Raffaella Romagnolo: Das Flirren der Dinge

„Das Glück, Antonio. Hörst du nicht, dass es dich ruft?“ (S. 316)

Zunächst sieht Antonios Leben im Waisenhaus alles andere als glücklich aus.

Und wäre ihm in seiner Kindheit der Fotograf Alessandro nicht begegnet, wäre er vermutlich im Waisenhaus vor die Hunde gegangen. Wer wie er ganz unten in der Hierarchie der Kinder steht, lernt, sich unsichtbar zu machen. Und wer unsichtbar ist, wird weniger drangsaliert. Doch eines Tages steht wieder ein Fremder vor den aufgereihten Waisenkindern, um sich eine Arbeitskraft auszusuchen. Ausgerechnet Antonio will der Fotograf Alessandro als zukünftigen Assistenten mitnehmen, den unscheinbaren Jungen mit einem fast blinden Auge, das er unter einer Augenklappe verbirgt.

In der Zeit von 1867 bis 1915 betrachtet Antonio die gesellschaftlichen Ereignisse in Genua und in Mailand durch den Sucher und erfährt dabei, dass auch jenseits der Linse alles für ihn möglich ist. Er muss sich nur trauen und die Initiative ergreifen.

Und es dauert nahezu ebenso lange, bis er begreift, dass seine besondere Gabe nicht nur Fluch, sondern auch ein Segen sein kann. Weiterlesen

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Lindsey Hooper: Ein Sommer mit Hemingways Katzen

Hingegossen wie eine Königin, liegt sie auf der Veranda des Hemingway-Hauses. Das ist ihr liebster Lieblingsplatz auf der Insel. Die schöne Goldgetigerte lässt ihre Ohren zucken und öffnet die meergrünen Augen.“ (S. 13)

Ich bin froh, dass das deutsche Cover viel moderner gestaltet ist als das der amerikanischen Originalausgabe von 2021. Denn das super schöne Cover hat mich direkt an den laidback vibe meines Key West Urlaubs erinnert.

Die College-Absolvent Laura zieht für einen neuen Job von Syracuse, New York, nach Key West, Florida. Genau dort wird sie als Touristenführerin im historischen Hemingway-Haus arbeiten – mit 54 Katzen. Doch dann rast ein Hurrikan auf die Insel zu …

Inspiriert von der wahren Geschichte der berühmten Sechszehenkatzen des Ernest-Hemingway-Hauses in Key West (die heute als Hemingway-Katzen bezeichnet werden) – und dem Hurrikan, der sie fast weggeweht hätte – ist „Ein Sommer mit Hemingways Katzen“ eine kleine, süße Geschichte mit vielen Katzen.

Ich liebe Key West und war gespannt darauf, eine Story mit diesem Schauplatz zu lesen. Außerdem liebe ich Katzen, doch die gelegentlich verwendete Erzählperspektive aus Sicht der Katzen war für meinen Geschmack wirklich übertrieben. Daher musste ich leider die vielen Beschreibungen der felinen Gedanken überfliegen.

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John Niven: Die F*ck-It-Liste

Als John Niven diesen Roman 2020 schrieb, hätte er als politische Satire durchgehen können. Im Jahr 2022 liest er sich hingegen wie eine bittere Realität. Denn vieles, was der Autor im Amerika des Jahres 2026 als fiktive Dystopie entwirft, ist längst eingetreten. Zwar ist Trump momentan kein Präsident mehr, doch Schul-Amokläufe, die Verankerung des Waffenrechts und der gekippte „Roe versus Wade“-Beschluss spalten das amerikanische Volk. In Nivens Roman ist die Gesellschaft schon einen Schritt weiter: Amerika hat sich in ein Land verwandelt, „… wo das Undenkbare erst denkbar, dann machbar und schließlich alltäglich geworden war.“ (S. 250)

Im Mittelpunkt steht Frank Brill, der alles verloren hat: seine Frau, seine Kinder, seine Gesundheit, seine Hoffnung. Der ehemalige Chefredakteur musste einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen, die er auf die fatalen Entschlüsse unter der Trump Regierung zurückzuführt. Zwar sitzt im Jahr 2026 Tochter Ivanka im Präsidentenamt, welche sich nur geringfügig von ihrem Vater unterscheidet, doch Donald Trump hält im Hintergrund alle Fäden in die Hand und macht Stimmung gegen Ausländer, „Schmarotzer“, Schwuchteln und allem, was nicht ins Weltbild passt. Der Supreme Court ist längst ultrakonservativ besitzt, die Presse gleichgeschaltet, wichtige Grundrechte ausgehebelt. Nordkorea wurde im Atomkrieg von der Landkarte getilgt und soll in 30 Jahren, sobald die Strahlenwerte es wieder zulassen, zum 51. Bundesstaat von Amerika werden. Nun hat der vereinsamte, 60-jährige Frank Darmkrebs im Endstadium. Folglich nichts mehr zu verlieren. Sein letzter Akt: Fünf Personen auf seiner F*ck-It-Liste aus dem Weg zu räumen, die er auf persönlicher oder politischer Ebene für sein Leid verantwortlich macht. Weiterlesen

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Lina Jansen: Fräulein Stinnes und die Reise um die Welt

Romane, die wie dieser auf realen Ereignissen basieren, haben mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass man den Ausgang der Geschichte kennt. Dennoch Spannung aufbauen zu können, zeugt also von Talent. Und das trifft auf diesen Roman zu, der die wahre Geschichte von Clärenore Stinnes erzählt, die als erste Frau im Automobil die Welt umrundete. Das immerhin im Jahr 1927!

Fräulein Stinnes ist die Tochter des steinreichen Unternehmers Hugo Stinnes und seiner Frau Cläre. Insbesondere mit der Beziehung zwischen Tochter und Mutter beschäftigt sich der Roman, der sich so nah wie möglich an den tatsächlichen Geschehnissen orientiert, trotzdem aber seine fiktiven Teile hat.

Clärenore Stinnes, nach dem Tod des Vaters entgegen dessen Wunsch von der Mutter von jeder Unternehmensleitung ausgeschlossen, sucht die Herausforderung, sucht die Anerkennung der Mutter. Diese jedoch hält Frauen für minderwertig und bevorzugt ihre Söhne. Damit haben Clärenore und ihre jüngere Schwester Hilde stets zu kämpfen, wobei sich letztere der Mutter unterordnet. Weiterlesen

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Martin Kluger: Der Vogel, der spazieren ging

Was für eine Mischpoke! Samuel Leiser hat ein schwieriges Verhältnis zu seinen Familienmitgliedern. Ob der abweisende, jüdisch-deutsche Vater, die kapriziöse Ex-Frau aus Uruguay, die 13-jährige Tochter mit Hang zum Weltschmerz oder die spanische Geliebte mit Selbstfindungskrisen – als diese und weitere obskure Bekanntschaften in der Pariser Wohnung des Übersetzers einfallen, drohen unbewältigte Probleme aufzubrechen. Samuel Leiser weiß nicht mehr, wie ihm geschieht. Schnell erkennt er: Seinem Familienerbe kann man nicht entkommen. Es verfolgt einen über Jahrzehnte und Kontinente hinweg. Ein amüsanter, aber gleichfalls tiefsinniger Roman mit jeder Menge skurriler „Shmoks“ und „Shiksen“. Masel-tov!

Paris, Anfang der 1970er Jahre. Samuel Leiser freut sich auf seine 13-jährige Tochter Ashley, die für ein Jahr bei ihm leben soll. Er möchte das Verhältnis zu ihr vertiefen und alles anders machen, als sein eigener Vater. Dieser ist durch einen Trick vor den Nazis nach Amerika geflohen, indem er sich als Schriftsteller ausgab. Zu diesem ist er in der Tat später geworden – mit Detektivromanen erlangte er Weltruhm. Aus Yehuda Leiser wird Jonathan Still, das Deutsche plus Jüdische will der Neu-Amerikaner am liebsten völlig ablegen. Weiterlesen

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Oliver Hösli: Mit Aprikosen

„Mit Aprikosen“ hat mich persönlich berührt, weil Kirgistan, das Land, in dem der im Frühjahr 2022 erschienene Roman von Oliver Hösli spielt, einer meiner Traumorte ist. Doch um das Buch genießen zu können, musst du dich nicht mit der Region auskennen oder gar jemals eine Vorstellung davon gehabt haben. „Mit Aprikosen“ ist, was es verspricht. Knackig – denn es ist kurz. Und bittersüß. Als würdest du in eine Aprikose beißen, der Saft dir am Kinn herunterlaufen und über die Hände, du beugst dich vor, damit dein T-Shirt sauber bleibt und im Nu hast du die Frucht verspeist und kannst dich nur noch ihres Nachgeschmacks erfreuen.

Dabei ist es sehr schade, dass das Buch so kurz ist bei einer Geschichte, die sich länger hätte erzählen lassen. Es geht um die mondschöne Kirgisin Aisuluu und den schweizerischen Ethnologen Willi, der sich Hals über Kopf in sie verliebt. Doch gefangen in Zeit und Raum werden die beiden gleich den Wellen des Issyk-Kul immer wieder voneinander fort- und aufeinander zu geschwemmt, können sich weder halten noch loslassen. Zwei Menschen verlieren sich – und damit meine ich nicht nur einander, sondern auch sich selbst – und finden doch irgendwie immer wieder zusammen unter den Aprikosenbäumen in Kadzhi-Sai. Weiterlesen

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Petra Hucke: Vom Gehen und Bleiben

Vischnanca heißt ein kleines Dorf in den Graubündner Alpen. Es klebt an der Flanke des Berges Piz Brunclia und rutscht daran 1,20 Meter pro Jahr ab. Die Bäuerin Ria betrachtet den Berg als boshaftes Monstrum, das versucht, Vischnanca und seine Bewohner loszuwerden, indem es mit Steinen und Geröll nach ihnen wirft. Sie will gegen die Bedrohung ankämpfen.

Ein zweiter Erzählstrang begleitet die Familie Blom aus Duisburg.  Die vier Bloms wandern arglos in das malerische Bergdorf aus und lassen sich in einem der alten Häuser nieder. Niemand hat den Bloms von den Gegebenheiten erzählt. Sie sind geschockt und wissen nicht recht, wie man mit der Situation umgehen soll. Trotzdem versuchen sie, Wurzeln zu schlagen. Gemeinsam mit ihnen lernt man die Leute aus Vischnanca kennen und erfährt von den sozialen und verwandtschaftlichen Verflechtungen in der kleinen Gemeinde. Bald tun sich sowohl in den Hauswänden als auch im dörflichen Zusammenhalt Risse auf. Die Evakuierung hängt wie ein Damoklesschwert über den Bewohnern. Gehen oder bleiben, das ist die große Frage. Weiterlesen

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David Mitchell: Utopia Avenue

Rockfans werden dieses Buch lieben. Es handelt von einer fiktiven Rockband namens „Utopia Avenue“, die im England der 60er-Jahre langsam aus dem Nichts aufsteigt und schließlich die Charts erobert. Nach mäßig erfolgreichen Anfängen in kleinen Clubs in Soho findet das kurze Dasein der Band ihren Höhepunkt in einer rauschhaften Amerika-Tournee.

Der britische Autor David Mitchell, geboren 1969, beschreibt das alles auf 750 Seiten derart authentisch und glaubwürdig, dass man immer wieder versucht ist, bei YouTube oder Spotify nach Musik von Utopia Avenue zu suchen.

Da ist Bassist Dean mit seinem gestörten Verhältnis zum Vater. Er ist dauerpleite und im Grunde obdachlos. Da sind Folksängerin und Pianistin Elf mit ihrem verkorksten Männergeschmack und Drummer Griff, der einen schweren Autounfall verarbeiten muss. Der geniale Gitarrist Jasper mit psychischen Problemen macht die Band komplett. Weiterlesen

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Abigail Assor: So reich wie der König

Die 16-jährige Sarah ist eine Schönheit. Sie lebt in den 90er Jahren im Armenviertel von Casablanca.  Als Französin darf sie das Gymnasium besuchen, ohne Schulgeld bezahlen zu müssen. Sie träumt von einem Leben in Sorglosigkeit, ein reicher Ehemann wird ihr irgendwann dazu verhelfen. Schon jetzt lässt sie sich von Jungs bzw. jungen Männern aushalten. Als sie eines Tages von Driss hört, der reich wie ein König sein soll, steht ihr Entschluss fest: Sie wird ihn erobern und heiraten, dann ist sie die Königin. Ihr Aussehen eröffnet ihr den Zugang zu besser gestellten Gruppen, sie verbirgt geschickt, aus welchen Verhältnissen sie kommt – keiner ihrer Mitschüler bzw. der Jungs, von denen sie sich anbaggern und abschleppen lässt, weiß, wo sie wohnt, lieber nimmt sie zwei Stunden Fußweg zur Schule auf sich.

Driss wiederum stammt aus einer reichen muslimischen Familie, er fährt Motorrad, trinkt Pfefferminzlimonade. Ist verklemmt und nicht unbedingt gutaussehend. Für Sarah ist das kein Hindernis. Seine thymiangrünen Augen erinnern sie an Rindertajine, sie sind ein Versprechen, eine Vorahnung der glücklichen Zukunft.

In ihrem Roman beschreibt Abigail Assor das Leben in der Millionenstadt Casablanca, im Roman nur „Casa“ genannt.  Wenn Sarah auf ihren Wegen durch die Straßen der Stadt läuft – durch die Wohngebiete der Reichen ebenso wie durch die Armenviertel, bekomme ich einen Eindruck von vielfältigen Sinneseindrücken. Weiterlesen

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Helen Cullen: Der Riss, durch den das Licht eindringt

Die Irin Helen Cullen lebt in London. 2019 erschien ihr erster Roman „Die verlorenen Briefe des William Woolf“. Nun veröffentlichte der Wilhelm Goldmann Verlag (Wunderraum) am 14. Juni 2022 Cullens zweiten Roman mit dem Titel „Der Riss, durch den das Licht eindringt“. Jörn Ingwersen übersetzte das Buch aus dem Englischen.

Helen Cullens „Der Riss, durch den das Licht eindringt“ trägt einen sperrigen deutschen Titel. In der Originalausgabe von 2020 heisst das Buch „The Truth Must Dazzle Gradually“ und stammt aus einem Gedicht von Emily Dickinson.

Der Roman startet am Heiligabend im Jahre 2005 mit dem Selbstmord von Maeve Moone. Maeve hinterlässt ihren Mann Murtagh und die Kinder Nollaig, Tomás, Dillon und Sive. Murtagh ist Töpfer. Die Familie lebt auf der kleinen irischen Insel Inis Óg.

Danach springt Cullen nach Dublin in das Frühjahr des Jahres 1978 zurück, in dem sich die Amerikanerin Maeve und der Ire Murtagh kennenlernen, und erzählt die Familiengeschichte der Moones bis zum Heiligabend des Jahres 2015. Weiterlesen

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