Ellen Alpsten: Die Zarin

Der Titel führt den Leser auf die richtige Spur: Der Roman hat sich eine der großen Figuren der Weltgeschichte zum Thema gesucht: Katharina die I. Sie war nach dem Tod von Peter dem Großen für zwei Jahre die Kaiserin oder eben Zarin von Russland. Der Roman führt den Leser zu Beginn (leider in einem Prolog) an das Sterbebett des großen aber auch brutalen Zaren. Der Leser erlebt diese Situation und die gesamte Handlung des Buches aus der Ich-Perspektive Katharinas. Das Ableben des Zaren hinterlässt ein Macht-Vakuum in Sankt Petersburg des Jahres 1725. Katharina berät sich mit Fürst Menschikow, wie sie die Regierung des Zarenreiches in den eigenen Händen behalten kann.

Mit dem Ende des Prologs schlägt der Beginn des ersten Kapitels  eine zeitliche Rückblende und räumlichen Bogen zur jugendlichen Katharina irgendwo in Litauen. Der Leser, der sich gerade auf die eingangs genannte Situation eingelassen hat, darf sich neu orientieren.

Die Autorin erzählt die Geschichte dieser beeindruckenden Frau auf der Grundlage geschichtlicher Daten. Katharina wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Damals hieß sie noch Martha. Später heiratet sie einen schwedischen Soldaten und wurde nach dem Tod ihres Mannes mit dem Fürst Menschikow bekannt. Weiterlesen

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Agnès Poirier: An den Ufern der Seine

„… Wann immer die Stadt der Lichter den Besitzer wechselt, gerät die westliche Zivilisation aus dem Gleichgewicht. So ist es seit sieben Jahrhunderten; so war es 1940 …“ (S. 123)

Sie wohnen auf der linken Seite der Seine. Sie sind die Elite, die Intellektuellen und pflegen ihren eigenen Lebensstil. Der Zweite Weltkrieg rüttelt an ihren Glaubenssätzen. Die Besetzung von Paris mit dem einhergehenden harten Regime der Deutschen bringt ihnen Hunger, Unfreiheit, Verrat durch die eigenen Landsleute und im schlimmsten Fall den Tod. Einige von ihnen wandern aus, oder verstecken sich weit weg von Paris. Andere bleiben. Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und viele andere diskutieren über ihre Situation nach der Befreiung.

„[…] Es war die Zeit, die Wirklichkeit […] zu betrachten, wenn man sie verändern wollte.“  „ […] Die Zeit der Selbstgefälligkeit und Doppelbödigkeit war vorbei. […] Man musste sich engagieren. […] Die Lehre, die man aus dem Krieg gezogen hatte, lautete: Gleichgültigkeit erzeugt Chaos.“ (S. 163)

Sie gründen und schreiben für ihre eigenen Zeitschriften, die aufgrund des Papiermangels zunächst einen geringen Umfang hat. Sie wollen schockieren, aufrütteln und die Welt verändern. Es ist die Geburtsstunde des  Existenzialismus. Einige von ihnen, die zuvor lokale Bekanntheit genossen, werden länderübergreifend berühmt. Ihr Leben verändert sich mehr, als sie ahnen. Weiterlesen

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Antonia Blum: Kinderklinik Weißensee 01: Zeit der Wunder

Berlin, 1911: Mit vor Aufregung schweißnassen Händen treten die Schwestern Marlene und Emma Lindow auf das Gelände der Kinderklinik Weißensee. Die soeben neu eröffnete Kinderklinik bietet den beiden Waisen die Chance, eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu absolvieren. Doch aufgrund ihrer Herkunft haben die beiden jungen Frauen es nicht leicht und müssen immer wieder gegen Vorurteile ankommen. Als dann auch noch ein kleiner Patient mit unklaren Symptomen für Aufsehen sorgt, steht der ganze Ruf der Klinik auf der Kippe.

