Wolfgang Niedecken: Wolfgang Niedecken über Bob Dylan

Pünktlich zu seinem siebzigsten Geburtstag beschenkt sich der Autor Wolfgang Niedecken selbst mit einer Hommage an den Künstler, der maßgeblich Niedeckens Musiker-Karriere beeinflusst hat.  Dass Bob Dylan in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird spricht zudem für das Erscheinungsdatum dieses elften Bandes aus „KiWi´s Musikbibliothek“.

Der 1951 geborene Wolfgang Niedecken ist mir zum ersten Mal Ende der siebziger Jahre in einem Wuppertaler Jugendzentrum begegnet. Seit diesem Konzert vor kleinem Publikum schätze ich seine Texte und seine Musik. Niedeckens klare Position zum Nato-Doppelbeschluss und zur Politik in den jungen Achtzigern hat mich zum Fan gemacht. Für mich war es nur zu schlüssig, dass es eine Affinität Niedeckens zu Bob Dylan gab. Dass Dylans Einfluss auf Niedecken aber so intensiv war, habe ich erst bei der Lektüre dieses Titels erfahren. So stellen sich Ursache und Wirkung seines Schaffens in einem neuen Licht dar. Und dieses Licht hat dann auch mit meiner eigenen Biografie, mit dem „Soundtrack meines Lebens und mit meiner politischen Sozialisation zu tun.

Aus seiner Bewunderung für Bob Dylan macht Niedecken kein Hehl. Für ihn ist Dylan der größte amerikanische Liedermacher, der ihm mit seinen Texten und seinem Blues einen tiefen Einblick in die „amerikanische Seele“ ermöglicht hat. Niedecken gibt zu, dass ohne die Inspiration durch Bob Dylan viele seiner Songs nicht entstanden wären. Eine starke Einsicht, die auf eine realistische Selbsteinschätzung schließen lässt. Dieser Eindruck hat sich während der Lektüre immer wieder bestätigt.  Niedecken schreibt wie er ist: nüchtern, direkt und ehrlich. Weiterlesen

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Robert Moor: Wo wir gehen

Die ältesten Pfade entstanden vor über 550 Millionen Jahren. Am südöstlichen Ende von Neufundland wurden auf einer Felszunge die Abdrücke von Ediacara, der wohl frühesten bekannten Form tierischen Lebens, entdeckt. Ameisen folgen auf ihren Straßen der Pheromonspur von Artgenossen. Zebras erobern sich einen alten Pfad aufs Neue, indem sie dem Erinnerungsvermögen von Elefanten vertrauen. Wege sind keine Erfindung der Menschen.

Der US-amerikanische Autor und Journalist Robert Moor ist ein leidenschaftlicher Wanderer. Im Frühjahr 2009 nahm er eine Herausforderung an, die schon seit Kindheitstagen auf ihre Chance wartete: Er machte sich auf, den Appalachian Trail zu bezwingen – mehr als 2000 Meilen vom Springer Mountain in Georgia bis zum Mount Katahdin in Maine. Beim Laufen kamen die Fragen: Warum gibt es Wege und wie entstehen sie?

Auf der Suche nach Antworten reist Robert Moor sieben Jahre lang quer über den Globus. Er trifft sich mit Forschern, Wanderern, Wegebauern, Schafhirten, Jägern und vielen anderen ganz unterschiedlichen Menschen. Er begleitet sie bei ihrem Tun und auf ihren Wegen und nähert sich so von verschiedenen Seiten dem Wesen von Wegen und Pfaden. Weiterlesen

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Farah Mendlesohn & Edward James: Eine kurze Geschichte der Fantasy

Mit den beiden Autoren widmen sich zwei ausgewiesene Fachleute einem komplexen, für viele bereits unüberschaubarem Genre, bei dem bereits die begriffliche Abgrenzung durchaus schwierig und oft umstritten ist. Mendlesohn und James legen hier tatsächlich einen knappen Abriss vor, der aber nicht nur als Einstieg für den interessierten Fantasy-Leser, der ein bisschen mehr von der unglaublich vielfältigen Phantastischen Literatur wissen und verstehen möchte, dient, sondern darüber hinaus auch dem profilierteren Kenner noch viel zu bieten hat.

