Daša Drndic: Belladonna

Ein Mensch kann vieles sein und entsprechend viele Rollen in seinem Leben innehaben. Andreas Ban ist einer von ihnen: Psychologe, Schriftsteller, Dozent, ehemaliger Wehrdienstleister und Fahnenflüchtiger, Witwer, Vater und zum Schluss reduziert auf Alter, Krankheit und Armut. Auf diese Weise zurechtgestutzt blickt er auf sein Leben zurück, das andere Geschichten und Schicksale anzog wie ein Magnet.

»… die Geschichten sprangen aus dem Nichts, sprangen ihn an und kullerten ihm nach, krallten sich an ihm fest, … Hier in dieser kleinen Stadt, direkt unter seiner Nase, schlummerten die gleichen Geschichten, verstreut auf den Friedhöfen, haften an den Namen, eingeprägt in Fotografien, man hat sie rumliegen lassen wie billige Ware, … (S. 344, 345)

Was soll Andreas mit seinem großen Wissen anfangen? Was ist es wert, wenn Worte nichts mehr zählen? Stückweise verabschiedet er seinen Besitz, solange seine Augen noch funktionieren. Weiterlesen

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Susanne Fischer: Wolkenkönigin

Für Corinna ist nach dem Umzug vor dem Umzug mit dem üblichen Ablauf: neue Schule, neue Klassenkameraden und der erste Platz bei den Außenseitern. Häufig wird ihr Name für Hänseleien genutzt. Mit den Worten »Iih, Corry zieht ins Kanakennest!« (S. 13) wird sie verabschiedet. Aus diesem Grund will sie die immer gleichen Abläufe ändern. Bei ihrer Anmeldung in der neuen Schule behauptet sie einfach, ihr Name sei Corinna Marie und Marie der Rufname. In ihrer neuen Klasse gibt es nur noch einen freien Stuhl. Wie es der Zufall so will, saß dort vor kurzem noch eine andere Marie, die Pechmarie. Pechmarie musste die Schule verlassen.

Schnell findet Corinna Marie Anschluss. Auch zu Marc, der eine Etage unter ihr wohnt und sie zu seinem Lieblingsplatz führt.

»… Schon merkwürdig, dass du mir das erzählst, wir kennen uns doch gar nicht.« … Marc lächelt schief. »Du heißt Inna, dein Vater ist mit einer Tussi weg, du gehst auf die Schwitze, vorher warst du in Neuenmarken. Dein Bruder ist ein Spasti, deine Mutter harzt. Ich bin Mark, … , meine Mutter jobt beim Billig, keine Geschwister. Vater weg. Mutter hat gerade einen neuen Typen. Kennen wir uns?« (S. 28/29) Weiterlesen

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Claudia Rikl: Das Ende des Schweigens

Das Ende des Schweigens besiegelt der Mörder, in dem er dem Opfer die Zunge herausschneidet. Kommissar Herzberg findet schnell heraus, dass der Tote zu Lebzeiten ein unangenehmer Zeitgenosse war. Der Ex-Major zählte zu den Hardlinern im DDR-Regime und agierte seinen Soldaten gegenüber ebenso rücksichtslos wie in seiner Familie. Je tiefer Herzberg in die Geschehnisse vor der Wende eintaucht, um so mehr leidet er an den eigenen Erinnerungen, die er bisher erfolgreich verdrängt hat. Damals wurde er wie alle jungen Männer zu einem harten Wehrdienst gezwungen, der den Willen der angehenden Soldaten brechen sollte. Herzberg selbst ging danach in den Widerstand und wurde wegen der Lektüre eines verbotenen Buches inhaftiert. Weit über Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall findet er noch immer Zeitgenossen, die der DDR und der guten, alten Armeezeit hinterher trauern. Gleichzeitig gehen sie über ihre eigenen Taten schweigend hinweg. Einer dieser Männer ist sogar Herzbergs unsympathischer Kollege Sven Färber. Sehr schnell macht dieser sich verdächtig, weil er immer neue Lügen erzählt. Während ihrer Ermittlungen finden Herzberg und sein Team auch überraschend viel über Svens Vergangenheit und dessen Verbindung zu dem Opfer heraus. Weiterlesen

