Anne Holt: Diamanten und Rost

Wer Hanne Wilhelmsen aus den vorangegangenen Krimis um diese leicht (?) sonderbare Kriminalkommissarin kennt, wird sich nicht wundern, dass wir sie diesmal besonders mürrisch und mies gelaunt erleben. Alle anderen sollten sich nicht davon abhalten lassen, diesen letzten Fall für Hanne trotzdem zur Hand zu nehmen.

Hanne Wilhelmsen ist schon immer etwas sonderbar gewesen, seit sie aber wegen eines Unfalls im Dienst vor inzwischen vielen Jahren an den Rollstuhl gefesselt und offiziell aus dem Polizeidienst entlassen ist, ist sie eher ungenießbar als unwirsch. Man muss sie schon wirklich mögen, um sich auf sie einzulassen. Es ist noch nicht lange her, seit ihre Frau, Nefis, sie zusammen mit der gemeinsamen Tochter Ida kurzerhand verlassen hatte, weil sie das Zusammenleben einfach nicht mehr ertragen konnte. Doch Nefis ist zurückgekommen, gemeinsam mit Ida. Sie lieben Hanne und sind bereit, sie weiterhin mit ihren Marotten und Eigenheiten anzunehmen, aber Hanne musste auch einige Zugeständnisse machen. Zum Beispiel, den Sommer mit der Familie und guten Freunden im Sommerhaus am Meer zu verbringen, das Nefis gekauft und mit viel Liebe renoviert hat. Hanne hasst das Meer, was soll sie da? Der Badesteg, den sie mit dem Rollstuhl nutzen könnte, ist für sie völlig überflüssig, sie geht nicht baden. Die Freunde, die es hier so toll finden, gehen ihr auf die Nerven, kurz: Hanne ist schon wieder schwer erträglich.

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Pascal Engman: Der Clan: Die Straße

Eine Bemerkung vorweg: Mittlerweile ist es bei Verlagen üblich geworden, fast jedes Buch, das sich mit kriminellen Aktivitäten befasst, aus Marketinggründen als »Thriller« zu bezeichnen. Anscheinend glaubt man, allein damit Käufer zu finden, und zwar jene, die Psychopathen, abseitige Psychologie, grausame Morde und eine atemlose Jagd, sprich Nervenkitzel pur, erwarten. Nichts davon findet sich in dem ‚Thriller‘ »Der Clan« (dem ersten Teil einer Trilogie). Nicht einmal einen konkreten Fall gibt es, dessen Aufklärung die Lesenden mit Spannung verfolgen. Solche Erwartungen werden herbe enttäuscht.

Was bedauerlich ist, denn Engman hat einen Roman im besten Sinne geschrieben. Ja, es geht um Verbrechen, einen Teil des Personals kann man auch mit Fug und Recht als Psychopathen bezeichnen, aber Engman geht es nicht um knifflige Ermittlungen und Polizeiarbeit. Im ersten Band gibt es nur zwei Polizisten, eine (zumindest bisher) eher irrelevante Neben- und eine Hauptfigur – von der wir aber lange Zeit nur etwas über ihr Privatleben erfahren! Erst spät wird Hjalmar Norén zum ernst zu nehmenden Widersacher.

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Eva Björg Ægisdóttir: Home Before Dark

November 1967: Die vierzehnjährige Marsibil hat einen heimlichen Brieffreund, der sich mit ihr treffen will. Sie verabredet sich mit ihm, ist aber nervös, denn sie hat sich als ihre ältere Schwester Stina ausgegeben, und am verabredeten Abend schafft sie es nicht zu dem Treffen. Dafür verschwindet ihre Schwester spurlos. Nur ihre blutbefleckte Anorakjacke wird an dem Ort gefunden, an dem Marsi sich mit ihrem Brieffreund verabredet hatte.

Zehn Jahre später bleibt Stinas Verschwinden weiterhin ungelöst. Marsi hat bisher aus Scham geschwiegen. Da erhält sie einen Brief – von ihrem ehemaligen Brieffreund. Jetzt muss sie die Wahrheit ans Licht bringen, auch wenn sie sich dabei nicht auf ihre eigenen Erinnerungen verlassen kann. Denn der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.

