Irvin D. Yalom & Marilyn Yalom: Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben

Das US-amerikanische Ehepaar Irvin D. und Marilyn Yalom war 65 Jahre verheiratet. Marilyn (Jahrgang 1932) war Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Autorin. Sie starb 2019 an einer Krebserkrankung. Irvin D. feiert in diesem Jahr seinen 90sten Geburtstag. Er ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut mit zahlreichen Veröffentlichungen. Seine Sachbücher und vor allem seine Romane sind auch in Deutschland bekannt. Das Buch mit dem Titel „Unzertrennlich“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Ehepaares. Abwechselnd schreiben sie die Kapitel, die nach Marilyns Erkrankung, ihre letzten Lebensmonate festhalten sollten. Am Ende musste Irvin D. es allein abschließen. „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben“ erschien am 10. Mai 2021 in einer Übersetzung und mit einem Nachwort von Regina Kammerer bei btb. Die Fotos machte Irvins und Marilyns Sohn Reid Yalom.

„Unzertrennlich“ ist einTagebuch über die Liebe, das Leben und den Tod. Irvin D. (genannt Irv) und Marilyn halten darin zunächst abwechselnd fest, wie sie die Monate mit der unheilbaren Krebskrankheit erleben. Sie erzählen dabei auch über ihr Leben miteinander: sie kennen sich, seit sie fünfzehn Jahre alt waren. Sie haben beide akademische Laufbahnen eingeschlagen, vier Kinder bekommen und Bücher geschrieben. „Unsere Beziehung begann und endete mit Büchern“ schreiben sie in ihrem Vorwort zu „Unzertrennlich“. Weiterlesen

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Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

„Abhängigkeit“ ist der dritte Teil von Tove Ditlevsens autofiktionaler Kopenhagen-Trilogie.

Tove hat den Verleger Viggo F. Møller geheiratet. Sie ist Dichterin geworden, was in „Kindheit“ noch unmöglich schien. Ihre Gedichte und Erzählungen werden veröffentlicht, sie hat sich vom Arbeitermilieu losgelöst. Die Einsamkeit und das Gefühl des Andersseins jedoch sind geblieben. Mit dem viel älteren Viggo verbindet sie keine Liebe. Sie hat Affären, lässt sich scheiden, heiratet wieder, bekommt ein Kind. Ihr zweiter Mann Ebbe liebt sie, doch er kann sie nicht halten, Tove ist alles zu eng, sie träumt von … Das weiß sie selbst nicht recht, nur das Schreiben, das muss sein. Sie schläft mit Carl, einem Mediziner, wird schwanger. Carl hilft ihr bei der Abtreibung und spritzt ihr zum ersten Mal Pethidin. „Während die Flüssigkeit aus der Spritze in meinem Arm verschwindet, breitet sich eine nie gekannte Seligkeit in meinem Körper aus. Der Raum erweitert sich zu einem strahlenden Saal […]“ (Zitat Erster Teil Kap. 12). Toves Abhängigkeit beginnt. Immer wieder will sie dieses Gefühl haben, keine Erwartungen erfüllen zu müssen, der Wirklichkeit entkommen zu können und vollkommen glücklich zu sein. Sie heiratet Carl, damit die Pethidinspritze jederzeit verfügbar ist. Und er gibt ihr, was sie will, wann immer sie will. Immer öfter. Dass er ein Psychopath ist, ahnt die Leserin bald, Tove verschließt die Augen vor unangenehmen Wahrheiten und gerät immer tiefer in den Strudel der Sucht. Anfangs kann sie noch schreiben, am besten gelingt es mit der Hilfe von Methadontabletten, später kann und will sie nichts mehr, nur noch die Erlösung der nächsten Dosis. Mit letzter Kraft schafft sie es, sich in eine Klinik einweisen zu lassen und ihr Leben zu retten. Die Spirale aus Sucht, Entzug und Rückfällen wird erst mit Toves Selbstmord enden. Weiterlesen

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Michael Nast: Generation Beziehungsunfähig. Die Lösungen

Ausgehend von seiner persönlichen Situation beschäftigt sich Michael Nast in seinem Buch mit der Frage, warum so viele Singles anscheinend ausschließlich an die falschen Frauen bzw. die falschen Männer geraten. Ganz selten ergeben sich aus Dates Beziehungen und wenn, dann halten diese nicht lange. Zwei Jahre Partnerschaft gelten schon als Zeitraum, den junge Erwachsene heutzutage mit „WOW!“ kommentieren. Und als „junge Erwachsene“ bezeichnen sich mittlerweile auch viele über 40-Jährige… Was ist da los??

2016 hat sich Nast schon einmal zur „Generation beziehungsunfähig“ Gedanken gemacht und einen Bestseller gelandet. Jetzt verspricht er im Titel die Lösungen für das Phänomen.  Er entdeckt frappierende Parallelen zwischen unserem Konsum- und dem Partnerwahlverhalten.  Wir starten halbherzige Beziehungen in dem Bewusstsein, dass sie demnächst „verbraucht“ sein werden und noch etwas Besseres, Schöneres, Passenderes kommen wird, um bald darauf nach jemand noch Tollerem Ausschau zu halten.  Singles des 21. Jahrhunderts vermeiden regelrecht tiefe, ernstzunehmende Partnerschaften, weil diese nach dem ersten rauschhaften Verliebtheitstaumel bald „langweilig“ sind.  Sie berauben sich dadurch unendlich vieler schöner Erfahrungen. Weiterlesen

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Dr. Leon Windscheid: Besser fühlen: Eine Reise zur Gelassenheit

Noch immer wird das rationale Handeln höher eingeschätzt als Emotionen. Herr über die eigenen Gefühle zu sein, so wird gern behauptet, sei ein angestrebtes Ideal. Gleichzeitig wird das Vorurteil gepflegt, Männer/Jungen seien eher rational und Frauen/Mädchen emotional. Doch wie Gefühle das Handeln eines Menschen tatsächlich beeinflussen, ist ein so breites Themenfeld, dass sogar unzählige Forschungen und Versuche nur einen überschaubaren Bereich begreifbar machen. Ob es sich um die Macht des sogenannten Bauchgefühls dreht oder Ehrgeiz und Ungeduld der eigenen Karriere im Weg stehen, sie alle sind nur Facetten.

Wer den Titel Besser Fühlen liest, hat vielleicht eine Idee, wohin die Lesereise gehen könnte. Wohin sie dann tatsächlich geht, dürfte für jeden überraschend und bereichernd sein. Denn der Psychologe Dr. Leon Windscheid erklärt anschaulich, warum wir fühlen. Trotz unterschiedlicher Lebensweisen und Empfindungen, sieht er zwischen den Menschen verbindende Muster. Wer sie kennt, hat die Chance, sich „[…] selbst besser zu verstehen und ein zufriedenes Leben zu führen […] (S. 15).

„Das Buch, das Sie in der Hand halten, leitet Sie wie eine Karte durch zehn unterschiedliche Gefühlslandschaften.“ (S. 13) und sind das Ergebnis seiner Erfahrung als Psychologe und vieler Wissenschaftler, auf deren Forschungsergebnisse der Autor Bezug nimmt. Weiterlesen

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Helge-Ulrike Hyams: Denk ich an Moria: Ein Winter auf Lesbos

Der Autorin – Psychoanalytikerin und Professorin für Erziehungswissenschaften, geboren 1942 – gelingt es, die Realität im Lager Moria auf Lesbos zu schildern, ohne zu dramatisieren. In ruhigem, und dadurch vielleicht gerade wirkungsvollerem, Ton beschreibt sie das Leben der Flüchtlinge ebenso wie die Zustände, unter denen die vielen NGOs versuchen, den im Lager untergebrachten Menschen zu helfen.

Helge-Ulrike Hyams hat einen Winter auf Moria verbracht, bevor Corona alle anderen Themen aus den Köpfen der Menschen und der Politiker verdrängt hat. Sie kommt mit der Schweizer NGO „One Happy Family“ auf die griechische Insel. Dieser nicht-staatlichen Organisation geht es vor allem darum, den zumeist schwer traumatisierten Geflüchteten so etwas wie eine Struktur im täglichen Leben zu geben. Sie sorgen für regelmäßiges Essen, für Beschäftigung, für Aus- und Fortbildung. Dass der Ort dieses Hilfsangebots etliche Kilometer vom Lager entfernt lag, hinderte die Hilfesuchenden nicht, sie gingen zu Fuß oder nahmen einen der zahlreichen Busse, die man meist für kleines Geld benutzen konnte.

In thematische Kapitel gegliedert, zeigt das Buch die Dinge abseits der großen, plakativen Nachrichten. So erfährt die Leserin von der erstaunlichen Bedeutung einer Lidl-Filiale in der Nähe des Lagers, von Häkelkursen, die die Autorin anbietet und die den geflüchteten Frauen nicht nur Beschäftigung, sondern auch Selbstvertrauen verschafft sowie die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Weiterlesen

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Tove Ditlevsen: Jugend

„Jugend“ ist der zweite Band der autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie. Der Vorgänger „Kindheit“ erschien bereits im Januar 2021 im Aufbau Verlag.

Tove ist der Kindheit entkommen. Doch die Jugend scheint kaum besser zu sein. Phasenweise wirkt Tove wie eine Fremde im eigenen Leben. Ihre erste Anstellung als Haushälterin dauert nur einen Tag, die Vierzehnjährige ist vollkommen überfordert. Sie schlägt sich von einem Job zum nächsten durch und ist überzeugt, dass ihr wahres Leben erst mit achtzehn Jahren beginnen wird. Als der Redakteur stirbt, der ihr einst sagte, sie solle mit ihren Gedichten in ein paar Jahren wiederkommen, liegt ihr großer Traum in Scherben. Trotzdem schreibt sie weiter, humorige Auftragsarbeiten für Geburtstage und Jubiläen, aber auch echte Gedichte; nach und nach vermag sie zu erkennen, wenn sie gut sind. Ihre Lebenswirklichkeit ist ernüchternd, das lange und qualvolle Sterben ihrer Tante Rosalia, die auch in Dänemark wachsende Begeisterung für die Nazis, die Stelldicheins mit beliebigen Jungen bei Tanzabenden. Tove spürt nichts, wenn sie geküsst wird. Weiterlesen

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Klaus Englert: Wie wir wohnen werden: Die Entwicklung der Wohnung und die Architektur von morgen

Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Es korreliert mit unserem Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit, aber auch immer mehr mit unserem Wunsch nach Individualität und nach Repräsentation – Wohnungen sind ein Spiegel unseres Lebensstils. Zudem verbringen wir auch einen großen Teil unseres Lebens im privaten Umfeld – das ist der Ort, wo wir uns erholen, soziale Beziehungen ausleben, Interessen pflegen

Grund genug, sich mit den Wohnungen von morgen zu beschäftigen, könnte man meinen. Doch in seinem Buch „Wie wir wohnen werden“ setzt Klaus Englert den Fokus auf die Probleme, die mit steigendem Wohnraumbedarf immer dringlicher werden.

Guter Wohnraum wird teurer. Vor allem in den großen Städten haben international agierende Immobilieninvestoren das Gewinnpotential von Bebauungsflächen erkannt und ständig steigende Mieten verschärfen die Wohnungsnot. Vor allem an den Rändern der Städte entstanden Wohnwüsten – Einfamilienhaussiedlungen ohne Infrastruktur – oder einfallslose Neubaugebiete. Somit wird Wohnen zum sozialen Problem. Im Vorwort zum Buch umreißt Klaus Englert „die Misere des Wohnungsmarktes“. Weiterlesen

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Susanne Schmidt: Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei: Eine Berliner Busfahrerin erzählt

Sind wir doch mal ehrlich: Wer achtet im täglichen Berufsverkehr, bei Stress und Hektik im Alltag, auf die Fahrer und Fahrerinnen im Öffentlichen Nahverkehr? Nun, ich werde jedenfalls künftig mehr hinschauen, mal ein Lächeln schenken, freundlich grüßen und mich dabei an dieses Buch erinnern.

Susanne Schmidt, damals Anfang Fünfzig, meldete sich auf einen Aufruf der Berliner Verkehrsbetriebe. Man suchte gezielt „ältere Frauen“ für den Beruf als Busfahrerin. Nun sollten also Frauen, bevorzugt ältere – denn die sind belastbarer, stressresistenter und sie werden nicht mehr schwanger – in diese Männerdomäne eindringen. Dass das nicht einfach werden würde, war auch ihr von Anfang an klar. So durchläuft sie unverdrossen und ohne ihren Humor zu verlieren, die harte Ausbildungszeit, drückt die Schulbank, büffelt all die Vorschriften und Regeln. Und lernt es, einen Bus zu fahren. Zwölf oder gar neunzehn Meter Fahrzeug durch die Straßen Berlins zu kutschieren, durch enge Straßen, Kreisverkehre, dunkle Ecken und große Bahnhöfe.

Etwa die Hälfte des Buches ist der Ausbildung gewidmet. Die Autorin schildert detailreich und humorvoll alle Facetten dieses Berufs, all die Schikanen, denen die Frauen durch die Vorgesetzten und die männlichen Kollegen ausgesetzt sind. „Wir machen Männer aus euch“ ist da noch eine harmlose Variante. Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Astrid Lindgren – Helle Nächte, dunkler Wald …

Astrid Ericsson wächst auf dem Land nahe der schwedischen Kleinstadt Vimmerby auf, wo ihre Eltern den Pachthof Näs bewirtschaften. Schon bald müssen auch Astrid und ihre Geschwister in der Landwirtschaft mit anpacken. Das ist nicht immer einfach, doch lehrt es sie, diszipliniert zu arbeiten und einiges auszuhalten. Vor allem die strenge und gläubige Mutter legt großen Wert darauf. Der Vater ist zwar fleißig und in der Gemeinde engagiert, aber er ist der sanftere und liebevollere Elternteil, der seinen Kindern den Rücken stärkt.

Astrid ist klug und dank der Fürsprache des Bankdirektors Ingeström, dem Vater ihrer Freundin Madicken, erlauben es die Eltern dem Mädchen, auf die Realschule zu gehen – obwohl der Besuch viel Geld kostet. Dort ist der Studienassessor Tengström so begeistert, von Astrids Aufsätzen, dass er sogar einen davon dem Chefredakteur der Vimmerby Tidning, Reinhold Blomberg, zeigt, der ebenso angetan davon ist und den Text veröffentlicht. „Unsere Selma Lagerlöf“, wird Astrid daraufhin oft genannt und damit aufgezogen. Ihre Mutter sieht schon vor sich, wie Astrid sich der schlimmsten aller Sünden schuldig macht: der Hoffart –viel zu eitel und hochmütig kommt sie daher. Doch Astrid ist zu dieser Zeit noch überzeugt: Schriftstellerin wird sie nie werden. Weiterlesen

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Helga Schubert: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten

Helga Schubert blickt auf 80 Jahre zurück, auf ein bewegtes Leben. Sie hat viele Geschichten zu erzählen. Jetzt ist ihr Erzählband „Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten“ erschienen. Geboren 1940 in Berlin, großgezogen von ihrer Mutter – der Vater fiel 1941 an der Wolga – ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind. Schule, Studium und Arbeitsleben in Berlin, inzwischen wohnt sie mit ihrem Mann in Neu-Meteln in der Nähe von Schwerin. Sie hat als Psychologin gearbeitet und war seit den 70er Jahren als freie Schriftstellerin erfolgreich. Sie veröffentlichte Kinderbücher und Erzählbände, aber auch Sachbücher. Für die Titelgeschichte erhielt sie 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

In 29 Geschichten schreibt Helga Schubert über ihr Leben. Die einzelnen Texte sind allesamt biographisch, aber nicht chronologisch angeordnet. Sie behandeln scheinbar zufällig Lebensstationen der Autorin und Ich-Erzählerin.  Ich lese von sorgenfreien Sommerferien bei der Großmutter, davon, wie Mutter und Vater sich fanden und wieder verloren, vom Alltag in der DDR und ihrer Freude über die deutsche Einheit, von Begegnungen mit anderen Menschen und immer wieder werde ich eingeladen, Bilder und Assoziationen wirken zu lassen oder verschiedensten Betrachtungen zu folgen. Manche Geschichten sind wie kurze Streiflichter auf ein Objekt geworfen, andere greifen ein Ereignis auf, um daraus ein Geflecht aus Erinnerungen und Gedanken zu erschaffen. Weiterlesen

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