Alia Trabucco Zerán: Mein Name ist Estela

Eine Frau sitzt hinter Gittern. So schreibt sich der Text dieses außergewöhnlichen Romans von Alia Trabucco Zerán, übersetzt aus dem Spanischen von Benjamin Loy. Eine Frau hinter Gittern, die einen 240 Seiten langen Monolog über ihr Dasein als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie hält. Eine Frau hinter Gittern, die ihre Unschuld beteuert und vermeintliche Fäden zieht, um zu erklären, wie es zu jenem schrecklichen Vorfall eines Morgens kam, als die kleine Tochter der Familie plötzlich und leise verstarb. Eine Frau hinter Gittern, die Estela heißt.

Estela beschreibt ihr Ankommen in der Familie, die Señora hochschwanger und kalt, der Señor erfolgreicher Arzt und beide stets adrett und wohlerzogen. Nie sind sie unhöflich zu Estela, nie versäumen sie es, ihr Gehalt zu überweisen, nie wird sie belästigt, und trotzdem erscheint sie in all den Jahren, die sie das Wachsen der Familie begleitet, wie ein Geist. Das Gefängnis, das das vornehme Haus für sie stets darstellt, wechselt sich mit jenem Gefängnis ab, in dem sie sich befindet, während sie erzählt. Ein Gefängnis, das aus verdunkelten Scheiben zu bestehen scheint, hinter denen sie Menschen wähnt, die ihr zuhören, die herausfinden wollen, wie das Mädchen starb und ob sie, die Haushälterin, die triefnass in das Elternschlafzimmer stürmte und zu Señor und Señora sagte „Das Mädchen ist tot“, die Schuldige an diesem Tod ist.

Die Aufmerksamkeit wähnt sie bei sich, nach über sieben Jahren stimmlos in einer fremden Familie. Endlich findet sie die Kraft, um zu erzählen, wie es ist in einem solchen Abhängigkeitsverhältnis, immer da und dennoch unsichtbar, unerwünscht im Familienleben, ein Dasein fristend, das keine eigenen Freuden zulässt, sondern sich der Freude und dem Luxus anderer widmet. Ein Dasein, das das einzig Dreckige ist in einem makellos sauberen Haus, dessen Oberflächen abgestaubt und fleckenlos immerzu glänzen und nicht den Anschein erwecken, als könnte irgendwas im Argen liegen. Doch die Tochter, die heranwächst, mit ihrer beinahe krankhaften Störrigkeit, ihrem schlechten Benehmen, fehlenden Appetit und ihrer Grausamkeit trügt das Bild. Und wenn das Kind den Teig für das Abendessen bis an die Decke schmeißt, bleiben eben doch Flecken, wo keine sein sollten.

In ihrem dunklen Kämmerlein, nur durch eine Glasscheibe von der Küche getrennt, erinnert Estela sich oft an ihre Mutter, die weit draußen auf der Insel arbeitet und stets zu ihr meinte, dass sie sie irgendwann schon ins Herz schließen würde, die Familie, für die sie arbeitet, dass es immer so käme, dass es menschlich sei. Doch Estela kann diese Zuneigung nie aufbringen, für das Mädchen nicht, dessen ganzes Leben sie begleitet und erst recht nicht für die Señora und den Señor. In den sieben Jahren, die sie sich langsam, aber sicher an der fremden Familie abarbeitet, sich abreibt wie an einer Käsereibe, bis beinahe nichts mehr von ihr übrigbleibt, ist sie allein. Letztendlich ist der Tag, an dem sie dem Haus entkommt, auch der Tag, an dem das Mädchen stirbt, der Tag, an dem sie hinter Gittern beginnt, sich endlich Gehör zu verschaffen, den Mund aufzumachen und zu reden, bis keine Worte mehr übrig sind. Doch hört ihr jemand zu? Oder hat sie das eine Gefängnis lediglich gegen ein anderes getauscht, in dem ihre Worte ungehört bleiben?

Alia Trabucco Zerán schafft es mit ihrem Roman, einer Stimmlosen, wie es sie heutzutage noch millionenfach gibt, eine Stimme zu geben, die nicht vergessen wird. So eindrücklich und bewegend beschreibt sie die absolute Bewegungslosigkeit von Estelas Existenz, die keinerlei Fort- oder Rückschritt ermöglicht, keinerlei Perspektive und auch keine Individualität. Nur das Arbeiten, tagein, tagaus, unliebend und ungeliebt, unbeachtet im Hintergrund. Dabei ist sie als Haushälterin die Hauptverantwortliche für das Kind, für das Haus, für ein Leben, das nicht ihr gehört und das sie trotzdem jeden Tag aufs Neue organisiert und manikürt, bis zur endlosen Vorzeigbarkeit. Es ist ein Buch mit verschiedenen Warnungen: vor zu viel Reinlichkeit, die alle Emotionen wegwischt, bevor sie Flecken hinterlassen können; vor zu viel Selbstaufgabe; davor, einem Kind das Kindsein zu nehmen und einem Menschen das Menschsein.

Ein eindrücklicher und schnell zu verschlingender Roman, der in seiner Kürze eine ungewohnte Intensität birgt und das Literatursternchen aus Lateinamerika in unseren Weitblick einbezieht.

Alia Trabucco Zerán: Mein Name ist Estela
Aus dem Spanischen von Benjamin Loy
Hanser Berlin, Februar 2024
240 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Luisa Aufderheide.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.