Wer bei diesem Buch einen klassischen, nervenzerreißenden Thriller erwartet, wird enttäuscht. Für mich entpuppte sich die Geschichte letztlich vielmehr als ein Familiendrama im Gewand eines Kriminalromans. Leider fiel es mir dadurch über weite Strecken schwer, richtig in die Handlung hineinzufinden. Die erhofften tiefen, psychologischen Abgründe blieben aus, und auch die für Thriller typische, durchgehend düstere Grundstimmung wollte sich nicht recht einstellen. Das führte dazu, dass sich viele Passagen sehr langatmig gestalteten und das Buch stellenweise zäh und schwer lesbar wurde.

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Chris Carter: Du kriegst mich nicht

Ein Thriller, der die Bezeichnung – mit wenigen Abstrichen – verdient hat. Das Cover verspricht zwar schon Hektik und Stress mit der doppelt-schattierten Frau in Rückenansicht, offenbar wegrennend, mit fliegenden Haaren, aber schon auf den ersten Seiten „rennt“ man quasi mit. Mit Samantha, deren Ehemann ihr bei seiner Verurteilung im Gerichtssaal noch Rache geschworen hat. Samantha hat Nelson hinter Gitter gebracht, wegen Misshandlung in der Ehe und Freiheitsberaubung. Warum sollte man ihr auch nicht glauben? Es gab Beweisfotos, eine Psychiaterin, bei der sie schon länger in Therapie war und die immer wieder auf blaue Flecken und kleine Verletzungen aufmerksam geworden war. Häusliche Gewalt, ganz klar. Als es Samantha dann eines Tages gelungen war, vom Badezimmer aus, in dem sie eingesperrt und an ein Abflussrohr gefesselt war, die Polizei zu rufen, wurde Nelson verhaftet. Dreizehn Jahre soll er hinter Gittern verbringen. Den Ausschlag hat letzten Endes die überraschende Aussage einer Zeugin gegeben, die in letzter Minute aufgetaucht war und sich als Nelsons Geliebte vorgestellt hatte, die ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht habe. Dreizehn Jahre, in denen Nelson zwar im Gefängnis sein würde, in denen Samantha aber auch jeden Tag auf’s Neue Angst haben müsste um ihr Leben, dessen ist sie sich gewiss. Ihr Mann hat einflussreiche Freunde, an Geld mangelt es ebenfalls nicht, er kann also bestimmt auch aus dem Gefängnis heraus agieren.

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Freida McFadden: Die Ehefrau

Sylvia erhält ein auf den ersten Blick unschlagbares Jobangebot: Sie soll Victoria, die Ehefrau eines berühmten Schriftstellers, pflegen. Victoria ist seit einem schweren Unfall auf Hilfe angewiesen. Doch die anfängliche Routine wandelt sich schnell in ein beklemmendes Gefühl der Ahnungslosigkeit. Sylvia bemerkt, dass die Frau weit mehr mitbekommt als alle ahnen,  und beginnt zu zweifeln: Ist Victoria wirklich so hilflos, wie sie vorgibt zu sein? Als Sylvia schließlich Victorias verstecktes Tagebuch in einer Kommode entdeckt und darin liest, zieht es ihr komplett den Boden unter den Füßen weg. Ein gefährliches Verwirrspiel beginnt …

​Spannung pur – Unvorhersehbar bis zur letzten Seite

​Dieses Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite ein absoluter Pageturner!

Der Plot entwickelt eine Dynamik, bei der man als Leser zu keinem Zeitpunkt ahnen kann, in welche Richtung sich die Geschichte als Nächstes entwickelt. Man wird förmlich in die Geschichte hineingezogen.

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Jo Fischler: Klein, aber tot: Ein Knuffigen-Krimi

Schon der Ortsname Knuffingen verspricht amüsante Unterhaltung. Diese Erwartung wird nicht getrübt in diesem kurzweiligen Cosy-Crime. Die 300 Seiten sind ungeheuer flott gelesen, weil flott geschrieben und mit Personen ausgestattet, die einen immer wieder schmunzeln lassen. Schon die Namen sind „knuffig“: Kriminaloberkommissar Johannes Karl Friedrich Wunder, sein bester Freund, Modellbauer Ecki Schiener, Floristin Liora Märklin – passt alles dazu, dass dieser erste Teil einer neuen Reihe von Regionalkrimis angesiedelt sein soll in der fiktiven Welt des Miniaturwunderlands Hamburg. Das spielt aber beim Lesen überhaupt keine Rolle, Knuffingen wirkt so echt wie jedes andere kleine, eigentlich verschlafene Dorf auch.

Es passiert eigentlich eher mal nichts. Das erklärt dann auch, warum Jojo Wunder als einziger verfügbarer Kommissar in Knuffingen sich um die mysteriöse Brandserie auf Schloss Löwenstein kümmern soll. Alle anderen Kollegen sind krank, auf Fortbildung oder sonstwie verhindert. Einzig Frau Schumann, die Assistentin des Chefs und Jojos ehemalige Grundschullehrerin sowie Buddha der gutmütige Bernhardiner des Chefs, der immer vor dessen Bürotür döst, ist noch auf der Wache anzutreffen und sorgt zuverlässig dafür, dass Jojo sich nicht langweilt. Die Kommunikation läuft überwiegend über Post-its, die Helga Schumann Jojo an den PC heftet – im Namen des Chefs, den interessanterweise keiner mal zu Gesicht bekommt, der aber anscheinend immer bestens über alles informiert ist. Dank Helga wahrscheinlich. Jedenfalls schickt Helga Jojo zu Schloss Löwenstein, wo es wieder mal einen Brandanschlag gegeben hat. Doch bevor er sich näher damit beschäftigen kann, wird Jojo zu einem Leichenfund gerufen. Der Kolumnist des „Knuffinger Tageblatts“, Friedrich Frank wurde ermordet. Frank hat sich mit seiner Kolumne „mit spitzer Feder“ im Ort allerhand Feinde gemacht, Verdächtige gibt es also ausreichend.

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Rebecca Taylor McKay: Er lügt

Wir lernen Clara zu einem Zeitpunkt kennen, als sie sich noch von einer langwierigen Erkrankung erholt. An welcher Krankheit sie leidet, ist anfangs nur angedeutet. Doch so nach und nach wird deutlich, dass ihre körperliche und psychische Verfassung durch ein schreckliches Ereignis ausgelöst worden ist. Und dies ausgerechnet während ihrer Flitterwochen in Italien, wenn Sommer, Sonne, azurblaues Meer und die Liebe von frisch Verliebten den Blick auf alles rosarot umschwebt.

Die Ich-Erzählerin Clara erzählt: „Ich bin nicht depressiv. Ich bin nicht traurig oder trübselig. Mein Hirn ist einfach zerbrochen wie eine teure Vase, mit der unvorsichtig umgegangen wurde.“ (S. 213) Auf der Suche nach Gründen und Antworten stößt sie stets auf Versatzstücke, die sie einfach nicht zu einem Bild verbinden kann. Nichts will passen und am schlimmsten ist, dass man ihre Wahrnehmungen nicht ernst nehmen will. Ihr Ehemann Spencer hat viele Gründe, um sein „Bambi“ im Unklaren zu lassen. Er ist auch nicht so engagiert wie Claras Ärzte, die glauben, wenn sie zurück an den Ort der Ursache für ihre Erkrankung käme, würden sich möglicherweise ihre Erinnerungslücken füllen.

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Helene Winter: Das Bettelmädchen

Henriette Arendt war ausgebildete Krankenschwester und trat 1903 als solche als erste Polizeiassistentin Deutschlands in Stuttgart in den Polizeidienst ein. Als Polizeifürsorgerin sollte sie bei polizeiärztlichen Untersuchungen aufgegriffener Frauen assistieren und so genannte „verwahrloste“ Frauen betreuen. Wenig später engagierte sie sich auch verstärkt in der Kinderfürsorge und versuchte, Kinder vor dem Schicksal zu bewahren, das im Roman das Bettelmädchen Sophie Gruber erleiden musste. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es immer noch Fälle, in denen Kinder, nicht nur Mädchen, regelrecht verkauft wurden, um (bestenfalls) als Hilfskräfte auf Bauernhöfen oder in Fabriken zu arbeiten. Nicht selten wurden junge Mädchen allerdings zur Bettelei oder gar der Prostitution gezwungen. Ein Schicksal, dem die Kinder aus eigener Kraft nur äußerst selten entkommen konnten. Die Figur der Sophie Gruber steht in diesem Roman exemplarisch für diese Kinderschicksale, die Henny Arendt verhindern wollte. Mit ihrem Engagement für verwahrloste, auf der Straße lebende Kinder geriet Henny Arendt bei ihren Vorgesetzten zunehmend in die Kritik. Man machte ihr die Ausübung ihres Berufes bewusst schwer. Dazu kam, dass Henriette Arendt sich auch öffentlich gegen solche Missstände äußerte, sie anprangerte und aufforderte, von offizieller Seite gegen den Kinderhandel anzugehen. 1908 legte man ihr die Kündigung nahe, woraufhin Arendt ihre Tätigkeit als erste Privatdetektivin in Deutschland weiterführte.

