Thilo Falk: Dark Clouds

Spannend und schockierend, weil mittlerweile von der Realität eingeholt. Autor Thilo Falk skizziert ein wetterbedingtes Katastrophenszenario, das in Ansätzen zum Beispiel im Ahrtal ersichtlich wurde. Nur dass es in seiner Version ganz Europa betrifft. Nach wochenlangem Dauerwegen, Stürmen und heftigen Gewittern stehen nicht nur verschiedene Regionen unter Wasser, auch die kritische Infrastruktur droht zusammenzubrechen. Das Grund- und Leitungswasser ist kontaminiert, Handy- und Stromverbindungen sind unterbrochen, es kommt zu Lieferengpässen und den gefürchteten „Blackouts“. Was das für Folgen haben kann, liest sich schlimm. Daneben baut der Roman allerdings eine politische Komponente mit ein. Auch bei den größten Katastrophen gibt es Personen und Gruppen, die daraus Kapital schlagen. Drei mutige Personen versuchen in „Dark Clouds“ nicht nur den Regen zu stoppen, sondern auch die dahinter liegenden Machenschaften aufzudecken.

Da ist zum einen die Nephologin beziehungsweise Wolkenkundlerin Fjella Lange, welche bereits seit geraumer Zeit dafür kämpft, die Bevölkerung für die Folgen des Klimawandels zu sensibilisieren. Da ist aber auch der Schadengutachter Philip Graf, der vor allem Gebäude der kritischen Infrastruktur rund um Wasser- und Atomkraftwerke begutachtet und dabei einige Ungereimtheiten entdeckt hat. Dritter im Bunde ist IT-Spezialist Arian Fischer, der für die Baubranche auf Basis von Künstlicher Intelligenz Langzeitmodelle über klimabedingte Verzögerungen und Kostenentwicklungen erstellen soll. Seine Berechnungen bringen schockierende Vermutungen ans Tageslicht. Warum nehmen die Schlechtwetterfronten immer in der Nähe von Flughäfen ihren Anfang? Aus welchem Grund will ihn das Bundesamt für Katastrophenschutz mundtot machen? Was haben Ökoaktivistinnen und zwei Millionäre aus einer rechtsextremen Gruppierung damit zu tun? Das Trio bündelt seine Kräfte und ermittelt zunächst auf eigene Faust unter Lebensgefahr – und erhält später Unterstützung von zwei Beamten des LKA Hamburg.

In atemlosem Tempo reiht der Journalist und Umweltschützer Thilo Falk (Pseudonym) verschiedene Schreckensszenarien aneinander. Denn überall in Deutschland finden zeitgleich Erdrutsche, Überschwemmungen, Sturmfluten und sonstige Katastrophen statt. Die Episoden sind kurz, knapp und schockierend, jeweils mit Ort, Datum und Uhrzeit versehen. Dadurch geraten wir LeserInnen unvermittelt in einer Art „Liveschaltung“. Fiktive journalistische Meldungen in Tageszeitungen oder Regierungsmitteilungen verstärken diesen Effekt zusätzlich und machen den Plot äußerst nahbar. Da kriechen Nässe und Kälte beim Lesen förmlich unter die Haut!

Zudem schickt der Autor weitere Nebenfiguren ins Rennen ums Überleben, deren Schicksal uns nahe geht. Grafs Familie strandet auf einer Urlaubsinsel im Mittelmeer, auf der ein völliger Blackout droht, während die Insassen einer Flüchtlingsunterkunft revoltieren. Auch in Deutschland droht die öffentliche Ordnung zusammenzubrechen. Menschen treten einander beim Kampf um die letzten Trinkwasserflaschen halbtot. Um Fluchtströme zu unterbinden werden „Wetterflüchtlinge“ in speziellen Unterkünften deportiert. Dieses Schicksal ereilt den Bed- & Breakfast Besitzer Jan Baumann, der mit seiner kleinen Tochter Mia quer durch Deutschland flieht, um sie vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen – und dabei lebensgefährliche Situationen gerät.

Falks Figuren bringen das Beste und Schlechteste der Gattung Homo Sapiens in Notsituationen zum Vorschein. Es gibt Feuerwehrleute, die ihr Leben riskieren, um andere zu retten. Aber auch Personen, die noch den Ärmsten ihr letztes Hab und Gut klauen. Im Plot besonders schön formuliert durch:

„Kooperation war ein komplexes Konstrukt, Egoismus leicht begreifbar.“ (S.367)

Diese realistische Ebene geht beim Lesen nahe, so dass man sich von den etwas sensationsheischenden Headlines des Covers („Der Regen ist dein Untergang“), nicht abschrecken lassen sollte. Die Vermischung von politischer Ebene, wissenschaftlicher Fiktion und einer Art Verschwörungsebene mag vielleicht nicht jedem gefallen, wird von dem Autor aber stets so geschrieben, dass sie im Bereich des Möglichen liegt. Andere werden gerade davon begeistert sein. Schließlich lässt sich aktuell an Ukraine-Krieg und Ressourcenknappheit ersehen, dass ein Problem wie der Klimawandel nie für sich alleinsteht, sondern immense Folgen auf die Gesellschaftsordnung und den sozialen Zusammenhalt haben kann.

Fazit: Ein spannender Thriller, leider in vielfacher Hinsicht von der Realität eingeholt. Neben Informationen über meteorologische Zusammenhänge, Wolkenformen oder die Erstellung von Klimamodellen durch KI-Systeme, sind es vor allem die Auswirkungen auf die menschliche und gesellschaftliche Ebene, die abseits der zerstörerischen Naturgewalten beim Lesen enorm fesseln.

Thilo Falks: Dark Clouds.
dtv, Oktober 2022.
512 Seiten, Taschenbuch, 13,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.