Volker Kutscher: Marlow, gelesen von David Nathan

Im 7. Band um den Kölner Kommissar Gereon Rath, den es nach Berlin verschlagen hat, befinden wir uns mitlerweile im Jahr 1935. Die Nazis sitzen fest im Sattel und versuchen, das Schmuddelimage der ersten Kampfjahre vergessen zu machen. Ebenso wie der Unterweltboss Johann Marlow, der zukünftig nur noch legale Geschäfte betreiben will und sogar in die SS eingetreten ist. Und wie Gereon Rath, der nie wieder etwas mit Johann Marlow und seinem chinesischen Fahrer Lian etwas zu tun haben möchte.

Ein eigentlich simpler Verkehrsunfall bringt sie alle wieder zusammen. Ein Taxifahrer fährt mit Vollgas gegen die Wand, mit ihm stirbt ein Fahrgast. Rath ist zunächst leicht empört, dass die Verkehrspolizei die Kriminalpolizei hinzuzieht, aber irgendwie haben sie ja recht. Es IST misstrauenerweckend, dass der Fahrer nicht einmal versuchte zu bremsen, sondern im Gegenteil noch beschleunigt hat. Er selbst überbringt der Witwe die Todesnachricht und findet eine verzweifelte Frau mit Kindern in ärmlichen Verhältnissen. Umso erstaunlicher, dass die gleiche Witwe keine paar Tage später umgezogen ist ein Haus, das sich Rath kaum leisten könnte. Aufgesucht hatte er sie, weil der Gerichtsmediziner bei dem Taxifahrer einen unheilbaren Gehirntumor festgestellt hatte, dessen Bezeichnung Rath an etwas erinnert … Weiterlesen

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M. Hjorth & H. Rosenfeldt: Die Opfer, die man bringt

In diesem Roman ist der Kriminalfall selbst ganz interessant, aber nicht überragend und auch nicht wirklich besonders glaubhaft. Aber das Ermittlerteam ist wieder das ganze Buch wert. Da ist zunächst mal Sebastian Bergmann, der Kriminalpsychologe mit der psychischen Störung, der einfach den „Hosenstall nicht zulassen kann“. Der steht in direktem Konflikt mit seiner Tochter Vanja, ebenfalls erfolgreiche Polizistin und im gleichen Team, der er immer wieder in dem, was er unter „gutem Glauben“ versteht, das Leben ruiniert. Sie könnte keine erfolgreiche Polizistin ein, wenn sie sich das gefallen lassen würde. Mit Ursula hatten sowohl Sebastian als auch der Leiter des Teams Törgel bereits ein Verhältnis.

Törgel versucht das Team zusammenzuhalten, ist aber viel mehr mit seiner neuen Liebe beschäftigt. Und damit, dass sein Posten ausgerechnet der energischen Einsatzleiterin gefällt, die die Reichsmordkomission zu den Vergewaltigungsfällen zu Hilfe gerufen hat. Weiterlesen

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Ursula Poznanski: Thalamus

Timo ist siebzehn, als er mit dem Mofa verunglückt. Trotz Helm trägt er schwere Kopfverletzungen davon, kann nicht reden, nicht gehen. Deswegen kommt er zur Rehabilitation auf den „Markwaldhof“, der sich auf solche Fälle spezialisiert hat. Timo kommt in ein Zweibettzimmer mit einem Komapatienten, von dem man ihm sagt, dass er vollständig im Koma wäre. Aber er steht nachts auf, redet mit Timo, läuft herum, bedroht ihn. Zunächst kann Timo das niemandem mitteilen, er kann ja nicht sprechen und er zweifelt auch an seinen eigenen Beobachtungen. Alles nur Folgen der Kopfverletzung?

Timo lernt im Rollstuhl seine Mitpatienten und ihre Schicksale kennen und eines Nachts steht auch er auf. Kann laufen, kann reden. Morgens ist alles wie immer. Es gibt Fortschritte, aber keinen Durchbruch. Und Timo hört Stimmen. Stimmen, die ihn beeinflussen, die ihm Befehle erteilen.

Das Buch ist spannend vom Anfang bis zum Ende und beschäftigt sich mit dem, was Medizin vielleicht kann und darf. Weiterlesen

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Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten, gelesen von Christoph M. Herbst

Deutschland, Europa, hat seine Grenzen geschlossen. Weit weg, in Nordafrika befinden sich Läger mit Asylsuchenden, die zum Teil schon seit Jahren dort auf eine Entscheidung warten.  So lange, dass sich die Menschen in den Lagern eingerichtet haben. In Deutschland dagegen nimmt das Leben den Gang, den wir kennen. Das neueste Sternchen am Moderatorenhimmel heißt Nadeche Hackenbusch und sucht gerade einen Weg, sich dem Publikum als mitleidende, ernstzunehmende Moderatorin zu präsentieren. Unter anderem deswegen plant sie eine Sendung direkt aus einem der Flüchtlingslager. Der Sender ist begeistert.

