Rachel Joyce: Die erstaunliche Entdeckungsreise der Maureen Fry

Harolds Frau begibt sich widerstrebend auf eine Reise – emotionaler Nachklapp zum Erfolgsroman

Es ist immer problematisch mit Sequels zu Erfolgsromanen, nicht immer gelingen sie, nicht immer können sie überzeugen. Vor allem, wenn der Vorgängerband ein solch großer Erfolg war wie der Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“.

Zu dem es sogar schon einen Nachfolger gab, in dem es um Queenie ging, deretwegen Harold damals auf seine Reise ging. Nun also die Reise von Maureen, Harolds Frau. Sie, die sehr litt, damals, als Harold durch ganz England lief, um seine alte Freundin Queenie noch einmal zu sehen, die schwer krank war. Maureen war immer eifersüchtig auf Queenie, die mal eine Kollegin von Harold gewesen war.

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Stefan Moster: Bin das noch ich

Der Protagonist Simon aus Stefan Mosters neuem Roman „Bin das noch ich“, ist Berufsmusiker und spielt Violine im Orchester. Er ist froh, dass die Coronazeit überstanden ist. Viele der Musikerkollegen, die mit ihm für die aktuellen Konzerte in Finnland gebucht sind, kennt er von vorhergehenden Auftritten. Dennoch ist diesmal etwas anders.

Simon hat Angst, dass die Finger seiner linken Hand wieder versagen könnten.
Dann passiert, was er befürchtet, aber immer wieder verdrängt hat und holt ihn in voller Härte ein: Er patzt. Vor dem Publikum. Alles, was sein Leben bislang ausgemacht hat, alles, was er verkörpert hat, ist nun durch einen kleinen Defekt zunichtegemacht. Hier stellt Simon sich die existentielle Frage: Bin das noch ich?

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Paul Auster: Baumgartner

Mit seinem neuen Roman „Baumgartner“ legt der 1947 geborene amerikanische Schriftsteller-Superstar Paul Auster einen sehr persönlichen Roman vor. Sein Held, der Phänomenologie-Professor Seymour Baumgartner, hat viel gemeinsam mit Auster. Auch Anklänge zu Austers Partnerschaft mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt lassen sich aus dem Text herauszulesen.

Es geht um einen 70-jährigen älteren Herrn, der Schwierigkeiten hat, über den Tod seiner geliebten Frau Anna hinwegzukommen. Er stürzt sich in die Arbeit und auch in neue Affären, doch das alles hilft ihm nicht, einer gewissen Grund-Melancholie und Einsamkeit zu entkommen.

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Sylvain Tesson: Weiß

Der französische Schriftsteller Sylvain Tesson (Jahrgang 1972) hat Geographie studiert und an mehreren Expeditionen teilgenommen. 2019 erschien sein Reisebericht „Der Schneeleopard“ und wurde zum Bestseller. Nun hat der Rowohlt Verlag am 14. November 2023 unter dem Titel „Weiß“ Tessons nächstes Abenteuer veröffentlicht. Nicola Denis hat es aus dem Französischen übersetzt.

Drei Männer und ein Abenteuer

Von 2018 bis 2021 hat Sylvain Tesson gemeinsam mit dem Bergführer Daniel du Lac und später dem Ingenieur Philippe Rémoville die Alpen von West nach Ost auf Skiern gequert. Los geht es im März 2018 in Menton, Frankreich. Im April 2021 kommen sie in Triest, Italien, an. Vier Jahre lang in jedem Spätwinter schnallten Tesson und seine Begleiter die Skier an und bewältigten ca. 1600 Kilometer durch die Berge.

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Katrine Engberg: Glutspur

Fast bis zum Ende laufen drei Erzählstränge in KatrineEngbergs neuem Krimi um Privatermittlerin Liv Jensen parallel. Klar, dass es zwischen den drei Fällen, um die es geht, Schnittstellen geben muss, aber nicht nur Liv muss lange recherchieren, bis sie die Verbindungen sieht, auch als Leser sieht man lange nicht, was die Fälle um den Mord an einem Journalisten, den Selbstmord eines Häftlings und den Mord an einer Museumsmitarbeiterin verbindet.

Zwischen den einzelnen Fällen liegen Jahre, die Opfer kannten sich nicht und haben offensichtlich auch keinerlei Gemeinsamkeiten. Auch warum Liv nun wirklich den Polizeidienst quittiert hat und jetzt als Privatermittlerin arbeiten will, wird nicht ganz klar. So ganz hat sie die Verbindungen zum alten Job allerdings noch nicht gekappt, noch laufen die Geschäfte als Selbstständige nicht so gut. Als ihr alter Freund und Kollege Petter sie also bittet, einen alten Fall wieder aufzurollen, um vielleicht doch noch neue Fakten und Ergebnisse aufzudecken, denkt Liv nicht lange nach.

