Alia Trabucco Zerán: Mein Name ist Estela

Eine Frau sitzt hinter Gittern. So schreibt sich der Text dieses außergewöhnlichen Romans von Alia Trabucco Zerán, übersetzt aus dem Spanischen von Benjamin Loy. Eine Frau hinter Gittern, die einen 240 Seiten langen Monolog über ihr Dasein als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie hält. Eine Frau hinter Gittern, die ihre Unschuld beteuert und vermeintliche Fäden zieht, um zu erklären, wie es zu jenem schrecklichen Vorfall eines Morgens kam, als die kleine Tochter der Familie plötzlich und leise verstarb. Eine Frau hinter Gittern, die Estela heißt.

Estela beschreibt ihr Ankommen in der Familie, die Señora hochschwanger und kalt, der Señor erfolgreicher Arzt und beide stets adrett und wohlerzogen. Nie sind sie unhöflich zu Estela, nie versäumen sie es, ihr Gehalt zu überweisen, nie wird sie belästigt, und trotzdem erscheint sie in all den Jahren, die sie das Wachsen der Familie begleitet, wie ein Geist. Das Gefängnis, das das vornehme Haus für sie stets darstellt, wechselt sich mit jenem Gefängnis ab, in dem sie sich befindet, während sie erzählt. Ein Gefängnis, das aus verdunkelten Scheiben zu bestehen scheint, hinter denen sie Menschen wähnt, die ihr zuhören, die herausfinden wollen, wie das Mädchen starb und ob sie, die Haushälterin, die triefnass in das Elternschlafzimmer stürmte und zu Señor und Señora sagte „Das Mädchen ist tot“, die Schuldige an diesem Tod ist.

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Caroline O’Donoghue: Die Sache mit Rachel

Ist es das, was heutzutage als großartige Literatur gilt?

Endlich habe ich dieses Buch beendet – ein Roman, der mich nicht begeistern konnte. 

Schade, denn das Cover versprach mir doch: ‚Ein verdammter Knaller, ein brillanter Roman!‚ (Dolly Alderton).

Ist er lesenswert? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich persönlich war es weder ein Knaller noch überzeugend.

Der Hype um diese verworrene Coming-of-Age-Geschichte über das chaotische Leben von Rachel und ihrem besten Freund James geht völlig an mir vorbei.

Für mich hat es sich weder witzig noch charmant angefühlt, sondern eher deprimierend. Die begeisterten Kritiken irritieren mich dezent. Vielleicht verstehe ich den irischen Humor einfach nicht?

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Tine Nell: Genau jetzt mit dir

Eigentlich wollte Alma nicht mehr als Hebamme arbeiten. Doch nach ihrem Umzug von Frankfurt in die schwedische Kleinstadt Nora wagt sie einen Neustart in der Praxis ihrer Tante. Ihre Arbeit bereitet ihr endlich wieder Freude, umso mehr, als sie bei einem Hausbesuch den Bruder der werdenden Mutter kennenlernt. Liam Hansen geht ihr so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Er scheint ihre Nähe ebenso zu suchen, und die großartige Natur rund um Nora verstärkt die Anziehung. Doch Liam darf auf keinen Fall erfahren, was in Almas Vergangenheit geschehen ist.

Das Cover des Buches hatte mich sogleich begeistert und ich wusste, ich muss das Buch lesen und es hat mich nicht enttäuscht, denn es war ein echtes Wohlfühlbuch.

Die Geschichte spielt in einem kleinen Städtchen in Schweden und die Autorin baut immer mal wieder Leerreiches aus Schweden mit ein. Dies hat mir sehr gut gefallen, da ich von dem Land bisher nicht viel wusste. Das Buch ist unterhaltsam, die Geschichte darin so herrlich lebendig geschrieben und die Entwicklung der Charaktere sehr gut umgesetzt.

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Romy Fölck: Das Licht in den Birken

Stilistisch und inhaltlich gescheiterter Roman, der keine Erwartungen erfüllt

Was laut Klappentext wie die vielversprechende Geschichte dreier Menschen klingt, die sich gegenseitig bei der Lösung ihrer Probleme helfen, entpuppt sich leider als schlecht geschriebener, schlecht konstruierter und schlecht ausgearbeiteter Roman.

Thea kehrt, zusammen mit zwei Ziegen, nach über zwanzig Jahren, die sie in Portugal verbrachte, nach Deutschland zurück. Dorthin, wo sie herkam, einem Ort in der Lüneburger Heide. Sie mietet sich bei Benno ein, der wie sie Mitte oder Ende Fünfzig ist und seinen Hof, auf dem er viele ausgemusterte Tiere betreut, allein betreibt. Benno kämpft mit einem Schuldenberg, mit seiner Einsamkeit und der ebenfalls seit zwanzig Jahren bestehenden Trennung von seinem Sohn. Während Thea ihrer Ziehtochter Annika nachtrauert, der Tochter ihres früheren Lebensgefährten, mit der sie seit der damaligen Trennung von ihm keinen Kontakt mehr hatte.

Als Dritte taucht schließlich auf dem Hof die junge Juli auf, die allein von zu Hause nach Amsterdam laufen wollte, durch einen Unfall aber erst einmal nicht weiter kann. Sie wiederum hat Probleme mit ihrer Mutter, deren Ursache aber irgendwie nie so richtig herauskommt.

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Annie Ernaux: Eine Leidenschaft

Im Jahr 2022 wurde Annie Ernaux der Literaturnobelpreis verliehen.

Ihre zweiundzwanzig Bücher sind autobiografisch geprägt und in über sechzig Sprachen übersetzt.

In Eine Leidenschaft beschreibt sie das bedingungslose Verzehren nach einem Mann, einer Affäre, die über zwei Jahre andauerte und an Selbstaufgabe grenzte. Alles bündelt sich für wenige Stunden, an unbestimmten Tagen, im gegenseitigen körperlichen Begehren. Die Tage dazwischen lechzt die Ich-Erzählerin unter Sehnsuchtsängsten und seelischen Qualen dem nächsten Treffen entgegen.

Es ist keine Verbindung für eine gemeinsame Zukunft. Ihr Liebhaber ist verheiratet, lebt in Osteuropa und kommt nur geschäftlich gelegentlich nach Paris. Ein kurzer Aufenthalt, bei dem sie sich treffen. Ihre Unterhaltungen sind unbedeutend, eher oberflächlich. Ihr Treffen ist die Erfüllung ihrer Sehnsucht und bedingungslose Hingabe. Die Zeit dazwischen nichts als schmerzhafte Entbehrung. Nichts in der Welt hat noch irgendeine Bedeutung außer ihrer Zweisamkeit. Ihr gesamtes Leben ist nur auf diesen Mann fixiert. Nichts außer ihrer überbordenden Liebe für ihren Liebhaber hat noch irgendeine Bedeutung. Ihr Leben ist in einem Kokon gefangen, aus dem es kein Entkommen gibt.

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Eshkol Nevo: Trügerische Anziehung

Faszinierend, mehrdeutig und brillant geschrieben: Eshkol Nevos Prosa lässt auch nach dem Lesen noch lange nicht los. In drei Geschichten behandeln Themen rund um Liebe, Begehren, (Selbst-) Täuschung, Verlust. Nichts ist wie es scheint. Wer glaubt, den Plot einordnen zu können, sieht sich unverhofft mit einer neuen Ebene konfrontiert, die das Gelesene in ein neues Licht rückt. Daneben wirft der Autor ein vielschichtiges Bild auf das Leben im heutigen Israel zwischen Militärdienst, terroristischen Bedrohungen, Start-up-Stimmung und lebensfrohen Raves. Themen, die auf schmerzhafte Weise von der Realität eingeholt wurden.

Facetten der Liebe in drei faszinierenden Storys

In der ersten Geschichte zieht der 39-jährige Omri als Backpacker durch Bolivien, als Auszeit nach seiner Scheidung. Eine Aktivität, die Israelis normalerweise als „Jahr-nach-dem-Militärdienst“ unternehmen. Er trifft auf einer junges, frisch verheiratetes Ehepaar. Mit der Ehefrau Mor scheint etwas nicht zu stimmen, denn Flitterwochenglück sieht anders aus. Sofort fühlen sich die beiden zueinander hingezogen, auch dann, als Mors Ehemann auf mysteriöse Weise auf dem „Camino de los Muertos“ – der Straße der Toten – ums Leben kommt. Omri besucht Mor auf der Schi’wa, dem siebentägigen „Trauersitzen“. Eine tragische Beziehung nimmt ihren Lauf. Sind es wahre Gefühle oder benutzt die mysteriöse Mor Omri für eigene Zwecke?

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Edvard Hoem: Der Heumacher

Der Norweger Edvard Hoem schreibt in seinem Nachwort, „Der Heumacher ist ein Roman, gewebt aus spärlichen Erinnerungen an Personen, die tatsächlich gelebt haben.“ (S. 322) Aus den Erzählungen seines Vaters erfuhr er vom Leben des Heumachers, Knut Hansen Nesje. Die Eckdaten entnahm er den Kirchenbüchern, Zeitungen und anderen Quellen. „Seit meiner Jugend hat mich der Gedanke begleitet, über Menschen zu schreiben, die sich für ihren Lebensunterhalt abplagten, die Entbehrungen und Nöte kannten, die aber auch große Träume hegten – davon, dass einmal bessere Zeiten kommen würden.“ (S. 322)

Im Zentrum seines Romans steht unter anderem Nesje, der Heumacher, der zugleich der jüngste Sohn der Hebamme war. Von seinem hochgelegenen Pachtgrundstück aus kann er auf die stetig wachsende Stadt Molde herunterschauen, die sich immer mehr dem Tourismus öffnet. Sein Traum ist es, eines Tages das von ihm bestellte Stück Land zu besitzen.

