Luka Holmegaard: Look

Kleidung hat unterschiedliche Liebesaffären und vieles mehr. Extravaganz, Luxus, Exzess.“ (S. 26)

Luka Holmegaard (ehemals Ida) ist 1990 in Dänemark geboren und studierte Literarisches Schreiben. „Look“ ist das dritte Werk, diesmal ein Hybrid aus Essay und Roman.

Für mich persönlich ist es revolutionär einzigartig, daher definiere ich es neu: holmegaardesk. Denn der Roman ist auch literarisch ein Genuss, zum Brillanten geschliffen durch die Übersetzung von André Wilkening.

Da zu liegen, fühlt sich luxuriös an, ich gönne mir das, wie Champagner am Vormittag.“ (S. 9)

Diese bezaubernde Lektüre schafft ein Bewusstsein für facettenreiche Denkperspektiven über Identität und Geschlechterrollen.

Dabei sprüht „Look“ nur so vor bemerkenswerten Details und Interpretationen über Kleidung, Sprache und Stil. Intelligent und galant verwebt Luka die Rollenbilder der Geschlechter, Literatur, Transformation, Kultur, Liebe, aber auch Burnout und die eigene Geschlechtsidentität werden tagebuchartig aufgespalten. Federleicht erspürt Luka ganz feinsinnig den zarten Stoff, der zwischen uns allen den Unterschied unserer Einzigartigkeit kreiert. Weiterlesen

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Ursula Poznanski: Stille blutet

Auch wenn Thriller draufsteht, ist dieser Roman meiner Meinung nach eher ein Krimi. Denn es geht vor allem um die Aufklärung eines Verbrechens oder einer Serie von Verbrechen. Laut der mir bekannten Erklärungen liegt der Unterschied zwischen Thriller und Krimi darin, dass in erstem das Verbrechen noch nicht geschehen ist und sich daraus die Spannung generiert.

Dabei ist Ursula Poznanski absolut berühmt für ihre Thriller und eine meiner liebsten Autorinnen. Ihre Romane sind fast immer hochspannend, dramatisch und lassen die Leserin atemlos der Handlung folgen. Dieser neue Roman allerdings schwächelt im Vergleich mit ihren anderen Büchern, wobei er natürlich immer noch eine stilistisch gelungene Geschichte erzählt.

Worum geht es: Die Handlung beginnt damit, dass die unsympathische Moderatorin Nadine ihren eigenen Tod ankündigt, und zwar vor laufenden Kameras, live im Fernsehen. Wenig später ist sie tatsächlich tot, grausam ermordet. Sehr schnell gerät ihr früherer Freund Tibor in Verdacht. Weiterlesen

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Virginia Woolf: Mrs Dalloway (1925)

London im Juni 1923. Mrs. Clarissa Dalloway, die Gattin des Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway, bereitet sich und das Haus auf einen ihrer beliebten Gesellschaftsabende vor. Einkäufe müssen getätigt und dem Hauspersonal letzte Anweisungen erteilt werden. Während sie am Nachmittag dann noch ihr Kleid ausbessert, erscheint überraschend Besuch: Peter Walsh, ihre erste Liebe, dem sie später allerdings den deutlich solideren Richard Dalloway vorgezogen hatte, ist aus Indien zurückgekehrt und wartet ihr mit seinem Besuch auf.

Gleichzeitig streift der Kriegsheimkehrer Septimus Warren Smith, begleitet von seiner italienischen Ehefrau Lucrezia, durch die Stadt, auf der Suche nach Hilfe gegen seine Ängste und gegen das Gefühl der Empfindungslosigkeit.

Die äußere Handlung ist auf wenige (scheinbar) alltägliche Ereignisse an ebendiesem Junitag 1923 reduziert, das Voranschreiten der Zeit wird durch das Leuten von Big Ben verdeutlicht, dessen viertelstündlicher Glockenschlag zugleich dem Roman, der im Übrigen ohne Kapitel auskommt,  Struktur verleiht. Weiterlesen

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Frances Cha: Hätte ich dein Gesicht

Fünf junge Frauen aus Seoul stehen in diesem Buch im Mittelpunkt. Kyuri arbeitet in einem Room- Salon. Männer, die es sich leisten können, verbringen dort gesellige Stunden und suchen Zerstreuung an der Seite hübscher Mädchen. Kyuri ist der Star in ihrem Room-Salon, weil sie so unglaublich schön ist. Was niemand weiß, sie ist heillos bei der „Madame“ des Etablissements verschuldet und ihre Schönheit hat sie der plastischen Chirurgie zu verdanken. Kaum etwas an ihr ist nicht operiert. Außerdem trinkt sie zu viel. Kyuri teilt sich eine kleine Wohnung mit Miho. Sie ist Künstlerin und sehr talentiert. Bei einem Aufenthalt in New York, ermöglicht durch ein Stipendium, lernt sie die superreichen Koreaner in den USA und ihre Welt kennen. Miho aber will es in der Kunstszene ohne Protektion schaffen. Im selben Wohnblock wie Kyuri und Miho leben Sujin und Ara. Sujin ist mit Miho im Waisenhaus groß geworden und möchte unbedingt in einem Room-Salon arbeiten. Dafür spart sie an allen Ecken und Enden, um sich eine Schönheitsoperation leisten zu können. Bei der Operation brechen die Ärzte ihr Kiefer und kreieren ein perfektes Gesicht. Nach einem schier endlosen Heilungsprozess bleiben ihr Kinn und die Mundpartie jedoch taub. Ara hat als Teenager ihre Stimme verloren. Weiterlesen

