Franz Hessel: Pariser Romanze (1920)

Wenn der Soldat Arnold Wächter mitten im Ersten Weltkrieg im Dreck liegt, die Kameraden um ihn herum im Minutentakt sterben und das eigene Überleben vielleicht nur noch die Dauer weniger Momente erlaubt, dann erinnert er sich an das Schöne in Paris und an die Eine, die seinen Weg kreuzte.

Schönheit und Vergänglichkeit säumen den Weg des Intellektuellen Arnold Wächter in der Pariser Romanze von Franz Hessel, die erstmalig 1920 veröffentlicht wurde. Wächter hat eine Idee, wie Schönheit von Dauer sein könnte.

„… Ich sehe wohl, wie das Alte um mich her verfällt. … Und die Bausteine, die andere anschleppen, kommen mir vor wie aus Pappe. – Aber du bist schön, und das ist ein Verdienst und eine Aufgabe. Vielleicht wirst du so werden, dass die Menschen, die um dich leben, schönere Häuser bauen müssen … und … Wege und Gärten für dich bereiten … Dein Lächeln macht mir Hoffnung auf eine lebendige Zeit.“ (S. 100/101)

An seine Zeit in Paris erinnert sich Arnold Wächter, während er seinem besten Freund Claude einen langen Brief schreibt. Dieser Brief des Deutschen an einen Franzosen führt die vollständige Zerstörung vor Augen, in der mehr als nur Gebäude und Menschen zerschossen werden. Die Bindung der Menschen untereinander und ihre Kultur finden im Krieg kaum noch eine Berechtigung, wenn alles einem politischen Ziel geopfert wird. Weiterlesen

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Raymond Chandler: Der große Schlaf (1939)

Es gibt Bücher, die definieren ein Genre neu. Zu ebensolchen gehört der 1939 erstmals veröffentlichte Roman „Der große Schlaf“ des amerikanischen Autors Raymond Chandler. Denn jene „Noir“-Elemente, die uns heute so selbstverständlich in Literatur und Kino begegnen – korrupte Cops, abgebrannte Ermittler, kriminelle Strukturen, die sich auch nach Aufklärung des Falles nicht ausmerzen lassen – wurden durch Autoren wie Chandler erst salonfähig gemacht. Bis dahin ging es im Krimigenre eher übersichtlich zu: In Agatha Christies Landhauskrimis wurden die Guten belohnt, die Bösen bestraft, Ende gut alles gut. Die einsamen Detektive, die im Verbrechersumpf der Großstädte ums harte Überleben kämpfen, kamen in den 20er Jahren in Form von Groschenromanen auf und schafften es nach und nach in die Mainstream-Krimiliteratur. Damit kann man die Verdienste von Chandler gar nicht hoch genug anrechnen. Denn er fügte dem Schwarz-Weiß-Denken von Gut und Böse etliche neue Facetten hinzu. Zudem führte er den lakonischen Witz ein, der noch heute den Ermittlern so selbstverständlich über die Lippen geht.

Zur Story:  Der reiche General Sternwood, durch Öl zu Vermögen gekommen, wird erpresst. Seine beiden Töchter geben dazu reichlich Anlass, schließlich sind sie ständig in Ärger verstrickt. Diesmal sorgen kompromittierende Fotos der jüngeren Carmen für Ärger. Zudem ist der Ehemann der älteren Schwester Vivian auf ungeklärte Weise verschwunden. Privatdetektiv Philip Marlowe soll weiterhelfen. Bald muss sich der gewiefte Schnüffler mit Pornografie, Spielschulden, der Unterwelt von Los Angeles und ebenso verführerischen wie zwielichtigen Frauen auseinandersetzen. Weiterlesen

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Elizabeth Harrower: Die Träume der anderen (1966)

Der plötzliche Tod des Vaters verändert das Leben der Schwestern Laura und Clare. Auf Wunsch der Mutter verlassen sie das Internat und müssen damit auf eine fundierte Schulbildung verzichten. Um weitere Kosten zu sparen, verkauft die Mutter auch das Haus in Sydney und mietet ein möbliertes Apartment in dem unbedeutenden Stadtteil Manly an.

„… Ab morgen früh, mein Fräulein, übernehmt ihr das alles, du und Clare.“ Stella Vaizey ließ sich in ihr Bett zurücksinken und streckte mit einer entspannten Geste eine kleine beringte und manikürte Hand von sich weg. … „Du bist in diesem Berufskolleg eingeschrieben, Clare ist in der Schule angemeldet, und … Ihr wisst, wo man einkaufen kann, …“ (S. 12/13)

Die sieben Jahre ältere Laura übernimmt die Rolle der Versorgenden. Dies macht sie so gut, dass die Mutter schon bald beschließt, allein in ihre alte Heimat zurückzuziehen. Die Mädchen werden schon klar kommen. Schließlich arbeitet Laura in dieser Kartonfabrik und ihr unverheirateter Chef, Felix Shaw, möchte vielleicht nicht mehr unverheiratet bleiben. Der Wunsch der Mutter wird erhört, und Felix gefällt die Aussicht, zwei junge Haushälterinnen in seinem Haus zu haben. Dabei spart er auch noch Lauras Sekretärinnengehalt ein.

Der Abschied der Mutter, die Hochzeit und der Einzug in Felix Villa finden zeitnah statt. Nach dieser perfekt abgestimmten Inszenierung lernen die Mädchen Felix wahres Gesicht kennen. Weiterlesen

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Karl Friedrich Borée: Ein Abschied (1951)

Ende Januar 1945 steht die Stadt Königsberg kurz vor der Einkesselung. Unaufhaltsam rücken die Russen näher, während die Propaganda der Nazis vom Durchhalten spricht und die drohende Gefahr verharmlost. Die Bewohner sollen zu Hause bleiben; sie seien in ihren Häusern sicher, weil der Russe ein anderes Ziel habe. Trotzdem ist der Aufbruch zur Flucht unverkennbar. Auf den Straßen liegen tote Soldaten, die bei ihrer Fahnenflucht erschossen worden sind. Das Zentrum der Stadt und der Hafen liegen in Trümmern, nur die Außenbezirke und die Chemiefabrik sind noch nicht zerstört. Marian Burger hatte das Glück, als leitender Chemiker unverzichtbar zu sein. Doch mit dem Eintreffen der Russen ändert sich auch sein beschauliches Leben. Der Krieg ist bei ihm angekommen. Die Angst der Nazis und Bürger vor Repressalien überschattet das Ende ihrer bisherigen Unterdrückung. Sie befinden sich nun alle in gesetzlosen Verhältnissen. Alles ist dem Sieger erlaubt.

Burger flieht in der Nacht aus Königsberg, der Gedanke, unterwegs bei seiner ehemaligen Verlobten Ulrike vorbeizuschauen, bringt ihn in Gefahr, entweder im Schneegestöber zu erfrieren oder von Soldaten als Fahnenflüchtiger erschossen zu werden. Weiterlesen

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William Peter Blatty: Der Exorzist (1971)

Der Exorzist gehört zu den Kassenschlagern der 70er Jahren, der überall auf der Welt die Kinokassen klingeln ließ. Kaum Jemand, der diesen Film nicht gesehen hat, die Zweitverwertung über Video mit Drittpublikation als DVD / Bluray spülte noch einmal einen Geldsegen in die Kassen der Beteiligten.

Beteiligt war auch der Verfasser des Romans, William Peter Blatty, der nicht nur das Werk selbst, sondern auch das Drehbuch für die Verfilmung beisteuerte (und für das er den Oskar bekam). Man kann getrost sagen, dass dieser mit diesem einen Buch sein finanzielles Auskommen gesichert hat. Neun Romane hat er bis zu seinem Tod 2017 publiziert, von denen allerdings nur zwei – neben dem Exorzisten erschien die Fortsetzung zu seinem Bestseller „Legion“ als „Das Zeichen“ (Goldmann TB) auf Deutsch – bei uns veröffentlicht wurden.

Der Roman erlebte bei uns diverse Auflagen. Neben der Publikation als Hardcover bei Moden und bei Area (zusammen mit „Das Omen“ und „Rosemaries Baby“), folgten Taschenbuchveröffentlichungen bei Ullstein und Bastei-Lübbe. Nun also legt der Festa Verlag den Klassiker in einer gewohnt mustergültigen Ausstattung in seiner Must Read Reihe neu auf. Weiterlesen

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Samuel Selvon: Eine hellere Sonne (1952)

Wenige Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erlebt die Insel Trinidad einen Ansturm von Menschen: Arbeitssuchende von den Nachbarinseln, jüdische Flüchtlinge aber auch Amerikaner und Engländer, die auf der Insel ihre Stützpunkte ausbauen. Der sechzehnjährige Tiger kennt bis dahin nur die Arbeit im Zuckerrohrfeld und abends das Spielen mit seinen Freunden, die ebenfalls Kinder armer indischer Bauern sind. 1940 wird Tiger mit der gleichaltrigen Urmilla verheiratet. Die beiden sehen sich auf dieser arrangierten Hochzeit zum ersten Mal. Und ebenfalls zum ersten Mal verlassen sie ihr Heimatdorf, um in das Dorf Barataria, vier Meilen östlich der Hauptstadt Port of Spain, zu ziehen. Ihr völlig auf sich selbst gestelltes Leben beginnt in einer baufälligen Lehmhütte, mit einer Kuh und einem Stück Acker. Das Einzige, worüber sich Tiger im Klaren ist: Ein Mann trägt Verantwortung, trinkt Rum und raucht. Schnell begreift er seine fehlende Bildung und Lebenserfahrung, aber auch, dass etwas Großartiges passieren wird. Weiterlesen

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L.P. Hartley: Ein Sommer in Brandham Hall (1953)

Sommer, 1900: Als sein Schulfreund eine Einladung ausspricht, nimmt Leo sie nur zu gerne an. Ein ganzer Sommer auf dem Anwesen Brandham Hall. Das klingt nach verwinkelten Gängen, zahlreichen Zimmer, Herumwandern in den Ländereien der Familie und ganz viel Spaß. Aufgeregt macht sich Leo auf den Weg. Schon bald lernt er Marian, die Schwester seines Schulfreundes kennen, die in Kürze den Grafen Trimingham heiraten soll. Als Leo plötzlich Nachrichten zwischen ihr und dem benachbarten Bauern Ted überbringen soll, ahnt er in seiner kindlichen Verliebtheit nicht, was um ihn herum passiert. Er verknallt sich immer mehr in Marian und merkt viel zu spät, um was es wirklich geht.

Der Eisele Verlag veröffentlicht mit „Ein Sommer in Brandham Hall“ den englischen Klassiker von Leslie Poles Hartley neu. Er ist zuvor bereits unter den Titeln „The Go-Between“, welcher auch der Titel des englischen Originals ist, und „Der Zoll des Glücks“ erschienen. Die Übersetzung dieser Ausgabe hat Wibke Kuhn vorgenommen. Weiterlesen

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Brian Flynn: Die Morde von Mapleton (1929)

Wie überaus entspannend, wie wohltuend geruhsam. Ein Krimi ohne ständige Handytelefonate, ohne hektische Facebook-Postings, ohne Schießerei und Autojagd. Und ohne einen physisch oder psychisch angeschlagenen Ermittler.

Dieser im Original 1929 erschienene Weihnachtskrimi ist einer aus einer Reihe von Kriminalromanen von Brian Flynn (1885-1958) um die Ermittlerfigur Anthony Bathurst. Ein klassischer whodunnit im Agatha-Christie-Stil. Das heißt mit all den Stereotypen: arroganten Angehörigen der upper-middle-class, undurchschaubaren Geistlichen, ehemaligen Soldaten, entlassenen Sträflingen und zartbesaiteten Damen und Dämchen.

Während der Weihnachtsfeier auf dem Landsitz von Sir Eustace Vernon wird erst der Butler und danach auch noch der Gastgeber ermordet aufgefunden. Der zufällig gemeinsam mit dem Polizeichef vorbeikommende Ermittler – eben jener Anthony Bathurst – folgt daraufhin seiner offensichtlich stets erfolgreichen Spürnase. Diese führt ihn auf all den unübersehbar ausgelegten Spuren und dank seiner genialen Kombinationsgabe natürlich am Ende zum Täter. Weiterlesen

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Sigrid Undset: Viga-Ljot und Vigdis (1909)

Die Norwegerin Sigrid Undset (1882 – 1949) erhielt 1928 den Nobelpreis für Literatur. Sie wurde berühmt für ihre eigenständigen Island-Sagas, in denen in erster Linie Bauern und nicht Könige oder Adelige eine Rolle spielen. Schauplatz ist das mittelalterliche Norwegen, in dem die Christianisierung langsam vorangeht, Wikinger auf Beutezug sind und auf dem Allting Unstimmigkeiten und Verstöße gegen allgemeines Recht verhandelt werden.

In ihrem frühen Werk aus dem Jahr 1909 erzählt Sigrid Undset von der Begegnung eines Mannes und einer jungen Frau, die sich spontan mögen und ein Paar werden könnten. Viga-Ljot, der aufbrausende, ungezügelte Isländer, ist der Ziehsohn eines Handlungsreisenden. Auf ihrer Reise nach Norwegen trifft er auf die selbstbewusste Vigdis, als Viga-Ljots Ziehvater mit Vigdis reichem Vater Geschäfte machen will. Die Geschäfte gehen ihren Weg, die Gastfreundschaft könnte für die beiden jungen Leute eine gute Basis für eine gemeinsame Zukunft sein, doch Viga-Ljots ungebührliches Benehmen zerstört für immer Vigdis Gefühle. Ernüchtert und verletzt gehen beide getrennte Wege. Der eine trauert um den Verlust, die andere sinnt auf ewige Rache. Weiterlesen

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Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge: Die ersten modernen Reportagen aus Berlin (1886)

Wer sich mit den prägnanten Bildern von Heinrich Zille beschäftigt, bekommt einen plastischen Eindruck vom Leben des einfachen Volkes in der Reichshauptstadt Berlin. Es war eine Zeit, in der Arme die feuchten Neubauten der Reichen trocken wohnten. Erkrankungen waren in den nasskalten Räumen vorprogrammiert, erst recht, wenn man hungerte. Deshalb schickten spendable Bürger die ärmsten Kinder regelmäßig in Erholungsheime, wo diese – weg von schlechten Einflüssen – sich satt essen und genesen konnten.

Der Journalist Hugo von Kupffer, 1853 in Sankt Petersburg geboren, arbeitete von 1875 bis 1878 in verschiedenen New Yorker Nachrichtenagenturen. Ab 1883 führte er zusammen mit dem Verleger August Scherl den Berliner Lokal-Anzeiger, in dem er moderne amerikanische Pressestandards einführte. Über 45 Jahre lang war er Chefredakteur des erfolgreichen Massenblattes und starb 1928.

Wenn der Journalist durch die Stadt streifte, interessierte er sich für den Menschen, seine Lebensweise und sein Schicksal. Er gewann durch seine Interviews und Besichtigungen ein Bild, das er unterhaltsam in Reportagen kleidete. Missverständnisse und Vorurteile wollte er mit seinen Berichten beseitigen und gleichzeitig aufklären. Weiterlesen

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