Anett Diell: Das Zimmermädchen vom Adlon

Die Goldenen Zwanziger Jahre in Berlin – das ist der Rahmen, in den „Das Zimmermädchen vom Adlon“ uns entführt. Die Zeit der Weimarer Republik war geprägt durch politische und soziale Probleme, Reparationszahlungen nach dem 1. Weltkrieg, Arbeitslosigkeit und Hunger. Dazu kam eine seit 1914 ständig steigende Inflation, die 1923 schließlich zu einer Hyperinflation führte, bei der ein Brot schon mal eine Milliarde Mark kosten konnte. Erst mit Einführung der Rentenmark konnte die Inflation gestoppt werden.

In dieser Zeit wird Irabella Keller, genannt Ira, 1921 Zimmermädchen im damals schon berühmten Hotel Adlon. Das war immer ihr Traum, jetzt wird er wahr. Mit ihrer offenen, freundlichen Art wird die zupackende Ira bald zum „frischen Wind“ im Hotel, beliebt bei Kolleginnen und Kollegen ebenso wie bald auch bei Hedda Adlon, der zweiten Ehefrau von Louis Adlon, dem Generaldirektor. Hedda entdeckt, dass in Ira viel mehr steckt als ein gewissenhaftes Zimmermädchen, dem nichts zu viel ist. Sie bittet sie bald um Rat und Ideen, die beiden freunden sich an, soweit Irabella das zulässt. Ira ist eine starke junge Frau, die auf ihrer Eigenständigkeit beharrt, die sich nicht abhängig machen will von nichts und niemandem, die sich verschließt, wenn man ihr zu nahe kommt und nur sehr wenige Menschen ihre wirklichen Freunde nennt.

Das muss auch der junge Maxim von Arnau, Erbe einer Restaurantkette erfahren, der sich beim Tanzen in Ira verliebt und sie gerne enger an sich binden würde. Ira lässt das nicht zu. Sie will nicht mehr. Ihr genügt es, Zimmermädchen im Adlon zu sein und hin und wieder sich beim Tanzen, ihrer heimlichen Leidenschaft, zu verausgaben. Dass daraus, dank Maxim, bald mehr und Ira zu einer Berühmtheit in Berlin wird, sieht sie durchaus mit gemischten Gefühlen. Die Beziehung zu Maxim bekommt Risse, als Ira auf seine Freunde trifft, die NSDAP-Mitglieder sind und sich durch unverschämtes Auftreten hervortun. Ira kann ihre Reden über Juden und „richtige Deutsche“ nicht ertragen. Es kommt zum handfesten Streit mit Maxim, bei dem sie ihm sagt, dass auch sie Jüdin ist. Über ihre Kindheit und Herkunft hat sie bisher immer geschwiegen. Immer häufiger enden ihre gemeinsamen Abende in unschönen Diskussionen, ja sogar in Handgreiflichkeiten von Seiten Maxims. Ira zweifelt immer häufiger daran, mit ihm länger zusammen sein zu können. Als ihr bester Freund aus Kindertagen, Louis, ein Jazzmusiker, ihr sagt, er werde Deutschland verlassen und auch sie solle darüber nachdenken, bricht für sie eine Welt zusammen. Als sie nach längerer Zeit zufällig wieder auf den ehemaligen Dauergast im Adlon, den etwas verträumten Dichter Charles trifft, nimmt ihr Leben eine ganz neue Wendung. Charles ist der erste, mit dem sie offen über ihre Herkunft, ihre schrecklichen Erlebnisse in der Kindheit und die Beziehung zu Maxim spricht, der ihr mittlerweile Angst macht, weil er sich nicht im Griff hat. Wie früher ihr Vater. Ira steht vor der Entscheidung, Maxim oder Charles. Als sie Maxim erklären will, warum sie sich von ihm trennen muss, kommt es zu einem tragischen Unfall, der Iras weiteres Leben bestimmt.

Packend erzählt von der ersten Seite an. Ira erleben wir als eine starke, aber auch traurige Persönlichkeit, die ihre Geheimnisse für sich behält, auch wenn es sie erdrückt, die für ein besseres Leben kämpft und dafür vieles auf sich nimmt. Sie bleibt sich treu in jeder Lebenslage. Die beiden Männer, die Iras Leben bestimmen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Beide sind sehr realistisch und authentisch dargestellt, nachvollziehbar in ihren Handlungen und ihrem Wesen. Auch alle anderen Figuren des Romans leben förmlich und lassen die Geschichte um Ira und ihre Geheimnisse lebendig werden. Man erlebt den Glanz dieses glamourösen Hotels, die Flaute, die es übersteht, die Menschen, die hier ein und ausgehen und ihre Marotten. Ein guter Spiegel der Goldenen Zwanziger in Berlin zwischen Umbruch und Aufbruch. Gut recherchiert und umgesetzt, zu keiner Zeit übertrieben oder langatmig.

Anett Diell: Das Zimmermädchen vom Adlon
Gmeiner, April 2026
384 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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