Dilemma. Dieses Wort wird der Situation nicht einmal ansatzweise gerecht, in der sich Juden in Israel und weltweit seit dem 7. Oktober befinden. Der in Sachsen geborene Autor Marko Martin mit jüdischen Wurzeln hat dazu Betroffene befragt. Oder vielmehr: Er lässt sie erzählen gegen die Sprachlosigkeit. Eine Mutter in Berlin, die Angst um ihr Kind hat und sich in der Öffentlichkeit nicht mehr als Jüdin outet. Junge Aktivisten, welche in Tel Aviv gegen Natanjahus Regierung demonstrieren. Muslimische Israelis, die das häufig vorgefertigte Bild des Westens auf den Kopf stellen. Martin zeichnet das feinfühlige Porträt einer Generation, für die der Holocaust bereits weit weg war und die nun wieder den geballten Judenhass zu spüren bekommen.
WeiterlesenSachbücher & Biografien
Yanis Varoufakis: Technofeudalismus
„Ich weiß noch, wie ich … sagte: „Wir erleben etwas, das in eklatantem Widerspruch zu allen Formen des Kapitalismus steht.“ (S. 113)
In den Augen des Wirtschaftswissenschaftlers, Politikers und Autoren Yanis Varoufakis hat der Technofeudalismus den Kapitalismus getötet. Unter Technofeudalismus versteht er unter anderem ein riesiges, digitales Finanzsystem, das systematisch Gebühren („Renten“) von Internetnutzern einfordert, ohne hierfür tatsächlich eine Gegenleistung zu erbringen.
Die Natur einer Rente erklärt der Autor wie folgt: „Eine Rente fließt aus dem privilegierten Zugang zu Dingen mit fixem Angebot wie fruchtbaren Boden oder Land, in dem fossile Brennstoffe lagern. Man kann nicht mehr von diesen Ressourcen produzieren …“ (S. 145) Im Gegensatz hierzu steht der Profit, der durch unternehmerisches Handeln entsteht und durch Wettbewerb gefährdet ist.
WeiterlesenColum McCann mit Diane Foley: American Mother
In „American Mother“ beleuchtet der preisgekrönte US-amerikanische Schriftsteller Colum McCann gemeinsam mit Diane Foley ein erschütterndes Kapitel der jüngeren Geschichte: die Geiselnahmen durch islamistische Gruppen im Nahen Osten. Im Zentrum des Buches steht die tragische Geschichte des Journalisten James Foley, der 2012 in Syrien von extremistischen Islamisten gefangen genommen und nach zwei Jahren brutaler Folter vor laufender Kamera grausam hingerichtet wurde. Seine Mutter, Diane Foley, verarbeitet in diesem Buch nicht nur ihre unermessliche Trauer, sondern auch ihren Kampf für andere Geiseln und ihre Familien.
James Foley: Ein Leben zwischen Mut und Gefahr
Das Buch zeichnet ein intensives Porträt von James Foley, einem mutigen Journalisten, der bereit war, sein Leben zu riskieren, um die Wahrheit aus Konfliktgebieten zu berichten. Doch es bleibt nicht bei der Erzählung seines Lebens: Diane Foley gewährt Einblicke in ihre eigene Gefühlswelt und beschreibt ihren Weg, mit dem Verlust ihres Sohnes umzugehen. Besonders eindrücklich sind ihre Begegnungen mit dem inhaftierten Geiselnehmer ihres Sohnes, dem sie am Ende sogar die Hand reicht – ein bewegender Akt der Vergebung.
WeiterlesenAlexej Nawalny: Patriot
Die Geschichte eines beeindruckenden Mannes, von ihm selbst erzählt
Allein schon das Wissen, dass er dieses Buch unter anderem im Gefängnis, in dem er schließlich sogar den Tod fand, schrieb, macht diese Biografie zu einem erschütternden Dokument. Es schildert das Leben eines faszinierenden Charakters, eines Mannes, der die Welt bewegte und um den die Welt trauert.
