Ach ja, die 80er, meine besten Jahre. Bloß nicht die Fotos von damals ansehen, mit den seltsamen Karottenhosen, den komischen Locken und diesen Schuhen. Seltsame Ansichten gab es damals auch, bloß hatte ich keine, weil ich gar keine eigenen Ansichten hatte. Dieses Problem hatte Helene Mierscheid zumindest nicht, auch wenn sie in ihrer Jugend mehrfach gehandicapt war, am meisten durch ihre Herkunft als Landei aus dem Odenwald. Trotzdem hat sie in ihrem abgelegenen Dorf eine ganze Menge des Zeitgeistes mitbekommen und in diesem Buch wieder zum Leben erweckt. Weiterlesen
Sachbücher & Biografien
René Kollo: Richard Wagner: … dem Vogel, der heut sang …
Es scheint fast so, dass Startenor René Kollo die wiederkehrenden Klischees und Vorurteile in den Wagner-Biografien, die zum 100. Todestag des Komponisten 2013 erschienen sind, so geärgert haben, dass er eine eigene Wagner-Biografie geschrieben hat: ein Buch, aus dem die ganze Liebe des Sängers zu Wagners Musik und große Kenntnis spricht, weil Kollo alle Opern gerne und oft gesungen hat.
Wagners angebliche Judenfeindlichkeit stellt der 77-jährige Tenor richtig, rückt das Nationale in den „Meistersingern“ ins richtige Licht, erklärt, was das Weihevolle am „Parsifal“ ist und schimpft übers Regietheater, das den Werken nicht gerecht werde. – Lebenswert.
René Kollo: Richard Wagner: … dem Vogel, der heut sang … .
Lau Verlag & Handel KG, Oktober 2014.
216 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.
Günter Grass: Sechs Jahrzehnte
Seit fast zehn Jahren zieht Günter Grass Bilanz. Einen Roman will sich der 87-jährige Literatur-Nobelpreisträger „nicht mehr zumuten“, weil die Recherchen dafür sechs bis sieben Jahre dauern würden.
Aber nach seinen drei Autobiografie-Bänden, die im nächsten Jahr im Steidl-Verlag als Trilogie-Box erscheinen, blickt er nun auf „Sechs Jahrzehnte“ Künstlerleben zurück. Es ist ein gewichtiges Buch, 1700 Gramm schwer, 608 Seiten dick mit mehr Bildern als erklärenden Texten, dazwischen Manuskripte und Gedichte. Weiterlesen
Hélène Grimaud: Das Lied der Natur
Ein „Lied der Natur“ erzählt Pianistin Hélène Grimaud in ihrem neuen Buch und nimmt die Leser mit auf eine Reise von Hamburg über Rügen bis in die Wälder, wo die Französin in ihrer Wahlheimat nördlich von New York ein Reservat für Wölfe aufgebaut hat. Aber in erster Linie ist dieses Buch das Brahms-Buch von Hélène Grimaud.
Eine märchenhaft-phantastische Geschichte erzählt die Pianistin, die mit dem Besuch in einem surrealen kleinen Antiquarität in Hamburg beginnt. Dort findet sie ein Manuskript von Brahms und geht auf Spurensuche.
Das Buch wird zu einer Suche nach Bildern, die allen Musikern wichtig ist, um die Werke, die sie spielen, besser verstehen zu können. Und zu einem Plädoyer für die Natur.
Hélène Grimaud: Das Lied der Natur.
Bertelsmann, September 2014.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.
Jürgen Domian: Richtig leben: … und dann tu, was du willst
Jede Nacht hört Jürgen Domian in seiner Fernsehsendung unglaubliche Geschichten von verzweifelten Menschen. Und dann gibt der 57-jährige Kölner Ratschläge, wie man richtig lebt. – Aber kann man das erklären?
Offenbar nicht, denn auch im Buch „Richtig leben … und dann tu, was Du willst“ gelingt Domian das nicht so recht. Der „Nachtfalke“ geht die sieben Todsünden durch, sucht Rat beim Zen, Buddhismus und in der Bibel, erzählt Geschichten der Anrufer und aus seinem privaten Umfeld. Und obwohl fett gedruckt eine innere Stimme all die guten Ratschläge hinterfragt, wirkt vieles sehr moralisierend.
