Peter Sonnenbichler: Wirf deine Krücke ins Abendrot

„Wirf deine Krücke ins Abendrot!“ ist das Debüt von Peter Sonnenbichler. Auf mehr als 200 Seiten verführt der Lyriker mit kraftvollen und doch sensiblen Zeilen in eine schöne Vergangenheit oder auch Parallelwelt, ohne die Gegenwart dieser Erde zu vernachlässigen. Der Autor nimmt LeserIn mit dem lyrischen Ich an die Hand und zeigt Ästhetik ohne Kitsch, prangert an ohne Stereotype.

Die Lyrik von Sonnenbichler ist erfrischend neu. Nicht nur im Format. Die Zeilen wimmeln vor Neologismen, die mit Aussagekraft zu überzeugen wissen. Eingeteilt ist das Buch in sechs Kapitel, die von wilden Blumen, dem roten Stern im Süden, Herzfüllungen, dem Abererkennen und dem damaligen Zauberfrühling handeln. Textbeispiel gefällig?

„kaum bewegt sich ein blatt
flach geht der atem der welt
und die polkappen hängen sicher schon
durch bis zu den wendekreisen.
da ist die luft draußen.“ Weiterlesen

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Sebastian Fitzek (Hrsg.): Identität 1142: 23 Quarantäne-Kurzkrimis

Zufälligerweise las ich diese Anthologie ausgerechnet am Halloween-Wochenende. Und das hat sowas von gepasst. Denn die Texte, die hier versammelt wurden, sind spannend, gruselig, komplex und richtig gut geschrieben.

Das Ganze ist ein besonderes und wirklich gelungenes Projekt. Mitten in der ersten Corona-Welle rief der bekannte Krimiautor Sebastian Fitzek in Instagram dazu auf, unter dem Motto #wirschreibenzuhause Kurzkrimis zu schreiben. Vorgegeben waren ganz genaue Parameter, nämlich:

das Thema Identität
jemand findet ein fremdes Handy mit Fotos von sich selbst darauf
die Hauptfigur hat ein dunkles Geheimnis
das Motiv ist Rache
der Gegner leidet unter dem genannten Geheimnis noch immer.

Insgesamt 1142 Geschichten wurden eingereicht, aus denen die Jury, bestehend aus etlichen hochrenommierten deutschsprachigen Krimiautor*innen, 13 Texte für diesen Band auswählten. Zusätzlich steuerten 10 bekannte Autor*innen, wie z.B. Charlotte Link, Ursula Poznanski, Frank Schätzing, Romy Hausmann und natürlich Sebastian Fitzek selbst, eigene Kurzkrimis bei, die allerdings nur das erste der Parameter erfüllen mussten. Weiterlesen

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Erik Eggers: Der Mensch als Fisch

Der Husumer Otto Kemmerich (1886 – 1952) war ein Extremsportler, der das Abenteuer im Meer suchte. Nach seiner beruflichen Karriere als Herausgeber von mathematischen Formeln wurde er Profischwimmer. Hierfür entwickelte er den Schwimmstil in Seitenlage weiter und schwamm lebensgefährliche und damit auch medientaugliche Routen. Ganz auf sich gestellt suchte er das offene Meer bei jedem Wetter, jeder Strömung und Wassertemperatur, um nach Stunden zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle vor Publikum an Land zu gehen.

Vorträge und Gastspiele in den Kurorten, der Verkauf von Autogrammen und vieles mehr dienten der Versorgung seiner Familie. Auch das lukrative Preisgeld für die Querung des Fehmarnbelts half ihm, seine Berühmtheit zu festigen. Vermutlich hätte er den Ärmelkanal in einer sehr guten Zeit schaffen können. Er wollte unbedingt schneller sein als Trudy Ederle, um die Überlegenheit des Mannes wieder ins richtige Licht zu rücken. Doch unterwegs wurde er vermutlich von einem Hai attackiert und verletzt, so dass seine Begleiter den bewusstlosen Kemmerich aus dem Wasser ziehen mussten. Einen zweiten Versuch dieser kostspieligen Expedition konnten weder sein Sponsor noch er selbst stemmen. Damit platzte Kemmerichs Traum, für seine Familie eine finanzielle Absicherung zu schaffen. Also tingelte er weiter mit immer neuen spektakulären Aktionen zu den friesischen Kurbädern. Weiterlesen

