Im Umschlagtext heißt es etwas vollmundig “Effenhauser bringt auf gekonnte Weise verschiedene Zeitebenen und historische Ereignisse zusammen“ (Werner Jung). Aber, genau das Gegenteil hätte ich als Kritik über diesen Roman geschrieben! Man kommt einfach nicht rein, durch diese ständigen Sprünge und Zeithorizonte kommt es zu einer Verwischung, die ermüdet. Ich gehe sogar noch weiter, die jegliche Spannung nach und nach aus dem Roman zerrt. Ich habe verstanden, dass es im weitesten Sinne um die Entwicklung der Atombombe geht (die Gruppe um den Physiker Heisenberg im Nazi – Deutschland) und dass nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches sich Ost und West im kalten Krieg um die besten Atomphysiker balgten. Weiterlesen
fred-ape
Robert Griess: Köln – Satirisches Handgepäck
Nachdem ich das satirische Handgepäck ausgepackt – und es mir in Köln mental gemütlich gemacht habe, muss ich gleich eins sagen: hoffentlich kommt keiner auf den Gedanken, so etwas über das Ruhrgebiet zu schreiben. Es gibt schon, so weiß ich jetzt, das Gleiche aus Berlin und Hamburg; ok, aber Nürnberg auch schon? Kann ich mir nicht vorstellen. Und das Ruhrgebiet ist zu groß, zu weit und sagen wir es in echt: zu zerrissen, bei aller Gemeinsamkeit. Ich hoffe, die in Frage kommenden Kollegen, sagen wir Uwe Lyko (Knebel) oder Fritz Eckenga, sehen es ähnlich. Aber gut. Was ich sagen will, Köln lohnt sich!
Und zwar geballt und gekonnt vorgestellt von einem Insider: Robert Griess. Ein Kölsche Jung durch und durch, das merkt man an jeder Zeile. Weiterlesen
Christoph Ransmayr: Cox: oder Der Lauf der Zeit
Das ist ein Roman, den ich nicht gerne rezensieren würde, wäre er mir vorgelegt worden, mit genau dieser Bitte darum. Das liegt an einem ständigen Unbehagen, der Unlust, das Buch immer wieder in die Hand nehmen (zu) müssen – weil es mich doch streckenweise sehr langweilte. Es gibt viele Bücher mit hochtrabenden Titeln die, sagen wir, die ZEIT, als philosophische, quasi metaphysische Dominante nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Denn die Zeit ist und bleibt ewig ein Rätsel. Obwohl es die Relativitätstheorie schon lange gibt, die Ungleichheit der Zeit, die Quantenphysik, die Masse und das endlose Universum mit seiner Mehrdimensionalität. Jetzt könnte man banal weitermachen, denn die milden Einsichten wie „Alle Uhren gehen anders“ oder „Was ist schon Zeit? Man kann trödeln und trödeln – es wird einfach nicht früher!“ kann man auch ganz lustig an den Mann bringen. So, und jetzt Ransmayr. Weiterlesen
S. Craig Zahler: Die Toten der North Ganson Street
Victoria, Missouri ist nicht die Vorstufe zur Hölle, das ist sie. Der traditionelle Krimifreund ist hier nicht mehr die Zielgruppe, hier geht es um waschechte Metzeleien, Hinrichtungen; Grausamkeiten, Unmenschlichkeiten. Zart besaitete Zeitgenossen sollten die Finger von dem Buch lassen. Ich eigentlich auch. Aber man wird ungläubig in ein inhumanes Inferno gezogen, welches mit Schriftstellerei eigentlich nichts mehr zu tun hat. Dieser Roman ist eine Abrechnung mit dem kaputten Leben in den verrotteten Städten in dem früheren nördlichen Industriegürtel der Staaten. Also eine Abrechnung mit dem gesellschaftlichen Leben (aber, das ist kein Leben mehr) in diesem verwüsteten Land, welches so schön wäre, wenn nicht da Menschen leben würden. Weiterlesen
Martin Mosebach: Mogador
Ein faszinierender Roman, den der Altmeister Mosebach da vorlegt. Eine Mischung aus einem Krimi aus dem Bankermilieu –und „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“! Wie kommt sowas zusammen? Nun, Patrick Elff, ein junger Investment Banker, kommt einem älteren Kollegen auf die Schliche, der ein System aus der digitalen Geldstromlichtgeschwindigkeit entwickelt hat, und durch minimale Zinsgewinne innerhalb von Sekundenbruchteilen irgendwo in der Welt, Millionen macht. Gar nicht so sehr um sich zu bereichern, sondern so aus Prinzip. Aber Patrick klagt ihn nicht an, sondern schweigt und ist fortan pekuniär beteiligt und korrumpierter Mitwisser. Weiterlesen
Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
Es tut mir leid, gleich zu Anfang sagen zu müssen, dass ich mehrfach bei diesem Roman, eher eine Art autobiographisches Tagebuch, eingeschlafen bin. Das ist überhaupt nicht meine Art – ich habe immer Respekt vor dem geschriebenen Wort und den Autorinnen und Autoren. Ich habe aber keinen Zugang gefunden. Die Namen haben mich ermüdet, die Orte und die Sätze, die unendlich, in einer mir völlig fremden Sprache, die Augen schläfrig werden lassen.
Wir befinden uns in einem Frauengefängnis in Zimbabwe, im früheren Rhodesien. Memory, so heißt die Ich – Erzählerin, ist wegen Mordes verurteilt und wartet seit Jahren, auf, na ja, auf was auch immer. Weiterlesen
Marie Malcovati: Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte
Um dieses Buch für mich zu einer kleinen literarischen Sensation zu machen, genügt ein kleines Zitat aus Seite 109: „Einer spielte Memory mit seinem Hund, aber der Hund war nicht ganz bei der Sache“. Großartig. Wie überhaupt die ganze Story so verrückt und gleichzeitig so tragisch-komisch ist, dass es einfach gute Laune macht.
Eine Entdeckung ist dieses Romandebut von Marie Malcovati allemal. Es gibt drei Protagonisten und ein paar Randfiguren. Lucy, genannt nach unserer afrikanisch – Altvorderen und den Beatles; Simon, Millionärssohn, aber schwarzes Schaf einer pharmazeutischen Familien – Erfolgsgeschichte und ein kränkelnder Cop mit Hinkebein namens Marotti, der grad auch noch von seiner Frau verlassen wurde und der trotz Krankenschein, die Videoüberwachung einer Schalterhalle in Basel übernommen hat. Weiterlesen
Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers
Es gibt Stellen in diesem Buch, da kommen Dir echt die Tränen. Selten war ich dem Tod literarisch so nahe. Wir befinden uns in der Hauptsache im Sommer des Jahres 1999, und hier speziell am letzten 14. Juli des letzten Jahrtausends, dem Nationalfeiertag Frankreichs, an einem Strand der Normandie im Badeort Le Touquet. Das Leben von ursprünglich vier Paaren kreuzt sich im Laufe der (Welt-)Geschichte. Das älteste Pärchen traf sich an diesem Strand auf der Flucht vor Bomben in der von Deutschen besetzten Normandie. Mit diesem Paar erleben wir auch die eindringlichsten Momente, Momente der Endlichkeit, der Schönheit des Lebens, der Liebe und vor allem die Momente des Alterns. Weiterlesen
Friedrich Christian Delius: Die Liebesgeschichtenerzählerin
S
pät, aber nicht zu spät habe ich F.C. Delius entdeckt. Und zwar durch den Roman „Mein Jahr als Mörder“ Das Buch ist zugleich Geschichtsunterricht wie auch ein packendes persönliches Drama. Eine Michael Kohlhaas Story bei der man selbst heute noch so wütend wird, dass man schreien könnte. Das dritte Reich lebte noch 20-30 Jahre nach 1945 einfach in den Köpfen weiter und alle haben geschwiegen. Was ich an Delius bewundere ist sein Historikerwissen, gepaart mit einem profunden philosophischen Denken. In seinem letzten Roman, verwickelt er drei Liebesgeschichten aus völlig unterschiedlichen Zeiten, Kampfzonen und Gesellschaften. Weiterlesen
Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan
Ein wirklich schönes Buch. Beschwingt, lehrreich, skurril, historisch, aktuell. So könnte ich frohlockend weiter machen. Irgendwie bin ich ja auch mit Bob Dylan aufgewachsen, ach komm, ich gebe zu, mein Leben lang Songs von ihm zu spielen, einige seiner Kompositionen sogar mit meinen eigenen deutschen Texten versehen – und diese sogar aufgeführt zu haben – und ich habe ihn sogar zwei Mal live gesehen. Gewohnt wortkarg, in sich gekehrt, ob beim rock n‘ roll oder bei einer seinen Balladen. Wenn überhaupt mal der Titel und ein genuscheltes thank ya. Kurz: er ist ein Genie. Und er hat sich einige Geheimnisse bewahrt, die jetzt endlich durch diesen verrückten Roman offen gelegt werden. Egal ob das nun stimmt oder nicht: die Romanidee ist einfach spitze. Weiterlesen