Sabrina Imbler: So weit das Licht reicht

Der Roman „Soweit das Licht reicht. Die Kreaturen der Tiefsee und was sie mir über das Leben erzählen“ von Sabrina Imbler führt in die Tiefen unserer Ozeane, soweit das Licht eben reicht und weiter. Dort unten leben Wesen ohne Licht, ohne Sauerstoff, blühen auf und vergehen, ohne dass wir sie sehen. Sie haben sich so sehr an diese Welt angepasst, dass sie an lebensfeindlichen Orten geboren werden, sich vermehren und sterben können, sie haben Mechanismen und Körper entwickelt, die sich manch eine:r von uns des Öfteren wünschen würde.

Wie viele Menschen leben in absolutem Unverständnis ihrer Außenwelt bezüglich ihrer Gefühle füreinander, ihrer Interessen und Ausdrucksweisen oder ihrer Sexualität. Ich weiß nicht genau, warum die intimsten Wesenszüge der Menschen derart ans Tageslicht gezogen werden müssen, sobald die Personen nicht dem plakativen „Normal“ entsprechen. Wieso existiert eine solche Angst, Abneigung, Distanz gegenüber Queerness, gegenüber so vielschillernden Arten, das Leben zu bewältigen?

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Ilona Jerger: Lorenz

Die Autorin Ilona Jerger hat Germanistik und Politologie studiert. Im Schreiblust-Leselust-Portal wurde auch ihr vorangegangener, 2017 erschienener  Roman Und Marx stand still in Darwins Garten rezensiert.

Ilona Jergers aktuelles Buch „Lorenz“ handelt vom Tierpsychologen und Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Die Autorin selbst schlüpft als Ich-Erzählerin in die Rolle einer Ornithologin, die ergänzend am biografischen Inhalt mitwirkt. Wie Ilona Jerger selbst beschreibt, lebt ihr Roman in einer Zwischenwelt, in der sie die biografischen und historischen Fakten gemäß ihrer künstlerischen Freiheit literarisch ergänzt.
So lernt man den Verhaltensforscher Lorenz, der seine Tierbeobachtungen bereits in der Kindheit und Jugend begonnen hat, von Seite zu Seite besser kennen:

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Katerina Gordeeva: Nimm meinen Schmerz

Erschütternde Schicksale machen den Schmerz fast greifbar – schwer erträgliches, aber ungemein wichtiges Buch

 „Aber eigentlich handelt (meine Geschichte) nicht von mir. Sie handelt von den Menschen. Manche verwandelt der Krieg schnell zu Bestien. Ich habe solche gesehen: Man gibt ihnen eine Waffe, und sie verlieren sofort alles Menschliche. Verlieren ihr Gewissen und Mitgefühl. Ich habe gesehen, wie schnell das geht.“ (S. 71).

Solche Geschichten, von Menschen, Frauen, Männern, Kindern, im Krieg erzählt die Journalistin Katerina Gordeeva. Oder vielmehr sie lässt diese Menschen ihre Geschichten erzählen, sie hört zu, stellt manchmal Fragen, manchmal fehlen ihr aber auch die Worte. Und manchmal möchten die Ukrainerinnen gerade mit ihr nicht sprechen, denn Katerina Gordeeva ist Russin.

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Charles Lewinsky: Der Teufel in der Weihnachtsnacht

Weil ihm Schwester Innocentia eine derart leckere Kombination aus Dresdener Christstollen und Panettone kredenzt, dass er viel zu viel davon isst, schläft der Papst in der Heiligen Nacht sehr schlecht und wird heimgesucht vom … Teufel. Der rechnet ihm behände vor, dass die Kirche nicht rentabel ist und empfiehlt ihm umfassende Umgestaltungen. Der Höllenfürst meint, man müsse fusionieren, umstrukturieren, kooperieren und überhaupt von Grund auf modernisieren. Reformieren sagt er bewusst nicht.

Weil alle Politiker, Wirtschaftsbosse und Werbetexter Lügner seien, habe er in der Hölle das akkurat passende Personal für die dringend notwendigen Erneuerungen. Es gehe ja schon mit dem Namen los. Heilige katholische Kirche. Unmöglich. Der Teufel würde den Konzern in „Wirklich Nützliche Gesellschaft“ umbenennen. Das klinge schon viel zeitgemäßer. In seinem fliegenden Ferrari nimmt er den Papst mit auf eine rasante Reise, durch die er ihm die Umgestaltungen schmackhaft machen möchte. Der Heilige Vater ist etwas überfordert und vor allem zögerlich.

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Martina Parker: Ausg’stochen

Im Südburgenland, dem südöstlichen Winkel Österreichs, kehrt der Winter ein. Die Damen vom „Klub der grünen Daumen“ bringen Hyazinthen im Glas zum Erblühen, beschäftigen sich mit der alten Tradition des Räucherns, backen Kekse und – sind wieder einmal hautnah dran an einem Verbrechen. Auf einem Adventsmarkt, dem „Südburgenländischen Adventszauber“, wird der Bürgermeister tot unter dem Christbaum aufgefunden. Wie sich herausstellt, dürfte er Giftsumach geraucht haben. Ein äußerst toxisches Kraut, das er bestimmt nicht wissentlich zu sich genommen hat. Von Mord ist auszugehen. Vera, Journalistin beim „Burgenländischen Boten“ und Klubmitglied bei den „grünen Daumen“, wird von der Polizistin Marlies Murlasits, ebenfalls bei den „grünen Daumen“, ob ihres Spürsinns und ihrer Kräuterkenntnisse ins Vertrauen und zu den Ermittlungen hinzugezogen.

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Gisa Pauly et.al.: Tatort Weihnachten

Was ist das Besondere an den Schönbacher Weihnachtswuchteln? Besonders genug, um jemanden dafür umzubringen? Wie verbringt man Weihnachten ganz alleine in einem stadtweiten Blackout und ist das eigentlich gefährlich? Und was wäre, wenn der Weihnachtsmann auch einem rachsüchtigen Exmann in der Nervenanstalt einen Weihnachtswunsch erfüllen würde?

Diese Fragen und viele mehr werden in dem Sammelband „Tatort Weihnachten“ beantwortet. 12 Autoren widmen sich hier der Frage, wie Weihnachten zum Krimi werden kann und sind damit erfolgreich! 12 Geschichten warten auf die Leser, die sich die Zeit bis zu den Geschenken verkürzen wollen: Mal gruselig, mal verstörend, immer spannend und oft humorvoll wird hier Weihnachten zum Tatort. Dabei werden die unterschiedlichsten Orte bereist: Ob die alte Verkäuferin auf dem Salzburger Christkindlmarkt sich mit den modernen Auflagen herumplagen muss oder eine Ehefrau in einem idyllischen Berghaus auf dem Peloponnes erfährt, dass ihr Mann sie betrügt (eine steile Treppe wird hier zum Verhängnis) – dieses Buch legt den Tatort nicht nur auf Weihnachten, sondern auch in ganz Europa.

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Roman Rozina: Hundert Jahre Blindheit

Wenn Roman Rozina, Sloweniens bedeutendster Autor, seinem Opus den Titel Hundert Jahre Blindheit gibt und sein wichtigster Charakter von Geburt an blind ist, könnte man leicht in die falsche Richtung schauen. Gleichzeitig fragt man sich, welche Geschichte der blinde Zeitzeuge Matija Knap über seine Familie erzählen könnte. Aus Gesprächen dürfte er erfahren haben, dass sein Großvater quasi aus dem Nichts einen der größten Bauernhöfe der Gegend geschaffen hat. Sein stur eingehaltenes Leitmotiv, immer mehr Land zu erwerben, sorgte für eine Arbeitslast, die er alleine nicht mehr tragen konnte.

Die Industrialisierung erreichte die Familie Knap, als im Tal der Kohlebergbau nicht nur für zahlreiche Arbeitsplätze sorgte. Die unterirdischen Grabungen veränderten auch die Landschaften. Erdrutsche nahmen in den Stollen das Leben der Bergleute, und oberirdisch zerstörten sie den Hof der Familie Knap und ihre Ackerflächen. Matijas Vater war gezwungen, im Bergbau zu arbeiten. Er zog mit seiner Familie in eine Werkswohnung und hoffte, Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs zu werden.

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Christian Herzog: Aktion Phoenix

Was für ein spannender Thriller: Ralf H. Dorweiler, der hier unter dem Pseudonym Christian Herzog schreibt, nimmt die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin zum Hintergrund seines Romans „Aktion Phoenix“.

Hauptfiguren sind eine Widerstandskämpferin gegen die Nazis, ein Mitarbeiter des Propagandaministeriums unter Goebbels, der sich in sie verliebt, und ein werdender Steward auf dem größten Zeppelin, den es damals gab: den LZ 129 „Hindenburg“.

Die Drei müssen sich mit einem perfiden Plan Hitlers, der als Figur sogar selbst auftritt, herumschlagen.
Herzog vermischt hier gekonnt Fakten und Fiktion. So treten erdachte Charaktere wie unsere drei Helden neben realen Figuren dieser Zeit wie einigen Nazi-Größen, der Regisseurin Leni Riefenstahl, dem erfolgreichen Sportler Jesse Owens oder auch dem Zeppelin-Erbauer Hugo Eckener auf.

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Brooke Robinson: Die Dolmetscherin

Ehrlich? Ich habe mehrfach überlegt, das Buch einfach aus der Hand zu legen.

Die vielversprechenden Ankündigungen wie auch der Klappentext hatten mich neugierig gemacht auf eine spannende Story. Gut 160 Seiten lang wartet man allerdings auf den Moment, in dem Revelle Lee diesen entscheidenden Übersetzungsfehler macht, der eben einen Prozessausgang wenden würde, beziehungsweise, dass sich Spannung einstellt. Den Fehler macht sie – sie übersetzt in einer Zeugenvernehmung bewusst falsch. Ganz bewusst. Und schickt damit quasi einen Unschuldigen ins Gefängnis. Das lässt sie dann aber nicht mehr los.

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David Fuchs: Zwischen Mauern

Fünf Akteure gibt es in diesem Buch. Herr T. liegt in einem abbruchreifen Pflegeheim und schreit während der Nacht, wenn keiner bei ihm ist. Er kann sich nicht artikulieren und erkennt niemanden. Er registriert allerdings, wenn jemand bei ihm sitzt. Meta ist Bankangestellte und nimmt sich eine kleine Auszeit. Sie betreut Herrn T. als sogenannte „Sitzwache“. Sie ordnet seine Decke, wenn die verrutscht, und befeuchtet seinen Mund. Dabei entdeckt sie, dass er Cognac mag und vermutlich ein Alkoholproblem hatte. Der Arzt Wendelin Pomp betreibt in diesem ausrangierten Heim eine Schmerzordination.

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