Die Abenteuer in dieser Geschichtensammlung spielen sich nicht nur in der kanadischen Wildnis ab, sie schwelen zwischen den Menschen. Insgesamt sechzehn Storys mit den verschiedensten Kulissen wurden hierfür ausgewählt. Einige der Titel kennt man und hat sie vielleicht auch schon gelesen, wie den Auszug aus Jakob Arjounis Roman „Magic Hoffmann“, einen Ausschnitt aus John Irvings „Letzte Nacht in Twisted River“, Alice Munros Geschichte „Das gefundene Boot“ aus ihrem Erzählband „Was ich dir schon immer sagen wollte“ oder die Geschichte „Hochwasser“ aus Joyce Carol Oates Erzählband „Grenzüberschreitungen“. Weitere Autoren sind Leonard Cohen („Das Lieblingsspiel“), Margaret Atwood („Das Labrador-Fiasko“), Brian Moore („Schwarzrock“) uvm..
Autor: Leselust Team
Jan Steinbach: Das Café der kleinen Kostbarkeiten
Luise und Ludwig sind die Protagonisten in einer Geschichte, in der Zimt, Marzipan, Kekse und der Weihnachtsmarkt von Lübeck, gewürzt mit einer gehörigen Portion Romantik, den perfekten Nährboden für eine Liebesgeschichte bieten. Wer es angesichts der Vornamen bereits ahnt: Luise und Ludwig sind dem Teenager-Alter seit einiger Zeit entwachsen.
Luise verhält sich jedoch wie ein Teenager, jedenfalls, wenn es nach Jochen, ihrem Sohn geht. Sagt die Mutter unvermittelt das gemeinsame Weihnachtsfest ab und fährt von Frankfurt nach Lübeck, um in der Hansestadt das Weihnachtsfest mehr oder weniger allein zu verbringen. Normal ist so etwas doch nicht, oder? Luise hat ihre Gründe. Hubert, ihr verstorbener Mann, und sie hatten sich geschworen, ein Weihnachtsfest in der Stadt mit Holstentor an der Ostsee zu verbringen. So wie einst einmal, als sie eine unvergesslich schöne Zeit hier erlebten.
Derweil muss Ludwig sein kleines Café aufgeben. Nur noch ein Weihnachtsfest. Die Kuchen- und Gebäckbackerei ist einfach nicht lukrativ genug. Seufzend betrachtet er die leeren Stühle in seinem Café und die fehlenden Kunden am Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Da taucht die Frankfurter Luise auf, deren Hobby das Backen von Kuchen und Gebäck ist. Weiterlesen
Richard Morgan: Das Zeitalter der Helden 02: Imperium
Wir kennen sie zur Genüge – die jungen, muskelbepackten Recken die mit einem Lächeln im Gesicht über die Schlachtfelder der Fantasy-Romane schreiten, links und rechts den klinisch reinen Tot verteilen und im Finale ihre Welt von dem Bösen gerettet haben. Vor einigen Jahren nahm sich Richard Morgan, der mit den Takeshi Kovaks Romanen im Bereich der SF neue Maßstäbe setzte, der gängigen Fantasy-Archetypen an, wandelte sie in seiner ganz eigenen Art und Weise und präsentierte uns Helden, die nicht nur ein wenig anders waren, als gewohnt. Drei Figuren beherrschten Mogans Fantasy-Debut – Ringil Eskiath, einst gefeierter Held ein Veteran, der schon unzähligen Gegnern die Gedärme aus dem Bauch geschlagen hat, der mit seinem Schwert eine Legende war, der mittlerweile nur mehr Angst und Schrecken verbreitet. Egar Dragonbane, ein Majak, ein Nomade der ungewöhnlich intelligente Einsichten über die Herrschenden der Reiche hegt und Archeth, eine mehr als 200 Jahre alte Kiriath, die als Ratgeber dem Empire von Yhelteth dient. Alle drei waren und sind kein übliches Heldenmaterial, sie agieren wild, unbeherrscht, egoistisch und mitreißend.
Die Handlung setzt etwa ein Jahr nach den Ereignissen im ersten Band ein. Der aus seiner Heimat verbannte Ringil hat sich ein neues Betätigungsfeld gesucht – er bekämpft den Sklavenhandel und hat dabei erstaunliche Erfolge erzielt, die sich in einem enormen Preisgeld, das auf seinen Kopf ausgesetzt ist, widerspiegelt. Als ihm der Boden zu heiß wird, hofft er in Yhelteth Aufnahme und Schutz zu finden. Weiterlesen
Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns
Ein sehr interessantes und lehrreiches Buch. Es ist die teils wahre, teils fiktive Biographie eines besessenen Tüftlers und spät anerkannten Physikers. Sein Name ist Hermann Oberth, der mir allerdings vorher noch nie untergekommen ist. Ich bin aber, ehrlicherweise, auch nie tief in die frühe Antriebs- und Raketentechnik eingetaucht, und – später auch nicht. Was aber in dem Roman über Hermann Oberth wohl herauskommt, ist ein Abriss des 20 Jahrhunderts. In Zeitgeschichte und Wissenschaft. Wir wissen alle, was für gigantische Erkenntnisse und Theorien, sowie Entdeckungen und nicht zuletzt zwei Weltkriege und der Holocaust dieses Jahrhundert überstrahlen und meist beschatten.
Am Beispiel von Hermann Oberth werden wir durch diese Dramatik geführt und lernen dabei viel. Man muss auch kein großartiges Licht in Physik sein um zu verstehen, dass es Raketen auf Grund ihrer Schwere immer schwer haben werden die Erdgravitation zu verlassen. Das ist die Crux mit der sich Oberth sein Leben lang beschäftigt obwohl er früh die richtigen Ideen hatte. Zum Beispiel, Raketen ins All zu schießen und nacheinander die Stufen zu zünden. Egal. Um die Erdanziehungskraft zu verlassen braucht man umso mehr Energie je schwerer das Raumschiff ist. Weiterlesen
Richard Morgan: Das Zeitalter der Helden 01: Erwachen
Mögen Sie Fantasy-Romane? Gehen Sie auch gerne an der Seite der jungen, gutaussehenden und schlagkräftigen Helden auf die Questen gegen das Böse? Nun, dann wird sie der erste von drei Fantasy-Romanen aus der Feder eines der eigenwilligsten SF-Autoren der letzten Jahre überraschen. Erzählt wird, einmal mehr, die Geschichte einer dunklen Bedrohung einer archaischen Welt. Die Dwenda, gottähnliche Wesen, die vor Urzeiten von den Kiriather vertrieben wurden, sind zurück. Und sie wollen die Macht über die Welt an sich reißen, die Menschen leiden sehen.
Soweit so gut. das kennen wir ja, ist nichts wirklich umwerfend Neues. Doch die Auseinandersetzung wird uns aus mehreren wirklich ungewöhnlichen Blickwinkeln erzählt. Vorhang auf für unsere drei Protagonisten. Da ist zunächst einmal Ringil. Er ist der Held. Dass seine beste Zeit lange vorüber ist, dass er von den Wunden, die der Krieg ihm geschlagen hat, ja mehr noch von denen, die die Zeit ihm mitgab geprägt wurde, trifft es nicht annähernd. Ein alter, seltsamer, zynischer Dickkopf ist er und schwul noch dazu. Dann gibt es da Archeth, eine etwas launische, manche würden sie, allerdings mit eingezogenem Kopf und hinter vorgehaltener Hand auch als aufbrausende, alternde Zicke bezeichnen, Kriegerin. Hinzu gesellt sich Egar, der Drachentöter. Ein Barbar, mittlerweile Klanherr, der aus der Zivilisation nach Hause zurückgekehrt sich einen Dreck um überkommene Sitten und Gebräuche, gar nicht zu reden um den örtlichen Schamanen schert. Weiterlesen
Nicolas Gorny: Die schaurigen Fälle des Derek Schlotter – FRANKENfrosch lebt!
