Octavia E. Butler: Wilde Saat (1980)

Das wunderbare Titelbild des Buches zeigt die junge, schöne, stolze schwarze Anyanwu, im Hintergrund die Sonne, wobei das goldene Strahlen sowohl von Anyanwu als auch von der Sonne ausgeht. Ich brauche bei so einem tollen Titelbild weder eine Empfehlung, noch einen Klappentext, um Lust aufs Lesen zu bekommen.

Die Autorin Octavia Butler, so schreibt es der Verlag, hat 1976 mit „Patternmaster“ eine Reihe zu schreiben begonnen. Deren vierter Teil ist „Wilde Saat“, inhaltlich stellt der Band den Beginn der Saga dar.

Worum geht es? Die Gestaltwandlerin Anyanwu besitzt die Gabe, zu heilen. Das betrifft auch ihren eigenen Körper, sie kann ihre Wunden und Krankheiten aus eigener Kraft heraus heilen und kann ihren Körper so umwandeln, dass sie Mann- , Frau- und Tiergestalt annehmen kann. Zu Beginn des Romans wird sie von dem unsterblichen Wesen Doro aufgespürt, das die Jahrhunderte überlebt, indem es sich die Körper von Menschen aneignet und in ihnen weiterlebt, bis sie sozusagen abgelebt sind.

Zur Zeit der ersten Sklavenhändler, die Schwarze nach Amerika bringen, ist auch er in Afrika und besieht sich die Versklavten, um einige von ihnen zu kaufen. Er ist dabei auf der Suche nach Menschen, die bestimmte übernatürliche Begabungen haben, sie werden auch Hexen genannt. Mit ihnen betreibt er in der neunen Welt, in Amerika, eine Menschenzucht. Er „paart“ gezielt Menschen miteinander; wenn das Ergebnis ihm nicht gefällt, tötet er sie. Dabei zeugt er selbst unendlich viele Nachkommen. Weiterlesen

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F. Scott Fitzgerald: Partytime (1920-1930)

Der US-Amerikaner F. Scott Fitzgerald (1896-1940) ist berühmt für seine Romane „Diesseits vom Paradies“ und  „Der große Gatsby“, die im Original 1920 bzw. 1925 veröffentlicht wurden. Fitzgerald schrieb außerdem Drehbücher und Kurzgeschichten. Im Diogenes Verlag erschien 2015 der Shortstory-Band „Liebe in der Nacht und andere Lovestorys“ (1920). Am 28. Juli 2021 ist nun ebendort „Partytime“ mit Geschichten aus den Roaring Twenties herausgekommen. Die sieben Geschichten wurden im Original zwischen 1920 und 1930 (meist in Zeitschriften) veröffentlicht. Für den Diogenes Verlag hat sie Silvia Zanovello ausgewählt.

Und natürlich dreht sich alles um Partys in den Geschichten. Da meint die reiche und eigenwillig-arrogante Rags Martin-Jones auf den Prince of Wales in einem Nachtclub in New York zu treffen.

Da bekommt die langweilige Bernice von ihrer Cousine Nachhilfe zur Steigerung ihrer Attraktivität auf Partys und lässt sich sogar darauf ein, sich einen Bubikopf schneiden zu lassen.

Oder der arme Gordon, der sich in der Geschichte „Erster Mai“ wegen eines Mädchens unbedingt Geld leihen und dafür seinem ehemaligen Studienkollegen Philip auf einen Ball der Yale-Absolventen folgen muss. Weiterlesen

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Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Rolle der Frau aus armen Verhältnissen klar umrissen: kein eigenes Geld, keine oder wenig Bildung, früh Kinder gebären und heiraten. Bei Heleen ist die Ausgangslage nicht gerade glücklich. Als Erstgeborene muss sie sich schon sehr früh um die kleinen Geschwister kümmern. Fast jedes Jahr bekommt ihre arbeitende Mutter ein weiteres Baby. Als Heleen zwölf Jahre alt wird, endet ihre Schulzeit. Sie wird in einer Schneiderei Laufmädchen und lernt nähen. Von dort beginnt ihre ungewöhnliche Karriere.

