Susanne Schmidt: Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei: Eine Berliner Busfahrerin erzählt

Sind wir doch mal ehrlich: Wer achtet im täglichen Berufsverkehr, bei Stress und Hektik im Alltag, auf die Fahrer und Fahrerinnen im Öffentlichen Nahverkehr? Nun, ich werde jedenfalls künftig mehr hinschauen, mal ein Lächeln schenken, freundlich grüßen und mich dabei an dieses Buch erinnern.

Susanne Schmidt, damals Anfang Fünfzig, meldete sich auf einen Aufruf der Berliner Verkehrsbetriebe. Man suchte gezielt „ältere Frauen“ für den Beruf als Busfahrerin. Nun sollten also Frauen, bevorzugt ältere – denn die sind belastbarer, stressresistenter und sie werden nicht mehr schwanger – in diese Männerdomäne eindringen. Dass das nicht einfach werden würde, war auch ihr von Anfang an klar. So durchläuft sie unverdrossen und ohne ihren Humor zu verlieren, die harte Ausbildungszeit, drückt die Schulbank, büffelt all die Vorschriften und Regeln. Und lernt es, einen Bus zu fahren. Zwölf oder gar neunzehn Meter Fahrzeug durch die Straßen Berlins zu kutschieren, durch enge Straßen, Kreisverkehre, dunkle Ecken und große Bahnhöfe.

Etwa die Hälfte des Buches ist der Ausbildung gewidmet. Die Autorin schildert detailreich und humorvoll alle Facetten dieses Berufs, all die Schikanen, denen die Frauen durch die Vorgesetzten und die männlichen Kollegen ausgesetzt sind. „Wir machen Männer aus euch“ ist da noch eine harmlose Variante. Weiterlesen

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Siri Pettersen: Vardari – Eisenwolf

Es ist wahrlich noch nicht lange her, da schickte sich eine junge, bis dahin gänzlich unbekannte Autorin an, zunächst ihr Heimatland, dann Skandinavien und darauf folgend den deutschsprachigen Raum zu erobern. Siri Pettersen verfasst Fantasy. Nun ist es in Zeiten, da die moderne Fantasy durch Harry Potter und den Herrn der Ringe geprägt wurde, schwierig, gegen die großen Vorbilder zu bestehen. Alles und Jedes wird mit den Blockbustern verglichen, Verfasser aller Couleur und Nationen suchen sich an den großen Erfolg anzuhängen. Nicht so unsere Autorin aus dem hohen Norden. Statt Elfen und Zwerge oder ein magisches Internat hatte sie mit ihrer 2013 erstveröffentlichten Rabentrilogie (dt. bei Arctis) ein Epos vorgelegt, das sich an nordischen Epen und Mythen anlehnte und so ganz anders daherkam, als gewohnt.

Nun gibt es Neues von dieser von ihren Fans zurecht gepriesenen Autorin. Sie kehrt zwar nicht direkt in die von ihr geschaffene Welt zurück, doch auch in Náklav, dem hauptsächlichen Ort der Handlung, geht es eher düster und karg zu. Zwei Inseln umfasst die Stadt, auf denen sich zu viele Menschen tummeln. Weiterlesen

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Barbara Newhall Follett: Die Welt ohne Fenster (1927)

„Dies ist eine Geschichte. […] Ein Rätsel, eine Fantasie“ und „Sie beginnt vor über einem Jahrhundert in einem kleinen Haus in […] New Hamshire“ (S. 15) Sie handelt von dem wilden Mädchen Eepersip. Eines Tages stellt sie fest, dass sie nicht mehr mit Menschen zusammenleben möchte. Sie erträgt weder die Enge eines Hauses noch sonst irgendwelche Zwänge. Nur in der unberührten Natur kann sie leben und glücklich sein. Ihre Liebe zu den Pflanzen und Tieren, dem Sonnen- und Mondlicht, dem Wind, dem Bach, dem Meer und den Bergen wächst mit jedem Tag, den sie in völliger Abgeschiedenheit leben darf. Es ist eine Welt ohne Fenster, voller Glück und Zufriedenheit.