Bei Hochmut, Gier, Neid, Zorn, Völlerei und Trägheit sind Schicksale, die Domian beschreibt, nachvollziehbar. Die (meist unappetitlichen) Beispiele, die er im Kapitel Wollust heranzieht, hätte man lieber nicht gelesen.
Jürgen Domian: Richtig leben: … und dann tu, was du willst.
Gütersloher Verlagshaus, September 2014.
464 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.
Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder!
„Erwarten Sie Wunder!“ motiviert Dirigent Kent Nagano in seinem Buch die Leser, klassische Musik zu hören und zu spielen. Patentrezepte, wie man mehr Hörer in die Säle bekommt, hat der 63-jährige, designierte Hamburger Generalmusikdirektor auch nicht, aber es ist ein kluges Buch, das den Lesern Bach, Beethoven, Bernstein, Bruckner, Messiaen, Ives und Schönberg näher bringt, Musik erklärt und eine Analyse des klassischen Musikbetrieb ist.
Der Amerikaner schwärmt von seiner Kindheit in einem Fischerdorf an der Westküste der USA, wo Musik zum Leben gehörte und er mit vier Jahre begann, Klavier zu spielen. Und er erzählt von Begegnungen mit Musikern und seiner Arbeit als Dirigent.
Konzepte, wie er in Montrael Publikum angelockt hat, erklärt er und wirbt für die Musik, wenn er erzählt, welche Hormone beim Hören dann ausgeschüttet werden und welche Nervenzellen angesprochen werden. Dann stellen sich Wunder ein.
Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder!.
Berlin Verlag, Oktober 2014.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,90 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.
Tom Reiss: Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo
Der Schriftsteller Alexandre Dumas hatte einen berühmten Vater, dessen ungewöhnliche Karriere nicht nur durch die Berühmtheit seines Sohnes und Enkels in Vergessenheit geriet.
Alexandre Dumas Großvater war der Adelige Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie, der zu seinem vermögenden jüngeren Bruder nach Saint-Domingue floh, wo Sklaven unter der brutalen Hand ihrer Aufseher die weltweit größte Menge an Zucker produzierten. Alexandre Dumas Vater, Thomas-Alexandre, wurde am 25. März 1762 als Sklave geboren, weil seine Mutter, Marie Cessette, eine schwarze Sklavin war. Weiterlesen
Alfred Brendel: Wunderglaube und Mißtonleiter
Nicht nur als tollen Pianisten, auch als klugen Autoren und Referenten über Musik, hat das Publikum Alfred Brendel kennen gelernt. Sein neues Buch „Wunderglaube und Misstonleiter“ fällt ein bisschen aus dem Rahmen, ist ein Mosaik aus Selbstbetrachtungen, Porträts von zwei Pianistinnen, die keiner mehr kennt, Gedanken von Jean Paul und Reflexionen über Beethoven, Schubert und Mozart. Auch Überlegungen zu Spielgewohnheiten gibt es – in erster Linie für Pianisten. Weiterlesen
Karen Duve: Warum die Sache schiefgeht
In diesem Essay schreibt Karen Duve sich den Frust von der Seele und rechnet ab mit den Verantwortlichen für unser Gesellschaftssystem, Bankenkrisen, dem Kapitalismus, Rohstoffverschwendung, CO2-Emission, Welternährung, Klimawandel.
Zwar bekommen hauptsächlich vermessene, machthungrige Männer aus den obersten Führungsetagen ihr Fett ab, letztlich richtet sich Duves Appell aber an alle. Jeder muss sich an die eigene Nase greifen. – Ob es nun beispielsweise darum geht, wie selbstverständlich wir uns die zu Neige gehenden Ressourcen zu eigen machen, oder wie gedankenlos das mit Antibiotika versetzte Qualfleisch bäuerlicher Mastbetriebe verkonsumiert wird. Weiterlesen
Werner Dopfer: Seelenscherben: Wenn die Normalität zerbricht
Wie viele Ängste und Nöte kann ein Mensch aushalten? Wieviel Leid
kann eine Seele ertragen bis sie krank wird und zerbricht?
Die Geschichten in diesem Buch handeln von Menschen, die es nicht mehr geschafft haben, mit ihren Problemen allein fertig zu werden.
Der Autor Werner Dopfer praktiziert als Psychotherapeut.
In „Seelenscherben“ beschreibt er die sicher erschütterndsten Fallgeschichten seiner über zwanzigjährigen Berufszeit. Weiterlesen