Die Autorin Marianne Philips wurde 1886 in Amsterdam geboren. Aus ihrem Werdegang als Politikerin, Schriftstellerin, Mutter und 1919 als erstes weibliche Ratsmitglied der Niederlande kann man erkennen, dass Emanzipation im Kopf der Frau stattfindet. Aus der Perspektive der Autorin kann das Märchen vom Prinzen, der ein schönes Mädchen lieben lernt und aus ihrer Armut und Not rettet, nur in einer neuen, ehrlichen Version erzählt werden. Dies gelingt der Autorin sehr überzeugend. Weder ist der erste Prinz ein guter Mensch, noch musste er seine zukünftige Königin retten, denn in ihrem Beruf war sie bereits eine. Die Autorin lässt Heleen von ihrer Einsamkeit erzählen und dass sie niemanden hatte, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen konnte. Erfolg macht einsam und für Frauen erst recht. Karrierefrauen passen einfach nicht in die Schemata männlicher Erwartungen. Weiterlesen

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Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter (1921)

„Wenn man ihm glauben wollte, waren die Leute ständig damit beschäftigt, das Allerschlimmste entweder zu tun oder tun zu wollen oder zu wünschen und zu träumen, sie hätten es getan.“ (S. 247) Sigmund Freuds Lehren sind gerade in Mode, als die 63-jährige Mrs Hilary erstmals einen Psychiater aufsucht. Offiziell wegen Schlafstörungen, inoffiziell wegen Depressionen. Genauer: Weil sie mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen weiß, außer sie totzuschlagen. Von ihrem Therapeuten erfährt sie, dass ihre jüngste Tochter mit Affinität zu fragwürdigen Affären, nicht etwa in Sünde lebt, sondern „dem natürlichen Selbst gehorcht“.

Unfassbar amüsant, geistreich, sarkastisch: „Ein unerhörtes Alter“ ist ein Roman, der sich gleich auf mehreren Ebenen positiv hervorhebt. Sein großer Trumpf liegt in den Hauptdarstellerinnen. Selbst die Tratschmäuler, Aufbrausenden und Exzentrischen unter ihnen (also praktisch alle!) erobern sofort das Herz der hingerissenen Leserschaft. Das Erstaunlichste: Obwohl Macaulays Werk vor genau 100 Jahren publiziert wurde, ließe es sich problemlos in die Jetztzeit transferieren. Frauen stürzen in Midlife- und Selbstfindungskrisen, müssen sich zwischen verschiedenen Lebensmodellen entscheiden und äugen doch stets auf das der anderen. Dabei zeichnet die Autorin äußerst emanzipierte Charaktere. Während in anderen Romanen die Mehrheit der weiblichen Handlungsträger 1920 gerade erst das Korsett ablegt, schwimmen ihre Protagonistinnen durch Wellenbrecher, streben nach akademischen Titeln, verdienen ihr eigenes Geld, pflegen amouröse Bekanntschaften, tingeln durch Europa – und geben sich nicht mit dem zufrieden, was sie haben. Weiterlesen

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James Baldwin: Ein anderes Land (1962)

Eine literarische „tour de force“ der großen Emotionen mit gesellschaftspolitischem Sprengstoff: James Baldwin versteht es meisterhaft, seine LeserInnen zu fesseln, sie in den Sog aufreibender Beziehungen zu ziehen. Mal ist es die Hautfarbe, mal die sexuelle Orientierung, mal die sich über die Jahre verändernden Machtverhältnisse, an denen sich die Liebenden abarbeiten. Kein Wunder, dass dieses Buch bei seiner Erstveröffentlichung 1962 einschlug wie eine Bombe. Baldwin schreibt intensiv und lebensklug über Tabuthemen von Rassismus bis Homosexualität. Obwohl in seinem gesamten Plot kein einziger erklärter Rassist vorkommt, zeigt er, wie die unbewusste Ausgrenzung alle Lebensbereiche durchzieht. Selbst liberale Intellektuelle sind davor nicht gefeit. Heute wird dies als „weiße Fragilität“ und „Farbenblindheit“ bezeichnet. Ein und dieselbe Erfahrung kann nicht ohne den jeweiligen Hintergrundkontext bewertet werden. Schmerzlich nah führt uns der Autor an seine Figuren heran. Alles hat bei Baldwin eine tiefgreifende Bedeutung. Sogar die sehr sinnlichen und offenherzigen Sexszenen zeugen von einer emotionalen Wucht, die ganz andere Themen offenlegt. Weiterlesen

