Rebecca Maria Salentin: Klub Drushba

Auf einem Schild las die Autorin Rebecca Maria Salentin, dass sie gerade auf dem EB, dem Fernwanderweg Eisenach – Budapest, stand. Die Wahlleipzigerin war sofort begeistert und beschloss ihren vierzigsten Geburtstag auf ihm zu erleben. Sie nennt diese Idee eine Wutzidee, ein Begriff für ein absurdes Vorhaben. Für ihre Freunde muss es so geklungen haben, denn sie kennen ihre Rebecca: unsportlich, ängstlich in Wäldern und bei Gewitter. Wandern mag sie nicht und bergauf schon einmal gar nicht.

Viele Berge liegen auf ihrem Weg, manche Strecken sind nur kletternd zu überwinden. Gewitter, Starkregen, Schnee, Hitze und Trockenheit sind zeitweise ihre Begleiter aber auch unberührte Natur und geschundene Füße. Freunde kommen und begleiten sie für ein paar Tage. Oft wandert sie alleine, reflektiert, was war gut, was weniger und die schwierigste Frage überhaupt, was soll aus ihrem Leben werden? Denn am Tag ihrer Abreise liegt ihre gesamte Existenz buchstäblich in Scherben. Alles, was sie besitzt, trägt sie im Rucksack. Für die nächsten Monate heißt die Devise, Flucht nach vorn, alles auf Anfang setzen.

„Ich wollte also mutterseelenallein unberührte Natur durchschreiten und dort zelten, wo Braunbären und Wolfsrudel leben.“ (S. 24) Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt

Hulda Gold hat mit Ende zwanzig ein Alter erreicht, in dem die meisten Frauen in einer Ehe mit Kindern angekommen sind. Im Juli 1924 genießt die Berlinerin nicht nur den Sommer. Endlich verfügt sie dank ihrer neuen Stelle über ein regelmäßiges Einkommen. Doch dieser monetäre Vorteil wiegt die Nachteile kaum auf. Abgesehen von dem höheren Arbeitspensum in der Frauenklinik darf die routinierte Hebamme nur zusehen, wie Ärzte und Praktikanten die Geburt begleiten. Auch wenn ihr die Entscheidungen der Oberärzte nicht immer gefallen, weil sie zu Lasten von Mutter und Kind gehen, muss sie ihre Weisungen akzeptieren.

Ihr niedriger Rang in der Krankenhaushierarchie passt so gar nicht zu Huldas eigenständigem Denken und Handeln. Viel zu schnell begreift sie, dass sie ihre Freiheiten als selbständige Hebamme für ein besseres Gehalt verkauft hat.

Anne Stern hat mit ihrem dritten Roman über Fräulein Gold wieder eine spannende und informative Unterhaltung gezaubert. Ihrem Thema Frauenrechte ist sie treu geblieben. An vielen Beispielen zeigt sie, wie verheiratete Frauen ihre Entscheidungsfreiheit abgegeben haben, während alleinstehende Frauen um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Weiterlesen

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Safia Monney: Ich traf Gott und Sie heißt Miranda

Maike Sander ist eine anerkannte Wissenschaftlerin in der Genforschung. Trotzdem hat sie gerade keine gute Zeit, denn ihr Forschungsauftrag läuft aus und scheitert nicht nur am fehlenden Geld, sondern auch an Ergebnissen. Könnte sie die Uhr zurückdrehen, hätte sie nie für ihren Kollegen und Liebhaber Matthias recherchiert. Sie hätte die Zeit für ihre eigene Forschung genutzt.

Kurz vor Weihnachten erfährt sie von Matthias Veröffentlichung in einer renommierten Fachzeitschrift. Die Publikation über seinen Erfolg hat nur einen Schönheitsfehler. Maikes Name fehlt in seinem Artikel. Während er sich erneut Forschungsgelder sichert, geht Maike leer aus.

Am gleichen Tag ist sie zu einer Taufe eingeladen, wo sie unter anderem Mirandas Weg kreuzt. Die selbstbewusste Frau, der Konventionen völlig egal sind, beginnt sofort Maikes Leben umzukrempeln. Miranda nimmt sich auch sonst jede Freiheit, denn sie ist Gott höchst persönlich. Und Gott hat für Maike einen heiklen Auftrag.

