Henry Beston: Das Haus am Rand der Welt (1928)

Henry Bestons Plan war ursprünglich, zwei Wochen auf der Halbinsel Cape Cod in Massachusetts zu verbringen. Doch aus zwei Wochen wird ein ganzes Jahr. Beston lebt in dieser Zeit in einem kleinen Holzhaus, das er Fo’castle nennt. Hier ist er mit sich und der Natur die meiste Zeit allein. Die einzigen Nachbarn sind die Männer der Küstenwache von Nauset, die etwa zwei Meilen entfernt stationiert sind.

Beston hält seine täglichen Naturbeobachtungen schriftlich fest. Als Leser staunt man von Seite zu Seite, wie vielfältig er die Veränderungen von Geologie, Tönen, Farben, Stimmungen wahrnimmt und dies alles in einer schönen, treffenden Sprache beschreibt.

So erfährt man zum Beispiel, in welcher Weise, welcher Gestalt und mit welchen Geräuschen der Ozean auf den Strand trifft, und dass am Strand bei Nacht eine ganz besondere Stimmung mit ganz eigenen Tönen und Klängen herrscht. Beston beschreibt hier ein trockenes Zischeln eines sich endlos fortbewegenden Sandes und ein rhythmisches Auflaufen der Wellen so detailgetreu, dass man sich mitten in dieses Geschehen hineinversetzt fühlt. Weiterlesen

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Karl Friedrich Borée: Dor und der September (1930)

…, wie es hinlief, schon jahrelang, und überhaupt in meiner Lage an die Vierzig heran und wie ein Schiff, das abgewrackt am Kai liegt! – Aber vielleicht ist der Mensch doch mehr von der Art der Bäume, die von der Wurzel ausschlagen, wenn der Stamm fällt: Daß dann ein ganz neues Wesen sein Dasein entfaltet – und wenn auch nur ein Strauch.“ (S. 5)

Für den ausgemusterten Marinekapitän läuft es denkbar schlecht. Die gering bezahlte Hilfstätigkeit in der Bibliothek hilft ihm in keiner Weise auf die Beine. Als Lichtblick empfindet er das überraschende Wiedersehen mit Dor, die inzwischen zur jungen Frau herangewachsen ist und in seiner Nähe Medizin studiert. Allmählich kommen sie sich näher. Viel zu schnell hat Dor ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Es ist Sommer, und sie überlegen, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Dor schlägt ein heimliches Treffen in ihren Ferien vor. Vier Tage im September sollen es werden.

1886 wurde Karl Friedrich Borée in Görlitz geboren. Nach seinem Jurastudium erlebte er zwei Weltkriege. Sein erster Roman »Dor und der September« wurde 1930 ein Erfolg. Sein wichtigster Roman »Frühling 45« erschien 1954. Zehn Jahre später verstarb er. Weiterlesen

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Ursula K. Le Guin: Erdsee: Die illustrierte Gesamtausgabe

Willkommen in Erdsee, einer Welt, die aus einem Archipel hunderter kleiner, auf den ersten Blick pittoresker Inseln besteht. Die größten und bedeutendsten Inseln dieser Ansammlung sind Atuan und Rok, auf der die berühmte Zaubererschule angesiedelt ist. Neben dem Archipel sind den Bewohnern weitere Inselreiche bekannt, wobei das kriegerische Kargad immer wieder mit Überfällen und Eroberungsversuchen von sich reden macht. Ursula K. LeGuin hat ganz bewusst offen gelassen, wie ihre Welt jenseits der Inselwelt beschaffen und bevölkert ist. Überall auf den Inseln ist die Magie allgegenwärtig. Kundige Männer – Frauen besitzen in aller Regel nur geringe Zauberkräfte und fristen unausgebildet und eher misstrauisch ja ablehnend beäugt ein Dasein als Hexen – werden in der Kunst ausgebildet und sichern den Frieden und Wohlstand des Archipels.

