Arthur Machen: Die drei Häscher (1895)

Arthur Machen gehört zu den, zumindest im Deutschen Sprachraum, unbekanntesten klassischen Phantastik-Autoren. Einzelne Bücher von ihm erschienen in der Bibliothek von Babel (Edition Weitbrecht), bei Suhrkamp und JMB sowie, 1993/1994 publiziert, eine sechsteilige Werksausgabe bei Piper.

Letztere, von Joachim Kalka damals kongenial ins Deutsche übertragene Edition dient als  Grundlage für die längst überfällige Neuedition, die der Elfenbein Verlag nun in drei Jahren schultert. Joachim Kalka steuert neben den Übersetzungen auch bislang unveröffentlichter Texte jeweils ein informatives Nachwort bei, das die Erzählung einordnet und uns den Verfasser näher bringt.

Vorliegend, bei Piper unter „Botschafter des Bösen“ veröffentlicht und nun um eine inhaltlich wunderbar passende Erzählung ergänzt, erwartet den Leser ein als Roman titulierter Text. In eine lose und eigentlich recht uninteressante Rahmenhandlung hat der Autor dabei diverse Erzählungen zusammengefasst und berichtet uns von einer klassischen Goldmünze, die ihrem jeweiligen Besitzer nicht unbedingt Glück und langes Leben verschafft, von einem britischen Gentleman im Wilden Westen, der beinahe massakriert wird, von einem Professor, der dem alten Volk, besser bekannt unter dem Begriff Elf auf der Spur ist und von einem Mann, der um sein medizinisches Leiden zu kurieren, unbeabsichtigt ein Höllengebräu zu sich nimmt … Weiterlesen

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Richard Yates: Easter Parade (1976)

Der amerikanischer Meister vielschichtiger Charaktere hat es wieder geschafft: Er packt uns mit Haut und Haar, lässt uns tief ins Gefühlsleben seiner Protagonisten eintauschen. Hier sind wir nicht Zaungäste, hier sind wir Mitwisser, Mitdenker, Mitfühler. In diesem ausgefeilten Roman zeichnet er das Schicksal zweier ungleicher Schwestern im Amerika der 30er bis 70er Jahre nach. Gezeichnet durch die Scheidung ihrer Eltern, getrieben durch die ständigen Umzüge ihrer Kindheit, geprägt durch ganz unterschiedliche Vorzüge, versuchen sie ihr Leben auf unterschiedliche Weise in die Hand zu nehmen. Die schöne Sarah, Liebling des Vaters und der Männer, heiratet früh und bekommt drei Söhne. Die magere Emily tut sich durch intellektuelle Stärke hervor, studiert und schlägt eine journalistische Laufbahn ein. Glücklich werden beide nicht. Denn wie heißt es doch so schön: Wohin du auch gehst, du nimmst dich selbst immer mit.

Ihre Mutter will ein Leben voller Flair und schafft es nur bis zur nächsten Cocktailstunde. Emily und Sarah wachsen nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihrer Mutter Pookie auf, einer erfolglosen Immobilienmaklerin. Der Vater arbeitet in der Redaktion einer New Yorker Zeitung, er ist allerdings kein Reporter, sondern redigiert lediglich. Außerdem schreibt er Überschriften, laut seiner ältesten Tochter die wichtigste Aufgabe von allen. Die schöne Sarah fällt durch ihre weibliche Figur schon früh dem anderen Geschlecht ins Auge, heiratet einen Ingenieur, bekommt drei Söhne und lebt auf Long Island. Weiterlesen

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William Melvin Kelley: Ein anderer Takt (1962)