Diese poetische Geschichte ist so ungewöhnlich, als wäre sie nicht von dieser Welt. Wer tagtäglich mit offenen Augen seine Umgebung betrachtet, die Folgen der Industrialisierung riecht und spürt, dürfte von der Lektüre über die Liebe zur Natur mit seiner absoluten Konsequenz überrascht und angerührt werden.

Ein wildes, ungezähmtes Mädchen legt alles ab, was sie an Zivilisation erinnert und streift durch die Weiten eines Landes, das noch nicht mit Straßen, Parkplätzen und Häusern zubetoniert ist. Die Natur wird ihre Lehrerin, Freundin und Ernährerin. So ähnlich mag die Autorin Barbara Newhall Follett empfunden haben, die 1914 geboren wurde und mit zwölf Jahren als amerikanisches Wunderkind berühmt wurde. Sie lebte zeitweise selbst das Leben eines wilden, ungezähmten Mädchens, verließ häufig für eine Weile ihre Eltern, um in der Natur glücklich zu sein. Weiterlesen

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Ian McGuire: Der Abstinent

In seinem historischen Thriller „Der Abstinent“ führt uns der britische Autor Ian McGuire tief ins 19. Jahrhundert. Im Manchester des Jahres 1867 tobt die Auseinandersetzung zwischen der englischen Polizei und den irischen Unabhängigkeitskämpfern, den „Fenians“.

Hauptkontrahenten sind der irischstämmige Polizist James O‘Connor und der zwielichtige Stephen Doyle, der eigens aus Amerika angereist ist, um in England Stunk zu machen. Schon bald gelingt ihm das.

Der Roman des 1964 geborenen Autors besticht durch seine düstere Atmosphäre. Wir werden gleich auf den ersten Seiten Zeugen einer grausamen Hinrichtung, beobachten einen brutalen Wettkampf, bei dem Hunde möglichst viele Ratten töten müssen, betrinken uns in Pubs, arbeiten in einer stinkenden Gerberei und begleiten eine Hure auf ihr Zimmer. Weiterlesen

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Lena Sjöberg: Die Nacht leuchtet

Dieses aussagekräftig illustrierte Sachbuch für Kinder zeigt, dass die Nacht nicht nur finster und mitunter sogar ein wenig unheimlich ist. Schon die Nachtleuchtfarbe auf dem Cover lässt erahnen, dass die Seiten so manches leuchtende Wunder bereit halten.

Im Inhalt geht um Nachttiere wie Katze, Wildschwein, Reh oder Eule, deren Augen leuchten, wenn sie von einem Lichtstrahl getroffen werden. Man erfährt davon, was auf dem Boden und zwischen den Blättern leuchten kann, staunt über leuchtende Steine, Leuchtmoos oder leuchtende Pilze. Weiter geht es in die Tiefen des Meeres, wo verschiedenste Pflanzen, Fischarten und Weichtiere neonfarben leuchten können. So macht man unter anderem Bekanntschaft mit einem Leuchtfisch, einem Tiefseevampir oder einer Seekatze. Oder man staunt über eine Alarmqualle, deren Unterseite wie das Blaulicht auf einem Polizeiauto aufleuchtet, sobald sie bedroht wird.