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Alex Wheatle: Liccle Bit

Bits Chance, abzurutschen, sieht gar nicht mal so schlecht aus. Trotz seines Zeichentalents und den guten Freunden. Denn sein Vater lebt bei der neuen Familie und hat für ihn seit Jahren keine Zeit mehr. Seine Mutter ebenso. Ständig muss sie für kleines Geld Doppelschichten arbeiten. Auch Elaine, seine große Schwester, die früher immer für Bit da war, weiß gerade nicht, wie es mit ihr weiter gehen soll. Vor etwa zwei Jahren hat sie sich von Manjaro, dem Chef der Gang in South Crongton schwängern lassen. Wie soll sie allein ein Studium organisieren, wenn ihr kleiner Sohn Jerome keine Betreuung hat? In Bits Ohren scheint die häusliche Stimmung nur noch aus Schimpfen und Schreien zu bestehen.

Zur gleichen Zeit ködert Manjaro Bit mit Geld und kleinen Aufträgen. Einer besteht aus dem Transport eines Päckchens. Kurz darauf wird ein Mitglied der North Crongton Gang erschossen. Bits bester Freund McKay sieht zwischen dem Päckchen und dem Toten einen Zusammenhang. Und dann stirbt wieder ein Junge, dieses Mal aus Manjaros Gang. Weiterlesen

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Garry Disher: Leiser Tod

Wer nicht gefunden werden will, muss ständig in Bewegung bleiben. Grace, alias Anita, alias Susan fürchtet sich vor dem kriminellen Expolizisten Galt. Vor ein paar Jahren zwang er sie, für ihn einzubrechen. Er lieferte ihr die nötigen Informationen, sie ihm im Gegenzug große Werte. Seit der glücklichen Wendung von Galts Verhaftung gehen sie getrennte Wege. Sie rannte mit einer großen Beute davon, er später mit einer Mordswut hinterher.

»… Rechne immer mit dem Schlimmsten«, hatte Galt ihr eingebläut, »dann erlebst du auch keine Überraschungen.« (S. 7)

Nach diesem Motto lebt Grace, die Einbruchkönigin, im Verborgenen. Keiner ist so erfolgreich wie sie. Und noch nie hat sie dort gearbeitet, wo sie lebt. Doch eines Tages macht sei eine Ausnahme. Die verschollene Ikone ihrer Familie findet sie bei einem reichen Gaunerpaar, das zufällig für eine Woche nach Sydney verreisen will. Nach einem fast missglückten Einbruch vermehren sich ihre Risken. Noch mehr Feinde und Kriminalkommissar Hal Challis folgen ihrer Spur. Weiterlesen

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Eduardo Rabasa: Der schwarze Gürtel

Für Fernando bedeutet der Schwarze Gürtel einfach alles. Er steht für den erfolgreichen Abschluss einer langen Bewährungsprobe und den Beginn einer machtvollen Karriere. Diese Auszeichnung verleiht der Chef der Beratungsfirma ‚Soluciones‘, der über Lautsprecher unverständliche Anweisungen gibt.

Jeden Tag erfahren Fernando und seine Kollegen über die elektronische Anzeigetafel ihren aktuellen Platz in der Hierarchie und wo sie arbeiten sollen. Diesem Konkurrenzdruck hält Fernando nur stand, in dem er seine Nerven mit Tabletten und Alkohol beruhigt. Eine weitere Unterstützung findet er bei dem Hausmeister Dromundo. Egal, wie seltsam Fernandos Befehle anmuten, Dromundo springt, riskiert mal seine Gesundheit oder sein Leben und trägt auf diese Weise Fernando von einem Erfolg zum nächsten. Trotzdem wird Fernando plötzlich entlassen. Weiterlesen

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Richard Brox: Kein Dach über dem Leben

Einen Ratgeber, wie man über 30 Jahre auf der Straße überleben kann, liefert Richard Brox‘ Biographie nicht direkt. Sie vermittelt eher einen Eindruck, warum jemand das Weite suchte, wenn Schutz versprechende Räume ein Synonym für An- und Übergriffe geworden sind beziehungsweise für das Aussperren von Sinneseindrücken und Leben. In der Freiheit der Straße sah der in der Seele schwer verletzte Richard seinen einzigen, zunächst provisorischen Fluchtweg. Dies wird um so verständlicher, wenn statt einer echten Hilfe nur der Drill für ein funktionsorientiertes Leben auf ihn niederprasselte.

