Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

Einen warmherzigen, humorvollen und atmosphärisch dichten Roman legt der deutsche Journalist Alexander Gorkow (54) vor: „Die Kinder hören Pink Floyd“.

Der gebürtige Düsseldorfer, der für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, beschreibt darin auf liebevolle Art seine eigene Kindheit in den 70er Jahren im Rheinland.

Der Vater, der etwas rechthaberisch über die Familie herrscht, hütet die Stereoanlage im Wohnzimmer, während sich die Mutter unterordnet und die 16-jährige Schwester mit Herzfehler den Part der Aufmüpfigen übernimmt. Der zehnjährige Ich-Erzähler hat mit dem eigenen Stottern und mit diversen anderen altersgemäßen Problemen zu kämpfen.

Die ZDF-Hitparade und Rainer Barzel kommen genauso vor wie The Sweet, ein prügelnder Pfarrer oder die berühmte hydraulische Federung beim Citroen DS. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Callan Wink: Big Sky Country

Der junge August wächst auf einer kleinen Farm in Michigan auf. Die Ehe seiner Eltern ist zerrüttet. Die Mutter wohnt im alten, einst von ihren Eltern erbauten Haus auf dem Farmgelände, der Vater im neuen Gebäude. Der Junge pendelt zwischen den Häusern und den Elternteilen, die einen stillen Kampf untereinander ausfechten. Die einst früh eingegangene, nur auf Emotionen aufgebaute Bindung der Eltern rächt sich nun im Alltag. Augusts Mutter fehlt die adäquate Ansprache, wogegen der Vater sein typisches Farmerdasein auslebt, das er obendrauf noch mit einer viel zu jungen Geliebten krönt. August steht zwischen der mit ihrem Leben unzufriedenen, intellektuell unterforderten Mutter und dem Vater, der den Naturburschen und Farmer verkörpert. Dennoch suchen beide Elternteile immer wieder das Gespräch mit dem Sohn, was sich in vielen Dialogen zeigt. Seine stoische Haltung, als er der Aufforderung des Vaters nachkommt, der Katzenplage auf der Farm den Garaus zu machen, unterstreicht einen erschreckend kruden Wesenszug des Zwölfjährigen, der sich in seiner weiteren Entwicklung immer wieder offenbart.

Als die Mutter ein Angebot bekommt, als Bibliothekarin in Montana zu arbeiten, verlässt August zusammen mit ihr den Vater. Die   gewaltige Natur der Rocky Mountains in seinem neuen Lebensumfeld beeindruckt den jungen August nachhaltig. Er tritt dem Footballverein in seiner Highschool bei und verinnerlicht die rauen Gepflogenheiten der Sportart und des Teams. Er bleibt weiter ein Einzelgänger. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Haruki Murakami: Erste Person Singular

Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami (Jahrgang 1949) hat ein neues Buch veröffentlicht. Der Erzählband „Erste Person Singular“ ist am 26. Januar 2021 in einer Übersetzung von Ursula Gräfe im DuMont Buchverlag erschienen.

Affen scheinen es den Autoren angetan zu haben. Im letzten Jahr erschien Patti Smiths „Im Jahr des Affen“, soeben T. C. Boyles „Sprich mit mir“ und nun der sprechende Affe in Murakamis Erzählung „Bekenntnis des Affen von Shinagawa“, den Murakami-Lesende schon aus dem Erzählband „Blinde Weide, schlafende Frau“ aus dem Jahre 2006 kennen.

In einem kleinen japanischen Badeort erzählt dieser Affe dem Ich-Erzähler  bei einem Bier seine Lebensgeschichte und verrät ihm seine heimliche Leidenschaft. Aber der „Affe von Shinagawa“ ist nur eine der neun Erzählungen.

In der titelgebenden Erzählung „Erste Person Singular“, die sich am Ende des Buches findet, besucht ein Mann, der an diesem Abend einen Anzug und ein Hemd mit Krawatte trägt, eine Bar. Dort wird er unvermittelt von einer Frau verbal attackiert. Dieser Vorfall lässt ihn verwirrt zurück. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Einen ausgesprochen witzigen Schelmenroman legt der deutsche Autor Simon Urban vor. In seinem 544-Seiten-Wälzer mit dem langen Titel „Wie alles begann und wer dabei umkam“ geht es um die Juristerei und die Frage, wie gerecht unsere Gesetze eigentlich sind.

Der Held entwickelt schon als Kind Interesse an diesem Thema. In Abwesenheit verurteilt er seine Großmutter, den tyrannischen Familiendrachen, zum Tode.