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Grazia Deledda: Schilf im Wind (1913)

Betörend schön: Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda ergießt sich in prächtigen Landschaftsbeschreibungen ihrer Heimatinsel Sardinien. Sie haucht dem Eiland Seele ein.  Die Landschaft korreliert mit den harten Lebensbedingungen auf der Insel zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die mit dem heutigen Hot Spot der Stars und Sternchen wenig gemein hat. Die allgegenwärtige Malaria zehrt die Menschen körperlich aus, die Lebensumstände sind bescheiden, Aberglaube und religiöse Traditionen dafür umso mächtiger.  Im Hintergrund tobt der Krieg mit Libyen, Menschen wandern nach Amerika aus oder versuchen ihr Glück auf dem Festland.

Die meisten Einwohner sind jedoch in ihren Umständen gefangen. Sie ertragen ihr Schicksal mit Demut, ja sogar mit Stolz. Der Knecht Efix ist ein solches Exemplar. Sein ganzes Leben hat er bereits der Adelsfamilie der Pintors gedient. Nach dem Tod des Patrons und der zunehmenden Verarmung der Familie nimmt er nicht nur die Rolle des Gutsverwalters in die Hände. Er ist zudem Vermittler, Kuppler, Seelentröster. Denn ohne Mann im Haus droht den drei verbliebenen und unverheirateten Töchtern Donna Ruth, Donna Esther und Donna Noemi allerlei Ungemach. Weiterlesen

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Mary MacLane: Meine Freundin Annabel Lee (1903)

Irgendwann zu Beginn des 20.Jahrhunderts beginnt in Boston eine ungewöhnliche Freundschaft.

„Annabel Lee gleicht niemandem, den ihr je gekannt habt. Sie ist so ziemlich niemandem ähnlich. Manchmal kann ich eine feine, bewusste Liebe, die von ihren Fingerspitzen auf meine Stirn übergeht, fast spüren. Und dann bin ich, mit meinen einundzwanzig Jahren, einfach nur hin und weg.“

Das Buch „Meine Freundin Annabel Lee“ erschien 1903, da war die Autorin tatsächlich gerade 21 Jahre alt und schon kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ihren ersten Roman – „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ schrieb sie mit 19 Jahren und wurde mit einem Schlag berühmt. Der in Tagebuchform verfasste Versuch, in narzisstischer Selbstüberhöhung und provokanter Gesellschaftskritik aus der Enge der Kleinstadt Butte/Montana auszubrechen, war ein voller Erfolg. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher ermöglichten der jungen Autorin, der Provinz den Rücken zuzukehren. Weiterlesen

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Barbara Newhall Follett: Die Welt ohne Fenster (1927)

„Dies ist eine Geschichte. […] Ein Rätsel, eine Fantasie“ und „Sie beginnt vor über einem Jahrhundert in einem kleinen Haus in […] New Hamshire“ (S. 15) Sie handelt von dem wilden Mädchen Eepersip. Eines Tages stellt sie fest, dass sie nicht mehr mit Menschen zusammenleben möchte. Sie erträgt weder die Enge eines Hauses noch sonst irgendwelche Zwänge. Nur in der unberührten Natur kann sie leben und glücklich sein. Ihre Liebe zu den Pflanzen und Tieren, dem Sonnen- und Mondlicht, dem Wind, dem Bach, dem Meer und den Bergen wächst mit jedem Tag, den sie in völliger Abgeschiedenheit leben darf. Es ist eine Welt ohne Fenster, voller Glück und Zufriedenheit.