Der Ziegenhirt Ged, Sperber genannt, steht im ersten Teil der Tetralogie im Zentrum des Geschehens. Eher zufällig entdeckt er seine Begabung für die Magie, wird von seiner Tante, einem alten Zauberweib ein wenig in den Kräften unterwiesen. Dies erweist sich für ihn und sein Dorf als mehr als hilfreich, als Piraten Gont überfallen. Sperber verbirgt sein Dorf unter einem undurchdringlichen Nebel und rettet so dessen Bewohner. Die Heldentat bleibt nicht unbelohnt. Der örtliche Magier nimmt den Jungen in die Lehre, allein Sperber will weit mehr lernen, als ihm der weise Mann vermitteln kann. So macht er, nachdem ihm sein Meister seinen wahren Namen verliehen hat, sich auf, die berühmte Schule auf der Insel Rok zu besuchen und dort seine Fähigkeiten weiter zu verbessern. Weiterlesen

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Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie (1961)

Dieser Roman wird oft mit „Der Club der toten Dichter“ verglichen. Nicht ganz zu Unrecht. Die Thematik ist ähnlich. Hier ist es eine Mädchenschule, in der die unkonventionelle Miss Brodie ihren Schützlingen „Flausen in den Kopf setzt“, um sie für das Wahre und Schöne zu gewinnen, damit sie später zur „Crême-de-la-Crême“ gehören. Doch dieser Roman geht weiter. Er ist witziger, boshafter, sexueller, komplexer und damit faszinierender. Seine Heldin Miss Brodie ist streitbar. Sie schwärmt nicht nur für italienische Renaissancemaler wie Giotto, sondern auch für Mussolini. Neben den vielschichtigen Charakteren sind es vor allem Aufbau, Stil und Sprache, die dieses Meisterwerk so besonders machen.

Sie sind anders, als andere: Die Rede ist von der Brodie-Clique. Sechs Mädchen, die von ihrer Lehrerin in besonderem Maße gefördert werden. Miss Brodie lädt sie zu sich nach Hause zum Tee ein, besucht mit ihnen das Theater, zeigt ihnen die zwielichtigen historischen Altstadtviertel von Edinburgh. Jedes der Mädchen ist für ein besonderes Talent bekannt Weiterlesen

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Aslı Erdoğan – Die Stadt mit der roten Pelerine (1998)

Ist ein Roman nur ein Roman? Muss das darin Erzählte echt und wahr sein?

Nach einer Autorenlesung ist häufig Zeit für ein Gespräch und Fragen. Abgesehen von der Stille zu Beginn, stellt häufig jemand aus dem Publikum die Frage nach dem biografischen Hintergrund? Ist es wahr, dass Protagonist und Autor im Grunde genommen eine Person sind, haben beide das Gleiche erlebt?

Im Roman reist Özgür, eine junge Türkin, allein nach Rio, um dort nur mit einem Koffer einen Neuanfang zu wagen. Leider will sie kaum jemand als Englischlehrerin engagieren. Die wenigen, die zusagen, haben eine völlig andere Vorstellung von Unterrichtsgestaltung oder verweigern einfach das vereinbarte Honorar. Sehr schnell verarmt Özgür. Mit der Zeit lernt sie das andere Gesicht von Rio kennen, ein Gesicht, das auf keiner Postkarte, keinem Plakat gut aussehen würde. Die Stadt der Ausschweifungen bietet dem nach seinem Glück Suchenden eher Drogen als ein Stück Brot. Hunger, Durst und Hitze machen aus der Hochburg des Karnevals und der Samba einen Dschungel, in dem man sich nur verlieren kann.

Rio ist für die Erzählerin die Stadt mit der roten Pelerine. Ein Schutzumhang in dieser Farbe kann sowohl für Liebe als auch Blut stehen. Denn beides passiert in Rio ständig. Menschen verlieren sich in der körperlichen Liebe oder geraten in die Schusslinie verschiedener Bandenkämpfe. Weiterlesen

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James Baldwin: Beale Street Blues (1974)

Tish und Fonny kennen sich seit Kindertagen. Sie gehen in die gleiche Schule und leben in einer Gegend von New York, wo die Armut zu Hause ist. Aus ihrer Freundschaft wird allmählich mehr. Als Tish 18 und Fonny 21Jahre alt sind, bemerken sie eine Veränderung in ihren Gefühlen. Aus Freundschaft ist inzwischen Liebe geworden.

Für sein persönliches Glück hat Fonny im Prinzip alles richtig gemacht: Keine Drogenkarriere, keine Konflikte mit dem Gesetz, eine Leidenschaft für die handwerkliche Kunst und eine junge Frau, die seine Liebe erwidert und von ihm schwanger ist. An einem Abend, als Fonnys Freund Daniel sie zum Abendessen besucht, wird Fonny in seiner Wohnung verhaftet. Ihm wird die Vergewaltigung einer Latina am gleichen Abend vorgeworfen. Das Opfer und ein für seine Brutalität bekannter Polizist sagen gegen ihn aus. Fonny landet zum ersten Mal in einem Gefängnis, wo viele Schwarze häufig jahrelang auf ihren Prozess warten.

James Baldwin, geboren 1924 in New York, wurde durch seine ausgezeichneten Romane eine Ikone der Gleichberechtigung. Er wollte für jeden Menschen die gleichen Rechte, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung. Weiterlesen

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Ramón José Sender: Requiem für einen spanischen Landmann (1953)

Paco el del Molino, der politische Widerstandskämpfer, ist tot. Seine Gegner haben ihn ordnungsgemäß erschossen. Nun gibt es keinen Aufruhr mehr. Die Bewohner eines aragonesischen Dorfes könnten ihre Alltagsgeschäfte aufnehmen, wenn sie noch vollzählig wären. Aber sie sind es nicht. Pater Mosén Millán will für Paco, seinen Sohn im geistigen Sinne, eine Totenmesse lesen und wartet auf die Trauernden. Und während er wartet, denkt er über Pacos kurzes Leben nach. Allmählich beginnt er die Ereignisse in einem neuen Licht zu sehen.

Der Autor und Journalist Ramón José Sender (1901 – 1982) beschreibt in seiner Erzählung Requiem für einen Landmann ein politisches Lehrstück, das von Unterdrückung und Befreiungskämpfen handelt. Ursprünglich sollte 1952 die in Mexiko verfasste Geschichte in einer Anthologie veröffentlicht werden. Weil dies scheiterte, erschien sie im Folgejahr in seinem Exil als eigenständiges Buch. Insgesamt verbrachte Ramón José Sender mehr als die Hälfte seines Lebens im Exil, zuletzt in Kalifornien. 1974, ein Jahr nach Francos Tod, wurde seine Erzählung in Spanien veröffentlicht und zu seinem erfolgreichsten Buch Weiterlesen

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Friedrich Glauser: Gourrama (1937)

Für seinen 1937 erschienenen Roman Gourrama verließ Friedrich Glauser sein bevorzugtes Genre, den Kriminalroman. Statt Wachtmeister Studer steht der am Herzen erkrankte Korporal Lös im Fokus. Er muss weder in Marokkos Hitze marschieren noch kämpfen. Sein Job ist viel schwieriger und gefährlicher, denn er verwaltet Lebensmittel, Schnaps, Zigaretten, Seife und Kaffee. Natürlich werden dadurch bei den anderen Begehrlichkeiten geweckt. Ein Vorgesetzter fordert für den eigenen Vorteil regelmäßig krumme Geschäfte ein. Andere verlangen von Lös für den Erhalt ihrer Freundschaft Spenden. Auch die ortsansässigen Händler wollen gute Geschäfte machen. Alles zusammen zerstört seine ordentliche Verwaltung. Im Wirrwarr des Nehmens und Gebens scheint Korporal Lös mehr Macht auszuüben als der Capitaine des Postens. Nach einem Kampf seiner Kameraden gegen bewaffnete Räuber bekommen Neid und Langeweile eine Eigendynamik, die für kurze Zeit alle Regeln außer Kraft setzen.

Am Beispiel des Postens in Gourrama wird anschaulich gezeigt, wie wenig das Leben eines Söldners wert ist. Irrsinn und Widersprüchliches gehen Hand in Hand, besonders dann, wenn einer vorzeitig die Freiheit herbeisehnt. Weiterlesen

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Henry James: Was Maisie wusste (1897)

Kriegsschauplatz Kind: In unbarmherziger literarischer Härte schildert Henry James, wie eine Scheidungsschlacht auf dem Rücken der kleinen Maisie ausgetragen wird. Eitelkeit, Gier, Schwächen und Sehnsüchte aus der Erwachsenenwelt brechen über das Mädchen herein. Die Szenen spielen sich direkt vor dem Kind ab – doch können wir Leser nie sicher sein, was Maisie wirklich davon versteht. Diese ungewöhnliche Erzählperspektive birgt einen ganz eigenen Reiz. Wird Maisie an der berechnenden, illoyalen Welt der Erwachsenen zerbrechen? Oder wird sie daran reifen und gar ihre eigene, außergewöhnliche Position ausnutzen?

Maisie fungiert als ein „jederzeit verfügbares Gefäß für Gehässigkeiten“. Die Elternteile beanspruchen das Kind jeweils für sich, aber nicht um des Kindeswohls willen, sondern um dem anderen mit Maisies unfreiwilliger Hilfe „gegenseitig Verletzungen zuzufügen“. Zu Beginn versuchen sie das Kind an sich zu binden, um den Partner als unfähig dastehen zu lassen. Später, als sie beide in neuen Beziehungen stecken, versuchen sie das Kind dem anderen aufzuhalsen, da es nun im Weg steht. Zwischendurch wird versucht, Maisie zu beeinflussen oder auszufragen, was diese jedoch bald durchschaut und sich eine Schweigetaktik zu eigen macht, um nicht in die Rachespielchen ihrer Eltern hineingezogen zu werden. Weiterlesen

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Jane Gardam: Weit weg von Verona (1971)

Jane Gardam, britische Schriftstellerin, feierte am 11. Juli 2018 ihren 90. Geburtstag. Passend dazu bringt Hanser Berlin am 23. Juli 2018 Gardams Debütroman „Weit weg von Verona“ aus dem Jahre 1971 (Originaltitel: „A long way from Verona“) übersetzt von Isabel Bogdan als deutsche Erstausgabe heraus. Jane Gardam begann erst mit über 40 Jahren zu schreiben, hierzulande wurde sie vor allem durch ihre Old Filth-Trilogie bekannt.

Protagonistin und Ich-Erzählerin in „Weit weg von Verona“ ist die zwölfjährige Jessica Vye, die bereits im Alter von neun Jahren von dem Schriftsteller Arnold Hanger, dem sie alles, was sie je geschrieben hatte, zum Lesen gab, folgendes bestätigt bekam:

„Jessica Vye, du bist ohne jeden Zweifel eine echte Schriftstellerin!“ (S. 15).

Jessica und ihre Familie, sie hat noch einen jüngeren Bruder namens Rowley, ziehen von Kent in den Nordosten Englands nach Cleveland Sands, einem kleinen Ort an der Küste. Ihr Vater hat dort die Stelle eines Hilfsgeistlichen angenommen. Es ist Krieg und Winston Churchill ist Prime Minister. Jessica geht zur High School und hat nur eine Freundin, Florence Bone, bei den anderen Mädchen ist sie nicht sonderlich beliebt, denn sie sagt „immer und überall die Wahrheit“. Weiterlesen

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