Kein Wunder also, dass er später Jura studiert – und zwar in Freiburg. Dort eckt er mit einer neuen Professorin an, die sich für eine Gesetzgebung einsetzt, die weniger auf Strafe ausgerichtet ist. Unser Held sieht‘s anders. Im Wesentlichen kommt er nicht damit klar, dass ein Täter nicht für ein und dieselbe Tat zweimal verurteilt werden kann – auch dann nicht, wenn neue Beweise auftauchen. Der Ich-Erzähler mutiert mehr und mehr zum düsteren Racheengel, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

T.C. Boyle: Sprich mit mir

T. C. Boyles (Jahrgang 1948) neuer Roman „Sprich mit mir“ erscheint zuerst in Deutschland bevor die amerikanische Originalausgabe „Talk to me“ zu lesen sein wird. Am 25. Januar 2021 veröffentlichte der Carl Hanser Verlag das Buch des weltberühmten US-amerikanischen Schriftstellers in einer Übersetzung von Dirk van Gunsteren.

Mein Lesejahr 2021 beginnt (trotz Böllerverbot) mit einem Knaller: „Sprich mit mir“ von T. C. Boyle.

Darin erzählt Boyle die Geschichte von Guy Schermerhorn, Aimee Villard und Sam. Dr. Schermerhorn ist Privatdozent für Psychologie an einer kalifornischen Universität und forscht zum Spracherwerb von Schimpansen. Aimee Villard, eine junge und schüchterne, aber sehr hübsche Studentin, sieht Schermerhorn in der in den 1970er Jahren bekannten Fernsehshow „Sag die Wahrheit“. Mehr noch als Guy Schermerhorn beeindruckt Aimee jedoch der Auftritt des Schimpansen Sam, der in sich in der Show in Gebärdensprache mit Guy unterhält (beinahe wie Loriots sprechender Hund Bello). Aimee bewirbt sich als studentische Hilfskraft in Schermerhorns Projekt. Soweit so normal. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

E.M. Lindsey: Irons & Works 02: Unsere Zukunft auf deiner Haut

Seit einem schlimmen Autounfall sitzt Sam im Rollstuhl. Nach zwanzig Jahren führt er ein komplett normales Leben und kümmert sich um ein kleines Mädchen. Doch das Jugendamt ist gegen ihn und will ihm trotz aller Fürsorge alles nehmen. Sam sieht sich mit Schikane konfrontiert und muss neben Kind und Job auch noch Kurse besuchen und sich um die Adoption kümmern. Da ist kein Platz für Liebe. Aber dann kommt Niko.

Niko hat alles verloren. Eishockey hat ihm alles bedeutet, doch nach nur wenigen Minuten in der Profiliga musste er seinen Traum aufgeben. Gezeichnet von seinem Schicksal denkt auch er nicht daran, sich zu verlieben. Doch mit Sam und seiner kleinen Tochter hat er nicht gerechnet.

Mir persönlich hat der zweite Band der Reihe sehr gut gefallen. Ich habe alle Charaktere des ersten Teils wiedergetroffen und an manchen Stellen ein kleines Update zu Basil und Derek bekommen, um die es im ersten Band ging. Niko und Sam hingegen fand ich wirklich süß. Die beiden haben vom ersten Moment an einfach so gut zueinander gepasst, dass ich den ersten Kuss kaum noch abwarten konnte. Das war wirklich purer Zucker! Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee

In diesem Buch gibt es keine Gewissheiten. Wenn überhaupt, dann nur diese: Wie hoch der Schnee liegt. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler kann die Schneehöhe mit einem Fernrohr an einem Messstab ablesen. Er beobachtet, wie der Schnee fällt, wie sich das Licht mit dem Wetter wandelt. Nach einem schweren Autounfall ist er mit zwei gebrochenen Beinen ans Bett gefesselt. Eigentlich wollte er nach vielen Jahren in seinem Heimatdorf den Vater besuchen, doch er kam zu spät. Der Vater war gestorben und der Stromausfall hat alles verändert. Die Menschen versuchen sich in ihrem stromlosen Leben einzurichten, es gibt Straßensperren, bewaffnete Gruppen, die durch die Gegend ziehen. Manche wollen an die Küste, andere in die Stadt, obwohl auch dort wahrscheinlich der Strom ausgefallen ist. Was genau passiert ist, weiß man nicht. Alles außerhalb des Dorfes bleibt undeutlich hinter Flockenwirbeln aus Schnee. Vielleicht gibt es gar keine Zivilisation mehr.

