Nick Martell: Der Hof der Rache

Willkommen in Kessel, einem Stadtstaat, einem Königreich, dem Heim vieler Menschen – meiner Heimat. Ja, ich bin ein Königmann, Berater, Beschützer und Gewissen der Könige – zumindest bis vor einer Generation. Damals hat mein Vater den Prinzen ermordet und wurde, geständig, hingerichtet. Inzwischen wird mir Vergleichbares vorgeworfen – ich soll den aktuellen König umgebracht haben – Beides stimmt nicht, nur dass uns niemand glaubt. Mein Kopf unter der Guillotine – das hat nur mein Betritt zur Orbis Söldner-Kompanie verhindert.

Die Prinzessin, meine Freundin aus Sandkastentagen, hat ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt und Attentäter angeheuert, dabei hat Kessel sonst auch noch genügend Probleme. Flüchtlinge aus den streitenden Reichen sind vor Verfolgung in die Stadt, die sich selbst kaum verpflegen kann, geflüchtet. Dazu ist noch ein Serienkiller zurück – der sich für seine perversen Spielchen ausgerechnet auch noch meine Wenigkeit ausgesucht hat. Sie sehen also – langweilig wird mir nicht, scheint doch ein Jeder nur ein Ziel zu haben – mich vom Leben in den Tod zu befördern …

Vorhang auf zum Mittelband der Trilogie um eine Stadt, ihre Herrscher und deren Gegner. So einfach kann man die Handlung zusammenfassen, auch wenn sich Nick Martell natürlich ein klein wenig mehr hat einfallen lassen.

Als da sind – Unsterbliche, die ihre Intrigen seit Jahrhunderten spinnen, Drachen, die in Menschenform auch ihre eigenen Ziele verfolgen, Assassinen- und Söldner-Heere, die ihr eigenes Süppchen kochen, jede Menge geheime Pläne, die aufgedeckt oder verhindert werden und mitten drin unser Königmann.

Dass dieser impulsiv – und das ist noch eine Untertreibung – und aggressiv die an ihn herangetragenen Kämpfe aufnimmt, dass er immer versucht, seinem Namen und seinem Erbe gerecht zu werden, steht auf der Habenseite. Dass er ein verbohrter Dickkopf ist, der nur zu gerne mit dem Kopf durch die Wand geht, im Soll.

Überschaubare Welt

Nach und nach erschließt der Verfasser uns seine – örtlich überschaubare – Welt. Die befestigte Stadt, vor ihren Wällen die Rebellen, scheinbar hat jeder innerhalb und außerhalb der Tore mehr Ahnung, was vor sich geht, was die Parteien erreichen wollen, als unser Erzähler. Dieser stolpert, engagiert, aber oft etwas konfus durch die Intrigen, Anfeindungen und Anschläge, ist nur zu oft an der Stelle, an dem ihm sein Kopf im wahrsten Sinne des Wortes, verloren gehen könnte.

Das World-Building fällt etwas rudimentär aus, dafür pflastert uns der Autor mit Geheimnissen voll. Besonderes Augenmerk sollte man auf die Ausgestaltung der Magie – Fabrikation genannt – richten, fordert diese doch als Preis von dem jeweils Begabten, Erinnerungen. Und was es heißt, plötzlich den Namen eines geliebten Menschen oder dessen Aussehen nicht mehr zu kennen – die Protagonisten können ein Klagelied davon singen.

Zufall hilft oft

Oft, fast zu oft muss Mikael der Zufall auf die Sprünge helfen, dennoch bietet sich das Bild, das sich nach und nach abzeichnet, weiterhin als durchaus interessant an.

Das liest sich auch vorliegend durchaus packend und interessant und vermeidet unnötige Gewaltdarstellungen. Im abschließenden dritten Teil wird Mikael Kessel verlassen und das Bild der Welt wird sich durch diese angekündigte Reise wohl massiv erweitern. Klar ist, dass alle Parteien – Unsterbliche, Drachen, Mörder und Adelige – ihm weiter nachstellen werden. Wie es ihm letztlich gelingen wird, ihren Nachstellungen zu entgehen, was für neue, schmerzhafte Opfer ihn dies kosten wird, die erwartet uns in 2 Monaten, wenn der abschließende Band bei Blanvalet erscheinen wird.

Nick Martell: Der Hof der Rache
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Urban Hofstetter
Blanvalet, April 2023
779 Seiten, Paperback, 18,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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