Was der Leser bei der Lektüre erfährt, dürfte in mancher Hinsicht überraschend sein. Denn Richard Brox‘ bewegende Lebensgeschichte erinnert ein wenig an eine moderne Charles Dickens Version. Darüber hinaus vermag er mit einem ansprechenden Schreibstil und zahlreichen Wendungen zu fesseln. Eine dürfte die mit dem Hünen einer berüchtigten Motorradgang sein. Weiterlesen

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Matthew J. Arlidge: D.I. Helen Grace 06: Eingeschlossen

Für D. I. Helen Grace ist gerade ein Alptraum wahrgeworden. Ihr Neffe hat sie so gründlich in eine Falle tappen lassen, dass sie wegen dreifachen Mordes inhaftiert wird. Zwischen Schwerkriminellen und ehemaligen ‚Kunden‘ wartet sie über mehrere Monate auf ihren Gerichtstermin und muss irgendwie die täglichen Angriffe überleben. Die erste Frau, die ihr über den schweren Anfang hinweghilft, wird eines Nachts ermordet. Als Helen zu viele Fragen stellt, wird sie übel zusammengeschlagen. Trotzdem will sie den Mörder finden. Und dann sterben in ihrem Trakt zwei weitere Frauen. Externe Beamte ermitteln, und jeder weibliche Häftling hat Angst, das nächste Opfer zu werden.

Außerhalb des Gefängnisses riskiert ihre Kollegin und Freundin Charlie alles, um Helens Unschuld zu beweisen. Weiterlesen

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Lukas Hartmann: Ein passender Mieter

Bei Margret und Gerhard hängt der Haussegen schief. Das Paar im mittleren Alter hat sich nicht mehr viel zu sagen. Nur die langjährigen Gewohnheiten und der Sohn Sebastian sind der Halt in ihrer Ehe. An dem Tag, an dem Sebastian fluchtartig auszieht, beginnt das Fundament ihrer Ehe zu bröckeln.

Gerhard will die Anliegerwohnung des Sohnes vermieten. Was Margret will, überhört er routiniert. Nach einem Inserat und Kennenlernen lassen sie den Fahrradmechaniker Beat in das ehemalige Reich des Sohnes einziehen. Er ist in Sebastians Alter und ein stiller Zeitgenosse, der seine Freizeit fast vollständig mit Fahrradfahren ausfüllt. Als im Laufe der nächsten Monate immer häufiger von Überfällen auf junge Frauen berichtet wird, wächst in Margret ein Verdacht. Ein ungutes Gefühl nährt ihre Angst. Natürlich nimmt Gerhard sie nicht ernst. Schon seit Ewigkeiten hat er sie nicht ernstgenommen. Und Margret hat sich angewöhnt, ihre Wahrnehmungen ebenfalls zu hinterfragen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Trotzdem wird die Angst stärker und lähmt sie. Weiterlesen

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Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft (1938)

Die Geschichte von Rick Martin ist eine besondere. Sie erzählt von einem großen Talent, das per Zufall als Jugendlicher den Jazz kennen und lieben lernt. Nach dem frühen Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters war Ricks Leben ziemlich karg. Schon als Neugeborener wird er von seinen älteren Geschwistern groß gezogen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal volljährig waren. Viel allein gelassen, lernt er erst spät gesellschaftliche Konventionen kennen. Aus diesem Grund wird der schwarze Schlagzeuger Smoke sein erster und bester Freund. Von ihm lernt er die Rhythmen des Jazz. Smokes Freunde in der Jazz-Szene werden im Laufe der Jahre auch seine Freunde. Für Rick gibt es nur noch die Musik, die Liebe seines Lebens.

Die Amerikanerin Dorothy Baker lebte von 1907 bis 1968. Nach ihrem Studium in Los Angeles heiratete sie den Dichter Howard Baker. Weiterlesen

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