Bei ihrer Darstellung (ursprünglich 2012 erschienen) gehen sie einerseits streng chronologisch vor; sie beginnen mit den tatsächlichen Wurzeln der Fantasyliteratur, wie z.B. dem Alexanderroman aus dem 3. Jahrhundert vor Christus oder den Märchen aus Tausendundeine Nacht, und enden circa im Jahr 2010. Dazwischen gibt es zwei Kapitel, die sich den vielleicht prägendsten Autoren etwas genauer widmen: Das sind natürlich einerseits die Ahnherren der modernen Fantasy J.R.R. Tolkien („Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“) und C.S. Lewis („Die Chroniken von Narnia“) und andererseits die populärsten Vertreter seit den 1980er Jahren: Terry Pratchett mit seinen „Scheibenwelt“-Romanen, J.K. Rowling (7 Bände „Harry Potter“) und Philip Pullman („His Dark Materials“-Trilogie). Die Autoren vermitteln dem Leser auf gut 250 Seiten nicht nur einen guten Überblick und damit ein erstes Raster über das Genre, sie halten dankenswerter Weise auch nicht mit ihrem eigenen Urteil hinterm Berg. Weiterlesen

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Baptiste Giabiconi: Karl und ich

Baptiste wächst mit zwei Schwestern auf. Seine Mutter erzieht die Kinder alleine, der Vater hat die Familie früh verlassen. Sie wohnen in einem Vorort von Marseille, das Umfeld ist geprägt von hart arbeitenden „kleinen Leuten.“  In der Schule langweilt sich Baptiste zu Tode. Eine Ausbildung in der Gastronomie erfüllt ihn nicht. Er wird Monteur in einer Helikopterfirma, bis ein Fotograf ihn entdeckt und sich für ihn die Türen in die Modewelt öffnen.  Als Karl Lagerfeld sein Foto in einer Zeitschrift sieht, holt er Baptiste in den Olymp der Modebranche. Er erinnert ihn an seine Jugend. Der Modegott und der 18- jährige Monteur ohne Ausbildung oder Lehre werden Freunde.

Denn zwischen uns bestand ein Band, das nur der Tod auflösen konnte – an den ich damals natürlich keine Sekunde dachte. Mir ging es nicht darum, ihn zu besitzen. Karl ging es nicht darum, mich haben zu wollen. Unser Band bestand aus aufrichtiger, zärtlicher Zuneigung, die über jeden Anspruch erhaben war.“ (S. 14) „Ihn faszinierte meine Jugend, meine Frische und Unbeschwertheit, er wiederum kitzelte bei mir den Rebellen, Provokateur und verrückten Spinner heraus, was ihm auch gut gefiel.“ (S. 75)

Karl lässt Baptiste in einer seiner Wohnungen wohnen, fördert und fotografiert ihn, nimmt ihn an seiner Seite überall hin mit und macht ihn weltberühmt.  Er trifft die Reichen, die Schönsten der Schönen, die Künstler und Stars der globalen High Society, lebt ein Luxusleben ohne Gleichen.  Wohnsitze an den malerischsten Flecken Europas und ein Privatjet versetzen ihn in unbändiges Staunen, werden aber irgendwann selbstverständlich. Dennoch versucht Baptiste am Boden“ zu bleiben, „seine Leute“ nicht zu vergessen. Bald wird er zum weltweit gefragtesten Männermodel. Weiterlesen

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Michael Macht: Hunger, Frust und Schokolade: Die Psychologie des Essens

Ein besseres Timing für das Erscheinen dieses Sachbuchs hätte man sich kaum ausdenken können. Jetzt, während der Pandemie, wo wir alle unserem Frust mit Essen begegnen und dadurch mehr zunehmen, als gut für uns ist, hilft diese Analyse unseres Essverhaltens.

Michael Macht, Psychotherapeut und Professor für Psychologie an der Universität Würzburg, legt hier sein erstes populärwissenschaftliches Buch vor. Und das ist ihm, meiner Meinung nach, durchaus gelungen.