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Annie Proulx: Moorland

Zwischen Essays & Abschweifungen: Proulx‘ „Moorland“ unter der Lupe

„Wir erkennen die langsamen Metamorphosen der Natur nicht, weil wir uns von ihr gelöst haben, abgesehen vom jährlichen Urlaub, vielleicht einer Fahrt in einen Nationalpark oder einer »Naturerlebnis«-Kreuzfahrt nach Galapagos oder in die Antarktis, wo unser kurzer Aufenthalt den Lebensraum weiter schädigt.“ (S. 20)

Das Buch ist optisch und haptisch wirklich bemerkenswert schön. Auch der Inhalt schimmert für mich voller poetischer und abwechslungsreicher Highlights: Das Gefühl an einem nebligen Sommermorgen, wenn wir in der Natur Wassertropfen verzierte Spinnennetze sehen.

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Michael Kobr: Sonne über Gudhjem

Lennart Ipsen übersiedelt auf die Insel Bornholm. Er ist Däne, 47 Jahre alt, geschieden und Vater zweier Töchter. Lange Zeit hat er für Interpol in Kopenhagen gearbeitet, war in Lyon und Brüssel im Einsatz, bis ihn ein Burn-Out außer Gefecht gesetzt hat. Jetzt will er wieder in seinen Beruf einsteigen, gemächlicher, überschaubarer und auf Bornholm. Dort passiert kurz nach seinem Eintreffen gleich ein Mord. Ein alleinstehender Bauer, spezialisiert auf Schweinezucht und Schinkenherstellung, wird in seiner Räucherkammer tot aufgefunden. Ipsen macht sich mit seinen Kolleginnen Britta Blomdal und Tao Nguyen an die Aufklärung des Falles.

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Michael Tsokos: Mit kalter Präzision

Wer was über Rechtsmedizin lernen will, ist hier richtig. Wer Berlinkolorit liebt, ist hier auch richtig. Ein spannender Thriller? Ja, auch. Aber wer starke, eingängliche Protagonisten sucht, die im Gedächtnis bleiben ist hier eher nicht richtig.

Sabine Yao, Gerichtsmedizinerin aus Berlin in ihrem ersten eigenen Fall. Eine zierliche Deutsch-Chinesin mit einer ganzen Menge Energie und festem Willen. Die braucht sie in diesem Fall auch. Die Frau eines bekannten Chirurgen wurde ermordet, ihr Mann hat ein nicht zu widerlegendes Alibi für die Tatzeit. Die Tatzeit? Irgendwas stimmt da nicht, die Totenstarre passt nicht zur berechneten Tatzeit. Berechnet von zwei verschiedenen Gerichtsmedizinern unabhängig voneinander. Muss also richtig sein.

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Marcel Huwyler: Frau Morgenstern und der Abgrund

Die Auftragskillerin ermittelt wieder – spannend, skurril, unübertroffen

Noch immer sind Violetta Morgenstern und ihr Freund und Kollege Miguel Schlunegger gleichzeitig Jäger und Gejagte. Sie sind Auftragskiller, Detektive und werden gleichzeitig von ihrem früheren Arbeitgeber gesucht.

Hier hilft der Hinweis, dass man gut daran tut, die Vorgängerbände zu kennen, um in diesem neuen Roman alle Zusammenhänge verstehen zu können. Auch wenn hin und wieder Erklärungen oder Rückblicke eingeflochten sind, entsteht einfach auch mehr Spannung, wenn man weiß, was vorher geschah.

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Tove Alsterdal: Blinde Tunnel

Es sollte ein Neubeginn werden.

„Die Leute sagen, man müsse im Jetzt leben, aber das ist unmöglich. Das Jetzt gibt es nicht. Es verschwindet in jeder Sekunde. Immer wenn ich versucht habe, im Jetzt zu sein, hat mich die Vergangenheit eingeholt.“ (S.18)

Das schwedische Ehepaar Daniel und Sonja haben nach persönlichen Rückschlägen beschlossen, nach Tschechien auszuwandern. Das Paar im mittleren Alter sucht im ehemaligen Sudetenland eine Perspektive für ihre Ehe, die letzten Berufsjahre und einen Ausweg aus dem festgefahrenen Leben voller Zweifel und Hader.

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