Wie die leuchtenden Farben zustande kommen, durch welche Prozesse sie in Gang gesetzt werden, wird dabei jeweils aufschlussreich und  anschaulich erklärt. Weiterlesen

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Ada Fink: Blütengrab

„Ingrid blickt zu Boden und spürt, wie die heiße Wange langsam anschwillt. Ihre Mutter […] flüstert: ‚Wir zwei machen nachher den Kranz. Der wird das Böse von uns fernhalten.‘ Ingrid nickt, obwohl sie denkt, das Böse ist doch schon da.“ (S. 17)

Vier Jahre nach der Wende in einem kleinen Ort in Mecklenburg läuft vieles für die Kommissarin Ulrike Bandow nicht gut. Seit einer Weile verausgabt sie sich, ohne dass sie ihren privaten oder beruflichen Zielen näherkommt: Ulrike lebt mit ihrem gerade volljährig gewordenen Bruder allein in ihrem herunter gewohnten Elternhaus, das von Ungeziefer heimgesucht wird. Entweder streiten die ungleichen Geschwister, oder sie gehen getrennte Wege. Als Ingrid im Wald die Leiche einer Dreizehnjährigen findet, die das Opfer eines Ritualmordes geworden ist, wird Ulrike von ihrem familiären Problem abgelenkt.

Für die Kommissarin Bandow beginnt eine aufreibende Zeit, in der sie mit dem neuen Kollegen auf ungewöhnlich viele Widerstände stößt. Und nach den ersten Ermittlungsergebnissen folgen weitere Widerstände. Allein die Vorstellung, es könne sich bei dem Mord um die Tat eines Serientäters handeln, stößt bei vielen Kollegen im Polizeipräsidium auf Ungläubigkeit und Ablehnung. Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Astrid Lindgren – Helle Nächte, dunkler Wald …

Astrid Ericsson wächst auf dem Land nahe der schwedischen Kleinstadt Vimmerby auf, wo ihre Eltern den Pachthof Näs bewirtschaften. Schon bald müssen auch Astrid und ihre Geschwister in der Landwirtschaft mit anpacken. Das ist nicht immer einfach, doch lehrt es sie, diszipliniert zu arbeiten und einiges auszuhalten. Vor allem die strenge und gläubige Mutter legt großen Wert darauf. Der Vater ist zwar fleißig und in der Gemeinde engagiert, aber er ist der sanftere und liebevollere Elternteil, der seinen Kindern den Rücken stärkt.

Astrid ist klug und dank der Fürsprache des Bankdirektors Ingeström, dem Vater ihrer Freundin Madicken, erlauben es die Eltern dem Mädchen, auf die Realschule zu gehen – obwohl der Besuch viel Geld kostet. Dort ist der Studienassessor Tengström so begeistert, von Astrids Aufsätzen, dass er sogar einen davon dem Chefredakteur der Vimmerby Tidning, Reinhold Blomberg, zeigt, der ebenso angetan davon ist und den Text veröffentlicht. „Unsere Selma Lagerlöf“, wird Astrid daraufhin oft genannt und damit aufgezogen. Ihre Mutter sieht schon vor sich, wie Astrid sich der schlimmsten aller Sünden schuldig macht: der Hoffart –viel zu eitel und hochmütig kommt sie daher. Doch Astrid ist zu dieser Zeit noch überzeugt: Schriftstellerin wird sie nie werden. Weiterlesen

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Mary Shelley: Der letzte Mensch (1826)

Wir schreiben das Jahr 2089. In Europa wütet eine besonders ansteckende Form der Pest. Jeder der erkrankt, ist dem Tod geweiht. Nein, ich habe mich nicht verschrieben und ich habe mir das auch nicht ausgedacht, weil es gerade so schön passt. Das war Mary Shelley, bekannt vor allem durch „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, welche im Jahre 1826 den Roman „Der letzte Mensch“, die erste Dystopie der Weltliteratur, veröffentlichte. Seit Februar 2021 liegt nun die erste vollständige deutsche Übersetzung vor.