In gut lesbarem, flott geschriebenem und leicht verständlichem Stil beschreibt er die Gründe für Hungergefühl, berichtet von verschiedenen Forschungsansätzen zu diesem Thema in der Vergangenheit und Gegenwart und reichert all das mit vielen anschaulichen und spannenden Beispielen an. Dass nicht immer ganz offensichtlich ist, ob es sich um authentische Beispiele aus der Praxis handelt oder um von ihm sehr kreativ erfundene, schadet dabei nicht. Er schildert nachvollziehbar die Probleme mit und vor allem die Ursachen für Essstörungen, wie beispielsweise Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating. Weiterlesen

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Meike Stoverock: Female Choice: Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation

„Der Mann ist die Norm, die Frau ist die Frau.“ Zack – willkommen in einem Sachbuch der etwas anderen Art. Mit viel wissenschaftlichem Verve serviert uns die Autorin eine Knallertheorie nach dem anderen. Sie lässt die Biologie Klartext sprechen. Dies dürfte bei Lesern jeglichen Geschlechts zwar an der einigen Stelle für Schnappatmung sorgen – aber genauso für Schmunzeln. Wichtigste Erkenntnis: In der Evolution waren Männer und Frauen die längste Zeit auf Augenhöhe, das „schwache Geschlecht“ ist lediglich eine kulturelle Erfindung. Die Absurdität beginnt bereits beim Begriff „Ernährer“. Bei unseren nomadischen Vorfahren brachten Frauen als Sammlerinnen 80 Prozent der Nahrung in den Stamm ein! Da Medizin, Macht und Geschichte jedoch über die letzten Jahrhunderte in den Händen von Männern lag, ist der „objektive“ Blickwinkel in Wahrheit männlich. Keine Frage: Die Lösungsansätze der Biologin und Evolutionsökologin am Ende des Buches sind so radikal wie provozierend. Falls Ihnen während der Coronakrise der intelligente Gesprächsstoff ausgegangen sein sollte, hier finden Sie genügend Material für abendfüllende Diskussionen!

Ein paar kleine Kostproben: Verabschieden Sie sich vom Ideal der Ehe. Diese ist aus evolutionsbedingter Sicht Nonsens. Die Natur hat für uns eine „serielle Monogamie“ vorgesehen. Es gibt jedoch einen Haken: Die Ehe war nötig, damit die Zivilisation in ihrer heutigen Form überhaupt entstehen konnte. DNA-Analysen haben aufgezeigt, dass die Menschheit genetisch gesehen viel mehr weibliche, als männliche Vorfahren hat. Warum? Zu Jäger-und-Sammler-Zeiten pflanzten sich 80 Prozent der Frauen mit nur 20 Prozent der Männer fort! Zu Beginn der Sesshaftwerdung soll das Verhältnis gar bei 95:5 gelegen haben, schließlich waren bei „Alpha-Männern“ neben Stärke und Geschick nun auch noch Intelligenz und Kreativität gefragt. Da fällt der Großteil „hinten runter“. Weiterlesen

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Elena Ferrante: Frantumaglia: Mein geschriebenes Leben

„Frantumaglia“ lautet die neapolitanische umgangssprachliche Bezeichnung für „verworren“. Mit diesem vielseitig zu deutenden Wort, das Elena Ferrante von ihrer Mutter, einer Schneiderin, entlehnt hat, versucht sie sich selbst und ihren Lesern Klarheit über ihr Schreiben und viele offene Fragen zu schaffen.

Die italienische Schriftstellerin, die mit ihren Büchern internationalen Ruhm erlangt hat, meidet jedoch seit jeher die Öffentlichkeit. Bewusst hat sie sich für ein Pseudonym und die Anonymität entschieden. Nicht öffentlich auftreten zu müssen, verschaffe ihr eine große kreative Freiheit, betont Ferrante (E-Book S. 64) – Eine Haltung, die zu respektieren sein sollte. Dennoch hat ein Investigativjournalist versucht, Elena Ferrantes Identität aufzudecken und der Öffentlichkeit preiszugeben. – Schade!

Im Vorspann von Frantumaglia melden sich nun Ferrantes Verleger Sandra Ozzola und Sandro Ferri über dieses Buch zu Wort. Um die anhaltende Neugierde des Publikums, wer Elena Ferrante wirklich ist, zu befriedigen, macht das Verlegerpaar hier weitere Texte der Autorin den Interessierten zugänglich. So finden sich in diesem Band Briefe der Autorin an den Verlag samt einigen ihrer seltenen, schriftlich gehaltenen Interviews, ihre Korrespondenz mit einigen ausgewählten Lesern sowie ihren Austausch mit ihrem Regisseur Mario Martone. Weiterlesen

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Martine Bijl: Königin außer Dienst

Das Leben läuft 2015 großartig für die Ich-Erzählerin. Sie fühlt sich robust wie Beton, als an einem schönen Morgen während ihrer Morgengymnastik in ihrem Kopf ein Ballon platzt.

Sie hat eine Hirnblutung.  Völlig überraschend, absolut unvorhersehbar, „zufällig“, wie ein Arzt sagt. Unendlich mühsam muss sich Martine Bijl mit 68 Jahren in ein selbstbestimmtes Leben zurückkämpfen. Das ist die Niederschrift ihrer Gefühle und Gedanken und eine Aufzeichnung der Begegnungen mit anderen Menschen in dieser so schlimmen Zeit.  Nach der Operation hat sie Wahnvorstellungen, in der Reha-Klinik fällt es ihr sehr schwer, sich mit den Gegebenheiten abzufinden.  Besonders in den Bereichen Planung, Konzentration und Gedächtnis ist ihr Gehirn geschädigt.

Als Buchautorin und im Fernsehen präsent, ist Martine Bijl im Land bekannt. Sie arbeitet hart an sich, um in ein „normales“ Leben zurückkehren zu können. Weiterlesen

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Isabel Allende: Was wir Frauen wollen

Wer zahlt, sagt, wo’s langgeht“, sagte einst Isabel Allendes Großvater. Dieser Satz wurde zum ersten Lehrsatz ihres erwachenden Feminismus.

Mit einer beharrlich anmutenden Leidenschaft schreibt die große chilenische Erfolgsautorin Isabel Allende über ihre Rolle als Frau und die gesellschaftliche Rolle von Frauen im Allgemeinen weltweit. Sie selbst sieht ihre Freiheit, die ihr der Erfolg ihrer Bücher beschert hat, als Privileg. Dadurch konnte sie sich bald von jeglichen Abhängigkeiten, mit denen sie jedoch zeit ihres Lebens konfrontiert war, freischwimmen:

Isabel Allende wurde in eine Familie hineingeboren, in der ihre Mutter Panchita immer von den Männern abhängig gewesen war. Früh verlassen vom Ehemann unterwarf Panchita sich dem patriarchalischen Vater, der auch Isabels Kindheit dominierte. Obwohl der oberen chilenischen Gesellschaft angehörig, konnte die Mutter sich auch im Leben mit ihrem zweiten Mann Ramón nie verwirklichen. Ihr Hang zur Malerei blieb eher ein verborgenes Hobby. „Ernährt und beschützt zu werden hatte eben seinen Preis“ , resümiert Allende (E-Book S. 15). Immer wieder zieht die mittlerweile 79-jährige Schriftstellerin Vergleiche zum Leben ihrer Mutter, die mit dem zwanzigjährigen Altersunterschied zu ihr selbst noch dazu verdammt gewesen war, sich stets unterzuordnen. Ungerechtigkeiten in und außerhalb der Familie erkannte die kleine Isabel schon früh und entwickelte Schuldgefühle der Mutter gegenüber, die sie als Opfer betrachtete. Heute ist sie dankbar für ihre als unglücklich empfundene Kindheit, die ihr den Stoff für ihr Schreiben lieferte. Weiterlesen

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Johann Scheerer: Unheimlich nah

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan-Philipp Reemtsma, dem Erben der Reemtsma Cigarettenfabriken, der 1996 entführt und gegen Zahlung eines Lösegeldes freigelassen wurde. Fortan konnten die Familienmitglieder keinen Schritt mehr gehen, ohne von Sicherheitsleuten bewacht zu werden.

In seinem autobiografischen Coming-of-Age-Roman „Unheimlich nah“ beschreibt Scheerer, wie sich diese Situation besonders für einen Heranwachsenden anfühlt. Wie wirkt es auf Schulfreunde, wenn nach Schulschluss immer die dunklen BWWs an der nächsten Straßenecke warten? Und wie, wenn es zum ersten Mal zu Zärtlichkeiten mit einem Mädchen kommt? Was macht es ganz generell mit einem Kind oder Jugendlichen, wenn er in einer martialischen Macho-Welt aus Waffen und zwar freundlichen, aber stets gewaltbereiten Männern mit Muskeln und Pistolen-Holster unter dem Jackett aufwächst? All diesen Fragen geht Johann Scheerer in seinem Roman nach. Weiterlesen

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