Dan Marshall hatte es in seinem bisherigen Leben nicht einfach. Als er und seine vier Geschwister noch Kinder waren, erkrankt die Mutter an Krebs. Dennoch kann er nicht behaupten, dass er eine miese Kindheit gehabt hat. Es mangelte nie an etwas und im mormonisch geprägten Utah hielt man mit den nicht-mormonischen Familien zusammen und schimpfte auf die jeweils anderen. Er hatte eben eine Mutter, der immer mal wieder die Haare ausfielen, die aber stark blieb. Dazu hatte er einen Vater, den er vergötterte, der vital war und im Leben stand. Doch jetzt schlägt das Unglück gleich doppelt zu. Der Krebs kommt bei seiner Mutter zurück und sein Vater erkrankt an ALS. ALS? Was ist das überhaupt? Kann ja nichts so tragisch sein, denkt Dan sich, und nimmt die Erkrankung auf die leichte Schulter. Weiterlesen
Belletristik
Owen Sheers: I Saw a Man
Owen Sheers hat für seinen Protagonisten einen spannenden Einstieg entwickelt: Wir begegnen dem Schriftsteller Michael, als er im Nachbarhaus der befreundeten Familie Nelson nach den Bewohnern sucht. Die Nelsons haben Michaels Leben nach dem plötzlichen frühen Tod seiner Frau Caroline wieder einen Halt gegeben. Das Unglück, bei dem Caroline, die sich als Journalistin in einem Hochrisikogebiet in Pakistan aufhielt und dabei aus der Luft beschossen wurde, geht Michael nicht aus dem Kopf. Weiterlesen
Sandro Veronesi: Fluchtwege
Es gibt einen Unterschied zwischen „vor meinen Augen passiert“ und „mir passiert“. Gleich zu Beginn wirft Sandro Veronesi Überlegungen in den Plot, an denen sein Protagonist auf den folgenden 400 Seiten zu knabbern hat. Wo endet die Unschuld, wo beginnt die Mitschuld? Ist etwas nicht passiert, nur weil keiner danach handelt? Weiterlesen
Matt Sumell: Wunde Punkte
Alby gerät bei der kleinsten Kleinigkeit in Wut, er prügelt und säuft sich durch Leben und ist alles in allem genau das, was man einen Proleten nennen würde.
Der amerikanische Autor Matt Sumell geht das Wagnis ein, eben jenen durchaus unsympathischer Zeitgenossen zum Ich-Erzähler seines Erstlings zu machen. Und das Wagnis geht auf. Der Text reißt einen mit seiner derben Sprache sofort mit Wucht in die Welt der Zukurzgekommenen, und man weiß an vielen Stellen nicht, ob man lachen oder weinen soll – zum Beispiel gleich auf der ersten Seite, wenn Alby zu einem wildfremden Mädchen sagt: „Wow, das ist ja übel.“ – „Was denn?“ – „Dein Gesicht.“ Drei Seiten weiter schlägt er seine ältere Schwester, weil sie seiner Meinung nach die Spülmaschine falsch eingeräumt hat. Weiterlesen
Alexander Kühne: Düsterbusch City Lights
Kleine Städte, große Träume: Das ist im Osten der 80er Jahre nicht anders als im Westen, nur in der Umsetzung noch eine Nummer impraktikabler. Anton wohnt im brandenburgischen Düsterbusch, und das ist schon sehr klein; sein Traum ist, ebendort einen subversiven Club nach Londoner Vorbild aufzuziehen, und mehr muss man vielleicht gar nicht wissen über Anton.
