Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten

Liebe Theresa, lieber Stefan,

schon bald, nachdem ich mit dem Lesen eurer Korrespondenz begonnen hatte, regte sich in mir das Bedürfnis, mich in euren Austausch einzumischen. Ich meinte vermitteln zu können bzw. zu müssen. Ich sah die Barrikaden auf beiden Seiten und das Ringen darum, sich dem anderen verständlich zu machen. Wahrscheinlich wäre ich genauso gescheitert wir ihr.

Stefan ist Journalist und leitet das Kulturressort einer großen deutschen Wochenzeitschrift mit Sitz in Hamburg. Theresa hat den Hof ihres Vaters übernommen, auf biologische Landwirtschaft umgestellt und kämpft seither zwischen Melkstand, Traktor und Bürokratieumdas wirtschaftliche Überleben. Die beiden kennen sich vom Studium, hatten sich lange aus den Augen verloren und zufällig in Hamburg wieder getroffen.Sie vereinbaren einen Neuanfang.

Der daraus entstehende Austausch per WhatsApp und Mail wird schnell zu einem Streitgespräch über unterschiedliche Vorstellungen und Positionen. Theresa fühlt sich von den Gendersternchen in Stefans Texten provoziert, für ihn hingegen sind Theresas Kühe vor allem Klimakiller. Beide agieren authentisch und ihre Beweggründe sind nachvollziehbar.Im Prinzip wollen sie das Gleiche: Eine gerechte Gesellschaft in einer funktionierenden Demokratie und eine intakte Umwelt.Doch mangelnde Breitschaft, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, führt schnell zu Unterstellungen und Vorwürfen. Ich habe immer den Eindruck, dass sie einander nicht zuhören und aneinander vorbeischreiben.Sie präsentieren Fakten, aber eigentlich geht es um Befindlichkeiten.Ich fand es ermutigend, dass sie trotzdem nicht hingeworfen und nach gemeinsamen Schnittmengen gesucht haben.

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Henrik Siebold: Schattenkrieger

Wie ein Krieg funktioniert, glaubt man als Elitesoldat zu wissen. Einer von ihnen hat quasi alles gesehen und erlebt, bis er buchstäblich in Afghanistan auf der Abschussliste steht und zu einer Spielfigur wird, dessen Regeln nur der Spielleiter zu kennen scheint.

Henrik Siebold schreibt sehr erfolgreich Thriller über Inspektor Takeda. Auch in seinem aktuellen Thriller integriert der Autor wieder japanische Traditionen, die dieses Mal einem Auftragskiller bei seiner gefährlichen Knochenarbeit helfen werden.

Im Zentrum steht das extrem schmutzige Geschäft des Krieges, bei dem Menschen auf ihre Funktion als todbringende Waffe reduziert werden. Der Autor zeigt einen Krieg, der jenseits der Fronten verläuft. Das Fehlen der Fronten erklärt er mit der Globalisierung, die zu einer Vermischung von persönlichen Interessen und todbringenden Anschlägen führt.

Unter anderem in Hamburg agieren neben den ortsansässigen Verbrecherclans auch Vertreter unterschiedlicher Länder. Sie arbeiten mal Hand in Hand und manchmal gegeneinander, je nachdem, ob die Beteiligten gerade ein gemeinsames Ziel im Visier haben. Und wer nun auf welcher Seite steht, erfährt der Schattenkrieger erst in letzter Sekunde, wenn er ins offene Messer zu laufen droht. Nur sein Verstand, seine Leidensfähigkeit und eine riesige Portion Glück retten ihm immer wieder das nackte Leben beziehungsweise das, was davon übrig bleibt.

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Lana Bastašić: Mann im Mond

Ich brauchte ganz schön lange, um Papa zu erwürgen.“ (S. 9).

Es sind verstörende Texte, die die kroatische Autorin in diesem Band mit Erzählungen versammelt. Es sind Geschichten um und über Kinder, Kinder, die unter ihren Eltern leiden, die an ihren Eltern leiden. Kinder, die sich gegen dieses Leiden wehren, mit teils erschreckenden, teils folgerichtigen Methoden.

In zwölf Geschichten erzählt Lana Bastašić von solchen Kindern. So in der ersten mit dem Titel „Wald“, in der, wie der oben zitierte erste Satz bereits verrät, das Kind den eigenen Vater erwürgt. Den Vater, über den sich der ganze Ort den Mund zerreißt, den Vater, der immer in den Wald geht, um, wie er sagt, „den Kopf frei zu kriegen“. Wo das Kind aber ganz andere Dinge beobachtet, die der Vater, mit der Hand in seiner Hose, tut.