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Micaela A. Gabriel: Die Frauen vom Reichstag 02: Ruf nach Veränderung

Marlene von Runstedt und Sophie Maytrott brechen in eine ungewisse Zukunft auf. Eine Weile haben sie sich nur auf ihre Arbeit konzentriert und die Vorzeichen auf eine rückwärtsgewandte Gesellschaftspolitik nicht wahrgenommen. Nachdem beide von ihren Eltern gefördert wurden, Jura studierten und als Abgeordnete für demokratische Werte und Frauenrechte kämpfen, stehen ihnen nach wie vor gesellschaftliche Konventionen im Weg. Gebildete Frauen sind nach dem Ersten Weltkrieg eine unerwünschte Randerscheinung. Beide erleben Rückständigkeit und die Folgen der Armut. Gleichzeitig beobachten sie, wie Nationalsozialisten prügelnd und pöbelnd immer mehr Unterstützung in der Bevölkerung erfahren.

Beide müssen folgenreiche Entscheidungen treffen.

In ihrem zweiten Band der Trilogie Die Frauen vom Reichstag zeigt Micaela A. Gabriel erneut, wie wichtig Politik und Frauenrechte im alltäglichen Leben sind. Sie beeinflussen das Leben von Marlene und Sophie bereits bei kleinsten Entscheidungen. Als Wegbereiter für Freiheit und demokratische Werte haben sie die Menschen im Blick, die sich nicht so gut wehren können. Am Beispiel der historisch belegten Schüler-Tragödie zeigt sich, wie leicht ein achtzehnjähriger Arbeitersohn durch unglückliche Umstände zum Tode verurteilt werden kann. Weiterlesen

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Louise Nealon: Snowflake

Eine liebenswertere, aber auch eine chaotischere Hauptfigur habe ich lange nicht getroffen in einem Roman. Die irische Autorin erzählt in ihrem Debütroman warmherzig und berührend in vielen Episoden vom so gar nicht einfachen Landleben und dem Erwachsenwerden der Debbie White.

Die blutjunge Debbie wird auf einem Milchbauernhof groß, fern der Großstadt und fern dem „normalen“ Leben. Denn ihre Mutter Maeve lebt ihre Träume, träumt ihr Leben. Und Debbies Onkel Billy, der in einem Wohnwagen haust und mit Debbie in die Sterne schaut, zitiert die alten Griechen und hält zusammen mit James, dem Liebhaber von Maeve, den Hof am Laufen.

Als Debbie 18 wird, beginnt sie ein Literaturstudium in Dublin, pendelt jeden Tag vom Hof in die Stadt, vom Landleben ins Stadtleben. Dort prallen zwei Welten aufeinander und die so weltfremd aufgewachsene Debbie scheitert auf ganzer Linie. Das klingt dramatischer als es im Roman beschrieben ist, denn das Leben und Leiden Debbies wird mit zartem Humor, mit Lakonie und ohne Larmoyanz erzählt. Die Autorin verurteilt ihre Figuren nicht, sie schildert mit Empathie und sanfter Ironie, so dass man im Laufe der Handlung Debbie regelrecht liebgewinnt, auch wenn sie oft unverständlich agiert. Weiterlesen

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Cormac McCarthy: Der Passagier

Der 1933 geborene US-amerikanische Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy ist in Deutschland besonders durch seinen Bestseller „Die Straße“ (2006) bekannt. Auch die Romanvorlage zum Kinofilm „No Country for Old Men“ stammt von ihm.

Sein neuestes Werk ist ein inhaltlich zusammenhängender Doppelroman. Teil eins, „Der Passagier“, beginnt mit einem Bergungstaucher namens Western, der in einem Flugzeug auf dem Meeresgrund neun Leichen entdeckt. Es fehlen der zehnte Passagier sowie der Flugschreiber. Bald darauf wird Western von geheimnisvollen Männern verfolgt und muss fliehen.

