Bernadette Schoog: Marie kommt heim

Marie kommt heim, weil ihre alte Mutter im Sterben liegt. Die Aussicht, dass sie für einen Abschied nur noch wenig Zeit habe, verunsichert und irritiert sie. Wie soll sie sich von einer Mutter verabschieden, mit der sie sich nie verstanden und der sie nievertraut hat? Marie war acht Jahre lang ein Vaterkind und als dieser verstarb, gab es nur noch sie beide, jede für sich allein und doch eine Zwangsgemeinschaft ohne Liebe und Verständnis.

Der räumliche und zeitliche Abstand zur Mutter muss für diesen Abschied irgendwie überwunden werden. Aus diesem Grund lässt sich Marie für das Wiedersehen Zeit. Sie sieht die alte Heimat in ihrer Enge, den unvermeidlichen Andrang von Pilgern, und sie erinnert sich. Alles zusammen führt zu den Gedanken, nur schnell weg von hier. Kurz bei der Mutter vorbeischauen, Abschied nehmen und dann endlich weg, zurück in ihr beschauliches Zuhause. Womit Marie nicht rechnet ist, dass sie nach ihrem Besuch auf einmal den Wunsch verspürt zu bleiben und eine Versöhnung mit der Mutter zu versuchen. Dies ist der Moment, in dem Marie dann wirklich heimkommt, mit allen schlechten aber auch mit allen guten Erinnerungen. Weiterlesen

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H.S. Eglund: Nomaden von Laetoli

Der Wissenschaftler Martin Anderson hat in Grönland den Hafen des Wikingers Eirik gefunden. Eine Sensation in der Fachwelt. Anderson hat eine glänzende Wissenschaftskarriere vor sich. Dann wird er  überraschend vom renommierten Professor Aaron Miller nach Tansania eingeladen. Dort befindet sich die Fundstätte von Laetoli, wo die Fußabdrücke der Frühmenschenart Australopithecus afarensis gefunden wurden. Dorthin hatte Miller sich geflüchtet, als er seiner Wissenschaftskarriere müde wurde. Und dort meint Miller die Frühmenschen selbst gesehen zu haben.

Anderson steht dem skeptisch gegenüber aber weitere Erfahrungen auf seinem Lebensweg, der ihn auch nach Äthiopien und schließlich nach Sansibar führt, lassen ihn immer mehr an der etablierten Wissenschaft zweifeln und nach einem anderen Sinn suchen.

Und diese Sinnsuche ist es, die das Buch tatsächlich auch ausmacht. Wer einen archäologischen oder paläontologischen Abenteuerroman á la Indiana Jones erwartet, wird weitgehend enttäuscht. Viel mehr begleiten wir Anderson auf einer Sinnsuche, die sein eigenes Leben und die Bedeutung der modernen Wissenschaft betrifft. Weiterlesen

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Katharina Adler: Iglhaut

Die deutsche Autorin Katharina Adler (Jahrgang 1980) lebt und arbeitet in München. 2018 veröffentlichte sie in ihrem ersten Roman mit dem Titel „Ida“ die Geschichte ihrer Urgroßmutter. Nun erschien am 12. April 2022 ihr zweiter Roman „Iglhaut“ im Rowohlt Verlag.

„Iglhaut“, deren Vornamen die Lesenden nicht erfahren, ist Schreinerin und wohnt in einem Mietshaus in München. Ihr Handwerk betreibt sie in einer Garage im Hinterhof des Hauses. Die Nachbarn aus Vorder- und Gartenhaus kommen täglich an ihrer Werkstatt vorbei und fast immer ergibt sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Da erzählt ihr Uli Reizberg von dem Hauptgewinn in einem Kreuzworträtsel, einer Reise nach Ägypten. Oder Frau Ivanović beklagt die Wohnungsnot ihres Neffen. Das Ehepaar Zenker von oben streitet die ganze Zeit lautstark, und die Schriftstellerin im Dachgeschoss sieht man nie. Da gibt es noch Jasmina aus der betreuten Wohngemeinschaft und Tildi Rolff, die alte Sozialdemokratin, die inzwischen von Ronnie L. gepflegt  und mit Cannabis versorgt wird. Außerdem wohnt Valeria, Iglhauts Freundin, mit ihrer Tochter Thea im Haus. Es ist Valeria, die auf die Idee kommt, dass die Iglhaut mit Uli nach Hurghada reisen soll. Iglhauts Eltern haben sich getrennt. Der Vater bekocht die Tochter und der Mutter spendete die Iglhaut einst eine ihrer Nieren. Iglhauts Ex, der Anwalt Dori, übernachtet trotz Frau und Kindern hin und wieder bei ihr. Die Kanzlerin ist Vegetarierin und weicht nicht von Iglhauts Seite. Ums Eck kehrt die Nachbarschaft im Imbiss von Herakles und seiner Mama ein. Und für einen Blick in die Zukunft gab es Handlesen in Nurjas Hexenladen. Weiterlesen

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Mikael Bergstrand: Zusammen ist es Freundschaft

Zwei ganz besondere Figuren prägen diesen Roman, zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch werden sie Freunde.