Auch der alte Matthias will in die Stadt, zurück zu seiner demenzkranken Frau. Er hat sie dort im Krankenhaus zurückgelassen, nur für ein paar Tage, er musste mal raus. Dann kam der Stromausfall. Matthias ist im Dorf gestrandet und bezog ein leeres Haus abseits am Waldrand. Die Dorfbewohner mögen keine Fremden, doch sie bieten ihm einen Deal an: Wenn er sich um den Verletzten kümmert, der immer noch irgendwie einer der Ihren ist, versorgen sie ihn mit Lebensmitteln und Brennholz und er bekommt einen Platz im Kleinbus, sobald sie in die Stadt fahren können. Nach dem Winter. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins

Bambi ist 28 Jahre alt und weit davon entfernt, erwachsen zu sein. Er hangelt sich von Freundin zu Freundin durch. Verantwortung zu übernehmen, ist nicht sein Ding. Gerade ist er bei Mide rausgeflogen, weil sie auf seinem Handy verfängliche Nachrichten und Fotos entdeckt hat. Mitten im Corona-Lockdown muss er sich eine neue Unterkunft suchen. Da fällt ihm das alte Haus seines verstorbenen Großvaters ein. Bambis Onkel hatte darin gewohnt, doch der ist zum Opfer des Virus geworden. Und Bambis Tante ist doch sicher nicht alleine im Haus geblieben. Nicht mit einem neugeborenen Baby. Doch als sich Bambi im Dunkeln ins Haus schleicht, trifft er auf seine Aunty Bidemi. Und nicht nur das: Auch Esohe wohnt dort, die Geliebte seines Onkels. Es herrscht kein angenehmes Klima zwischen den beiden Frauen – das merkt sogar Bambi.

Und dann ist da noch das Baby: Remi, ein Junge, nur ein paar Monate alt. Aunty Bidemis Kind, denkt Bambi. Doch es dauert nicht lange bis Esohe behauptet: „Das ist mein Baby!“ Bambi ist verwirrt. Er hat keine Ahnung, wem er glauben soll. Mittlerweile hat der Kleinkrieg um das Baby an Fahrt aufgenommen. Die Frauen lassen sich kleine und große Gemeinheiten einfallen, um die jeweils andere auszustechen und den jungen Mann auf ihre Seite zu ziehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ji-Min Lee: Marilyn und ich

Alice J. Kim ist gerade einmal 30 Jahre alt und wäscht ihr graues Haar mit Bier. Sie besitzt eine panische Abneigung gegen Menschenmengen und hat auch sonst große Probleme mit dem Leben. Für die meisten ihrer Landsleute gilt sie als Hure der Amerikaner, obgleich sie in der Militärverwaltung nur als Übersetzerin arbeitet.

Der Leser trifft auf die Protagonistin in dem Augenblick, als ihr Hammet, ihr Vorgesetzter in der amerikanischen Militärverwaltung, eröffnet, dass sie Marylin Monroe während des viertägigen Korea-Besuchs als Dolmetscherin begleiten soll. Hier stellt sich die zentrale Frage dieses Romans: Können vier Tage mit Marylin das Leben von Aesun, wie Alice J. Kim wirklich heißt, retten?

Der Leser nimmt in der Ich-Perspektive der Protagonistin an deren trostloses Leben kurz nach dem Koreakrieg teil, ohne zunächst konkret zu erfahren, was diese depressive Aura ausmacht. Sie erzählt dem Leser von ihrem Alltag, ihren Störungen und Zwängen auf eine unterhaltsame, mitleidslose Art und Weise, die die Lektüre nie langweilig werden lässt.

Alice hat nur wenige Freunde. Kurz vor dem Marylin-Besuch in Korea lehnt sie die Avancen von Guyong ab. In die bislang chronologische Schilderung werden nun Rückblenden eingefügt, die sich harmonisch in die Handlung einfügen und den Leser keinesfalls aus dem Lesefluss reißen. So wie Ji-Min Lee zeitliche Sprünge in die Geschichte einbindet, werden sie zu einem gekonnt eingesetzten literarischen Mittel. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Reverdy: Ein englischer Winter

Mit dem Winter vor Margaret Thatchers Wahl zur britischen Premierministerin 78/79 befasst sich ein Roman von Thomas Reverdy. Die Fahrradkurierin und Hobbyschauspielerin Candice fährt im winterlichen London durch Müllberge, die wegen des Generalstreiks nicht abgeholt werden. In einem improvisierten Nachtclub verliebt sie sich.

Der Roman des 1974 geborenen britischen Autors zerfällt ein wenig in verschiedene Einzelteile, die nur lose miteinander verbunden sind. Einen Schwerpunkt bilden die politischen Verhältnisse im „Winter des Missvergnügens“ – so hat ihn ein englischer Journalist einmal genannt -, als Streiks das Land lahmlegten. Man sollte sich für dieses lange zurückliegende Thema interessieren, wenn man den Kauf dieses Buches in Erwägung zieht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: