Charles Lewinsky: Melnitz

Angst vor dicken Büchern? Für Melnitz sollte man unbedingt eine  Ausnahme machen und sich überwinden, denn die Geschichte ist so packend geschildert, dass die Seiten im Nu umgeblättert sind.

Charles Lewinsky, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat, wurde mit seinem Roman Melnitz, der erstmals 2006 aufgelegt wurde, international berühmt.

Melnitz ist eine Familiensaga, die sich über fünf Generationen auf 944 Seiten erstreckt. Die Handlung spielt zwischen 1871 und 1945 im damaligen Judendorf Endingen, im schweizerischen Kanton Aargau. Den Ausgrenzungen der heimischen Bevölkerung begegnen die dort angesiedelten Juden mit Fleiß, Geschäftstüchtigkeit und Angepasstheit. – Ja, auch in der Schweiz, wie überhaupt weltweit, waren die Juden unterschiedlichsten Denunziationen ausgesetzt.

Die Geschichte beginnt also mit dem Jahr 1871 und der Familie des Viehhändlers Salomon Meijer und seiner Frau Golde, samt ihren Töchtern, der koketten Mimi und der angenommenen, besonnenen Chanele. Schnell fühlt man sich beim Lesen wie ein  Familienmitglied, denn alles liest sich so packend und authentisch, als säße man selbst inmitten der Meijers am Küchentisch.

Nicht alle Juden in der Kleinstadt Endingen sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der rechtschaffene Salomon Meijer. Als Janki, ein entfernter Verwandter auftaucht, wird das Leben der Familie Meijer ganz schön aufgemischt. Janki bezirzt Mimi und Chanele gleichermaßen und ist in Wirklichkeit gar nicht der Kriegsheld, als der er sich ausgibt, sondern aus der französischen Armee geflohen. Später avanciert er zum erfolgreichen Tuchhändler in Zürich und ist mit Chanele verheiratet. Mimi heiratet den Metzger Pinchas Pomeranz. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Carole Fives: Kleine Fluchten

Es sind tatsächlich kleine, anfangs winzige Fluchten, die sich die Protagonistin des kurzen Romans der französischen Autorin gönnt. Diese junge Frau ist eine alleinerziehende Mutter, ihr Sohn ist gerade einmal zwei Jahre alt. Noch hat sie keinen Krippenplatz für ihn gefunden, sie muss von zu Hause arbeiten, sie ist Graphikerin. Immer wieder verliert sie Aufträge, weil sie des Kindes wegen Termine nicht einhalten kann. Der Kleine ist anstrengend, er verlangt Aufmerksamkeit, Zuwendung. Ständig ruft er nach der Mutter, ruft „Zu mir, zu mir.“

Die Mutter hat keine anderen Bezugspersonen, ist in die kleine Wohnung wie eingesperrt, dazu kommen Geldsorgen, Zukunftsängste. So erlaubt sie sich kleine Fluchten, verlässt abends, sobald das Kind schläft, die Wohnung. Sie streift durch die Straßen, schaut in Fenster, beobachtet Menschen. Erst kurz, nur wenige Minuten, doch nach und nach werden diese Ausflüge, die nächtlichen Fluchten länger.

Neben den wenigen Kontakten, die sie hat, sucht sie Anschluss in Internetforen, sucht Mütter in der gleichen Situation, mit denselben Problemen. Doch wenn sie, unter einem Nickname, ehrlich von ihren Gefühlen erzählt, ergießt sich schnell ein Shitstorm über sie. Die anderen Mütter, obwohl selbst ähnlich gestresst, wollen gleichzeitig perfekt erscheinen, lassen Versagen nicht gelten. Immer wieder versucht die Protagonistin, über diese Plattformen Bestätigung, Hilfe zu erhalten, doch vergebens.

Schließlich dehnt sie ihre Flucht über eine ganze Nacht aus. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Maria Adolfsson: Doggerland: Fester Grund

Karen Eiken Hornby hadert – mit sich, mit ihrem Alter, mit ihrer Kondition und mit Leo, ihrem „Untermieter“, mit dem sie ab und zu auch – rein freundschaftlich – ins Bett geht. Ein paar Monate ist der Einsatz her, den sie nur knapp überlebt hat, sie ist immer noch leicht lädiert und in ein paar Tagen steht der Gesundheitscheck bei der Polizei an. Ein nicht gerade beliebter Termin. Und dann ist da noch diese kleine Verhärtung in ihrer Brust, die sie beim Duschen entdeckt hat.

Leo hingegen strahlt. Die berühmteste Sängerin Doggerlands, der Kultstar Luna ist heimlich in die Heimat zurückgekehrt und hat sich ausgerechnet KGB Productions, das Studio seines Freundes Kore, für die Aufnahmen ihres Comeback-Albums ausgesucht. Er kennt Luna von früher und Karen ist sich sicher, dass zwischen den beiden etwas läuft. Leo scheint Luna zu vergöttern, Karen grummelt. Diese Frau ist nahezu perfekt – im Gegensatz zu ihr.

Plötzlich ist Luna wie vom Erdboden verschluckt. Nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Produktionsteam hat sie sich einfach in Luft aufgelöst. Niemand weiß etwas – weder Leo noch Billy, ihr persönlicher Assistent für ihre Zeit auf Doggerland, weder Lunas Ex-Ehemann, bei dem die Kinder derzeit sind, noch die Chefs des Studios. Karen geht der Sache nach, ohne viel Wind zu machen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sarah Crossan: Wer ist Edward Moon?

Die Familie Moon leuchtet nicht mehr so hell. Nachdem der Vater verschwunden ist, sieht sich die Mutter nicht mehr in der Lage, für ihre drei Kinder Edward, Angela und Joseph zu sorgen. Weil Edward zehn Jahre älter als Joe ist, hat er die Vaterrolle für den kleinen Bruder übernommen. Auch Angela trägt mehr Verantwortung, als für sie gut ist. Viele Jugendliche wären in so einer Situation genervt, aber Ed liebt Joe. Er wird für ihn die wichtigste Bezugsperson, und darüber hinaus ist er auch sein Freund, Beschützer und Vorbild, bis Ed abhaut. Zu diesem Zeitpunkt ist Joe sieben Jahre alt und versteht die Welt nicht mehr. Für zehn lange Jahre versteht er sie nicht, bis er beschließt, Ed zu besuchen. Dieser wartet in einem texanischen Todestrakt auf seine Hinrichtung. Für Joe bleibt nicht mehr viel Zeit, das Vergangene aufzuarbeiten. Und dann sind da noch ein paar wichtige Fragen.

Sarah Crossan lebt in England und wurde für ihre Bücher mehrfach ausgezeichnet. Für den Jugendroman Wer ist Edward Moon erhielt sie 2020 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Und dies zu Recht. Sie verarbeitet das brutale und leider alltägliche Thema Todesstrafe so behutsam in einer jugendgerechten Sprache, dass man ihr nicht nur sehr gern folgt, sondern auch gebannt Joes Geschichte liest. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Angelika Overath: Nahe Tage: Roman in einer Nacht

Angelika Overath hat mit diesem Buch im Jahr 2005 ihr Debüt vorgelegt. Der btb-Verlag hat den Roman jetzt als Taschenbuch neu herausgebracht. Die in Karlsruhe geborene Autorin, die für diesen und andere Romane für diverse Buchpreise nominiert wurde, erzählt hier die Geschichte einer Nacht.

Johanna, Anfang 40, unverheiratet und kinderlos, steht im Krankenhaus am Bett ihrer soeben verstorbenen Mutter. Schließlich kehrt sie für eine Nacht in deren Wohnung zurück. Das erste, was sie tut, sie sortiert die Wäsche, belädt die Waschmaschine, startet das Waschprogramm. Dann fragt sie sich, warum sie dies tut. Johanna streift durch die Wohnung, sieht dies, nimmt jenes in die Hand und alles weckt in ihr Gefühle, Erinnerungen. Es sind gute und es sind schlimme Gefühle, die diese Erinnerungen in ihr wachrufen. Es sind Gerüche vor allem, die Johanna an Dinge, Vorfälle oder Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern.

Johannas Mutter hat immer wieder von „Zuhaus“ gesprochen, dieses „Zuhaus“ war der Bezugspunkt im Leben von Johannas Mutter ebenso wie ihrer Großmutter, die viele Jahre bei der kleinen Familie lebte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Rick Poldark: Insel der Urzeit

Irgendwo im südchinesischen Meer existiert eine Insel – unentdeckt und scheinbar jenseits von Raum und Zeit. Als ein Passagierflugzeug über der Insel abstürzt, soll ein Team aus den Paläontologen Tracy und Peter, Biologen, Botanikern und einem Großwildjäger die Insel erkunden. Beschützt werden sie von einem bewaffneten Team. Alle lassen sich aus unterschiedlichen Gründen auf das Abenteuer ein, sei es wissenschaftliche Neugier oder die gute Bezahlung. Dass sie eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben müssen und auch Freunden und Familie nicht sagen dürfen, welchen Auftrag sie angenommen haben, macht den Abschied -teilweise für immer – schwer.

Ihr Auftrag ist es vordergründig, den Flugschreiber des abgestürzten Flugzeuges zu finden und zu bergen. Auf der Insel entdecken sie dann Nachfahren von Dinosauriern, einen Stamm Eingeborener und Relikte einer untergegangenen Echsenkultur, deren Magie noch eine Rolle spielen wird. Außerdem befinden sich bereits Mark und auch Mike Deluca auf der Insel. Mike gehört zu einem Bergungsteam, das bereits seit unbestimmter Zeit auf der Insel gestrandet ist, Mark hat den Flugzeugabsturz überlebt.

Die ungebändigte Natur, Eingeborene und Zombies, angeführt von Mike (jaja, richtig gelesen) setzen der Truppe zu und Versuche, Funksprüche abzusetzen und Rettung anzufordern, scheitern an elektromagnetischen Strömungen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Carsten Sebastian Henn: Der Gin des Lebens

Die Freundin hat seinen Heiratsantrag abgelehnt. Sein Job macht ihm keinen Spaß. Den Oldtimer hat er aus Versehen im Rhein versenkt. Zudem wird ihm mangelnder Ehrgeiz sowie das Fehlen jeglicher Erfolgsperspektiven vorgeworfen. Kurz: Bei Benoit „Bene“ Lerchenfeld läuft es gerade richtig mies. Aus Frust möchte er sich mit dem Gin seines verstorbenen Vaters die Kante geben – bis er bemerkt, dass es sich um ein wahres Meisterwerk handelt. Wie konnte sein Vater einen so herausragenden Tropfen produzieren? Liegt darin eine Geschäftschance für Benoit?

Seine Nachforschungen führen in die englische Stadt Plymouth, Genauer: In das niedliche Bed & Breakfast von Cathy Callaghan. Auch diese versucht seit Jahren vergeblich, die Gin-Rezeptur ihres verstorbenen Vaters nachzubauen. Aktuell hat sie jedoch viele weitere Sorgen: In ihrem Garten ist ein toter Obdachloser aufgefunden worden. Unverhofft gerät Cathy selbst ins Kreuzfeuer der Ermittlungen. Daneben macht ihr alkoholkranker Bruder Probleme und jemand scheint ihre Gin-Produktion sabotieren zu wollen.

Als sich Cathy und Bene begegnen, liegen sie sofort auf einer Wellenlänge. Ihre Väter waren über Jahre miteinander befreundet. Doch je weiter die beiden forschen, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass in der Vergangenheit ein dunkles Familiengeheimnis begraben liegt. Noch dazu befindet sich Bene gegenüber Cathy im Zwiespalt: Einerseits fühlt er sich zu ihr hingezogen, andererseits hat er sich beim Wettlauf um die Gin-Rezeptur unbewusst als Cathys Konkurrent platziert. Brände, stadtbekannte Schlägertypen und rachsüchtige Polizisten sorgen ohnehin dafür, dass für romantische Gefühle (vorerst) weder Zeit noch Muße bleiben. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Louis Slobodkin: Versteckt, versteckt, nicht entdeckt

Susanne sucht ein gutes Versteck. Ihre Brüder haben eine Spinne gefangen, die sie ihr zeigen wollen, aber Susanne mag keine Spinnen und versucht, sich vor ihnen im Garten zu verstecken. Sie fährt mit ihrem Fahrrad herum und probiert einen Ort nach dem anderen aus. Aber kein Versteck scheint das richtige zu sein. Schließlich fragt sie ihre Großmutter nach einem Ort, wo keiner sie finden kann und diese nennt ihr einen. Doch von dort kann die Nachbarin sie sehen, es ist also doch kein gutes Versteck. Also fragt Susanne die Nachbarin, wo sie sich verstecken könnte, doch auch in dem Versteck der Nachbarin wird sie schnell gefunden.

Susanne fragt alle Leute, die sie finden, ob sie ihr ein besseres Versteck nennen können: den Gärtner und schließlich den Briefträger, doch sie wird jedes Mal aufs Neue gefunden. Irgendwann ist sie ziemlich enttäuscht und hört auf, nach einem Ort zu suchen, an dem niemand sie finden kann. Und ganz ohne es zu wollen, entdeckt sie so das beste aller Verstecke. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Lukas Hartmann: Schattentanz: Die Wege des Louis Soutter

 „‚[…] ich muss mich von allem befreien, was mich beengt, sonst gelingen mir die Bilder nicht.‘
‚Und wann sind sie gelungen?‘, fragte ich.
‚Eine dumme Frage, Charles-Edouard. Wenn sie fertig sind, wenn ich beschließe, nichts mehr daran zu ändern.‘
‚Ich kann dich bei dieser Malweise nicht unterstützen‘, sagte ich.
‚Du willst nicht sehen, was sich dahinter verbirgt.‘ Seine Stimme senkte sich, er flüsterte bloß.“
(S. 238)

Als Charles-Edouard 1927 seinen Cousin Louis Soutter besucht, befindet sich der begnadete Maler in einer Abgeschiedenheit, die für viele nur schrecklich und trostlos wäre. Doch Louis arrangiert sich 19 Jahre lang mit seiner Entmündigung und auch mit seinem Zimmer in einem Altenheim für Mittellose. Hier entstehen seine wichtigsten Werke, die von seinen Zeitgenossen nur am Rande gewürdigt werden. So manches Bild nehmen Angestellte des Heims, um damit den Ofen zu entzünden. Dies ändert sich erst, als Louis im Beisein seiner Mitbewohner ein Honorar für einige Werke erhält.

Der Schweizer Lukas Hartmann studierte Germanistik und Psychologie. Sein bunter Werdegang über Lehramt, Journalismus und die Welt der Medien brachte ihn schließlich zu der Kunst des Schreibens von Kinder- und Erwachsenenromanen. Heute zählt er in seinem Heimatland zu den bekanntesten Schriftstellern. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

C. E. Bernard: Die Wayfarer-Saga 01: Das Lied der Nacht

Vor zweihundert Jahren begann es – bis dahin hatte das Licht der Türme die Dunkelheit, die Furcht und die Schatten zurückgehalten. Dann entschied der örtliche Baron, dass es Zeit sei, seinen Machtbereich auszudehnen und ließ die Türme des Lichts schließen, die Lichter löschen. Seitdem ist das Entzünden von Feuer nächtens streng verboten, in den umliegenden Dörfern werden nachts Türen und Fester fest verbarrikadiert, die alten, schutzgebenden Lieder sind verpönt. Doch eines Nachts regen sich die Schatten. Aus der Dunkelheit formen sie sich, greifen mit ihren hell glühenden Schwertern an, brechen in die Hütten eines Dorfes und schlachten die Menschen hin. Verletzen kann man sie mit normalen Waffen nicht. Nur zwei Bewohnern gelingt die Flucht.

Das Mädchen reitet, schwer von den Waffen der Schatten verbrannt, zum Baron, diesem von dem Angriff und der Heimsuchung zu berichten, der andere, ihr Bruder eilt, tödlich verwundet, in den Wald. Hier, in einer aufgegebenen Poststation leben Weyd, der Wanderer und seine Freunde. Der begnadete Kämpfer, die Bardin Caer und ihre Freunde sind die Einzigen, die die Schatten aufhalten könnten – wenn der Baron es ihnen denn erlauben würde … Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: