Ein historischer Roman, der einen guten und durchaus interessanten Einblick gibt in das höfische Leben in Frankreich zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als Anne Boleyn als etwa 12-jährige junge Adlige als Ehrenmädchen an den französischen Hof kommt und sich dort sehr bald positiv hervortut.
Der Covertext hebt Anne Boleyn zwar als bedeutend hervor: „Anne Boleyn schrieb in England Geschichte. Doch ihr Charakter wurde in Frankreich geformt.“, im Roman selbst spielt sie zwar eine wichtige Rolle, aber eher eine Nebenrolle neben Marcelle de Saint-Séverin, der Tochter des Großstallmeisters, die ebenfalls als Ehrenmädchen im Hofstaat der späteren Königin lebt.
Ich hatte erwartet, ein bisschen mehr über den Weg der Anne Boleyn vom französischen Hof, den sie 1522 verlassen musste, um in England Hofdame am Tudor-Hof zu werden, bis hin zu ihrer Vermählung mit König Heinrich VIII., dessen zweite Ehefrau sie wurde und der sie wegen Hochverrats und vorgeblichen Ehebruchs am 19. Mai 1536 enthaupten ließ. Davon erfährt man in diesem Roman leider nichts. Insofern fand ich den Satz auf dem Cover etwas unzutreffend.
Der Roman an sich ist eine gut gezeichnete Darstellung des Lebens der Frauen in dieser Zeit, als Väter, Brüder oder Onkel über ihr Leben und ihren Verbleib bestimmten. Marcelle und Anne verkörpern hier zwei junge Frauen, die versuchen, bis zu einem gewissen Grad ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Marcelle profitiert dabei von einem eher weltoffenen Vater, der sie nicht zu einer Ehe zwingt, der sie Kind sein lässt und ihre Freundschaft zu Jean, dem Sohn des Großfalkners zumindest nicht unterbindet.
Und doch ist es auch Marcelles Vater, der das Mädchen zwingt, in den Hofstaat der künftigen Königin einzutreten und sich dort zu beweisen. Marcelle, die eher ungestüm ist, ist als „italienischer Bastard“, als uneheliche Tochter ihres italienischstämmigen Vaters dort zunächst eine Außenseiterin, der die anderen Mädchen am Hof das Leben nicht leicht machen. Das ändert sich, als Anne an den Hof kommt und sich zwischen ihr und Marcelle recht bald eine Freundschaft entwickelt. Anne hat einen guten Einfluss auf Marcelle, ist aber, genau wie sie, voller Freiheitsdrang, Neugier auf Neues. Ihre scharfe Zunge imponiert Marcelle. Die beiden werden ein unzertrennliches „Gespann“. Mit Anne an ihrer Seite fällt es Marcelle wesentlich leichter, all die Dinge zu erlernen und zu erdulden, die von einem jungen adligen Mädchen erwartet werden. Sticken, musizieren, zeichnen, möglichst auch Fremdsprachen zu beherrschen. Die höfischen Tugenden hat Anne bereits am Hof in den habsburgischen Niederlanden erlernt, in Frankreich kann sie damit glänzen. Marcelle tut sich eher schwer mit der Etikette. Ihre ganze Leidenschaft gehört dem Zeichnen, was sie meisterhaft beherrscht. Das bestätigt später auch Leonardo da Vinci, der in seinen späten Jahren an den Hof übersiedelt und ihr Anleitung gibt.
Alles in allem ist „Der Gesang des Falken“ ein recht guter Debütroman, der die Tudor-Zeit, das höfische Leben, Macht und Intrigen, gut schildert. Kompetent erzählt, sehr gut recherchiert. Manchmal ein bisschen flach und langatmig. Vielleicht werden – wie bei mir – durch die beiden Zeilen auf dem Cover falsche Erwartungen geweckt. Dennoch sieht man das Leben der Anne Boleyn auch mal aus einer anderen Perspektive als der der englischen Königin, deren Wahlspruch lautete „the most happy“ und deren Leben so tragisch endete.
Lea Gerstenberger: Der Gesang des Falken
Knaur, Juni 2026
480 Seiten, Paperback, 18,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