Da ist der Junge, der so gerne die Berichte über die erste Mondlandung im Fernsehen sehen würde, dem dies aber nicht gelingt wegen der vielen Menschen im Raum. Der Junge, der gerne selbst Astronaut wäre, der nach dem Mann im Mond Ausschau hält. Der Junge, dessen Vater ihn immer wieder verprügelt. Der Junge, der diese Prügel hinnimmt, damit seine jüngeren Brüder verschont werden. Der Junge, dessen Vater plötzlich verschwindet…

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Anthony Ryan: Der Paria: Der stählerne Bund 01

Alle geborene Mörder sind Gesetzlose, aber nicht jeder Gesetzlose ist ein geborener Mörder (S.610)

Darf ich mich vorstellen – Alwyn Scribe der Name – ich hatte ein, nun, nennen wir es einmal ein doch recht interessantes Leben, von dem ich Euch berichtigen will.

Geboren als Bastardsohn eines Adeligen, der seinen Saft nicht bei sich halten konnte, wuchs ich in einer Burg auf. Nun kommen sie mir aber nur nicht mit seidenen Laken oder höfischer Erziehung. Ich durfte Monatelang den Eber über dem Feuer drehen, bis mein Rücken fast so durch war, wie das Borstenvieh. Später kam ich als Junge für alles ins Hurenhaus, bevor ich im Wald ausgesetzt wurde. Dort fand mich der König der Räuber, wie er selbst sich nannte und ich schloss ich mich den Banditen Deckin Gerthes an.

Ein paar Jahre lang war mein Lebensunterhalt als Gesetzloser mit Überfällen und ja, auch Morden gesichert. Dann wurden wir verraten, ich gefangen genommen, als Häftlings-Sklave in einen unterirdischen Steinbruch verschleppt, aus dem mir, nachdem mich eine Priesterin im Schreiben, Lesen, Planen und Denken unterwiesen hat, die Flucht gelang.

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Angelina Boerger: Kirmes im Kopf: Wie ich als Erwachsene herausfand, dass ich AD(H)S habe

Für all die wundervoll anders tickenden Gehirne da draußen“ – Angelina Boerger

Angelina Boerger hat selbst erst im Erwachsenenalter von ihrem ADHS erfahren. Auf ihrem Instagram-Channel „KirmesimKopf“ klärt sie ihre Followerschaft über das Syndrom auf. Jetzt hat sie ihr erstes Buch rausgebracht. Darin teilt sie ihre Geschichte, Emotionen und all das, was mit ihrer Diagnose und ihrem Weg dorthin, zusammenhängt. Ungefiltert, offen und ehrlich.

Yay, endlich eine moderne Auseinandersetzung mit dieser wichtigen Thematik! Die 304-seitige Lektüre ist sehr angenehm zu lesen und absolut Gold wert für alle Betroffenen und Interessierte. Ich selbst habe so viel Neues gelernt. Auch wenn sich für mein Empfinden einige Passagen etwas gezogen haben und ein paar gekürzte Anekdoten mehr Esprit versprüht hätten, sehe ich die ein oder andere Länge in diesem Buch – in Anbetracht des fulminanten Mehrwerts – nach.

Meine ‚Andersartigkeit‘ ist keine Facette menschlichen Seins, sondern im Endeffekt ein Fehler im System. Und durch die Tabuisierung solcher Gefühle und Themen entsteht dann oft das Gefühl, man wäre ganz alleine mit seinen Problemen. Das ist aber nicht wahr. Denn wir sind viele.“ (S. 83)

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Karin Smirnoff: Wunderkind 

„Wunderkind“ von Karin Smirnoff ist ein Roman, der wehtut, der anstrengt. Ein Roman, den man liest, obwohl man ihn nicht lesen will, den man abbricht, obwohl man weiterlesen möchte.

In Ich-Form erzählt Agnes ihre Geschichte. Ihre Geschichte als Tochter von Anitamama. Anita, die alles ist, nur ganz sicher nicht das, was das Wort „Mama“ bedeutet. Von Geburt an hasst, ja verabscheut Anita ihre Tochter, gibt ihr die Schuld an ihrem eigenen Versagen, dem Ende ihrer vermeintlichen Karriere, dem Verlust ihrer Schönheit, dem Verlassensein.

Sie vernachlässigt das Kind, das erst in die Obhut der Großmutter kommt, dann aber doch zu Anita muss. Sie lässt Agnes hungern, versorgt sie nicht mit ausreichend Kleidung. Sie erzählt Lügen über ihr eigenes Kind. Und sie verbietet ihr das Einzige, was Agnes wirklich etwas bedeutet. Das Klavierspielen.

Denn Agnes ist ein Wunderkind. Schon als sie noch ganz klein ist, kann sie nach dem Gehör und nach eigenem Gespür ganz wunderbar Klavier spielen. Doch die Mutter neidet ihr dieses Talent, übertrifft das Kind doch ihre eigenen, längst nicht in solchem Maße vorhandenen Fähigkeiten, wie Anita von sich selbst glaubt.

