Marianne Cronin: Die hundert Jahre von Lenni und Margot

Herzerwärmend und berührend sind die Adjektive, die mir als erstes einfallen, um diesen Roman zu beschreiben. Mit überwältigendem Einfühlungsvermögen erzählt uns die Autorin in ihrem Erstling die Geschichte von zwei ganz und gar unterschiedlichen Frauen.

Lenni ist siebzehn und wird sterben. Margot ist 83 und wird sicher ebenfalls in absehbarer Zeit sterben. Die beiden begegnen sich im Krankenhaus und beschließen, ihre gemeinsamen genau einhundert Jahre in Bildern festzuhalten.

So beginnen sie für jedes Jahr ihres bisherigen Lebens ein Bild zu malen, und während das geschieht, erzählt die eine der anderen die jeweilige Geschichte dazu.

Geschrieben ist der Roman (fast) durchgängig aus Lennis Perspektive, die den Krankenhausalltag mit so intensiven wie lakonischen Worten beschreibt, dass die Leserin eine Gänsehaut bekommt. Besonders ihre Begegnungen mit Pater Arthur, den sie immer dann in der Krankenhauskapelle besucht, wenn eine Schwester Zeit hat, sie dorthin zu bringen, sind berührend und die Gespräche zwischen dem alten Geistlichen, der vor seinem Ruhestand steht, und dem jungen Mädchen, das bereits am Ende seines Lebens angekommen ist, machen sehr nachdenklich und wirken lange nach. Weiterlesen

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Clarice Lispector: Ich und Jimmy

Jimmy weiß, wie Liebe, Sex und Beziehung funktionieren. In der titelgebenden Kurzgeschichte lässt sich eine junge Frau auf seine Argumentation ein und nimmt ihn schließlich auf eine Weise wörtlich, die ihm nicht behagt.

In den Geschichten der brasilianischen Autorin Clarice Lispector stehen Frauen im Mittelpunkt, junge Mädchen und ältere Damen, Hausfrauen, Ehefrauen, Angestellte, Prostituierte. Die Autorin beschreibt einen exemplarischen Moment im Leben ihrer Protagonistinnen. Die Erzählanlässe erscheinen teilweise banal – eine Zugfahrt, bei der sich zwei Frauen gegenüber sitzen, ein Strauß Rosen, der verschenkt werden soll oder vielleicht auch nicht, die Verabschiedung der Mutter nach dem Besuch. Hinter dem alltäglichen Rahmen versteckt sich jedoch besonderes Erleben. Konträr dazu wird die Rache von zwei Frauen an ihrem untreuen Liebhaber so unspektakulär erzählt, als handle es sich um ein paar gestohlene Kartoffeln.

In den meisten Geschichten geht es weniger um die Handlungen, vielmehr tauche ich in die Gedankenwelt der Frauen ein, begleite sie auf den verschlungenen Pfaden von Assoziationsketten und Erinnerungen, werde zur Mitwisserin versteckter Hoffnungen oder verschämten Egoismus. Es zeigen sich Wesenszüge, die tief unter der Oberfläche verborgen sind. Weiterlesen

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Gary Shteyngart: Landpartie

Der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Gary Shteyngart (Jahrgang 1972) wurde mit dem Namen Igor Semyonowitsch Shteyngart in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren und emigrierte Ende der 1970er Jahr mit seinen jüdisch russischen Eltern in die USA . Dort gilt er heute als Kultautor. Der Penguin Verlag veröffentlichte am 23. Mai 2022 seinen Roman „Landpartie“ in einer Übersetzung von Nikolaus Stingl.

In „Landpartie“ von Gary Shteyngart findet sich im Frühjahr 2020 eine kleine Gesellschaft von Intellektuellen und Künstlern auf der Flucht vor der Corona-Pandemie in der Nähe von New York City auf einem Landgut am Hudson ein. Der Besitz, der aus einem Haupthaus und fünf Holz-Bungalows (nach dem Vorbild einer kleinen russischen Kolonie) besteht, gehört dem aus Russland immigrierten Schriftsteller Alexander (Sasha) Borisovich Senderovsky. Hier lebt er gemeinsam mit seiner Frau Masha, einer Psychiaterin, und seiner (verhaltensgestörten) Adoptivtochter Natasha (Nat). Allerdings ist das Anwesen in die Jahre gekommen und überall zeigen sich Anzeichen des Verfalls. Senderovskys einstiger Ruhm ist verblasst, und er benötigt dringend eine Einnahmequelle, um seine Ausgaben zu decken. Diese erhofft sich Senderovsky von dem berühmten Schauspieler, den er neben seinen Freunden aus Highschoolzeiten in die Bungalow-Kolonie eingeladen hat. Nach und nach treffen die Gäste ein: Karen Cho, reiche Erfinderin einer erfolgreichen Dating-App, Vinod Metha, krebskranker außerordentlicher Ex-Professor und Koch, Ed Kim, wohlhabender Weltreisender und Dee Cameron, ehemalige Studentin von Senderovsky. Letztere trägt ihren Namen in Anspielung auf Boccaccios „Il Decamerone“ aus dem 14. Jahrhundert zu Zeiten der Pest. Shteyngart gibt diesen Figuren, Dee ausgenommen, ausländische (überwiegend asiatische) Wurzeln. Weiterlesen

