Christian Siry: Aussteiger Storys: Von Menschen, die auszogen, ihren Traum zu leben

Ja, es bedient viele Klischees, und gleichzeitig löst es sie immer wieder in ihre Bestandteile auf. Ich fühle mich wie Chewbacca, dieser Bären-Hunde-Yeti von Star Wars, in der Taverne auf dem Planeten Tatooine, wo sich jegliches Weltraumvolk auf ein Bier oder ein psychedelisches Tröpflein trifft. Viele bunte Wesen, die in vielen bunten Welten leben und nun einen dicken Farbtupfer ins nordhessische Fachwerk-Schwarz-Weiß klecksen.“ (S. 149)

Der Autor Christian Siry ist einen Sommer lang in seinem Bus durch Deutschland gereist und hat elf Menschen getroffen, um ihre kunterbunten Lebenskonzepte zu zeigen. Dabei hat er die Welt nicht in ihrer Weite, sondern in ihrer Tiefe ausgelotet und erzählt „vom Aussteigen aus einer genormten Realität und Einsteigen in ein Paralleluniversum, welches dann beginnt zu existieren, wenn wir es für möglich halten.“ (S. 11)

Beim Lesen hat mich der wundervoll lebendige Schreibstil begeistert, der mich superschnell tief eintauchen ließ. Die einzigartigen Illustrationen von Piwi Howland haben mich zusätzlich jede Seite, auf der sie mich überrascht haben, genießen lassen. Weiterlesen

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Dr. med. Ragnhild Schweitzer & Jan Schweitzer: Die Magie unserer Sinne

„Unsere Sinne sind wie Schätze, die mehr oder weniger verschüttet sind und nur darauf warten, ausgegraben zu werden und uns zu überraschen.“ (S. 15)

Welchen Sinn zu verlieren bereitet dir am wenigsten Angst? Der effektvolle Color Splash springt dem Leser nicht nur auf dem Cover entgegen, sondern auch auf den Innenseiten der Klappumschläge. Genauso erfrischend wie das Cover ist dieser „Sinngeber“ (Ratgeber) geschrieben. Nur einen kleinen Deut spannender hätten die 366 Seiten für mein Empfinden – am liebsten in allseits geschätzter Storytelling-Manier – formuliert sein können.

Das Autorenpaar gewährt uns in ihrem kunterbunten Potpourri einen interessanten Einblick die große weite Welt unserer Sinne. Dabei präsentieren sie allerlei interessante Fakten, Studien, Erkenntnisse und sogar Spiele oder Rezepte (bspw. Apple Crumble, Pasta, Brot). Ein wahres Fest für die Sinne – auch dank der Tipps für Neuentdeckungen. Es gibt eine Audiothek mit sogenannten Fieldrecordings, wie Regen und Donnergrollen oder Schritte auf Waldboden. Oder ein Onlinearchiv für verschwindende Geräusche, wie z. B. eine analoge Schreibmaschine oder ein Wählscheibentelefon. Weiterlesen

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Margit Schreiner: Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe

Margit Schreiner schreibt Autofiktion. Deswegen heißt die Protagonistin in ihrem Buch ebenfalls Margit und lebt in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Linz an der Donau. In „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärung“ hat die Autorin ihre Kindheit geschildert, mit diesem neuen Buch nimmt sie die Leser mit in ihre Jugend Anfang der 1970-er Jahre.

Margit ist aufgeweckt, neugierig und macht es ihren Eltern nicht gerade leicht. Das Gymnasium steht sie mit mittelprächtigen Zensuren durch, privat lungert sie mit langhaarigen, linksorientierten Halbstarken herum, wie ihre Eltern ihre Freizeitgestaltung bezeichnen. Die Protagonistin bewegt sich zwischen Brav sein und den Verlockungen des wilden Lebens.  Gemeinsam mit ihrer Freundin Gabi passiert ihr allerlei Peinliches, Lustiges und Kurioses. Margit Schreiner schildert Urlaubsreisen nach Caorle, glückliche und weniger glückliche erotische Begegnungen und alle nur erdenklichen Nöte des Erwachsenwerdens. „Selbstbestimmung“, „Befreiung von Zwängen“, „Emanzipation“ liegen in der Luft. Weiterlesen

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Nathalie Stüben: Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens

Es gibt viele Möglichkeiten, Abhängigkeit zu intellektualisieren und zu ästhetisieren, meistens versucht man aber, damit einer unbequemen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.“ Daniel Schreiber in seinem Buch Nüchtern (Zitat S. 52)

Alkohol, das Accessoire der Erwachsenen? Ich persönlich finde es absurd, dass man sich manchmal noch immer in Gesellschaft (Familie, Freunde, Kollegen) rechtfertigen muss, wenn man keinen Alkohol trinkt. Die Blicke, die einfach nicht glauben können, dass man nicht mittrinkt.