Die Geschichte spielt gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Der letzte englische König hat sein Amt niedergelegt, England ist eine Republik. Der Ich-Erzähler Lionel Verney, Sohn eines verarmten Adligen, wächst gemeinsam mit seiner Schwester Perdita als verachteter Waisenjunge auf. Als er beim Wildern auf Adrian, den Sohn des Königs trifft, nimmt dieser ihn freundlich auf und es entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den Geschwistern, Adrian und dessen Schwester Idris. Bald kommt Lord Raymond als Fünfter im Bunde dazu. Er heiratet Perdita und auch Lionel und Idris werden ein Paar. Die jungen Leute verbringen glückliche Tage auf Schloss Windsor, sie beschäftigen sich mit Literatur und Philosophie und engagieren sich politisch, angetrieben von dem Wunsch, das Leben aller besser zu machen. Weiterlesen

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Ali Smith: Frühling

Da liegt er nun auf dem Tisch. Der dritte Band des Jahreszeitenquartetts „Frühling“ von Ali Smith, wie auch die ersten beiden Bände („Herbst“, 2019 und „Winter“, 2020) übersetzt von Silvia Morawetz. Das Buch der schottischen Schriftstellerin ist am 29. März 2021 im Luchterhand Literaturverlag erschienen.

Nach „Herbst“ und „Winter“ lässt Ali Smith es nun für die Leserinnen und Leser „Frühling“ werden. Und sie bringt uns zum Auftakt gleich auf Trab mit einer ihrer unnachahmlichen Tiraden zu „Fake News“. Dann startet der Frühling durch. Aber zunächst steht der mehr oder weniger bekannte Regisseur Richard Lease im Oktober 2018 auf dem Bahnsteig eines nordschottischen Bahnhofs und wartet. Richards gute alte Freundin Paddy, die Drehbuchautorin Patricia Heal, ist tot. Richard erinnert sich an ihr Kennenlernen, ihre Zusammenarbeit und ihr Leben. Er ist aus London vor einem neuen Filmprojekt (mit dem Titel „April“) geflüchtet, in dem es um um eine fiktive Liaison zwischen Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke geht. Irgendwann guckt er aus dem Gleisbett unter einem Zug hervor in die Augen eines Mädchens, das zu ihm sagt: „Ich könnte Sie hier oben echt gut brauchen.“ (S.109). Weiterlesen

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Bernhard Heckler: Das Liebesleben der Pinguine

Auf nur 200 Seiten fasst Bernhard Heckler ebenso knackig wie treffsicher das Liebes- und Lebensdilemma einer ganzen Generation zusammen. Seine Mittdreißiger sind gut darin, sich auf Instagram, Tinder oder in Fitnessstudios zu inszenieren. Ob durch Steroide, Haartransplantationen, Ghostwriter – was tut man nicht alles, für Fame und Follower? Mit der Realität hat dies allerdings wenig gemein. Auffallend ist, dass alle auf eine gewisse Art ihrem eigenen Körper entfremdet sind. Die einen sprichwörtlich, durch Magersucht, durch Extrem-Bodybuilding, durch Partydrogen. Die anderen auf sexueller Ebene. Sie pendeln zwischen den Geschlechtern, handeln widersprüchlich, laufen vor sich selbst davon, zur Not bis nach Addis Abeba. Als stilistischen Schachzug setzt der Autor diesen von ihrer Natur entfremdeten Akteure die Welt der Pinguine gegenüber. Die bleiben im Gegensatz zu den wankelmütigen menschlichen Beziehungen ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Noch dazu betritt im Buch ein echter Pinguin namens Ophelia das literarische Parkett.

Niko und Sascha waren seit Kindertagen befreundet. Im Alter von 15 Jahren kommt Sascha mit der schönen Nura zusammen, fährt dann über den Sommer nach Italien. In der Zwischenzeit funkt es zwischen Niko und Nura, was zum Bruch zwischen den Freunden führt. Achtzehn Jahre später begegnen sich beide wieder. Über die Dating-Plattform Grindr verabreden sie sich unwissentlich zu einem homoerotischen Date. Plötzlich erscheint das Gewesene in einem völlig anderen Licht: Haben beide damals mehr als nur Freundschaft füreinander empfunden? Weiterlesen

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