Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme

Die aus Nigeria stammende, in England lebende Autorin erzählt uns eine herzzerreißende Geschichte, bei der man sich ständig fragt, ob man sich tatsächlich im 21. Jahrhundert befindet. Und bei der einem ständig bewusst ist, dass all dies tatsächlich täglich nicht nur in Nigeria genauso geschieht. Genau dieser Gedanke ist es, der den Roman so unerträglich und gleichzeitig so faszinierend macht. Hinzu kommt ein wunderbarer Erzählstil.

Ich-Erzählerin und Protagonistin ist Adunni, 14 Jahre alt und aufgewachsen mit ihren beiden Brüdern in einem armen Dorf weit weg von der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Seit ihre Mutter gestorben ist, trauert das Mädchen nicht nur intensiv um diesen Verlust, denn sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie vermisst ebenso die Schule, die sie seit dem Tod der Mutter nicht mehr besuchen darf. Denn ihr Vater, dem Alkohol verfallen und bettelarm, sieht in Mädchen keinen Nutzen und hält Schulbildung für überflüssig.

Adunni hingegen träumt von nichts anderem als davon, zur Schule gehen zu können. Sie ist ungemein intelligent, aufgeweckt, sie findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab, möchte für sich und für andere etwas ändern. So hat sie es von ihrer Mutter gelernt, Weiterlesen

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Ben Aaronovitch: Die Füchse von Hampstead Heath

Peter Grant, unser Ex-Bobby und inzwischen angehender Magier in Diensten des Folly, einer Unterabteilung des Yard, entstammt einer Familie aus Sierra Leone. Als Begabter ist er der erste Magie-Lehrling seit Jahrzehnten. Dass seine Nichte, Abigail auch über das Talent verfügt, hat sich bei einem seiner Fälle gezeigt. Nightingale, seit gut einem Jahrhundert Leiter der Spezialabteilung, hat sich den Namen dick mit Füller in seinem Notizbuch vermerkt – mit der modernen Technik hat er es ja nicht so – noch aber ist der Teenager schlicht zu jung, um in den aktiven Dienst übernommen zu werden.

Das hindert Abigail aber nicht daran, ihre magischen Beziehungen spielen zu lassen, als sie bemerkt, dass immer wieder Gleichaltrige für ein paar Tage scheinbar spurlos verschwinden, bevor diese, ohne Erinnerung, was ihnen zustieß, wieder auftauchen. Gemeinsam mit ihren Verbündeten, den sprechenden Füchsen von Hampstead Heath, macht sie sich auf die Suche – und stößt auf ein heimgesuchtes Haus, einen Genius Loci, der droht, auch sie zu vereinnahmen … Weiterlesen

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Naja Marie Aidt: Carls Buch – Hat der Tod dir etwas genommen, dann gib es zurück

Ein herzzerreißendes Meisterwerk über einen unvorstellbaren Verlust wird Linn Ullmann auf dem Buchcover zitiert – was nicht besser ausgedrückt werden könnte.

„Carls Buch“ ist ein sehr persönliches und gleichzeitig unendlich trauriges, seitenweise fast albtraumhaftes Buch.

Die dänische Schriftstellerin und Dichterin Naja Marie Aidt, die zu den wichtigsten Stimmen Skandinaviens zählt, hat darin das Schlimmste, was einer Mutter, bzw. Eltern widerfahren kann, verarbeitet: Den Tod des eigenen Kindes:

Im Alter von nur 25 Jahren kommt Naja Marie Aidts Sohn Carl im Jahr 2015 ums Leben. Er stürzt sich nach der Einnahme von halluzinogenen Pilzen aus dem Fenster. Nicht nur sein eigenes Leben ist von einem auf den anderen Tag beendet, auch seine Familie wird in ihrer Verzweiflung aus der Bahn geworfen. Wie es nach einem langen Prozess des Begreifens und des Verarbeitens der Trauer überhaupt einigermaßen wieder möglich wird, dem eigenen Leben eine gewisse Struktur zu verleihen, daran lässt die Autorin uns teilhaben. Weiterlesen

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László Krasznahorkai: Herscht 07769

Um es gleich zu Beginn klar zu sagen: Es ist eine einzige Quälerei, dieses Buch zu lesen. László Krasznahorkais Roman „Herscht 07769“ besteht auf über 400 eng bedruckten Seiten aus einem einzigen Satz. Absätze oder gar Unterteilungen in Kapitel sucht man vergeblich.

Wer die Form derart überbetont, hat inhaltlich wenig zu sagen, möchte man meinen. Dem ist hier nicht so: Im Grunde ist „Herscht 07769“ ein Ausloten deutscher – vor allem ostdeutscher – Befindlichkeiten.