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Richard Russo: Von guten Eltern

Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Russo (Jahrgang 1949) wurde 2002 für seinen Roman „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzerpreis geehrt. Er schreibt über die Menschen in den Kleinstädten der Vereinigten Staaten von Amerika. Am 15. Mai 2024 veröffentlichte der DuMont Buchverlag den dritten Teil einer Trilogie, die mit „Nobody’s Fool“ (Deutscher Titel: „Ein grundzufriedener Mann) 1993 begann und mit dem Roman „Ein Mann der Tat“ (Originaltitel: „Everybody’s Fool“) 2016 fortgesetzt wurde. „Somebody’s Fool“ heißt bei DuMont „Von guten Eltern“ und wurde von Monika Köpfer aus dem Englischen übersetzt.

North Bath, Upstate New York

Das ist der fiktive Schauplatz des neuen Romans von Richard Russo. North Bath ist in die Nachbarstadt Schuyler Springs eingemeindet worden. Und damit verliert Polizeichef Douglas Raymer seinen Job. Stattdessen wird seine (Ex-) Freundin und Polizeikollegin Charice Bond die erste schwarze Polizeichefin von Schuyler Springs. Und auch andere Bewohnerinnen und Bewohner von ehemals North Bath müssen sich den Veränderungen stellen. Der Sohn des verstorbenen Donald „Sully“ Sullivan, Peter, renoviert „Miss Beryls Haus“, das er von seinem Vater geerbt hat. Der Collegedozent und Herausgeber von „Schuyler County Arts“ bemüht sich, sich um die Leute zu kümmern, die auf der Liste stehen, die ihm Sully hinterlassen hat. Dazu gehören neben Sullys altem Kumpel Rub Squeers, der Peter beim Renovieren hilft, auch Sullys Geliebte Ruth vom Hattie’s und deren Tochter Janey mit Tina, die inzwischen den Gebrauchtwarenhandel ihres Großvaters Zack führt.

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Daphne Palasi Andreades: Brown Girls

Wenn Vielfalt zur Klischeefalle wird: Wie „Brown Girls“ an seinen Ambitionen scheitert

„Solche Jungs sind nicht gut genug für dich – siehst du das nicht?

Und so »sehen« manche von uns – die gehorsamen Mädchen, die Enttäusch-deine-Familie-nicht-Mädchen, die Willst-du-nicht-was-Besseres-im-Leben-Mädchen – dann doch.“ (S. 65)

Eine moderne, essayartige Geschichte straight outta Queens, New York.

Queens, die Königin der Kulturen. Mehr kulturelle Diversität aka Multikulti als hier geht nicht, denn New York war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der vibrierende Traum vieler Vertriebener und Flüchtlinge.

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Ann Patchett: Der Sommer zu Hause

Ein Wohlfühlroman der Meisterklasse – ohne Drama, ohne Action, aber wunderschön

Er ist nicht spannend, er zeigt keine Action, keine Dramatik, es gibt keine romantische Liebe und kein Happy End. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist dieser Roman etwas ganz Besonderes, etwas ganz besonders Schönes.

Ann Patchett erzählt behutsam, mit Humor und Melancholie, mit Einfühlsamkeit und Präzision von einem Sommer auf dem Land, auf einer Kirschplantage in Michigan, während der Pandemie. Und sie erzählt von einer toxischen Beziehung, von Schauspielern. Von Freundschaft und Familienglück, von Ehrlichkeit und von Träumen, von solchen, die wahr werden und anderen, die verborgen bleiben.

Im Sommer der Pandemie kommen die drei Töchter von Lara nach Hause auf die Kirschfarm der Eltern. Abgeschieden von anderen Menschen und ohne die sonst üblichen Hilfskräfte muss die Familie nahezu allein die Kirschernte bewältigen. Unterbrochen wird die viele und harte Arbeit durch Laras Erzählung ihres Lebens. Die Töchter, Emily, die Älteste, die einmal den Hof übernehmen wird, Maisie, die Mittlere, angehende Tierärztin, und Nell, das Nesthäkchen, das davon träumt, Schauspielerin zu werden. So wie ihre Mutter das einmal war.

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