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Roberta Rio: Der Topophilia-Effekt: Wie Orte auf uns wirken

Die Historikerin Roberta Rio untersucht in ihrem Buch ein interessantes Phänomen. Jeder von uns kennt vermutlich die Tatsache, dass man sich an bestimmten Orten besonders wohl- oder unwohl fühlt. Diesem Umstand versucht sie, ausgehend von eigenen Erfahrungen, auf den Grund zu gehen. Weil ihre Mutter an Krebs erkrankte, startete sie umfassende Nachforschungen:

Der Gedanke, dass mein Elternhaus beziehungsweise dessen Standort den Verlauf der Krankheit meiner Mutter beeinflusst haben könnte, ließ mich von da an nicht mehr los. Unter anderem wurde mir bewusst, dass ich mich dort noch nie wirklich wohlgefühlt hatte. […] Ich versuchte also, mit historischen Recherchen den roten Faden zu finden, der sich durch die Schicksale zog, die sich an einem Ort zugetragen hatten.“ (S. 74f.)

Frau Rio betont mehrmals, die Naturwissenschaften nicht belehren zu wollen. Zu schnell werde man als Para- oder Pseudowissenschaftler bezeichnet. Tatsächlich muten manche Berichte über „entstörte“ Unfallhäufungsstellen oder über ganz Europa verteilte, mit „roten Kreuzen“ markierte Orte etwas seltsam an. Es wird von Erdstrahlung berichtet und von unterirdischen Wasseradern, die Plätzen eine besonders intensive Energie gäben. Weiterlesen

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Ben Smith: Dahinter das offene Meer

Schon nach den ersten Zeilen wusste ich, woran mich der Roman erinnerte:  „Die Straße“ von Cormac McCarthy. Ich schrieb damals (2007): „Gäbe es einen Oscar für die düstersten Endzeit – Geschichten, Cormac McCarthy hätte bisher nicht nur einen geschnappt. Dieses Drama, im wahrsten Sinne des Wortes, ist ein Kammerspiel, welches dermaßen unter die Haut geht, dass man jederzeit anfängt zu frieren, wenn man an das Buch denkt“. In „Die Straße“ geht es um einen Vater mit seinem Sohn, der in einer, von was auch immer, verlorenen Welt, ihren Weg gehen. Und schließlich ankommen an einem finsteren Strand, am offenen Meer.  Und im vorliegendem Roman haben wir ein ähnliches Ausgangsszenario: man weiß nie wirklich was mit der Welt gelaufen ist, ob es der Klimawandel oder eine sonstige weitere Verrohung der Menschheit war, was die beiden Protagonisten zwingt, in diesem dystopischen System von tausenden, kaum noch funktionierenden Windrädern, ihren Job zu machen.

Es spielen mit: „der Alte“ und „der Junge“. In diesem gigantischen Offshore Windpark haben sie die Aufgabe, die Systeme, bzw. die Rotoren und Maschinen zu  warten. Man erfährt allerdings nie, für wen der Strom noch produziert wird. Es ist ein jahrelanges Drama, im Roman zwei Mal unterbrochen von einem surrealen „Versorgungsschiff“, welches in nicht zu bemessenden Abständen Lebensmittelkonserven bringt, wobei der Schiffsführer gleichzeitig einen ominösen Handel mit technischen –  oder sonstigen Abfallprodukten aus dem Windpark, betreibt. Weiterlesen

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Jenny Fagerlund: 24 gute Taten

Eigentlich habe ich diesen Roman zu früh gelesen. Er wäre die geeignete Lektüre für die Adventszeit, bei Kerzenschein, prasselndem Kaminfeuer und dampfendem Kräutertee, dazu reichlich Schneefall vor dem Fenster.

Wie der Titel vermuten lässt, hat nämlich die Handlung etwas mit der Adventszeit und den 24 Tagen bis Weihnachten zu tun. Die junge Emma hat vor zwei Jahren ihren Lebensgefährten just an Heilig Abend bei einem Unfall verloren und trauert immer noch. Sie kapselt sich ab und hat sich selbst in ihrer Trauer verloren. Selbst ihr kleiner Laden für Geschenkartikel und Innendekoration kann sie kaum aus ihrer Depression reißen. So droht ihm wegen fehlendem Umsatz die Pleite.

Emmas ältere Schwester Magda mischt sich ein, um ihr zu helfen, schießt dabei aber immer wieder über das Ziel hinaus, so dass Emma sich eher bedrängt fühlt. Magda schlägt Emma unter anderem vor, sich ein Hobby zu suchen, um wieder unter Menschen zu kommen. Doch Emma will nicht töpfern oder afrikanische Tänze lernen.

Da kommt ihr passend zur Jahreszeit der Gedanke, 24 gute Taten zu vollbringen und sie erstellt sich auch gleich eine Liste, welche Tat sie an welchem Tag machen will. Doch wie so oft macht das Leben ihr einen Strich durch ihre Liste. Weiterlesen

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Anne-Kathrin Kilg-Meyer: Gertrude Trudy Ederle: Eine Schwimmerin verändert die Welt

„… Oh, es war ein schönes Leben! Ich war sehr glücklich, wenn ich geschwommen bin. Es hätte immer so weitergehen können.“ (S. 120) Im Oktober 1905 wird Trudy in New York geboren. Ihre Eltern, deutsche Auswanderer, erlebten mit ihrer Metzgerei den amerikanischen Traum. Vor diesem finanziell gesicherten Hintergrund erfuhr Trudy die Erziehung modern denkender Eltern, die ihren Töchtern unter anderem den Schwimmunterricht ermöglichten. Dies hatte durchaus praktische Erwägungen, weil sie auch ein Haus in Küstennähe besaßen und sichergehen wollten, dass keines ihrer Kinder ertrank. Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur die beiden älteren Töchter im Schwimmen talentiert waren. Die kleine Trudy übertraf sie alle. Erst als junge Frau begreift sie, wie weit sie ihrer Zeit voraus war. Denn sie konnte im Vergleich zu vielen anderen Frauen nicht nur schwimmen, sie schwamm auch ohne die bis dato übliche Bekleidung. In einem enganliegenden gestrickten Einteiler mit kurzem Bein zeigte sie mehr von ihrem Körper als andere Frauen, von denen erwartet wurde, mit langen Kleidern und Haube ins Wasser zu gehen. Nachdem sie als Jugendliche dank eines ausgeklügelten Schwimmtrainings ihren einzigartigen, perfekten Kraulstil beherrschte, gewann sie ab 1920 viele Schwimmwettkämpfe, zu denen erstmalig Frauen zugelassen worden waren. Weltrekorde und Medaillen bei den Olympischen Spielen 1924 kamen hinzu. Als erste Frau, die den Ärmelkanal bezwang und dies schneller als jeder Mann vor ihr, wurde Trudy von den Medien zur »Königin der Wellen« gekürt und damit zu einem Weltstar gemacht. Weiterlesen

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G.S. Locke: Neon – Er tötet dich

Was ist die originellste Methode für einen Romanhelden, sich selbst zu töten? Für Detective Chief Inspector Matt Jackson ist es jene, bei der man einen Auftragskiller auf sich selbst hetzt. Mit exakter Tötungsfrist. Bis zum vereinbarten Mordzeitpunkt macht er es sich in der Gesellschaft von zwei Flaschen Scotch bequem.

Detective Jackson trauert um seine Frau. Sie wurde von einem Serienkiller im Haus der Jacksons getötet. Von einem Mann, dem ausgerechnet der Detective auf der Spur war.

Kurz vor dem Zeitpunkt, an dem ihn der Auftragskiller töten soll, findet Jackson eine wichtige Spur, die ihn vielleicht zum Mörder seiner Frau führt. Wie aber bestellt man einen Auftragskiller ab, wenn der nicht ans Telefon geht?

Nun, irgendwie schafft es der Detective, dieses Problem zu lösen, denn andernfalls wäre der Roman an dieser Stelle zu einem unbefriedigenden Ende gekommen. Der Auftragskiller ist im Übrigen eine Frau, Iris Palmer, die ihre eigenen Probleme hat. Die sind es auch, die sie dazu verleiten, gemeinsame Sache mit Jackson zu machen. Diese beiden jagen jetzt Neon, den Serienmörder von Birmingham, der so genannt wird, weil er die Tatorte mit Neon-Reklame ausgestaltet. Weiterlesen

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Jenn Lyons: Drachengesänge 02: Der Name aller Dinge

Khirin D´Mon, Bastard des Königshauses, ehemaliger Sklave und unfreiwilliger Befreier von Dämonen ist auf der Flucht. Sein Weg führt ihn in einer einsam gelegene Schenke an einem der unwirtlichsten Orte der Welt. Eingeschlossen von einem arktischen Sturm, für den eine Drachin verantwortlich zeichnet, trifft er auf eine Frau, die anscheinend schon auf ihn wartet. Dass sie vorgibt ihn zu kennen, dass die kleingewachsene Dame ein loses Mundwerk und eine blühende Phantasie ihr Eigen nennt, geschenkt, schließlich muss man sich ja die Zeit bis zum Ende des Sturms vertreiben.

Als sie dann aber rauslässt, dass sie will, dass Khirin ihr hilft eine ganze Stadt vor dem Untergang zu retten, ist Schluss mit lustig. Er hat wahrlich genug um die Ohren, Götter, Drachen und der mächtigste Magier der Welt sind hinter ihm her, von all den Wachen, Attentätern und Glücksrittern gar nicht zu sprechen. Doch dann fällt der Name Relos Var – der Mann, der Magier, der Gott der hinter all dem Unbillen steckt, denen Khirin ausgesetzt war. Abwechselnd erzählen Janel und der Mönch Quan von den letzten Jahren – Jahre, die sie weit in den nördlichen Kantonen herumgeführt haben, Jahre, in denen sie eine Rebellion starteten, in denen sie auf letzte Angehörige der unsterblichen Rassen stießen, die einst die Welt bevölkert hatten und Jahre, in denen sie gegaescht (durch Zauber gezwungen alles zu tun, was der Meister befielt) wurden und ausgerechnet Relos Var zu Diensten sein mussten. Je länger der Bericht über ihre Erlebnisse dauert desto deutlich wird, dass Khirin die Bitte um Unterstützung erfüllen muss – hängt letztlich doch die Zukunft der ganzen Welt und sein eigenes Leben daran. Weiterlesen

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Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null

Blutverschmierte Kleidung, ein Gürtel mit Spermaspuren, merkwürdige Überbleibsel im Müll des Hotels – die 47-jährige Susanne Melforsch ist nach einer Wanderung durch die Alpes-de-Haute-Provence spurlos verschwunden. Alles deutet auf ein Verbrechen hin. Ihre Urlaubsbegleitung Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, gerät ins Visier der Ermittlungen. Der ehrgeizige junge Staatsanwalt will Gödeler überführen, doch als Person ist der Verdächtige kaum zu fassen. Er gibt sich äußerst auskunftsfreudig, doch wirft seine Geschichte immer weitere Fragen auf.

Einst ein gefeierter Gelehrter auf der Überholspur, gerät Gödeler in einer Abwärtsspirale. Das Thema seiner Habilitationsschrift entgleitet ihm zusehends, für eine Affäre mit unglücklichem Ausgang opfert er sein Familienleben. Als Nachhilfelehrer endet er schließlich in einer trostlosen Souterrain-Wohnung in Stuttgart, ein Schatten seiner selbst. Seine Ambitionen hat er ebenso aufgegeben wie die tägliche Körperpflege. Doch plötzlich entdeckt er unter den Jugendlichen ein Mathematikgenie. Jurek, ein schüchterner Junge mit Sprachfehler, scheint über außergewöhnliche Begabungen zu verfügen, ebenso wie seine Freunde Zacharias, ein afghanischer Flüchtling und Juno, die aus einem sozialen Brennpunkt stammt. Gödelers Lebensgeister sind wieder geweckt. Doch die Jugendlichen verfolgen eigene Pläne. Als Susanne Melforsch in Stuttgart vor seiner Türe steht, mit der er vor Jahren einmal im Bett gelandet war, überschlagen sich die Ereignisse. Im Hintergrund laufen Fäden zusammen, die Gödeler erst nach und nach durchschaut. Weiterlesen

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