Die Autorin Antonia Blum entdeckte durch Zufall die Ruine der einstigen Kinderklinik Weißensee und begab sich dann auf Spurensuche in der Vergangenheit. Der vorliegende Roman ist der erste von drei Bänden rund um Marlene und Emma Lindow, die meist abwechselnd von ihren Erlebnissen in der Klinik berichten. Entstanden ist ein sehr bunter, unterhaltsamer historischer Roman, in dem sich natürlich auch das ein oder andere Klischee findet – das schadet ihm aber nicht. Die Geschichte rund um die beiden angehenden Kinderkrankenschwestern ist so nett erzählt, dass man darüber gerne hinwegsieht. Im Roman findet sich die ganze Bandbreite menschlicher Themen. Beide Schwestern verlieben sich in dem Jahr, bekommen menschliche Schicksale mit, geraten an ihre Grenzen und gehen darüber hinaus. Weiterlesen

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Dr. Chris Napier: Lauftraining: Die Anatomie verstehen

Statistiken belegen: Rund 22 Millionen Menschen verbringen wenigstens ab und an ihre Freizeit mit dem Laufen. Ich gehöre auch zu ihnen. Das Laufen ist für mich ein wichtiger Ausgleich für meine eher im Sitzen stattfindende berufliche Beschäftigung. Ich liebe das Laufen, weil es ohne große Umstände durchzuführen ist, weil es mich in die Natur bringt und es meiner Gesundheit zuträglich ist.

„Lauftraining“ von Dr. Napier hat den Anspruch, dem Leser einen anatomischen Rundumblick auf das Laufen zu vermitteln. Tatsächlich ist dies jedoch nur ein Aspekt, den das Buch leistet. Es stellt zudem die Diskussion der Vor- und Nachteile von Laufen auf eine wissenschaftliche, faktenbasierte Ebene. Auf diesem Niveau lässt sich bekanntlich am besten argumentieren.

Am Anfang begrüßt den Leser ein Zitat: „Regelmäßiges Laufen kann viele Gesundheitsvorteile bringen, die unsere Lebensqualität verbessern.“ Für mich ist dieser Satz die entscheidende Charakterisierung des vorliegenden Sachbuchs. Anders ausgedrückt, vermittelt „Lauftraining“ dem Interessierten das Wissen, das ihn befähigt, das Laufen gezielt für die Gesundheitsförderung einzusetzen. Wie es sich für ein Sachbuch von Rang ziemt, ist es in thematisch zusammengehörende Kapitel eingeteilt. Diese heißen: Laufanatomie, Verletzungsprävention, Kraftübungen und Gezieltes Training. Die beiden Letzteren belegen, dass der Autor sich nicht auf die Theorie beschränken will. Dr. Napier soll eine Marathon-Bestzeit von 2:33 Stunden aufweisen. Weiterlesen

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John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

Der irische Autor John Boyne nimmt in seinem neuen Roman „Die Geschichte eines Lügners“ sein eigenes Metier aufs Korn: die Schriftstellerei.

Maurice Swift ist ein gutaussehender junger Mann, der unbedingt ein berühmter Schriftsteller werden will. Kleines Problem: Ihm fehlt es an Talent. Vor allem tut er sich schwer damit, einen interessanten Plot – also eine Handlung – zu erfinden. Um sein Ziel trotzdem zu erreichen, geht er im weiteren Verlauf dieser Geschichte nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Sein erstes Opfer ist Erich Ackermann, der als 17-Jähriger in der Nazi-Zeit aus Liebe eine große Dummheit begangen hat, indem er den Nazis zwei Juden ausgeliefert hat. Swift schlachtet diese Geschichte zu einem Roman aus, der ihn zwar berühmt macht, aber gleichzeitig Erich Ackermann zugrunde richtet.

Weitere Opfer folgen, darunter sogar Mitglieder aus seiner eigenen Familie. Doch es gibt auch Menschen, die dem Betrüger gewachsen sind: der Schriftsteller Gore Vidal zum Beispiel, also eine nicht fiktive Figur, den unser Anti-Held einmal in seinem Haus an der Amalfiküste besucht. Weiterlesen

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Robert Galbraith: Böses Blut

1195 Seiten – und keine davon langweilig. Und das, obwohl doch manch eine Szene, manch ein Handlungsstrang redundant zu sein scheint; ja auch bei J.K. Rowling, die die Reihe um den Detektiv Cormoran Strike unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt. „Böses Blut“ ist der fünfte Band dieser Reihe, die auch eine Serie ist, denn auch wenn man jeden Band für sich lesen kann, nimmt doch vieles in der Handlung Bezug auf frühere Geschehnisse, entwickeln sich die Protagonisten von Band zu Band weiter.

Der aktuelle Fall von Cormoran Strike und seiner Partnerin Robin Ellacott ist eigentlich ein gerade eben nicht aktueller. Anna Phipps engagiert sie, um nach dem Verbleib ihrer vor 40 Jahren verschwundenen Mutter zu suchen. Die Ärztin Margot Bamborough verschwand 1974 auf dem Weg aus ihrer Praxis zu einem Treffen mit ihrer besten Freundin. Nie wurde geklärt, was mit ihr geschah. Verdächtigt wurde ein zu dieser Zeit gesuchter und später überführter Serienkiller, der unter bestialischen Umständen Frauen entführte, folterte und tötete. Doch er hatte nie zugegeben, auch Margot Bamborough getötet zu haben. Weiterlesen

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Patricia Highsmith: Ladies: Frühe Stories

Es sind nicht nur Ladies, die hier das Zepter beziehungsweise Chloroform in der Hand halten. Auch mündet nicht jede Story im Ableben einer Hauptfigur. Jedoch tragen alle Geschichten die unverwechselbare Handschrift der Meisterin psychologischer, spannender Romane: Patricia Highsmith. Hier geht es weniger um das „Whodunit?“, sondern um das „“Whydunit?“. Um die Motive, Sehnsüchte, Ängste und Psychosen, welche ihre Figuren antrieben. Mit Eleganz, Humor und einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit führen uns Highsmiths Figuren um die Ecke, in Katastrophen, in die wir mühelos schlittern können. Es genügen Kleinigkeiten, um das fragile Konstrukt der Existenz aus der Bahn zu werfen. Ein Brief aus Nachbars Briefkasten. Eine intime Beobachtung auf einem Spielplatz. Hobbies, die ein Eigenleben entwickeln. Der falsche Bahnhof, die falsche Bar – es braucht nicht viel, um auf Abwege zu geraten.

So behandeln die 16 Geschichten dieses Erzählbandes nicht nur Verbrechen im eigentlichen Sinne, sondern Alltagssituationen, bei denen verborgene Emotionen wie Neid, Arroganz, Vorurteile, Einsamkeit oder Zwangsneurosen ans Tageslicht gelangen. Sie verleihen dem Geschehen einen unerwarteten Subtext. Menschen geraten nicht ohne Grund aus dem Lot. Wer die richtigen Knöpfe drückt, kann hinter jeder (New Yorker) Straßenecke in eine plötzliche Ausnahmesituation gelangen. Die Autorin führt uns mitten hinein in die Gedanken ihrer Figuren, lässt als allwissende Erzählerin zudem herrlich schwarzhumorige, trockene Beobachtungen einfließen. Ob Postzustellungen, Schulaufführungen oder das Paarungsverhalten von Schnecken – Sie werden danach die Welt mit anderen Augen sehen… Weiterlesen

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Sebastien De Castell: Shadowblack 02: Karten des Schicksals

Vor vier Monaten war das Leben noch in Ordnung. Kellen wuchs behütet in seinem Dorf auf, wurde zwar von den Gleichaltrigen getriezt, verprügelt und verzweifelte an seiner Unfähigkeit, eine der sechs magischen Kräfte in sich zu wecken, aber hatte zumindest eine Heimat. Dass sein Volk die mächtigsten Magier der Welt stellt, dass ein Jeder mindestens eines der bei der Geburt in die Haut tätowierten Gaben aktiviert erweist sich für unseren Sechzehnjährigen als Nemesis. Er kann partout seine Gaben nicht wecken, legt sich zudem mit den mächtigsten Familien seines Stammes an – und überlebt nur durch die Hilfe einer Argosi, einer Abenteurerin und seines Seelengefährten.

Die Verbannung und Ächtung – immerhin ist eine Belohnung auf seinen Tod ausgeschrieben – führt dazu, dass sie die menschenleere Wüste durchqueren. Erwähnte ich bereits den magischen Steckbrief der jedem Hasardeur Gold verspricht, wenn er nur Kellen vom Leben in den Tod befördert? Während des Kampfes gegen zwei Kopfgeldjäger, die sich nur zu gerne das Preisgeld auf seine Leiche verdienen würden, lernt er eine junge Frau kennen, die von dem Fluch des Schwarzschattens, einer magischen Seuche, heimgesucht wird. Auf der Suche nach Heilung für diese und weitere Infizierte muss unser Trio nicht nur einen finsteren Magier finden und bezwingen, mit Geistern flüstern, sondern auch lernen, wie man ein leibhaftiges Krokodil besiegt … Weiterlesen

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Alexander Oetker: Und dann noch die Liebe

Der namenlose Ich-Erzähler in Alexander Oetkers Buch ist Reporter. Hip, motiviert und professionell lebt er in Paris und in Berlin, arbeitet für zwei Nachrichtensender als Freelancer und ist viel unterwegs.  Wir schreiben das Jahr 2015. Griechenland hat ein gravierendes Finanzproblem, Flüchtlinge drängen nach Europa. Unser Hauptdarsteller ist beim Weltgeschehen vorne mit dabei.  Wenn sich gerade nichts anderes auftut, schläft er bei Bedarf in Berlin mit Kristina, ansonsten nimmt er mit ins Bett, was weiblich ist und gerade am Wege liegt. Alles ganz unkompliziert, alles easy.

Mit dem ist es allerdings vorbei, als er in Brüssel Agapi begegnet, einer Griechin aus dem Tross des griechischen Finanzministers. Sie raubt ihm den Atem und den Verstand.  Nach einer zweiten gemeinsamen Nacht vertraut sie ihm Informationen an, die er in die Welt hinausposaunt.  Daraufhin reißt der Kontakt zu ihr ab. Lange gibt es keine Verbindung zwischen ihnen, bis er sie in Griechenland ganz gezielt sucht und auch findet. Vor dieser dritten Nacht konfrontiert ihn Agapi aber mit einer bitteren Nachricht…

Alexander Oetker webt in die Liebesgeschichte zwischen dem Reporter, der ganz am Ende den Namen Francois erhält, und Agapi noch zwei weitere Handlungsstränge ein.Er erzählt die wahre Geschichte seiner Oma Ilse, die 1945 auf der Flucht vor den Russen durch Deutschland irrt und letztendlich wieder zum Ausgangspunkt Schönwalde zurückkehrt. Weiterlesen

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Yvonne Adhiambo Owuor: Das Meer der Libellen

Eindringlich und einfühlsam erzählt Yvonne Adhiambo Owuor in „Das Meer der Libellen“ die Geschichte einer jungen Kenianerin, die zwischen Tradition und Globalisierung ihren Platz in der Welt sucht. Ein Stück moderne afrikanische Literatur, das aus westlicher Sicht einen spannenden Perspektivwechsel bedeutet.

Ayaana wächst auf der kleinen Insel Pate vor der Küste Kenias auf. Als uneheliches Kind lebt sie mit ihrer Mutter verstoßen vom Rest der Familie am Rande der Gesellschaft. Lange Zeit ist der Ozean ihr einziger Freund, dem sie sich bei nächtlichen Schwimmausflügen anvertraut, bis sie schließlich in dem alternden Matrosen Muhidin einen Verbündeten findet. Muhidin unterrichtet und fördert das kleine Mädchen und legt damit die Grundsteine für ihren weiteren Lebensweg.

Auf Pate scheint sich die Welt noch nach einem ganz eigenen Rhythmus zu drehen. Zwischen dem Duft nach wilden Rosen und Nachtjasmin richtet sich das Leben nach den Gezeiten des Ozeans, der immer wieder Besucher und Anwohner zurück auf die Insel spült oder aber spurlos verschwinden lässt. Während Ayaana aufwächst zeigt sich jedoch, dass Pate nicht so abgeschieden ist wie gedacht. Religiöser Fanatismus, Machtgier und schließlich China, das seine Fühler nach Afrika ausstreckt, machen vor der kleinen Insel nicht Halt. Als junge Frau wird auch Ayaana hinaus in diese Welt getrieben, die Afrika als einen vielversprechenden Rohdiamanten zu betrachten scheint, an dem jeder seine ganz eigenen Interessen hat. Weiterlesen

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