ein eher böser Waringham ist, fällt es Bedric von Anfang an schwer, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Das Leben hat es ihm auch nicht einfach gemacht. Seine Mutter war die Amme der Adela von Waringham und da die meisten Waringham – außer dem aktuellen – eigentlich gute Herren sind, wächst er in den ersten Jahren auf der Burg beinahe gleichberechtigt mit seiner Ziehschwester auf. Das bedeutet, er kennt die andere Seite und mag sich mit seiner so gar nicht abfinden. Nach dem Tod seines Vaters hatte er die Summe für seine Freilassung schon zusammen, aber sie wird ihm gestohlen. Das ist zu viel, er flieht nach London, um „nah einem Jahr und einem Tag“ frei zu sein. Kein einfaches Vorhaben, aber in diesem Fall erfolgreich. Und dann lernt er Simon de Montfort kennen. Er ist der Schwager des Königs, aber hat für einen Adeligen geradezu unziemliche Gedanken über Gleichberechtigung und Mitsprache. Dass der König eine Fehlentscheidung nach der anderen trifft, schadet seiner Sache nicht gerade. Weiterlesen

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Theresia Enzensberger: Auf See

Entlang zweier Handlungsstränge führt Theresia Enzensberger ihre Leser:innen durch diese Dystopie. Der erst befasst sich mit Yada. Sie wächst auf der Seestatt auf, einer künstlichen Insel in der Ostsee vor Deutschland. Ihr Vater war maßgeblich an deren Erbauung beteiligt und ist dort der unmissverständliche Chef. Yadas Mutter ist an einer rätselhaften Krankheit gestorben. Weitere Kinder gibt es auf Seestatt nicht. Ursprünglich sollte die Insel Visionäre vor dem Chaos einer untergehenden Welt retten, autark und demokratisch funktionieren. Inzwischen ist sie aber ein heruntergekommenes Refugium einiger weniger schräger Kauze, die von modernen Sklaven bedient werden. Diese „Mitarbeiter“ müssen abseits auf einem ausrangierten Kreuzfahrtschiff unter üblen Bedingungen hausen. Yada wird von ihrem despotischen Vater überwacht, isoliert und unter Medikamenten gehalten, damit ihr nicht das Schicksal ihrer Mutter widerfährt. Führende Wissenschaftler dieses Planenten unterrichten sie online, ihr Tag ist durchgetaktet und alles Künstlerische, Musische wird von ihr ferngehalten, um ihren Geist nicht zu gefährden. Mit 17 Jahren beginnt sie aber trotzdem, den Blick über den engen Horizont hinaus zu heben, sich Fragen zu stellen und unerlaubt im Computer ihres Vaters zu stöbern. Weiterlesen

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