Titelheld Florian Herscht schreibt Briefe an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in denen er sie vor dem Weltuntergang aufgrund irgendwelcher physikalischer Prozesse warnt. Sein Leben zwischen Neonazis, seinem ganz speziellen Wahn, der Musik Bachs und anderen Absonderlichkeiten, die immer mehr ins Absurde gehen, könnte beispielhaft den Zustand eines Teils der Gesellschaft offenlegen – wäre da nicht die schier unerträgliche Form. Eine vertane Chance. Schade!

László Krasznahorkai: Herscht 07769.
Aus dem Ungarischen übersetzt von Heike Flemming.
S. Fischer, Oktober 2021.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Annette Mierswa: Liebe sich, wer kann

Als Lotti Jakob anruft und ihn dazu überredet, sie auf einer Wanderung zu begleiten, ist er überglücklich. Lotti, die Schulsprecherin, die schöne Lotti, die Bonzentochter, eine mit der jeder Junge befreundet sein will, Lotti, seine heimliche Liebe, hat ihn erwählt. Die Wanderung durch die Wälder zu einem geheimnisvollen Ziel soll vier Tage dauern. Für Jakob könnte die Wanderung ewig dauern. Genaugenommen will er bei ihr bleiben und nie mehr zurück.

„Sie hatte ja keine Ahnung, wer mir alles im Nacken saß. Eine ganze familiäre Bullenherde, dazu der Keiler und seine Jungs und, nicht zu vergessen, mein verdammter Selbsthass.“ (S. 182)

Den Überlebensleitspruch ‚Rette sich, wer kann‘ hat die Autorin Annette Mierswa umformuliert. Ihr Leitthema sind Angststörungen und Depressionen. Am Beispiel von Jakob und Lotti zeigt sie, wie wichtig Selbstsicherheit und Eigenliebe sind. Wer sich selbst wertschätzt und gut behandelt, kann besser mit gedankenlosen Rüpeln klarkommen.

Im Zentrum ihrer Geschichte steht Jakob, der in der Familie unter einem prolligen Vater und älteren Zwillingsbrüdern leidet. Sie und verschiedene Mitschüler haben Jacob beigebracht, er sei nichts wert, ein Opfer, eine Peinlichkeit, und jeder hätte aus diesem Grund das Recht jederzeit auf Jakob einzutreten. Eine Schulpsychologin hat Jakob viele Tipps gegeben, seine Abwehrmechanismen zu stärken und sich selbst lieben zu lernen. Weiterlesen

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James A. Sullivan: Die Chroniken von Beskadur 01: Das Erbe der Elfenmagierin

Ardoas ist ein ganz besonderer Elf. Er wächst behütet und wohl ausgebildet in der Siedlung der Elfen auf, trägt er doch in sich die Erinnerungen einer legendären Heldin. Er ist inzwischen die siebte Inkarnation der Elfenmagierin Naromee, nur hat er, wie seine sechs Vorgängerinnen und Vorgänger leider keinen Zugriff auf die in seinem Geist gespeicherten Erinnerungen der legendären Magierin. Ein Orakel könnte es ihm ermöglichen, auf das schlummernde Wissen und die Erinnerungen zuzugreifen – wie seine Vorgängerinnen gleich welchem der drei Geschlechter sich diese oder sie der zugehörig gefühlt haben, muss er sich auf die Suche nach dem verschollenen Orakel machen – wissend, dass all jene, die vor ihm diesen Weg gingen, verschwunden, mutmasslich ermordet wurden.

Er hat einen entscheidenden Vorteil – er kann auf die Aufzeichnungen seiner Vorgängerin zurückgreifen, hält er doch deren Reisetagebuch in Händen. So macht er sich zunächst alleine, später begleitet durch ein angehendes menschliches Orakel und einer Söldnerin auf die Reise – verfolgt, gejagt und angegriffen von Unbekannten, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass er die verschlossenen Erinnerungen Naromees aufdeckt …

James A. Sullivan legt eine neue Dulogie vor. Der zweite, die Handlung abschließende Teil ist für Januar in Vorbereitung – beide Bücher beschäftigen sich, wie kann es auch anders sein, mit Elfen. Dazu sollte man wissen, dass Sullivan zusammen mit Bernhard Hennen an dessen großartigen Saga um die Elfen (Heyne) gearbeitet und mitgeschrieben hat. Nach einigen Ausflügen in die Science Fiction kehrt Sullivan nun mit diesem Roman in eine archaische Fantasy-Welt zurück. Weiterlesen

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Te-Ping Chen: Ist es nicht schön hier: Storys

Wer sich für modernes Leben in China interessiert, der sollte Te-Ping Chens Geschichten-Sammlung „Ist es nicht schön hier“ lesen. Der 1985 geborenen amerikanischen Journalistin mit chinesischen Wurzeln ist mit diesen zehn Storys ein abwechslungsreiches und vielseitiges Debüt gelungen.

Gleich in der ersten Geschichte geht es um etwas, an das man als Westeuropäer vielleicht zuerst denkt, wenn das Stichwort China fällt: die Verletzung der Menschenrechte. Lulu, eine strebsame und intelligente junge Frau gerät in die Fänge des Staates, weil sie ihn kritisiert.