Vor allem der einsame Ingemar Modig ist eine Figur, die man einfach mögen muss. Ja, man möchte ihn in den Arm nehmen, trösten und beschützen vor der Welt, die ihm so grausam vorkommt. Und da ist Dalia, das fußballverrückte Mädchen aus Syrien, mutig ohne Rücksicht auf Verluste, beladen mit leidvollen Erinnerungen.

Diese Beiden begegnen sich durch einen Zufall. Ingemar, seit einem tragischen Ereignis psychisch schwer gestört, zählt alles, in der Hoffnung und dem Wunsch, das Ergebnis möge sich durch Drei teilen lassen. Er zählt die Autos auf einem Parkplatz ebenso wie die Bäume auf der Tapete in seinem Wohnzimmer. Ingemar, über 60 Jahre alt und früher erfahrener Fußballtrainer, erkennt sofort das unglaubliche Talent der kleinen Dalia. Sie ist die Wildeste auf dem Spielfeld zwischen all den älteren Jungs, zumindest so lange, bis ihr Vater sie für alt genug befindet, ab jetzt das vorgeschriebene Kopftuch zu tragen. Weiterlesen

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Alba De Céspedes: Das verbotene Notizbuch

Aus einem Impuls heraus kauft Valeria, als sie für ihren Mann Zigaretten holen geht, ein Notizbuch mit schwarzem Einband. Um in Ruhe ihre ersten Eintragungen vornehmen zu können, spendiert sie Mann und Kindern Karten zu einem Fußballspiel. In den darauffolgenden Wochen und Monaten findet sie nur nachts, wenn alle anderen schlafen, Gelegenheit, ihre Erlebnisse und Überlegungen zu notieren und führt fortan führt sie ein Doppelleben. Niemand darf erfahren, dass sie ein Tagebuch führt.

Valeria lebt mit ihrem Mann Michele und ihren zwei fast erwachsenen Kindern in einer kleinen Wohnung im Rom der Nachkriegsjahre. Die Familie hat sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet, und um den Kindern Schule und Universität zu ermöglichen, hat auch Valeria eine Arbeit in einem Büro angenommen.

Die Aufzeichnungen verhelfen ihr zu einem klaren Blick auf ihr Leben. Sie beginnt, über ihr Verhältnis zu ihrem Mann nachzudenken, erforscht, wie es dazu kam, dass sie in der Familie schon lange nicht mehr mit ihrem Namen – Valeria – angesprochen wird, sondern nur noch mit „Mama“. Sie realisiert, dass sie nicht mehr als Frau gesehen, sondern auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau reduziert wird. Das gängige Klischee, dass der Mann das Sagen und die Frau sich unterzuordnen hat, trägt sie wie einen Schutzschild vor sich her. Weiterlesen

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Rebecca Serle: In fünf Jahren

Rebecca Serle ist Autorin und Drehbuchschreiberin und lebt in New York und Los Angeles. Zu Beginn möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass dieses Buch in Amerika sehr gehyped wurde – und ja, es klingt wie eine Floskel, doch ich bin tatsächlich innerhalb von zwei Tagen durch die Seiten geflogen. Dabei habe ich mich direkt in den stilvoll-erfrischenden Schreibstil verliebt. Ich wurde süchtig! Denn rasant hat sich eine regelrechte Sogwirkung entwickelt und ich wurde in diesen bezaubernden, fiktiven Traum mitgerissen. Und nicht nur, weil die Autorin den Flash Forward, die Vorausblende, genutzt hat, damit sich die Geschichte magisch anfühlt.

Ich habe schon viel gelesen, doch Rebecca ist meiner Meinung nach eine der exzellentesten Geschichtenerzählerinnen überhaupt. Ab der ersten Sekunde wurde ich so sehr gepackt, dass ich vergessen habe, dass ich ein Buch lese. Ich muss anmerken, dass es keine heitere, unbeschwerte Liebesgeschichte ist, wie es vielleicht den Anschein erweckt. Sie hat auch keine typische romantische Storyline. Es geht viel tiefer, um die verschiedenen Arten von Liebe, die wir in unserem Leben haben (zur Familie, zu Freunden, zur Arbeit). Weiterlesen

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Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf

Ein Mann namens Roth nimmt sich eine dreimonatige Auszeit vom Job und mietet sich in einer Ferienwohnung mit Blick aufs Meer in Niendorf an der Ostsee ein. Dort will er in aller Ruhe einen großen Roman über seine Familie schreiben. Jetzt muss er nur noch die 44 Tonbänder mit den Interviews mit seinen Familienangehörigen durchhören – und los geht‘s.

Natürlich kommt alles ganz anders. Erstens hadert unser Möchtegern-Autor mit seinem Stoff, zweitens wird er mehr und mehr abgelenkt – zum Beispiel von einem grob gestrickten Proleten namens Breda und seiner dicklichen Freundin Simone, die Roth immer öfter zum abendlichen Saufen animieren – die aber auch mehr und mehr zu seinem einzigen sozialen Kontakt zur Außenwelt werden.