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Jackie Polzin: Brüten

Ein schlichter, schöner und in seiner Natürlichkeit ergreifender Roman. In Jackie Polzins „Brüten“ erzählt die Ich-Erzählerin von ihren Anstrengungen, ihre vier Hühner am Leben zu erhalten. Denn im US-Staat Minnesota schwanken die Temperaturen zwischen plus und minus 40 Grad Celsius. Sie lässt uns an ihren Beobachtungen teilnehmen und daran, wie die Tiere ganz unbewusst ihren Blickwinkel auf das Leben verändern. Dabei kommen wir der Ich-Erzählerin ganz nahe, da sich private Probleme in der gefiederten Welt häufig widerspiegeln. Durch die allgegenwärtige Fruchtbarkeit des ständigen Eierlegens wird die Ich-Erzählerin zum Beispiel mit ihrer eigenen, ungewollten Kinderlosigkeit konfrontiert. Begriffe wie Sauberkeit, Heimat und Lebensentwürfe werden unbewusst neu überdacht. Ganz nebenbei erhalten wir LeserInnen faszinierende Einblicke in das Wesen der Hühner. Denn obwohl die Wissenschaft zu keinem eindeutigen Schluss kommt, stellt sich die Erzählerin nach und nach folgende Fragen: Können sich Hühner erinnern? Vermissen sie die Eier, die ihnen weggenommen werden? Können sie trauern, zum Beispiel um tote Artgenossinnen? Ist die teils brutale Rang- und Hackordnung barbarisch oder überlebensnotwendig? So sind viele der kleinen Kapitel als Metapher auf das menschliche Leben übertragbar. Weiterlesen

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Annette Wieners: Die Diplomatenallee

Über eine spannende Zeit an einem spannenden Ort schreibt Annette Wieners in ihrem neuen Roman. Die Autorin, Journalistin und Moderatorin beim WDR, habe ich schätzen gelernt durch ihre Kriminalromane um eine ehemalige Kriminalbeamtin, die hochspannend und sehr gut geschrieben sind. Hier würde ich mir unbedingt weitere Bände wünschen.

Der neue Roman spielt im Jahr 1974, ein politisch sehr dynamisches Jahr, vor allem in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Wurde doch in diesem Jahr die Ständige Vertretung der DDR dort eröffnet und scheiterte der damalige Kanzler Willy Brandt an der Spionagetätigkeit von Günther Guillaume.

Zu dieser Zeit führt Heike zusammen mit ihrem Mann Peter ein Schreibwarengeschäft, ganz in der Nähe von Bundestag und den Ministerien. Das führt dazu, dass viele hochrangige Politiker sich die Klinke des Ladens in die Hand geben.

Heike ist eine sehr zurückgezogen lebende junge Frau. Sie hat Graphologie studiert und war dort bereits vor dem Abschluss ihres Studiums sehr erfolgreich. Dann jedoch geschah Schreckliches, ausgelöst durch ein von Heike erstelltes Schriftgutachten. Danach hat sie der Wissenschaft entsagt, nie wieder Schriften studiert, geschweige denn interpretiert. Seither sind viele Jahre vergangen. Weiterlesen

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Lousie Doughty: Was die Nacht verschweigt

Lisa Evans beobachtet, wie sich nachts am Bahnhof von Peterborough ein Mann vor einen Zug wirft. Lisa kann nichts gegen den Selbstmord unternehmen – denn sie ist ein Geist. Vor 18 Monaten hat es an derselben Stelle einen ganz ähnlichen Todesfall gegeben. Nur ein Zufall? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen den Suiziden?

Nicht nur Lisa, sondern auch die Polizei wird auf den örtlichen Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen aufmerksam. So beginnt auch PC Lockhart, sich erneut mit dem Selbstmord vom letzten Jahr auseinanderzusetzen, auf der Suche nach möglichen Verbindungen.