Was kann die Folge von einem Klassenbucheintrag zu viel sein? In Derek Schlotters Falls ist dies die Pausenaufsicht. Während der Hobby-Kriminalist eher missmutig diese Aufgabe erledigt, hört er plötzlich ein seltsames Geräusch aus dem Schulkeller. Dort hantiert der Hausmeister Frankenkiesel in einem Labor. Dereks Fragen beantwortet der Hausmeister seltsam ausweichend mit „einem geheimen Experiment“.
Dereks Neugier ist geweckt und so beschließt er zusammen mit seinem Freund Mesut und dem Detektivhund Rufus dem geheimen Labor im Keller der Schule einen nächtlichen Besuch abzustatten. Geplant, getan, die drei Freunde dringen dank dem Dietrich-Set von Vater in das Labor des Grauens vor. Hier finden sie unter anderem die seltsame Tinktur mit dem Namen „Wachstumssirup“. Was wohl geschieht, wenn man diese Tinktur auf einen Schokoriegel aufträgt? Weiterlesen
Géraldine Dalban-Moreynas: An Liebe stirbst du nicht
So etwas muss man mögen, sich darauf einlassen. Das ist mir leider nicht gelungen.
Das lag aber nicht am Stil der Autorin. Im Gegenteil, der war erfrischend anders, kühl, distanziert, analytisch. Fast wie der Bericht einer Wissenschaftlerin, die ein Forschungsobjekt beobachtet. Oder wie das Tagebuch eines Verhaltensforschers, der die Reaktionen der Probanden unter die Lupe nimmt. Dazu trägt besonders bei, dass die Protagonisten einmal mehr namenlos bleiben, es gibt nur eine Sie und einen Er.
Was mir an diesem Roman so gar nicht zusagt, ist das Gleiche, was mich auch an dem berühmten Roman „Liebesleben“ von Zeruya Shalev so gestört hat: die Handelnden befinden sich in einer Blase, es findet außerhalb ihrer eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse nichts statt. Wobei diese Bedürfnisse für die beiden Beteiligten über allem stehen, ohne Rücksicht auf Verluste. So etwas mag es sicher geben, für mich ist das dennoch zu unrealistisch, zu weit weg vom „normalen“ Leben und zu weit weg von „normalen“ Menschen.
All das führt dazu, dass mir die Protagonisten fremd blieben, ich konnte keine Empathie entwickeln, mich weder in sie hineinversetzen noch nimmt mich ihr Schicksal irgendwie für sie ein. Weiterlesen
Anne Stern: Fräulein Gold: Scheunenkinder
„… ‚Mich gruselt es‘, sagte Hulda und ließ ihren Blick über die verwaisten Bürgersteige … gleiten, ‚zu sehen, wie wir hier in Berlin vor die Hunde gehen … Dieser Ausnahmezustand muss ein Ende haben!‘“ (S. 279)
Das Geld hat im Oktober 1923 kaum einen Wert. Jeder Bürger ist mehrfacher Millionär und kann sich doch kein einziges Hühnerei leisten, sofern man es überhaupt kaufen kann.
Die Hebamme Hulda Gold hat sich im Berlin der zwanziger Jahre einen Namen gemacht. Viele Frauen wissen, dass sie bei der engagierten jungen Frau in guten Händen sind. Über die Vermittlung ihres Vaters lernt sie eine jüdische Familie im berüchtigten Scheunenviertel kennen. Zwiste, Religion und die tiefe Armut bieten der neu hinzugezogenen Familie einen Nährboden für noch mehr Leid. Zwei Tage nach der Entbindung eines gesunden Jungen ist dieser spurlos verschwunden und die Mutter an einer Wochenbettdepression erkrankt. Was Hulda am meisten irritiert, ist die Erleichterung der Schwiegermutter. Und es sieht so aus, als wäre Hulda die Einzige, die das Neugeborene finden will. Ohne den mit ihr befreundeten Kommissar beginnt sie mit der Recherche, während Karl förmlich in unzähligen Delikten ertrinkt. Inzwischen hat er einige Kollegen, die nur schützend eingreifen, wenn die Religion des Opfers mit ihrer Weltanschauung im Einklang steht. Weiterlesen
Uta Ruge: Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang.