Juni 1957 in einem fiktiven Staat im Südosten der USA: In der Kleinstadt Sutton lungern ein paar weiße Männer – wie so oft – auf der Veranda von Thomasons Lebensmittelgeschäft herum, als ein Lastwagenfahrer sie nach dem Weg zur Caliban-Farm fragt. Seine Ladung, ein Berg von weißen Steinsalz-Kristallen, kommt den Männern seltsam vor. Doch erst als sie erfahren, dass Tucker Caliban genau dieses Salz auf seinen Feldern verteilt, werden sie neugierig und machen sich auf den Weg zur Farm. Dort werden sie Augenzeugen von Ereignissen, die niemand wirklich versteht: Der dunkelhäutige Tucker Caliban, in dem das Blut des legendären „Afrikaners“ fließen soll, zerstört seinen gesamten Besitz, die Äcker, die Tiere, das Haus und bricht mit wenig Gepäck, Frau und Kind auf.

Als die gesamte schwarze Bevölkerung des Ortes und sogar des Staats es ihm gleichtut, stehen die weißen Männer staunend zusammen und fragen sich, was das zu bedeuten hat. Einzig der kleine Harold, genannt Mister Leland, hat gewagt, Tucker nach dem Grund seines Weggangs zu fragen und nur zu hören bekommen, dass er – Harold – noch nichts verloren hätte. Was das bedeuten könnte, erklärt ihm Reverend Bradshaw, ein anscheinend wohlhabender Besucher aus den Nordstaaten, der von den Ereignissen gehört hat und ihnen auf den Grund gehen will: „Ich glaube, er hat gemeint, dass man ihm etwas gestohlen hat und dass er das lange Zeit nicht gewusst hat, weil er nicht wusste, dass das, was man ihm gestohlen hat, überhaupt ihm gehörte. Verstehst du?“ (Zitat aus Kapitel „Mister Leland“).

Diese Aussage ist für mich der Kerngedanke von William Melvin Kelleys Debüt-Romans „Ein anderer Takt“, der 1962 erschienen ist. Weiterlesen

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Joseph Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (1936)

Ein Politiker, ein Cricket-Spieler, ein Maler, ein Klatschreporter, ein Wurstfabrikant, eine Krimiautorin, eine Schauspielerin und eine faszinierende Witwe namens Nadine Leveridge – diese und andere illustre Gäste hat Lord Aveling zu einem Wochenende auf seinem Landhaus Bragley Court eingeladen. Der verschuldete Adlige will nach außen hin die Fassade wahren, nützliche Kontakte pflegen und nebenbei seine Tochter mit einem aufstrebenden Politiker verkuppeln. Doch es soll anders kommen…

Unfreiwillig platzt John Foss in diese bunt zusammengewürfelte Gesellschaft hinein. Als er am Bahnhof stürzt, nimmt ihn die schöne Nadine kurzerhand mit in das Landhaus. Dort soll sich John auskurieren. Als unerwarteter dreizehnter Gast lässt das Unglück nicht lange auf sich warten. Aufgrund seines verletzten Fußes ist John in einem Vorzimmer im Eingangsbereich untergebracht, wo er unfreiwillig Zeuge merkwürdiger nächtlicher Szenarien wird. Nach dem Motto „Der Beobachter sieht vom Spiel am meisten“ gewinnt John ungeahnte Einblicke in die Geheimnisse der Geladenen. Dieses Wissen ist für Kriminalinspektor Kendall bald Gold wert: Denn nach einem zerstörten Gemälde geht es diversen Vier- und Zweibeinern auf Bragley Court an den Kragen. Weiterlesen

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Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt (1962)

Constance Blackwood und ihre Schwester Mary-Katherine, genannt Merricat Blackwood, der senile alte Onkel Julian und Kater Jonas leben gemeinsam im Blackwood Anwesen. Jeden Dienstag und Freitag geht Merricat, obwohl sie es hasst, ins nahe gelegene Dorf, um Lebensmittel einzukaufen und Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Für die jüngere der beiden Blackwood Schwestern ist es ein wahres Spießrutenlaufen, wird sie doch von den Dorfbewohnern angefeindet, ja so mancher begegnet ihr mit offen zur Schau getragenem Hass.