„Der Passagier“ ist alles andere als leichte Kost. Der Roman wirkt wie Stückwerk, in dem sich eine Szene an die andere reiht, ohne dass sich ein Gesamtzusammenhang erkennen ließe. Weiterlesen

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Helga Schubert: Lauter Leben

Einfach genial: Die 2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin beherrscht nicht nur Kurz-, sondern auch Kürzestgeschichten. Unglaublich, wieviel Leben sie auf eine Seite packen kann. Helga Schubert hat den Blick für die kleinen Spitzen des Alltags, für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Bei diesem Erzählband handelt es sich um Schuberts Frühwerk, ihrem ersten Erzählband aus dem Jahr 1975. Obwohl ihre Geschichten vor 47 Jahren in der damaligen DDR spielen, wirken sie erstaunlich zeitlos. Ob Single-Frauen, Haustiere, Affären, Theaterinszenierungen HINTER dem Vorhang, das Verhalten von Menschen auf Seminaren – die Autorin überwindet im wahrsten Sinne des Wortes Mauern und Dekaden. Witzig, hintergründig, großartig!

„Er sitzt an der Bar. Mit einem nackten Gesicht. Wimpern und Augenbrauen und Haare haben eine Tarnfarbe.“ (S.41). Mit wenigen Worten macht Schubert einen Charakter lebendig, bei dem wir von Anfang an ahnen, dass seine Flirtversuche zum Scheitern verurteilt sind. Sprachlich virtuos löst die Autorin in nur eineinhalb Seiten den Titel der Erzählung „Taube Ohren“ auf. Durch ein geschmeidiges Stakkato an kurzen, treffsicheren Sätzen.

Zum Niederknien komisch ist die Erzählung „Der Hund“. Ein Kind möchte einen Hund als Haustier, was die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht billigen. Nun wird es mit einem Ersatztier – genauer: zwei Vögeln – abgespeist. Mit mäßigem Erfolg. Ihr schlechtes Gewissen treibt sie zu weiteren Anschaffungen tierischer Art. Die Lage eskaliert. Weiterlesen

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Tanya Byrne: Everlove – Bis übers Ende dieser Welt hinaus

Die queere Autorin Tanya Byrne ermutigt Autor*innen aus Randgruppen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Dafür setzt sie sich passioniert ein und entführt uns in „Everlove“ in einen paranormalen, bittersüß-tragischen Young Adult-Romance.

Die Story dreht sich um Ashana, ein 16-jähriges britisch-indisch-guayanisches Mädchen, die mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Brighton lebt. Doch Ash stirbt – mitten in ihrer eigenen Liebesgeschichte. Das einzige, was Ash und ihre erste Liebe Poppy trennt, ist der Tod. Dies war meine erste lesbische Liebesgeschichte und sie hat mich wirklich verzaubert, da sie einzigartig ist und aus einer authentischen Perspektive geschrieben wurde.

Ich bin die, mit denen sie experimentieren. Die, bei der sie sich gehenlassen können, weil ich es nie irgendwem erzählen werde. Ich bin die, deren Nummer sie unter Alfie oder Harry oder Luke abspeichern. Die Hüterin ihrer Geheimisse […].“ (S. 39)

Ich habe es sehr genossen in der ersten Hälfte dieses Buches in Ash und Poppys frische Beziehung einzutauchen, zu lesen, wie sie sich kennenlernen und ineinander verlieben. Liebesgefühle, bei denen jeder Gedanke in ihren Köpfen durch die Freundin ersetzt wird und Ash sich fragt, ob Poppys Lippen so schmecken, wie sie Torte an ihrem dreizehnten Geburtstag, als die das letzte Mal so unfassbar glücklich war. Weiterlesen

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Nicolas Mathieu: Connemara

Der Prix-Goncourt Preisträger von 2018, Nicolas Mathieu (Jahrgang 1978), hat einen neuen Roman geschrieben. „Connemara“ ist am 26. September 2022 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag erschienen. Lena Müller und André Hansen haben ihn aus dem Französischen übersetzt.

Wie in „Rose Royal“ aus dem Jahre 2020 hat sich Nicolas Mathieu wieder eine weibliche Protagonistin ausgesucht. Hélène ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin und verheiratet mit Philippe. Sie haben zwei Töchter. Die Familie ist nach Hélènes Burn-out aus Paris nach Nancy gezogen, in die Nähe ihrer alten Heimatstadt Cornécourt in der Region Grand Est, Frankreich. Hélène stammt aus einfachen Verhältnissen und ist stolz auf ihre Karriere und Milieuflucht.

Mathieus zweite Hauptfigur Christophe Marchal, ehemaliger Eishockeystar, lebt immer noch in Cornécourt und fährt als Vertreter für Hundefutter durch Lothringen. Er hat einen kleinen Sohn, eine gescheiterte Ehe  mit Charlie und einen Vater mit beginnender Demenz. Hélène und Christophe kennen sich aus der Schule. In Rückblenden beschreibt Mathieu ihre Jugend. Als die beiden sich nach etlichen Jahren wieder treffen, beginnen sie eine Affäre. Weiterlesen

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