Bevor er allerdings Hochhäuser, Casinos und David Bowie nach Düsterhaus bringen kann, gilt es, sich durch den Alltag der DDR zu manövrieren, ohne dabei den Biss, die Vision oder gleich den Verstand zu verlieren. Weiterlesen
Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich
Die Sache ist keinesfalls neu: ein Highlight, des zu Besuch kommenden Todes, ist in George Tabori‘ s „Mein Kampf“ zu lesen. Hier kommt in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, der Tod nach Wien um den erfolg- und talentlosen Pinselquäler Adolf Hitler abzuholen. Ausgerechnet ein Jude bittet um eine Gnadenfrist. Mit den bekannten schrecklichen Konsequenzen. Schön ist auch folgender Cartoon: kommt der Tod in ein Wohnhochaus und klingelt bei einem gewissen Meyer!? Weiterlesen
Jóanes Nielsen: Die Erinnerungen
Dies ist ein gutes Beispiel für einen Roman, der zwar im Land seiner Herkunft funktionieren mag, exportiert in andere Gegenden der Welt aber massiv an Bedeutung verliert.
Der 1953 geborene Autor Jóanes Nielsen greift in seinem Buch „Die Erinnerungen“ lange zurückliegende Ereignisse seiner Heimat, den Färöer-Inseln, auf. Eine Masernepidemie Mitte des 19. Jahrhunderts kommt genauso vor wie ein Arzt, der sich weigert, auf die abgelegenen Inseln zu reisen, oder wie Beispiele von kolonialer Hochnäsigkeit, die die Dänen den Bewohnern der Färöer-Inseln entgegenbringen. Weiterlesen
Tim Krohn: Aus dem Leben einer Matratze bester Machart
Ja, Matratzen können Geschichten erzählen. (Wundert sich nicht jeder – das gehört zwar nicht hier hin – wie viele dänische Bettenlager es hier gibt? Und warum dänisch?)
Zugegeben, ich bin Matratzenmuffel, außerdem kann ich überall schlafen – wenn Du auf Tour bist, gibt es keine andere Möglichkeit. Obwohl manche Matratze in diesen Hotels zur langen Dämmerung, bestimmt schon bessere Tage gesehen haben. Schöne Einleitung, denn jetzt sind wir mittendrin. Es ist ein literarischer und historischer Gang durch das 20. Jahrhundert. Eine Matratze, der man gerne zuhören würde. Weiterlesen
Valerie Geary: Das Schweigen der Bienen
Als ihre Mutter verstirbt, ziehen die 15-jährige Sam und ihre 10-jährige Schwester Ollie zum Vater. Doch Bear, wie er nur genannt wird, ist ein Freigeist. Er lebt auf einer gepachteten Wiese in einem Tipi und kümmert sich um seine Bienenvölker. Sam beschließt, dass dies der Sommer ihres Lebens werden könnte, denn schon immer hat sie die Ferien in seiner Obhut genossen. Sie interessiert sich für das Handwerk rund um die Bienen und genießt die Freiheit. Nicht einmal die Tatsache, dass Ollie seit dem Tod der Mutter nicht mehr spricht, kann diese Freude trüben. Doch dann finden die Mädchen beim Spielen die Leiche einer Frau und erdrückende Beweisstücke tauchen in Bears Besitz auf. Was ist wirklich geschehen und hat Bear die Frau kaltblütig ermordet? Sam macht sich mit Ollie im Schlepptau auf die Suche nach Beweisen. Weiterlesen
Caroline Wallace: Das Fundbüro der Wünsche
Die 16-jährige Martha Lost hat den Bahnhof von Liverpool noch nie verlassen. Als Baby fand die grimmige Angestellte des Fundbüros das Mädchen vor ihrer Tür ausgesetzt. Sie nahm sich dem Kind an, verschwieg ihm aber Vieles. Martha wuchs mit der Geschichte auf, dass der Bahnhof einstürzen würde, wenn sie ihn jemals verlasse. Mittlerweile will Martha ihn gar nicht mehr verlassen, denn ganz egal ob es sich um die Bahnsteige, die Passagiere, Schaffner oder anderen Mitarbeiter im Getümmel des Bahnhofes handelt – Martha hat sie alle in ihr Herz geschlossen. Eines Tages allerdings erhält Martha einen mysteriösen Brief von jemandem, der ihr mehr über ihre eigene Vergangenheit verraten könnte. Weiterlesen