Grund für den schlechten Ruf der wohlhabenden Familie ist ein Massenmord, der das Geschlecht vor ein paar Jahren dezimierte. Arsen im Zucker sorgte dafür, dass nur drei der früheren Bewohner des Anwesens überlebten, Constance wurde damals wegen Mordes angeklagt, letztlich aber frei gesprochen. Constance, die das Haus nicht mehr verlässt, geht ganz im Gärtnern und Kochen auf, während Julian sich dem Niederschreiben der Familienchronik widmet. Als sich ein entfernter Cousin der Familie bei ihnen einnistet, um auf das vermeintliche Vermögen zuzugreifen, fühlt Merricat sich in ihrer Existenz bedroht – das Unheil nimmt seinen Lauf … Weiterlesen

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Barbara Pym: Vortreffliche Frauen (1952)

London nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mildred Lathbury ist eine Pfarrerstochter über Dreißig. Anders ausgedrückt: eine alte Jungfer! Zudem ist sie eine „vortreffliche“ Frau – fleißig, bescheiden, anspruchslos, stets um das Wohlergehen anderer bemüht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, arbeitet halbtags für eine Organisation, die sich um verarmte Witwen kümmert und bringt sich in ihrer Freizeit in der Kirchengemeinde ein. Einen Mann vermisst sie nicht, dafür hat sie gute Freunde wie den Gemeindepfarrer Julian Malory und seine Schwester Winifred.

Mit dem beschaulichen Leben ist es vorbei, als das Ehepaar Napier in Mildreds Haus einzieht. Die Anthropologin und der ehemalige Marine-Offizier führen ein exotisches Leben. Sie trinken bevorzugt Wein statt Tee und debattieren doppelzüngig über allerlei anrüchige Themen, angefangen beim Klopapier bis hin zu italienischen Mätressen. Hinzu kommen ständige Streitereien. Von dieser Welt ist Mildred ebenso fasziniert, wie überfordert. Denn schneller als ihr lieb ist, wird sie in ein Ehe-Drama hineingezogen. Zum einen harmonieren die chaotische Helena und der ordnungsliebende Rockingham im Alltag nicht besonders. Zum anderen scheint sich Helena zu ihrem Kollegen, dem Anthropologen Everand Bone, hingezogen zu fühlen. Rockingham ist hingegen ein Charmeur und Frauenheld erster Güte. Auch Mildred ist gegen diesen Charme nicht immun. Wohl wissend, dass sich dies bei einem verheirateten Mann nicht gehört. Weiterlesen

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Hans Fallada: Malheurgeschichten (1930)

Galgenhumor vom Feinsten: Die Kurzgeschichten und Episoden dieses Buches handeln von Menschen, die scheitern, aber trotzdem weitermachen. Irgendwie. Hans Fallada, Autor von „Kleiner Mann, was nun“, macht weder vor Gutsherren, Beamten, Nazis, Bauern, Dieben, herrenlosen Weibern oder Sturköpfen aller Art Halt. Nach dem Motto: „Wenn neunundneunzig Dinge misslungen sind, kann das hunderste doch gelingen.“ Kann… muss aber nicht!

Ein gerissener Schneidergesell versucht, in einer spiegelverkehrten „Hans im Glück“-Geschichte ein paar Bauern hereinzulegen. Junge Wandersleute ziehen einen faulen Wirt über den Tisch, ein Bettler einen abergläubischen Verkäufer. Ehelicher Zwist kann durch Kleinigkeiten wie eine offene Tür hervorgerufen werden. Eine strenggläubige Gutsherrin will die sündige Magd zur Reinheit bekehren – ein Schuss, der böse nach hinten losgeht. Fallada hat ein untrügliches Gespür für die absurden Untertöne des Alltags. Besonders deutlich kommt dies in der Geschichte „Das Groß-Stankmal“ zum Tragen. Weiterlesen

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Agatha Christie: N oder M? Ein Fall für Tommy und Tuppence (1941)

Das Ehepaar Tommy und Tuppence Beresford war im Ersten Weltkrieg ein erfolgreiches Spionageteam. 1941 gehören sie zu den Alten, die keiner mehr braucht. Und während sie versuchen, sich mit dem Stillstand abzufinden, bekommt Tommy einen geheimen Auftrag. In Leahampton, einem verträumten Ort an der Südküste von England, wird die Pension Sans Souci verdächtigt, Anlaufstelle von englischen Verrätern zu sein. Ein Agent starb bereits bei der Suche nach den zwei übergelaufenen Agenten N und M. Und bis sein Ersatzmann erscheint, soll Tommy in der Rolle eines harmlosen Witwers das Feld nach möglichen Verdächtigen sondieren. Womit jedoch keiner gerechnet hat, ist Tuppence Raffinesse. Drei Tage vor Tommy taucht sie in der Pension Sans Souci auf.

Viele scheinbar harmlose Gäste logieren einträchtig nebeneinander, bis die Gefahr eines Angriffs der Deutschen auf London vorbei ist. Plötzlich wird die kleine Tochter eines Gastes entführt. Der Schock und die Überraschung führen dazu, dass die harmlosen Gäste nicht mehr ganz so harmlos aussehen wie vorher. Weiterlesen

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Jörg Fauser: Rohstoff (1984)

Jörg Fauser war eine Art Bürgerschreck und Kultautor der 80er-Jahre. Er sah sich selbst in der Tradition bekannter amerikanischer Beatnik-Autoren wie Jack Kerouac und William S. Burroughs, die auf bürgerliche Konventionen pfiffen und ihr Leben lieber den Drogen, dem Alkohol und der Liebe widmeten. Nun hat der Schweizer Diogenes-Verlag dankenswerterweise drei Bücher mit Werken Fausers wiederaufgelegt, eines Autors, der nur 43-jährig im Jahre 1987 beim Versuch starb, eine Autobahn im Vollrausch zu überqueren.

In „Rohstoff“, erstmals erschienen 1984, wendet er sich der Zeit um 1968 zu, die zumindest in den Großstädten durch die Studentenrevolte, die Kommune I, besetzte Häuser und das Aufkommen der RAF geprägt war. Fausers Protagonist Harry Geld, ein Alter Ego des Autors, bewegt sich stets am Rande dieser Szene, ohne selbst je im Mittelpunkt zu stehen. Dabei ist die Selbstironie ein gut funktionierendes Stilmittel, dessen sich der Autor durchgängig bedient. Weiterlesen

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Raymond Queneau: Zazie in der Métro (1959)

„Zazie in der Métro“ ist ein französischer Kultroman aus dem Jahre 1959. Autor Raymond Queneau arbeitet darin mit allerlei Wortschöpfungen, Wortspielen, Gossensprache, fehlerhafter Grammatik und Orthografie. Bereits das allererste Wort macht deutlich, wie es in diesem Roman zugeht: „Waschtinkndiso“ steht hier für „Was stinkt denn die so?“ Ein solches Werk in eine andere Sprache zu übertragen, dürfte für einen Übersetzer die Höchstschwierigkeitsstufe sein. Frank Heibert, der unter anderem auch die Werke von Richard Ford oder Don DeLillo ins Deutsche übertragen hat, hat sich an eine Neuübersetzung gewagt. Das Ergebnis wirkt frisch, zeitgemäß und ungeheuer witzig.

Die Handlung ist fast nebensächlich, weil die Sprache in diesem Roman das Wichtigste ist – passenderweise wiederholt Papagei Laverdu als Running Gag immerzu einen Satz, den er gelernt hat: „Du quatscht und quatscht, sonst hast du nichts zu bieten“. Weiterlesen

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