Sarah Moss: Zwischen den Meeren

Ally und Tom heiraten. Beide lieben ihre Freiheit und wollen sich gegenseitig darin unterstützen. Nachdem Ally mit Bestnoten eine der ersten Ärztinnen in England geworden ist und eine bezahlte Stelle sucht, wird Tom von seinem Chef nach Japan geschickt. Für viele Monate soll der erfahrene Ingenieur den Bau von erdbebensicheren Leuchttürmen unterstützen.

Ally und Tom gehen auf Zeit eigene Wege.

Sarah Moss hat mit ihrem aktuellen Roman Zwischen den Meeren die Geschichte ihrer Heldin Ally fortgeführt. Während im Roman Wo ist Licht die junge Ally den grausamem Erziehungsmethoden ihrer Mutter entflieht, um zu studieren, glaubt die Dreißigjährige nach ihrem abgeschlossenen Medizinstudium alles geschafft zu haben. Doch Ally irrt sich. Sie braucht eine Antwort auf die Frage, ob eine berufstätige Ärztin auch Ehefrau sein kann. Sie weiß, dass insbesondere Frauen ihrer Grundrechte beraubt, unterdrückt und ausgebeutet werden. Das Patriarchat hat ihr zwar über das Studium ein Schlupfloch in die Unabhängigkeit erlaubt, doch die Akzeptanz in der englischen Gesellschaft fehlt. Dies wird besonders deutlich in der tragischen Mutter-Tochter-Beziehung. Die Autorin zeigt eine seelisch verletzte Frau, der das Kämpfen nicht liegt. Auf der einen Seite hat die Wissenschaftlerin eigenständiges Denken gelernt, und auf der anderen Seite wurde ihr Gehorsam und Demut eingeprügelt.

Die starren Regeln der englischen Gesellschaft stellt auch Tom in Frage. Der Abstand zur Heimat und das Eintauchen in die japanische Lebensweise verändern zunächst seine Wahrnehmung und schließlich auch seine Ansichten und ihn selbst. „Er denkt daran, wie Ally über Medizin und Armut spricht, über die Ungerechtigkeit eines Frauenlebens.“ (S. 315)

Sarah Moss beschreibt anschaulich das anstrengende Leben der arbeitenden Schicht, der häufig das Geld für Energie und Essen fehlt. Keine Kohlen im Winter zu besitzen, bedeutet chronische Erkrankungen und für die Schwächsten ein verkürztes Leben.

Auch Ally erweitert ihre Perspektive: „Kriege wurden begonnen und beendet. Ein Gesetz wurde erlassen, das es verheirateten Frauen erlaubt, selbst über ihr Eigentum zu verfügen, das Volljährigkeitsalter wurde geändert.“ (S. 340) „Sie denkt an die Frauen zwischen der Institution Anstalt und der Institution Ehe. Der Kummer so vieler Frauen … beginnt mit der Ehe, mit der Erwartung, glücklich und zufrieden zu sein.“ (S. 402)

Sarah Moss hat die weise Entscheidung getroffen, in ihrem poetischen Schreibstil eine Fülle an Informationen lebendig zu beschreiben. Die Natur, das Meer, Orte und Gegenstände wirken so authentisch, als seien sie viel mehr als nur die Bühne für Freidenker. Die von Nicole Seifert übersetzte Geschichte zeigt, wie wichtig freie Entfaltung und Gedanken sind, um eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu ermöglichen. Deshalb darf man ihren wunderschön erzählten Roman auch als Hohelied auf die Freiheit wahrnehmen, eine Freiheit, die geschlechtsunabhängig sein muss, damit sie funktioniert.

Sarah Moos: Zwischen den Meeren.
Unionsverlag, Februar 2021.
416 Seiten, Taschenbuch, 13,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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