​Roth sackt immer weiter ab. Er hat mehr oder weniger einen Dauerkater, steigt unglücklich einer Kellnerin nach, lässt sich von einem Seniorenpaar durchfüttern und hat bei einem Ausflug nach Hause im Auto ein unschönes Erlebnis. Weiterlesen

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Kristine Bilkau: Nebenan

Die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Kristine Bilkau (Jahrgang 1974) hat nach ihrem Debütroman „Die Glücklichen“ aus dem Jahre 2015 und „Eine Liebe, in Gedanken“ (2018) nun ihren dritten Roman veröffentlicht. „Nebenan“ erschien am 8. März 2022 im Luchterhand Literaturverlag.

Darin leben Julia, Keramikerin, Ende dreißig mit unerfülltem Kinderwunsch, und ihr Mann Chris, Biologe, und Astrid, Ärztin, Anfang sechzig, kurz vor dem Ruhestand, und ihr Mann Andreas, ehemaliger Geschichtslehrer, in einem Dorf am Nord-Ostsee-Kanal. Julia und Chris sind aus Hamburg neu zugezogen. Astrid und Andreas leben schon ewig hier.

Julia hat in der nahen Kreisstadt, in der auch Astrid ihre Arztpraxis hat, einen Keramikladen aufgemacht. Aber sie fürchtet sich vor Kunden. Lieber verkauft sie ihre Produkte über das Internet. Dort surft sie stundenlang auf den Seiten von lauter „Happy Moms“ in ihren geschönten Familien und Haushalten und von einem Forum für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch.

Astrid, Mutter von drei erwachsenen Kindern, sucht vergeblich seit einiger Zeit nach einem/r Nachfolger/in für ihre Hausarztpraxis. Sie kümmert sich um ihre alte Tante Elsa, bei der sie als Kind mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gewohnt hat. Elsa ist eine Nachbarin von Julia und Chris. Weiterlesen

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Peter Heller: Die Lodge

Peter Hellers neuer Roman „Die Lodge“ ist ein regelrechter Abenteuerroman, der in einer abenteuerlichen Landschaft – der Wildnis Colorados angesiedelt ist. Überhaupt dominiert die urwüchsige Natur das Buch. Die Geschichte lebt geradezu von Gerüchen, Bildern, Geräuschen – und dem Fliegenfischen.

Zur Handlung: Der junge Jack nimmt einen Job als Guide für prominente und wohlhabende Gäste auf einer Luxuslodge an. Als versierter Fliegenfischer bekommt er die Sängerin Allison zugeteilt.

Zwischen Allison und Jack entwickelt sich bald ein Einvernehmen, das mehr als nur Sympathie ist. Sie verstehen sich auch ohne viele Worte und verbringen viele Stunden am Tag zusammen im Fluss um zu angeln.

Etwas stimmt nicht auf dem Gelände der Lodge, das wird Jack sehr schnell klar. Nicht nur, dass er gezwungen wird, seine private Waffe abzugeben. Unter anderem bringt Jack in Erfahrung, dass sein Vorgänger auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Weiterlesen

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Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Schonungslos brutal und mitreißend: Arriagas Roman „Das Feuer retten“ erhitzt in der Tat die Gemüter. Seine Protagonisten spielen nicht nur mit dem Feuer, sie stürzen sich mitten hinein. Ganz nach dem Sprichwort: Wenn unser Haus schon in Flammen steht, können wir uns auch darin wärmen. Der mexikanische Autor berichtet von einem Land, das extrem gespalten ist, ächzend unter Korruption, Rassismus und Gewalt. Auf der Sonnenseite des Lebens ist hingegen Marina verortet. Verheiratet mit einem erfolgreichen Banker, lebt sie mit ihren drei Kindern in einem abgeschotteten Nobelviertel und leitet ihre eigene Tanzcompagnie. Ihre Choreografien sind gut, aber nicht überragend. Ihr fehlt die Leidenschaft, das Kraftvolle, das Überschreiten von Grenzen. Eine solche überschreitet sie, als sie mit Ihrer Compagnie das Angebot eines reichen Freundes annimmt, der sich für die kulturelle Bildung von Häftlingen einsetzt. Gemeinsam mit Ihrer Tanzgruppe führt Marina ihr Stück in einem Gefängnis auf und lernt dort José Cuauhtémoc kennen. Ein Mann, der weder optisch noch intellektuell dem Klischee eines Häftlings entspricht. Da Marina auch an einer Schreibwerkstatt für Häftlinge teilnimmt, kommt sie immer mehr mit seinen Texten in Berührung und ist fasziniert von diesem Mann. So fasziniert, dass sie sich bald in einem Strudel von Ereignissen befindet, die sie Lust, Leid und Leidenschaft auf jede erdenkliche Form erfahren lässt. Marina bricht radikal mit ihrem bisherigen Leben. Ist es Selbstbefreiung oder Selbstzerstörung? Was ist man bereit, für das eigene Glück zu opfern? Die Leserschaft wird dazu anregt, über existenzielle Fragen nachzudenken. Weiterlesen

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