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Lone Frank: Liebe: Vom höchsten der Gefühle

Lone Frank ist als Journalistin und Neurobiologin in Dänemark sehr bekannt. Sie lebt in Kopenhagen. Ihr Mann stirbt mit 56 Jahren. Einige Jahre ist das inzwischen her. Sie ist bis heute der Meinung, sie waren füreinander bestimmt. Sein Tod zerstört ihren Lebenssinn, hinterlässt eine unfassbare Leere.
Daraufhin setzt sie sich mit Unterstützung eines Therapeuten mit der „Liebe“ auseinander, für die es in ihrem Fall plötzlich kein Gegenüber mehr gibt.

Anhand ihrer eigenen Biografie „Liebe: Vom Höchsten der Gefühle“ berichtet sie von der Liebe von Eltern zu ihren Kindern, Liebe unter Geschwistern, untersucht neurochemische Prozesse, die „Liebe“ verursachen und beschäftigt sich dabei auch mit dem viel beachteten Oxytocin und seiner Wirkung. Romantische Liebe ist in diesem Buch ein Thema, Onlinedating, die Suche nach dem einen und einzigen „Seelenverwandten“, Einsamkeit und nicht zuletzt Trauer und Verlust.Letzten Endes gibt es in Frau Franks Leben eine neue Liebe und alles wird gut.

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Brenda Heijnis: Skaterherz

Die Autorin Brenda Heijnis hat sich in ihrem ersten Jugendroman dem Thema Organtransplantation gewidmet, das nichts für sensible Gemüter und selten in der Jugendliteratur zu finden ist. Ihre Geschichte beginnt mit zwei Jugendlichen. Während der 13-jährige Elias seit längerem sterbenskrank im Krankenhaus liegt, hat der etwa gleichartige Boyd nur Abenteuer und Spannung im Sinn. Am liebsten rast Boyd auf seinem Skateboard durch die Gegend, bis dann etwas schief läuft. Den Sturz von einem Brückengeländer überlebt er nur für eine kurze Weile. Als er „wach“ wird, verfolgt er eine Operation, bei der Elias ein neues Herz erhält. Dass es sich hierbei um Boyds eigenes Herz handelt, ist nur einer von vielen Schocks.

Mit Ausnahme von Elias kann ihn niemand sehen und hören. Und aus irgendeinem Grund muss der freiheitsliebende Boyd in Elias Nähe bleiben, als gäbe es noch ein paar Aufgaben zu bewältigen. Ob die beiden wollen oder nicht, der ängstliche Elias und der wilde Boyd müssen lernen, miteinander klarzukommen.

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Julia Schoch: Das Liebespaar des Jahrhunderts

Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Julia Schoch (Jahrgang 1974) erhielt kürzlich den Schubart-Preis 2023 für ihr Buch „Das Vorkommnis“ aus dem Jahre 2022. Es ist das erste Buch einer Trilogie, die den Untertitel „Biographie einer Frau“ trägt. Am 16. Februar 2023 ist der zweite Teil „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ bei dtv erschienen.

Darin beschließt die Ich-Erzählerin nach dreißig Jahren Beziehung: „Ich verlasse dich.“

Sie denkt diesen Satz mit den drei Worten, spricht ihn jedoch nicht aus. Vielmehr gerät sie ins Erinnern: was ist aus dem „Ich liebe dich“ des Anfangs geworden?

Dabei wandelt sie auf den Spuren der Vergangenheit. Geht zurück zum ersten Kennenlernen, zum ersten Vanilletee. Schoch beschreibt die große, aufregende Liebe zwischen ihren Figuren während des Studiums, während der Auslandsaufenthalte in Paris und Bukarest und die langsame, aber stetige Ernüchterung im schnöden Alltagsleben zwischen Geld verdienen, Kinder kriegen und Verantwortung tragen:

„Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln.“ (S. 65)

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Leah Konen: Gib mir deine Angst

Der perfekte Wochenendtrip von Sam, Margaret und Diana endet in einem unvergesslichen Thriller von Leah Konen, „Gib mir deine Angst“, tödlich. Als eine der drei Freundinnen nach einer durchzechten Nacht nicht ins Ferienhaus zurückkehrt, enthüllt die Suche nach ihr, wie wenig sie über ihre Freundin wissen. Als sich unheimliche Zufälle und Geheimnisse häufen, erkennen die Frauen, dass alles doch kein Zufall ist.

„Gib mir deine Angst“ hat mich tatsächlich verblüfft, denn ich finde dieses Werk überraschend gut. Dieser aufregend-wilde, süchtig machende Trip ist definitiv ein Genuss für jeden Psychothriller-Fan. Auch wenn die Spannung nicht durchweg gehalten werden konnte und sie sich hin und wieder in ein paar Loops verfangen hat, besticht das Buch durch einen intelligenten Handlungsstrang, fesselndes Tempo und köstlichen, unvorhersehbaren Wendungen.

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