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Tobias Bukkehave: Der Prätorianer

Das erste Opfer liegt in einer Trafo-Station, der Schädel zertrümmert, ausgeweidet, die Leber fehlt, zwei antike Münzen in den Augenhöhlen. Das zweite Opfer, ähnlich zugerichtet, hängt an einem Kreuz von der Decke eines Wasserwerkes.

Als wäre das noch nicht genug für Sara Levin, die zum ersten Mal die Leitung einer Ermittlung übernommen hat, ergeben sich Spuren zu ihrem Vater, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt. Sie hat ihn aus ihrem Leben gestrichen und seit 10 Jahren nicht gesehen. Nun muss sie sich ihm wieder stellen.

Zu der Ermittlung wird ihr Bruder Adam hinzugezogen. Er ist Profiler und Spezialist für Serientäter und hat selbst ein gehöriges psychisches Päckchen zu tragen. Im Gegensatz zu seiner Schwester zweifelt er an der Schuld seines Vaters.

In aus dessen Perspektive geschriebenen Kapiteln tauchen wir ein in die Psyche des Prätorianers, eines aggressionsgeladenen Incels, eines Mannes wie eine Tretmine, bereit, auf den leisesten Reiz zu explodieren, gefangen in seinen von der römischen Geschichte beeinflussten Wahnvorstellungen.

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Annemarie Regez: Die Lago Maggiore Morde: Tod im Rustico

Es sollte eigentlich ein entspannter Urlaub sein, mit Ehefrau Julia und Tochter Laura wollte Commissaria Roberta Casanova ein paar vorweihnachtliche Tage in Locarno verbringen. Alles lässt sich gut an, auch der Besuch von Lauras leiblichem Vater Nicolas verläuft recht harmonisch, obwohl er mit seinem neuen Freund Oliviero anreist. Laura, die sich auf Schlittenfahren und Weihnachtsmarkt mit Nicolas gefreut hat, mag Oli nicht, das merkt man der Dreijährigen gleich an. „Er hat böse Augen“, meint sie. Mehr sagt sie dazu nicht. Das wird auch nicht unbedingt weiter wahrgenommen, erst am Ende überlegt Roberta, ob Laura vielleicht doch von Anfang an das richtige Gefühl hatte. Die Urlaubsstimmung wird getrübt, als Oliviero die Nachricht erhält, in seinem abgelegenen Rustico in den Bergen sei eine Leiche gefunden worden. Roberta hat zwar offiziell Urlaub, aber als Kriminalkommissarin kann sie natürlich ab sofort nicht mehr abschalten, zumal der Fundort nicht allzu weit entfernt, nur eben abgelegen ist. Nach Aussage von Oli kennt kaum jemand das Rustico, er war auch selbst angeblich schon länger nicht mehr dort. Er hat es vor etwa einem Jahr von seinem Vater geerbt, aber kaum genutzt. Den Toten erkennt er auch auf dem Foto nicht gleich. Erst als Robertas Kollegen die Identität feststellen konnten, gibt er zu, ihn gekannt zu haben. Was Philipp, so heißt der Mann, aber in dem Rustico gewollt haben soll, kann er sich nicht vorstellen. War man zunächst von Selbstmord ausgegangen, wird schnell klar, es handelt sich um Mord. Eigentlich ideal – jetzt, im Winter kommt kaum jemand zum Rustico, die Leiche wäre ewig lange nicht gefunden worden, und dann, im Frühjahr, wenn Oliviero vielleicht selbst mal wieder hingekommen wäre, hätte keiner mehr ein Fremdverschulden nachweisen können.

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