Diese poetische Geschichte ist so ungewöhnlich, als wäre sie nicht von dieser Welt. Wer tagtäglich mit offenen Augen seine Umgebung betrachtet, die Folgen der Industrialisierung riecht und spürt, dürfte von der Lektüre über die Liebe zur Natur mit seiner absoluten Konsequenz überrascht und angerührt werden.

Ein wildes, ungezähmtes Mädchen legt alles ab, was sie an Zivilisation erinnert und streift durch die Weiten eines Landes, das noch nicht mit Straßen, Parkplätzen und Häusern zubetoniert ist. Die Natur wird ihre Lehrerin, Freundin und Ernährerin. So ähnlich mag die Autorin Barbara Newhall Follett empfunden haben, die 1914 geboren wurde und mit zwölf Jahren als amerikanisches Wunderkind berühmt wurde. Sie lebte zeitweise selbst das Leben eines wilden, ungezähmten Mädchens, verließ häufig für eine Weile ihre Eltern, um in der Natur glücklich zu sein. Weiterlesen

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Mary Shelley: Der letzte Mensch (1826)

Wir schreiben das Jahr 2089. In Europa wütet eine besonders ansteckende Form der Pest. Jeder der erkrankt, ist dem Tod geweiht. Nein, ich habe mich nicht verschrieben und ich habe mir das auch nicht ausgedacht, weil es gerade so schön passt. Das war Mary Shelley, bekannt vor allem durch „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, welche im Jahre 1826 den Roman „Der letzte Mensch“, die erste Dystopie der Weltliteratur, veröffentlichte. Seit Februar 2021 liegt nun die erste vollständige deutsche Übersetzung vor.

Die Geschichte spielt gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Der letzte englische König hat sein Amt niedergelegt, England ist eine Republik. Der Ich-Erzähler Lionel Verney, Sohn eines verarmten Adligen, wächst gemeinsam mit seiner Schwester Perdita als verachteter Waisenjunge auf. Als er beim Wildern auf Adrian, den Sohn des Königs trifft, nimmt dieser ihn freundlich auf und es entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den Geschwistern, Adrian und dessen Schwester Idris. Bald kommt Lord Raymond als Fünfter im Bunde dazu. Er heiratet Perdita und auch Lionel und Idris werden ein Paar. Die jungen Leute verbringen glückliche Tage auf Schloss Windsor, sie beschäftigen sich mit Literatur und Philosophie und engagieren sich politisch, angetrieben von dem Wunsch, das Leben aller besser zu machen. Weiterlesen

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Vicki Baum: Hotel Berlin (1944)

Vicki Baums „Hotel Berlin“, erschienen 1944, ist der etwas weniger bekannte Roman der Autorin, verglichen mit „Menschen im Hotel“.

In der 2021 erschienenen Neuauflage von „Hotel Berlin“ findet sich Vicki Baums Vorwort von 1946. Hier erzählt die Autorin etwas über ihre Art zu schreiben und den Hintergrund des Romans: Jeder Schriftsteller trage „eine kleine Welt, in der Landschaften, Städte, Gärten, Häuser, Zimmer mit Wesen seiner eigenen Fantasie bevölkert sind“ in sich.  Dies trifft auf beide Hotel-Romane zu, es begegnen einander an symbolträchtigem Ort alle möglichen Menschen, ihre Beziehung zueinander ist mal flüchtig, mal intensiv, und keiner verlässt das Hotel als derjenige, der er einmal gewesen ist.

„Hotel Berlin ist spannend erzählt, auf altmodische Weise herrlich kitschig und für heutige Leser auf beklemmende Weise „wahrhaftig“, kennt man doch den Ausgang des Krieges und die Menschen im Hotel Berlin scheinen vertraut: Martin Richter, Student und Widerstandskämpfer, liebt die Dinge, die Deutschland verloren hat, will einfach die letzten Tage des Krieges überleben und wird von der berühmten Schauspielerin Lisa Dorn vor der Gestapo im Hotel versteckt. Nicht nur er verliebt sich in Lisa, auch General von Dahnwitz liebt sie, und um diese Dreiecks-Beziehung und den Versuch, Martin die Flucht zu ermöglichen, entspinnt sich die Handlung. Weiterlesen

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