Jo Leevers: In den Augen meiner Mutter

Etwas überfrachtetes Familiendrama um Geheimnisse und Missverständnisse

Wieder einmal ein Roman um die Beziehung von Müttern zu Töchtern, von Kindern zu Eltern, ein Roman um eine Familie voller Probleme, voller Drama.

Der erste Roman, den ich von Jo Leevers gelesen habe, hat mir ausgenommen gut gefallen. Er war gefühlvoll ohne rührselig zu sein, er zeigte einen leisen Humor und die Figuren waren authentisch und sympathisch. Vor allem war er optimistisch und hell.

Leider hat mich dieser neuer Roman dagegen etwas enttäuscht. Er ist eher düster und zäh, die Handlung ist überfrachtet und die Charaktere haben kein Mitempfinden wecken können.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Georgie, hochschwanger, deren Lebensgefährte unverhofft dienstlich verreisen musste. Sie hat einiges aus ihrer Vergangenheit, aus ihrer Familiengeschichte vor ihm verschwiegen. So erzählt sie ihm auch nicht, dass sie, nachdem sie   plötzlich ein Foto ihrer seit vielen Jahren verschwundenen Mutter in der Zeitung sieht, aufbricht, um diese zu suchen. Sie bittet ihren Bruder Dan, zu dem ihre Beziehung auch seit zwei Jahren unterbrochen war, um Hilfe und gemeinsam begeben sich beide auf die Reise.

Unterwegs kommen sich Georgie und Dan wieder näher, können über das Ereignis, das sie trennte – den Tod eines gemeinsamen Freundes – erstmals offen reden. Doch die Reise bringt erst einmal keinen Erfolg, denn Nancy, ihre Mutter, ist von dort, wo sie war, bereits wieder verschwunden.

In vielen Rückblicken, bis zu Nancys Kindheit, über ihre Studienzeit, ihre Ehe und die Geburt der Kinder, erfahren wir, was damals vorfiel und wieso Nancy die Familie verlassen musste. In weiteren Rückschauen wird auch Georgies Geschichte erzählt, wie sie als Kind und Teenager mit dem Verschwinden der Mutter und der gleichzeitigen Gleichgültigkeit des Vaters ihr gegenüber fertig werden musste, wie sie Finn, Dans besten Freund kennen und lieben lernte und wie es schließlich zur Katastrophe kam.

Dazwischen wiederum sind Szenen aus Nancys Perspektive eingefügt in der aktuellen Handlung. Sie reist per Anhalter mit ihrer Hündin Bree, um weiter im Verborgenen leben zu können.

Am Ende, das darf man ohne zu spoilern verraten, begegnen sich Nancy und ihre Kinder und es gelingt, sich auszusprechen, all die vergangenen und gegenwärtigen Schwierigkeiten aufzuarbeiten und auszuräumen.

So fesselnd die Handlung in der Zusammenfassung klingen mag, so wenig konnte sie mich fesseln. Zum einen verhindern die häufigen Zeit- und Perspektivwechsel, dass man überhaupt richtig in die Handlung, in die Geschichte eintauchen kann, dass man eine Beziehung zu den Figuren aufbauen kann. Zum anderen sind es mir einfach zu viele Probleme, die diese Familie getroffen hat. Das ist überdramatisiert, überfrachtet und wirkt dadurch zu konstruiert. So hätte es meines Erachtens den gesamten Handlungsstrang um den Tod des Freundes Finn gar nicht gebraucht.

Hinzu kommen noch der eine oder andere Logikfehler, so wie die unendliche Fahrt von Georgie und Dan, deren Navi, auch nachdem sie mehrere Stunden gefahren sind, immer nur eine oder sogar weniger von der genannten Fahrtzeit abzieht. Das passte dann leider hinten und vorne nicht.

Dazu ist vieles recht klischeehaft, so ist der Bösewicht der Geschichte zu böse gezeichnet, so dass er fast ein wenig wie eine Karikatur wirkt. Die Gefühle der Figuren sind oft zu dick aufgetragen, um zu überzeugen. Einzig die Beschreibungen von Nancy in der Jetztzeit erzeugen eine gewisse Empathie und Mitleiden.

Der Schreibstil von Jo Leevers ist nicht schlechter als in „Café Leben“, aber diesmal konnte er mir dennoch den Roman nicht näherbringen. Schade.

Jo Leevers – In den Augen meiner Mutter
aus dem Englischen von Maria Hochsieder
Droemer, Mai 2024
Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, 23,00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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