Doch wer meint, es ginge im ganzen Buch nur um dieses Thema, der irrt. Wir treffen beispielsweise einen jungen Mann, der versucht, auf dem Aktienmarkt reich zu werden, eine Blumenhändlerin, die sich weigert, einem wohlhabenden Paar einen wertvollen Füller zurückzugeben, oder einen erfolglosen Erfinder. Weiterlesen

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Garry Disher: Barrier Highway

18 Monate nach seiner Versetzung ins australische Hinterland kurvt Constable Paul Hirschhausen noch immer über einsame Landstraßen, Schotter- und Feldwege.

„Es war nicht von Belang, dass es hier draußen nur karges Land gab; die Landschaft war lebendig. Hirsch aber war von der Stadt geprägt, von den exakten Linien der geteerten Straßen und der gemauerten Häuser in ordentlichen Reihen, doch hier draußen waren die Winkel nicht vorhersehbar.“ (S. 332)

Genauso wenig ist vorhersehbar, wenn aus einer plötzlichen Veränderung des Alltags das festgefügte Leben verschiedener Bewohner aus den Fugen gerät. Hirsch(-hausen) versucht, wie ein Marionettenspieler die einzelnen Fäden in der Hand zu halten, bis er merkt, dass in mehrere Richtungen dynamische Prozesse entstanden sind: wie zum Beispiel das von ihm befreite Mädchen aus einem vergammelten Wohnwagen, eine betrogene alte Dame oder ein jähzorniger Vater mit einem geladenen Gewehr in der Hand. Hirsch kann nicht überall gleichzeitig sein. Die Leinen sind ihm entglitten, und das Chaos beginnt. Er kann deshalb nur hinterherlaufen, das Beste hoffen und das Schlimmste befürchten.

Garry Disher schreibt erfolgreich über Verbrechen, die in Australien angesiedelt sind. Lokalkolorit und extremes Klima haben seine Bewohner geprägt. Nichts erscheint leicht, und sehr leicht hat es einen erwischt. Der Autor beschreibt so plastisch die Verwicklungen zwischenmenschlicher Beziehungen, dass man glaubt, ständig auf einem Pulverfass mit brennender Lunte zu sitzen. Weiterlesen

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Dr. Meredith L. Rowe & Monika Forsberg: Die kleine Wortschmiede: Jeden Tag ein neues Wort entdecken

In diesem Kinderbuch werden unterschiedlichste Wörter, die im allgemeinen Sprachgebrauch nicht so häufig zu hören sind, erklärt.

Die Darstellung von kunterbunten Tierfiguren machen das jeweilige Wort durch Gestik und Mimik schnell begreifbar.

So sieht man zum Beispiel in Verbindung mit dem Wort „Training“, das sprachlich mit „Sport machen, um fit und gesund zu bleiben“ erläutert ist, ein lustig anmutendes Pferd, das Seil hüpft.

Das Wort „beengt“ zeigt einen kleinen Bären, der versucht, rückwärts in ein viel zu kleines Zelt zu kriechen. Sprachlich wird „beengt“ erklärt mit „wenn zu wenig Platz ist“.

Eine kleine, staunende Maus, die von einer zaubernden Krake angetan ist, wird mit „naiv“ betitelt. Die unten stehende Erklärung für „naiv“ lautet: „Anderen sehr leicht Glauben schenkend“. Weiterlesen

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Louise Brown: Was bleibt, wenn wir sterben: Erfahrungen einer Trauerrednerin

Niemand beschäftigt sich wohl gerne mit dem Tod und dem Sterben. Die Journalistin Louise Brown hat sich weitreichende Gedanken über die Endlichkeit des Lebens gemacht. Der Tod ihrer Eltern war ausschlaggebend dafür. Mittlerweile ist sie Trauerrednerin und fortan ständig mit trauernden Menschen, dem Leben und dem Sterben konfrontiert. Durch viele Gespräche mit Angehörigen, die ihre Trauer bewältigen müssen und ihr vom Leben der Verstorbenen erzählen, formt Louise Brown ihre ganz eigenen Betrachtungsweisen darüber, was einen Menschen ausgemacht hat. Daran lässt sie die Leser teilhaben. Der Tod ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Wenn man in seine Stille hineinhört, kann man etwas über die Verstorbenen und sich selbst erfahren (eBook S.14).

Der erste Teil des Buchs handelt von der Konfrontation mit dem Tod. Hier geht es unter anderem um die Momente, die bleiben, um Durchhaltevermögen, um Trauergespräche in leeren Räumen oder um das Ausräumen des Elternhauses. Im zweiten Teil lesen wir zum Beispiel von widersprüchlichen Gefühlen, von Verletzlichkeit, Versöhnlichkeit, von Gedanken um den Grabstein oder darum, die eigene Abschiedsfeier zu planen. Weiterlesen

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