Sie kennen London? Oder meinen Sie eher – Sie glauben, London zu kennen? Nun, dann steht Ihnen eine Überraschung bevor – zumindest, wenn Sie den vorliegenden Roman goutieren.
Alan Moore ist als Verfasser von Comics weltweit ein Begriff, was sage ich, eine Institution. Kürzlich erschien, ebenfalls bei Carcosa, sein Mammutwerk „Jerusalem“ – ein Roman, der an Joyces „Ulysses“ erinnert und der, ob seiner stilistischen wie inhaltlichen Besonderheiten, nicht einfach zu lesen und zu begreifen ist.
Der Auftakt von „Long London“ – in Großbritannien ist der zweite Band über die Abenteuer Dennis Knuckleyards unter dem Titel „I Hear a New World“ für Frühjahr 2026 in Vorbereitung – ist anders. Vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll, aber dennoch herausragend, eine Bereicherung und ein Leseerlebnis (das ganz nebenbei von Hannes Riffel kongenial ins Deutsche übertragen wurde).
Wie bereits erwähnt, übernimmt London, genauer gesagt das Nachkriegs-London des Jahres 1949, die Hauptrolle.
In dieser Stadt, in der die von den V1 zerbombten Viertel noch vor sich hindarben, begegnet uns ein junger Mann. Dennis Knuckleyard ist 18 Jahre alt, hat keine Familie, kaum Freunde und lebt, mehr schlecht als recht, bei einer etwas zwielichtigen, kettenrauchenden Antiquarin. Als sie ihn aussendet, einen Satz signierter Erstausgaben von Arthur Machen bei einem Buchhändler zu erwerben, ahnt er nicht, dass sein Leben dabei ist, komplett aus den Fugen zu geraten. Dass er statt der mitgegebenen 20 Pfund nur deren 5 bezahlen muss, weckt weder seine Vorsicht noch sein Misstrauen. Er freut sich über ein mehr als gutes Geschäft – bis er seinen Fang seiner Chefin präsentiert.
Diese reagiert panisch! Sie setzt ihn vor die Tür; er darf erst wieder zurückkommen, wenn er das im Konvolut versteckte Büchlein, das es nicht geben dürfte, einem Verantwortlichen überlassen hat. Der Buchhändler, von dem er es bekommen hat, wurde ermordet, der Täter, der Verbrecherkönig Londons ist hinter dem Buch und damit hinter Dennis her.
Seine panische Flucht führt ihn durch ein magisches Tor in ein Parallel-London – „Das große Wenn“ genannt –, eine theoretische Landschaft, die von Archetypen und anderen seltsamen, gefährlichen Wesen bevölkert wird und die philosophische Grundlage des materiellen London bildet.
Doch damit beginnt für unseren jungen Protagonisten erst die Reise, die ihn zu Ganoven, einer aufgeweckten Prostituierten, einem Serienkiller und Wesen aus dem Großen Wenn führt …
Vor der Kulisse des düsteren Nachkriegs-London offeriert uns Moore eine Geschichte, die ganz eigen daherkommt. Man mag ein klein wenig an die experimentellen Titel Michael Moorcocks erinnert sein, doch Moore hat sein Werk weit stringenter und damit lesbarer aufgebaut.
Moore erzählt uns zunächst eine spannende, zum Teil anrührende Geschichte. Seine Figuren sind allesamt Gestalten, die vieles erlebt, viel gelitten und erduldet haben. Und doch sind es Figuren, die immer wieder den Mut finden, weiterzumachen, aufzustehen, voranzugehen. Es sind lebendig gezeichnete Charaktere, die uns Mitleid, aber auch Achtung abnötigen.
Dazu trägt ein innewohnender, mit Zynismus gepaarter Humor bei, der uns immer wieder skurrile Momente und Situationen offeriert und uns ein einzigartiges Bild präsentiert. Es gab schon so einige Parallel-London, doch eine solche Welt voller Archetypen, die ein düsteres, schmutziges, aber eben auch interessantes und auf ihre Weise faszinierend-schönes Bild von London vermittelt, habe ich noch nie gelesen.
Der Roman ist keine einfache Lektüre. Die oftmals verschlungenen Sätze muss man auf sich wirken lassen, sich konzentrieren, sich einlassen und mitdenken. Dann erwartet uns eine Liebeserklärung an London, an die Literatur und Kunst, die in eine wunderbare Abenteuerreise verpackt wurde.
So ist dies ein Buch, das zunächst auf leisen Sohlen mit seinen Figuren und der prächtigen, morbiden, skurrilen und detailreich aufbereiteten Kulisse seine Lesenden in seinen Bann zieht. Ein Buch voller intimer Momente, voller augenzwinkerndem Humor, voller Gewalt und Verzweiflung, aber auch voller Hoffnung.
Alan Moore: Das Grosse Wenn – Long London Band 1
Aus dem britischen Englisch übersetzt von Hannes Riffel
Carcosa Verlag Oktober 2025
410 Seiten, Paperback, Euro 24,00
Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.