Lionel befindet sich schon eine ganze Weile in diesem größten Flüchtlingslager, das Nadeche aussucht. Er erkennt in der deutschen Moderatorin eine Chance, die er so nicht erwartet hätte. Gemeinsam brechen sie auf. Zu Fuß. Nach Europa, genauer: nach Deutschland. Und mit ihnen ein Zug von 150.000 weiteren Flüchtlingen, live dabei immer Nadeches Sender.

So ein Zug läuft nicht ohne Probleme, aber sie kommen Europa näher und näher. Timur Vermes hat das Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-nass Europas, auf den der Zug Tag für Tag zurückt in Kleinigkeiten eingefangen. Zum Beispiel in der Exkrementeentsorgung. Weiterlesen

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Carmen Korn: Zeitenwende

Vier Hamburger Freundinnen wurden zu Beginn des letzen Jahrhunderts geboren, da hatte Deutschland noch einen Kaiser. Alle vier haben beide Kriege überlebt, wenn sie auch mehr oder weniger beschädigt daraus hervorgegangen sind, sie haben ihre Familien durch Inflation und Wirtschaftswunder gebracht und im letzten Band erleben sie die Zeit der Studentenunruhen, des Deutschen Herbstes, der Wiedervereinigung und auch den Jahrtausendwechsel.

Groß ist er geworden, der Freundeskreis, in dem man Freunde und Familie kaum noch auseinanderhalten kann. Das Buch setzt 1970 mit Henny Ungers 70. Geburtstag ein, es gibt alleinerziehende, erfolgreiche Mütter, die schwule Lebensgemeinschaft ihres Sohnes wird endlich legal. Trotzdem muss man sich um die Verwandtschaft noch jede Menge Sorgen machen. Da träumt die eine von einer Karriere als Kriegsreporterin, die andere lässt sich während des Studiums mit der RAF ein. Es sind die großen und kleinen Sorgen, die diese Trilogie ausmachen und die sie so liebenswert machen.

Jeder kann sich ausrechnen, dass nicht alle der Akteure der ersten Stunde dieses Buch überleben werden, die meisten sind schließlich Anfang des Jahrhunderts geboren. Deswegen ist der letzte Teil der Trilogie auch ein Abschiednehmen von lieb gewonnen Protagonisten. Weiterlesen

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Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Helene glaubt, nicht viele Talente zu haben. Aber Programmieren, oder „Programme stricken“, das kann sie, auch wenn die neuartigen Komputer (sic!) sich im Deutschen Reich erst in den Anfängen durchgesetzt haben. Eugen dagegen ist von sich schon überzeugt, der Vater ist im Weltkrieg als Kriegsheld gefallen, die Mutter übergroß. Beide arbeiten bei der NSA, dem Nationalen Sicherheits Amt und ihre Aufgabe besteht darin, die Unmenge von Daten, die es über jeden Staatsbürger gibt, auszuwerten.

Es ist eine alternative Welt, die Andreas Eschbach für seine Roman geschaffen hat. Aber er hat sie derart mit historischen Realitäten durchsetzt, dass das Buch den Leser verstört zurücklässt. Deutschland hat den Weltkrieg 1917 verloren, die Nazis sind 1933 an die Macht gekommen, Nürnberger Gesetze, Wannseekonferenz, alles eingebettet in eine Welt, in der Soziale Medien und Elektronisierung einfach einige Jahre früher gekommen sind. Es gibt ja viele Romane über die Gefahren der Datenausnutzung, wir werden jeden Tag davor gewarnt, zuviel von uns preiszugeben. Weiterlesen

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Stephen King: Der Outsider, gelesen von David Nathan

Ein elfjähriger Junge ist tot, übelst geschändet, unter Verdacht: Ausgerechnet der beliebte Baseballtrainer Terry. Bei der ersten Vernehmung gibt er an, hunderte Kilometer entfernt auf einer Tagung gewesen zu sein. Die Polizei bezweifelt seine und die Aussage der ihn begleitenden Kollegen. Aber es gibt sogar einen Videobeweis: In einer Aufzeichnung der Tagung ist Terry deutlich zu sehen und zu hören. Auf dem Weg zur Anhörung wird Terry vom Vater des ermordeten Jungen erschossen. Die Polizei möchte das Thema abhaken, Täter gefasst, Täter tot, Thema erledigt. Aber so einfach ist es nicht. Denn Terry hat bis zu seinem Tod geschworen, er wäre es nicht gewesen. Es passte auch gar nicht zu ihm. Und seine Familie möchte eine Aufklärung.

Es gibt weitere Ermittlungen und die Geschichte wird immer undurchsichtiger. Es sieht so aus, als wäre Terry tatsächlich mehrfach an zwei Orten gleichzeitig gewesen. Ein Doppelgänger? Weiterlesen

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Laetitia Colombani: Der Zopf, gelesen von Andrea Sawatzki u.a.

Drei Frauen, drei Kontinente, drei Geschichten. Arm und reich, mit und ohne Kinder, allein oder eingebunden. Was haben diese drei Frauen miteinander zu tun?

Smita lebt in Indien, gehört einer der untersten Kasten an, verrichtet Arbeit, die verachtet wird und sie krank macht und möchte etwas besseres als Schicksal für ihre kleine Tochter.

Giulia lebt in Italien, glaubt alles zu haben, der geliebte Vater besitzt eine Perückenmanufaktur und ihr größtes Problem ist ihr neuer Freund, von dem sie nicht weiß, ob die Familie ihn akzeptieren wird. Da verändert ein Rollerunfall ihr ganzes Leben.

Und Sarah, sie lebt in Kanada auf der Sonnenseite des Lebens, zumindest oberflächlich betrachtet. Die ist erfolgreiche Anwältin einer großen Kanzlei, verdient gut, aber sie muss sich dafür verbiegen. Niemand darf wissen, dass die Arbeit nicht das ganze Leben ist, sie muss funktionieren wie eine Maschine und niemals zeigen, dass sie etwa noch ein Leben außerhalb der Kanzlei hat. Bis ihr das Leben schmerzhaft zeigt, dass auch sie eine Schwachstelle hat und dass sie mit einem Recht hatte: die Kanzlei darf man nicht schwächeln, sonst kommen die Haifische. Weiterlesen

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June Perry: White Maze 01: Du bist längst mittendrin

Viv ist ein It-Girl, das mit der modernen Technik aufgewachsen ist. Ihre Mutter ist Entwicklerin bei einem großen Spiele-Konzern und Linsen, die VR übertragen und das Handy ersetzen, sind schon lange Standard. Der neuesten Clou, kurz vor der Markteinführung, sind Linsen, die nicht nur Bilder übertragen, sondern dem Gehirn des Trägers das gesamte Programm vorspiegeln, also inklusive Gerüchen, haptischen Einwirkungen usw. Da stirbt Vivs Mutter Sofia, offiziell an einem Herzinfarkt. Aber so alt war sie doch noch gar nicht.

Kurz vor ihrem Tod hat sie Viv zuerst die neuen Linsen zum ausprobieren gegeben und dann mehr als hysterisch wieder weggenommen. Stimmt etwa etwas nicht mit den Linsen? Viv macht sich auf die Suche nach Antworten.

Zunächst mal ein Wort zum äußeren des Buches. Das Cover ist noch mal umhüllt von weißer, milchiger Folie, umgeklappt wie ein Schutzumschlag. In Hinsicht auf den Inhalt des Buche ist das ziemlich genial: das wahre Bild wird verschleiert. Weiterlesen

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Frank Goldammer: Vergessene Seelen

Dresden 1948. Ein extrem heißer Sommer. Drei Jahre nach Kriegsende ist Dresden noch immer eine riesige Baustelle und die Versorgung lässt zu wünschen übrig. Für Kriminalkommissar Max Heller hat sich hauptsächlich eins geändert: Es sind nicht mehr die Russen, die sich ständig in seine Arbeit einmischen, sondern es ist inzwischen die SED. Die ihn darüber hinaus auch noch dauernd in ihre Reihen aufnehmen will und in die sein zurückgekehrter Sohn bereits eingetreten ist. Max sieht sich einem Gegner gegenüberstehen, den er nicht bekämpfen will.

In einer Baugrube wird ein 14jähriger Junge gefunden. Die Todesursache ist unklar. Ist er gestürzt, hat er sich wegen seines gewalttätigen Vaters umgebracht oder wurde er von Schmugglern getötet. Max tauch tief in die Welt der einfachen Leute und ihrer Sorgen und Schwierigkeiten ein und mit ihm der Leser. Es wird oft vergessen, dass mit Kriegsende eben nicht plötzlich alles wieder gut war (im Westen übrigens auch nicht). Männer kehren traumatisiert aus dem Krieg zurück und wissen sich nicht anders zu helfen, als Gewalt gegen ihre Familien auszuüben. Weiterlesen

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