Das Buch beschreibt vor allem seinen Kampf gegen den Staat, gegen das System, gegen Korruption und Unterdrückung. Dabei ist es ihm wichtig, den Unterschied deutlich zu machen: Sein Kampf gilt nicht seinem Land, sondern dem Staat: „Ich liebe mein Land, aber ich hasse diesen Staat.“
Die Biografie ist in vier Abschnitte geteilt. Der erste, recht kurze Teil trägt den Titel „Dem Tode nahe“, worin er die Ereignisse beschreibt vor und nach dem Giftanschlag auf ihn 2020. Diesen Teil schrieb er während seiner anschließenden Genesung in Deutschland.
WeiterlesenRoxane Gay (Hrsg.): Halb so schlimm: 29 Essays über Rape Culture
29 Essays, die weh tun müssen: Hinschauen, wo es am schwersten fällt
»Das Mädchen, das ich früher war, haben diese Jungen getötet, aber sie haben mich nicht ganz getötet.« (S. 9)
Ich möchte nicht viele Worte verlieren, aber möglichst viele Menschen dazu bringen, dieses Buch über Rape Culture* zu lesen. Auch wenn es im Bauch brodelt, einem übel wird, die Kehle sich zuschnürt und man kaum atmen kann – diese Essays reißen auch Nichtbetroffene mit. Sie zwingen zum Hinschauen und Mitfühlen, was viele lieber verdrängen würden. »Halb so schlimm« ist ein ungeschöntes, kompromissloses Leseerlebnis, das dich nicht unverändert zurücklässt.
Roxane Gay zerreißt den Schleier des Schweigens über Rape Culture.
WeiterlesenTimon Krause: Sei deiner Zeit voraus: 13 Denkprinzipien für die Welt von morgen
In seinem Nachwort schreibt der Autor Timon Krause: „In meiner Überheblichkeit hatte ich mir einen philosophischen Theoriebrocken ausgesucht, den es jetzt in ein praktisches System zur Lebensverbesserung umzuformen galt. Ich kann nur hoffen, dass ich, wenn du’s bis hierher geschafft hast, dieser Aufgabe halbwegs gerecht geworden bin.“ (S. 269)
Ja, dies hast du. Nun stellt sich mir die Frage, wie ich ein so komplexes Buch rezensieren soll.
Hier ist der Versuch mit der einleitenden Frage: Wie soll es mit dem eigenen Erleben in der großen, weiten Welt weitergehen?
„Wenn alles relativ ist, ist gefühlt nichts mehr wahr oder bedeutend.“ (S. 146)
Dies ist einer der Denkansätze des Philosophen und Mentalisten Timon Krause.
WeiterlesenChristian Klar: Was ist los in unseren Schulen
Christian Klar ist Direktor einer „Brennpunkt“- Mittelschule in Wien. In seinem Buch berichtet er, wie es in seinem Haus zugeht, was sich in den Klassen abspielt. Er ist aus ganzem Herzen Lehrer und deswegen spricht er die Dinge glasklar an, die dem oft unglaublich ambitionierten Lehrpersonal die Ausübung des Berufes so schwer machen. Sehr, sehr oft ist der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern ein schwieriger, weil sie in Österreich nicht integriert sind und manche das auch gar nicht ernsthaft wollen.
Er schreibt: „Der Staat hat die Aufgabe, einen Rahmen und für jeden und jede alle Möglichkeiten für ein erfolgreiches Leben zu bieten. Diese Möglichkeit zu nutzen, ist die Verantwortung jedes Einzelnen!“ (S. 14) Klar steht – wenn man so will – jeden Tag an der „Front“. Er weiß, was Sache ist. Immer mehr Kinder können dem Unterricht nicht folgen, weil sie kein Deutsch verstehen. Manche von ihnen sind infolge von Familienzusammenführungen erst seit kurzem in Österreich, andere sind bereits in dritter Generation im Land und sprechen die Landessprache nicht.
WeiterlesenNatalie Haynes: Goddesses: Die Macht der griechischen Göttinnen
Wie kommt es, dass die scheinbar rachsüchtige Hera so oft missverstanden wird? Warum wären Furien für die heutige Politiklandschaft wichtig? Was zeigt uns Athene über moderne Kriegstraumata? Warum galt ausgerechnet die jungfräuliche Artemis als eine Schutzgöttin der Geburt? Keine erzählt die jahrtausendealten Sagen der antiken Mythologie so neu, klug, gewitzt wie Natalie Haynes. Die englische Autorin, die in Cambridge Altphilologie studiert hat, lenkt den Blick auf die weibliche Perspektive. Auf Details, die Ihnen bislang entgangen sind. Sie legt uns eine andere Lesart des Geschriebenen aus der Feder von Homer, Ovid & Co nahe.
Ohne Ehemann tonangebend
Ihr immenses Wissen – gibt es eigentlich irgendwelche Statuen oder Bilder, welche Haynes nicht kennt? – paart sie mit persönlichen, ironischen Anmerkungen und transferiert den Kern von der Geschichte ins Hier und Heute. So folgen wir staunend den Göttinnen Hera (Götterkönigin), Aphrodite (Göttin der Schönheit, Lust und Liebe), Artemis (Göttin der Jagd, Waldtiere und des Mondes), Demeter (Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit), Hestia (Göttin des Herdfeuers), Athene (Göttin der Weisheit, Schutzgöttin Athens), den neun Musen (zuständig für die schönen Künste rund um Tanz, Musik, Theater und Dichtung) und den drei Furien (Rachegöttinnen) durch ihre Geschichten.
Suzanne Heywood: Wavewalker
Die Welt auf einem Segelschiff zu umrunden, ist der große Lebenstraum ihrer Eltern. Für die siebenjährige Suzanne Heywood wird diese Exkursion zu einer jahrelangen entbehrungsvollen Reise auf Kosten ihrer Kindheit und Jugend.
Was sich nach dem ursprünglichen Plan wie ein verheißungsvolles Abenteuer auf Zeit anhört, entwickelt sich zu einer nimmer enden wollenden Reise mit unkalkulierbaren Herausforderungen in dieser autobiografischen Reisebeschreibung. Aus den ursprünglich vorgesehenen drei werden zehn Jahre auf See.
Das Segelschiff Wavewalker wird zum beengten Zuhause für die siebenjährige Sue, ihren jüngeren Bruder und deren Eltern. Anstatt eine unbeschwerte Kindheit zu verleben, sind die Kinder mit Überlebensängsten, Enttäuschungen und Einsamkeit konfrontiert. Keine Freunde, kein wirkliches Zuhause, keine Schule. Stattdessen immer wieder neue Crewmitglieder, lebensbedrohende Stürme, gerissene Segel, Schiffbruch, Unfälle, Operationen, von Wind und Salzwasser verfilzte Haare, wenig Trinkwasser, Dosenmahlzeiten, wenig Verständnis von den Eltern und keine Chance, diesem Leben zu entkommen. Nur zeitweise erhalten die Kinder Unterricht durch ihre von häufiger Seekrankheit geplagte Mutter.
WeiterlesenJana Baumann, Anne Roth: Unsagbar
Alle kennen Gewaltbetroffene, niemand kennt Täterinnen und Täter
Wie wird man dieser Thematik gerecht? Indem man spricht – und liest.
»Unsagbar« ist nicht nur eine dringend benötigte biografische Geschichte, sondern eine kraftvolle Stimme für all jene, die im Verborgenen leiden und selbst nicht sprechen können.
»Ich war mir so sicher, dass ich die Situation wieder unter Kontrolle bekomme. Das habe ich aber nicht. Er hat kontrolliert.« (S. 19)
Dieses Buch greift ein zutiefst sensibles, oft verdrängtes Thema auf: sexualisierte Gewalt. In einer Welt des Schweigens und Verdrängens erhebt sich »Unsagbar« mit unerschütterlicher Kraft und erzählt Jana Baumanns Geschichte schmerzhaft ehrlich, aber auch inspirierend.
In seiner schonungslosen Ehrlichkeit ist das Buch sowohl eine offene Wunde als auch ein Heilmittel. Dabei ist es viel mehr als eine Anklage: Es ist eine ausgestreckte Hand, die dazu einlädt, an ihrer Seite zu kämpfen.
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