Uta Ruge ist in einem Dorf in Niedersachsen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Sie erzählt in ihrem Buch die Geschichte ihrer Familie, ihres Dorfes, ja die Geschichte der Bauern in Deutschland allgemein. Dabei spannt sie einen großen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart.
Die unlösbar anmutende Aufgabe, europäische und deutsche Agrargeschichte über den Zeitraum von fast 2000 Jahren beschwingt lesbar darzustellen, gelingt Frau Ruge mit Bravour.
In Rückblenden, verpackt in überschaubare Kapitel, wechselt sie leichtfüßig zwischen gestern und heute, zwischen Politik und Sozialgeschichte, zwischen Heimatdorf und Weltgeschehen und stellt die Zusammenhänge her. Denn der Mikrokosmos Neubachenbruch ist mit dem Makrokosmos darum herum untrennbar verbunden. Neue Gedanken, politische Verfügungen und diverse Erfindungen erreichen das Dorf genauso wie die Kriege. Später verlassen es die Menschen, um in der Umgebung den Lebensunterhalt zu verdienen oder weil sie sich in Amerika eine bessere Existenz erhoffen. Andere ziehen zu, wollen eine neue Chance ergreifen.
Erinnerungen an das Leben am Land früher stehen den heutigen Gegebenheiten gegenüber. Frau Ruges Bruder Waldemar bewirtschaftet gemeinsam mit Frau und Sohn den Hof noch heute. Er führt einen Milchviehbetrieb mit 140 Kühen.
Von der vermeintlichen Idylle damals, betrachtet aus Kinderaugen, ist nicht mehr viel übrig. Den romantischen Blick auf das Bauerndasein demontiert die Autorin zur Gänze, wenn sie zum Beispiel von den Auflagen berichtet, die ein Bauer heute erfüllen muss. Sie macht das Spannungsfeld, in dem sich Landwirtschaft im 21. Jahrhundert befindet, drastisch deutlich. Weiterlesen
Hannah Lynn: Wer will schon ewig leben
Was für ein aberwitzig witziges Buch. Die Autorin lässt ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf und heraus kommt ein gelungener Roman um einen seit 200 Jahren in der Zwischenwelt festsitzenden armen Tropf.
Dieser arme Kerl heißt Walter Augustus und er hängt so lange in dieser Zwischenwelt fest, so lange sich auf der Erde noch irgendjemand an ihn erinnert. Nun hat er Aussicht auf Aufstieg ins Jenseits, denn die letzte Nachfahrin seiner Familie liegt im Sterben und Walter hat die große Hoffnung, dass sich danach niemand mehr an ihn erinnern wird. Doch er hat sich zu früh gefreut. Denn Walter, seinerzeit Hufschmied von Beruf, hat zu Lebzeiten Gedichte verfasst, die ein wohlmeinender Adliger heimlich drucken ließ. Aufgrund eines, nennen wir es Unfalls, bleibt von diesen Bänden nur ein einziger erhalten. Und dieses Exemplar gelangt nun in unserer Zeit in die Hände von Letty, einer schüchternen, etwas übergewichtigen Schuhverkäuferin und Hobbybäckerin mit einem zu großen Hang zu Süßigkeiten. Also muss Walter nun alles daransetzen, dieses letzte Exemplar seiner Gedichte zu vernichten und die Erinnerung an seinen Namen aus Lettys Gedächtnis zu löschen.
Unterstützung bekommt er dabei von dem ebenfalls in die Zwischenwelt zurückkatapultierten Pemberton, denn diesem war Walters Gedichtband gewidmet, sowie von Hector, einem reichlich sonderbaren Gesellen, der von wirren Ideen und absurden Ideen nur so sprudelt. Weiterlesen