Dies ist wieder eines der wenigen Bücher, die ich innerhalb weniger Stunden durchgelesen habe. Dennoch stelle ich meinen größten Kritikpunkt direkt an den Anfang: Wir erfahren bis zum Ende nicht, wie genau die Autorin es geschafft hat, abstinent zu werden. Auch von Rückfällen oder Rückschlägen ist keine Spur. Da hätte ich mir ein wenig mehr Seele gewünscht. Dazu noch einen differenzierteren Blick auf die Komplexität des Themas. Weiterlesen

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Leïla Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht

Leïla Slimani hat dieses Buch, in dem sie über sich selbst und ihr Schreiben berichtet, ihrem Freund Salman Rushdie gewidmet.

Schreiben lässt sich nicht erzwingen, Schreiben ist ein innerer Drang, dem man nicht entkommen kann, davon ist die Schriftstellerin, Aktivistin und Feministin überzeugt. Dennoch lässt sie sich auf den Vorschlag ihrer Lektorin ein, eine Nacht allein zwischen Kunstwerken in einem Museum in Venedig zu verbringen, um auszuprobieren, ob und in welcher Form dieses Eingesperrtsein sich auf ihre Gedankengänge und so auch auf ihr Schreiben auswirkt. Ihre anfängliche Skepsis schlägt bald um. Der Schreibprozess geht einher mit Einsamkeit und ganz bestimmt gibt es hierfür kaum einen geeigneteren Ort als ein menschenleeres Museum.  Mit dem nächtlichen Durchstreifen der Flure und dem Betrachten der Kunstwerke öffnen sich immer wieder neue Perspektiven, die Gedankenströme auslösen, die sehr persönlich sind. Wir erfahren von Slimanis beiden wesentlichen Lebensstationen: Von ihrem Geburtsland Marokko und ihrer späteren und jetzigen Heimat Paris. Weiterlesen

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Madeleine Becker: Erstmal für immer

Madeleine Becker studiert in Jena und ist zusätzlich Bloggerin. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie mit mehreren Jobs. Das ist sehr stressig. Um mal zu Atem zu kommen, beschließt sie im Spätsommer 2018, einen Roadtrip durch Österreich zu starten. In Kärnten bleibt sie auf einem Campingplatz mit Bauernhof „kleben“. Es gefällt ihr so gut in dem Ort Mörtschach, dass sie ihre gesamte Österreich-Zeit dort verbringt und wiederkommt. Schließlich ergattert sie sogar einen Praktikumsplatz auf dem Lindlerhof und letzten Endes eine feste Anstellung. Frau Becker muss am Campingplatz, in der dazugehörigen Gastro, im Garten, auf Wiese, Alm und Feld und im Kuhstall mit anpacken. Die Arbeit verlangt ihr alles ab, aber sie möchte nirgendwo anders mehr sein. Seit sie denken kann, ist das Leben mit Tieren ihr großer Traum. Hier wird er wahr. Darum schließt sie flott ihr Studium ab und wechselt vom Hörsaal in den Kuhstall.

Begeistert und mit viel Herzenswärme erzählt die Autorin von den tierischen „Mitarbeitern“ auf dem Hof, von Freud und Leid, Geburten und Tod, von vielen schönen und auch von schweren Momenten. Und Madeleine findet die Liebe… Weiterlesen

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Eva-Maria Bast: Miss Würzburg

Was nützt ein interessanter, vielleicht sogar etwas spannender Plot, wenn der Schreibstil einfach nur schlimm ist? Dann macht die Lektüre eines Romans schlicht keine Freude.

So im vorliegenden Buch, dessen Handlung sich in den Nachkriegsjahren zuträgt. Es geht um eine junge Frau, die unerwartet zur Miss Würzburg – in dieser Stadt spielt der Roman – gewählt wird. Wie immer in solchen Fällen ergibt sich für die Betreffende daraus einiges an Möglichkeiten. Sie wird zu Modenschauen eingeladen, muss für Werbung zur Verfügung stehen und vieles mehr. Dies bedeutet Reisen, Trennung von der Familie, andererseits aber auch ein nicht zu verachtendes Einkommen.

Dies alles trägt sich zu für die junge Luisa, die mit ihrer Mutter im zerstörten Würzburg lebt. Kurz nach dem Krieg heiratet sie ihre Tanzstundenliebe Hannes, eine Tochter wird bald darauf geboren. Hannes, mehr oder weniger erfolgreicher Theaterschauspieler, kommt nicht gut klar mit dem Erfolg seiner Frau. Hinzu kommt eine Erkrankung des Kleinkindes, was Luisa das Reisen zusätzlich schwer werden lässt. Es kommt, wie es kommen muss. Hannes sucht anderweitig Ablenkung und Bestätigung, auch Luise denkt oft an einen anderen Mann, den sie vor Jahren traf. Weiterlesen

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Charles Pépin: Kleine Philosophie der Begegnung

Einige Begegnungen grenzen fast an Magie. Plötzlich glaubt man, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Man fühlt sich, als hätte man erst durch diese Person zu sich selbst gefunden.

In dem Sachbuch „Kleine Philosophie der Begegnung“ zeigt Charles Pépin, dass jeder zwischenmenschliche Kontakt nicht nur eine Begegnung mit der Welt, sondern auch eine Begegnung mit sich selbst ist. Der Schriftsteller, der Philosophie unterrichtet, entfaltet seine Argumentation anhand großer Denker des 20. Jahrhunderts, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen und deren fundamentalen Bedingungen beschäftigt haben – von Aristoteles über Sigmund Freud, Martin Buber und Simone Weil bis hin zu Jean-Paul Sartre. Doch dabei bleibt es nicht: Pépin beleuchtet Begegnungen auch von der anderen Seite und entführt einen in die Welt derer, die bezaubernde Begegnungen in Szene gesetzt haben, also unter anderem Maler, Filmregisseure und Romanschriftsteller. Nicht zuletzt erzählt er von bekannten Werken, die ohne eine Begegnung nicht entstanden wären – spannende Geschichten und Details vorprogrammiert.

Essentiell für ein Sachbuch – vor allem für eines, das sich mit Philosophie beschäftigt – ist eine klare Struktur, die es einem erleichtert, dem Inhalt zu folgen. Das ist Pépin hervorragend gelungen. Gefolgt von einem Inhaltsverzeichnis und einer kurzen Einleitung unterteilt sich das Werk in drei Teile. Zuerst klärt Pépin darüber auf, was man unter einer wahrhaftigen Begegnung versteht. Weiterlesen

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Martin Suter: Einer von euch: Bastian Schweinsteiger

Martin Suter schätze ich seit „Small World“ als Autor guter Geschichten. In seinem aktuellen Buch wagt er sich mit der Romanbiografie von Bastian Schweinsteiger auf neues Terrain. Von letzterem wusste ich bis vor kurzem gerade mal, dass es ihn gibt, irgendwas mit Fußball und ich hätte ihn weder optisch noch faktisch von zum Beispiel Stefan Effenberg – auch ein Fußballer mit langem Namen – unterscheiden können. Die große Frage ist, ob es dem Autor gelingt, mir einen Menschen nahezubringen oder wenigstens zu erklären, dessen Leben, obwohl wir uns im gleichen Land befinden, mit meinem augenscheinlich nichts gemeinsam hat.

Um es kurz zu machen: Es ist gelungen – sowohl das Nahebringen als auch das Erklären. Aber so richtig zufrieden bin ich nicht.

Gleich zu Beginn stellt sich ein Gefühl von Vertrautheit ein. Ich lese von Kindheitserlebnissen, Familienunternehmungen, von kleinen Ängsten und großen Freuden und von behütetem Aufwachsen. Die Eltern erkennen das sportliche Talent und geben ihm Raum. Weiterlesen

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Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 – 1910

In Corona-Zeiten beschäftigt man sich – und das ist sicher sinnvoll – mit der Geschichte von Epidemien. Mehrere Veröffentlichungen und Wiederveröffentlichungen zur Spanischen Grippe vor gut hundert Jahren hat es hier gegeben – und wir erkennen, teilweise mit Schrecken, die Parallelen, Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur heutigen weltweiten Pandemie.

Mit „Tod in Hamburg“ – der Titel klingt fast wie ein Krimi – bringt nun der Pantheon-Verlag ein gewichtiges Paperback in die Buchläden, das sich der Geschichte von „Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren“ zwischen 1830 und 1910 widmet.

Diese umfangreiche Studie von über 900 Seiten stammt eigentlich aus dem Jahr 1987, es handelt sich um eine Wieder-Veröffentlichung; der Verfasser hat lediglich ein neues, aktuelles Vorwort beigesteuert. Richard J. Evans ist unter den Historikern eine feste Größe. Geboren 1947, waren vor allem die Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aus der Feder des Cambridge-Professors bahnbrechend. Sein Werk „Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914“ ist Meilenstein und Standardwerk in einem.

Im Gegensatz zu der damals sehr teuren Ausgabe ist Evans‘ große Hamburg-Studie nun in einem preiswerten und doch wertigen Paperback erschwinglich. 928 Seiten, dazu Karten, Diagramme, Statistiken und zahlreiche Fotografien lassen die Zeit wiederaufleben. An jeder Stelle spürt der Leser, dass Evans seinen Stoff vollkommen überblickt und mit souveräner Quellensicherheit zu Werke geht. Weiterlesen

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