Für ihren neunten Roman „Was die Nacht verschweigt“ wählt die britische Autorin Louise Doughty eine ungewöhnliche Perspektive. Lisa, deren Geist an den Bahnhof gefesselt ist, berichtet uns als entrückte, übergeordnete Ich-Erzählerin über ihre Beobachtungen rund um ihre unfreiwillige Heimat. Unterbrochen werden diese Schilderungen davon, dass sie sich stückchenweise daran zu erinnern beginnt, wer sie einmal war. Diese Sequenzen kommen meist plötzlich wie eine Art Flashback, wenn Lisa durch irgendetwas an ein früheres, eigenes Erlebnis denken muss. Weiterlesen

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Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt

Thomas Mullens Romane lassen sich nicht anders auf den Punkt bringen als: Sie sind eine Wucht! Brutal, schonungslos, vielschichtig, aufwühlend. Bereits als Mullens Romandebüt 2006 veröffentlicht wurde – seine Welterfolge rund um die „Darktown“-Trilogie sollten noch folgen – sorgte es für Furore. Wie kaum ein anderer versteht es Mullen darzulegen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Heute, im Jahr 2022, ist der Plot um den Ausbruch der Spanischen Grippe 1918 in einer amerikanischen Holzfällerstadt voller „Kriegsdienstverweigerer“ von der Geschichte eingeholt worden. Wieder eine Pandemie, wieder ein Krieg. Krisen, die das Beste und Schlechteste im Menschen hervorholen. So hinterlässt der ohnehin schon nervenzerreibend spannende Plot beim Lesen weiteres Unbehagen. Denn in punkto Verhalten hat sich nichts geändert. Während manche nur darauf bedacht sind, ihre eigene Haut zu retten, bewahren andere den Blick fürs Große und Ganze. Wie moralisch flexibel muss man in Notsituationen sein, um zu überleben? Welche Opfer rechtfertigen das Gemeinwohl? Wann darf ein Mensch töten? Was hält die Gesellschaft zusammen? Weiterlesen

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Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen

Ich mag Familienepen über mehrere Generationen sehr und ich mag die Bücher von Judith W. Taschler. Also war es keine Frage, dass ich auch ihren neuesten Roman unbedingt lesen wollte. Und ich habe es keineswegs bereut.

Sie erzählt die Geschichte der Familie Brugger, die im österreichischen Mühlviertel in einem kleinen Ort die Mühle betreibt. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert verfolgt die Autorin die Geschicke der Familie über mehr als 100 Jahre.

Dabei verfährt sie nicht unbedingt streng chronologisch, sondern folgt eher einzelnen Erzählsträngen, angelehnt an die Perspektive einzelner Familienmitglieder. So erfährt man im einen Strang angedeutete Ereignisse erst später dann im Detail.

Die ersten Protagonisten sind Anton Brugger und seine Schwester Rosa. Sie folgt den Versprechungen einer Anwerberin und gelangt als Hausmädchen nach Wien. Es kommt, wie es kommen muss. Weiterlesen

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Garielle Lutz: Geschichten der übelsten Sorte

Der Autor Clemens J. Setz („Indigo“) bezeichnet Garielle Lutz als „eine der großen Prosamagierinnen“. In der Tat ist die Sprache, mit der die Autorin uns Leser angeht, ungewöhnlich intensiv. Manche Sätze stehen so sehr für sich, dass ein Weiterlesen zunächst einmal schwierig erscheint, und oft reihen sich genau diese Sätze sogar aneinander.

Der Übersetzer Christophe Fricker hat für das als unübersetzbar geltende Buch Worte gefunden wie: „Sie schneidersetzte sich auf den Wohzimmerboden“. Es folgen surreale Sätze wie „Der Baum vor dem Fenster macht viel Lärm“. Aber auch abstoßende und nervende Beschreibungen über Kot, Urin und Selbstbefriedigung: „Ich hole mir noch zweimal heilsam einen runter“. Es folgt die Episode, in der der Protagonist von Geschäft zu Geschäft läuft, um in der Umkleidekabine auf die eigene und die zu verkaufende Kleidung „die Pisse […] loslaufen“ lässt. Lässt die eine Frau „ihre Arme so langsam in meine Richtung ausrollen, so sehr im Verborgenen“, ist eine andere „Frau ein vielbenutzter, unbewohnbarer Rotschopf gewesen“. Weiterlesen

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Peter Cameron: Was geschieht in der Nacht

Ein namentlich nicht näher benanntes Ehepaar reist mit dem Zug in ein Kaff im verschneiten europäischen Norden, um ein Kind aus einem Waisenhaus abzuholen, das die beiden adoptieren wollen.

Von Anfang an geht alles schief. Das Paar steigt an einem vollkommen verlassenen Bahnhof falsch aus und weiß kaum ins Hotel zu kommen.

Peter Camerons „Was geschieht in der Nacht“ ist ein seltsamer Roman. Die Handlung weist einige Kapriolen auf, die nur schwer nachzuvollziehen sind.

So ist das Verhältnis des Paars von einem permanenten Streit geprägt. Auch erweist sich die todkranke Frau als extrem wankelmütig, was ihre Motivation zur Adoption des Babys angeht. Ein aufdringlicher Geschäftsmann, ein Barkeeper und eine alternde Schauspielerin, die im selben Hotel wie das Paar logieren, spielen ebenso ominöse Nebenrollen wie ein Wunderheiler. Weiterlesen

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