In ihrem dritten Roman thematisiert die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Safia Monney die Facetten der Weiblichkeit, in dem sie mit Klischees spielt und dies auf die Spitze treibt. Wie der Titel es schon verrät, nimmt die Autorin auch christliche Vorstellungen auseinander. Das Rollenbild zwischen Mann und Frau überträgt sie auch auf Gott und den Teufel, der gerade unter Liebeskummer und Eifersucht leidet. Weiterlesen

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Mia Couto: Asche und Sand

Der Autor Mia Couto ist der Sohn portugiesischer Einwanderer in Mosambik. Nach seiner Karriere als Journalist und Chefredakteur zählt er heute zu den bemerkenswerten Schriftstellern im portugiesischsprachigen Afrika. Seit 1983 veröffentlicht er Prosa und Lyrik und erhielt einige Literaturpreise. Sein Werk Asche und Sand ist der Folgeband zu seinem Roman Imani, der die Entwurzelung eines Mädchens von ihrer Sprache und Tradition zeigt. Schon als Kind lernt sie bei den Missionaren verschiedene Sprachen sowie das Lesen und Schreiben auf Portugiesisch. Imani erwirbt Fertigkeiten, die sie zu einer Gelehrten machen könnten, wenn nicht der geringe Rang als Mädchen in ihrem Volk wäre. Ein nach unten gerichteter Blick und bedingungsloser Gehorsam passen nicht zu einer Fünfzehnjährigen, die zwischen den Stammesführern und portugiesischen Befehlshabern dolmetschen soll. 1895 herrscht in Mosambik ein scheinbar ewiger Krieg, in dem nun auch Portugal als Kolonialmacht mitmischt und gegen die siegreiche Armee des Königs von Gaza kämpft.

Der fulminante Roman Asche und Sand, übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner, beschreibt den geschichtsträchtigen Wendepunkt von Mosambik. Die wichtigen Ereignisse erlebt Imani direkt als Zeugin von Gewalt oder Dolmetscherin. Andere Ereignisse werden ihr in Briefen berichtet. Auf diese Weise wird sie das Bindeglied einer breit angelegten Geschichte der Zerstörung, in der alle Beteiligten verlieren. Doch die Erkenntnis kommt zu spät. Weiterlesen

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Inga Vesper: In Aufruhr

1959, an einem Sommertag in Santa Monica beschließt Joyce, ihren Mann ein letztes Mal zu küssen und ihr Leben von Grund auf zu ändern. Am gleichen Tag meldet Ruby der Polizei ein Verbrechen. Die junge Putzfrau wird kurz darauf von der eintreffenden Polizei rüde behandelt und verhaftet. Niemand hilft ihr. Über 24 Stunden bibbert sie in ihrer Zelle vor Angst. Niemand befragt sie, niemand glaubt ihr. Sie wird wie eine rechtlose Person behandelt, mit der ein Polizist machen kann, was er will. Als Detektive Blanke sie erst nach Sichtung des Tatortes sehen darf, sieht Ruby einen Hoffnungsschimmer. Der Neue im Revier glaubt ihr und gibt ihr die Freiheit zurück.

Blankes Chef ist darüber verärgert, denn für ihn ist Ruby die Hauptverdächtige bei einem möglichen Verbrechen ohne Leiche. Ruby ist eine junge Farbige und trägt in seinen Augen ein Schild auf dem Rücken: „Schwarze sind immer schuldig.“

Inga Vesper hat in ihrem ersten Kriminalroman, übersetzt von Katharina Naumann und Silke Jellinghaus, die Thematik Abhängigkeit verpackt, die sie schon lange beschäftigt. In der Anmerkung der Autorin findet sich hierüber die Geschichte aus den Neunzigern, als ihr Englischlehrer das Leben im amerikanischen Traum lobte: Ein Vorstadthaus, Dad und zwei gesunde Kinder am Esstisch und Mom, die einen Truthahn serviert. Die Autorin fand es gruselig Weiterlesen

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Kuwana Haulsey: Der Engel von Harlem: Die Lebensgeschichte der ersten farbigen Ärztin in New York

Dr. May Chinn lebte von 1896 bis 1980 in New York und wurde der Engel von Harlem genannt. Für die Tochter eines ehemaligen Sklaven und einer Halbindianerin gab es nur wenige Optionen: ein früher Tod durch Gewalt oder Krankheit, viel zu jung und ohne Bildung Kinder zu bekommen sowie Armut, weil Farbige aus Prinzip für ihre Arbeit extrem schlecht bezahlt wurden. May hatte das große Glück, dass ihre Mutter Lulu für sie da war. Schon sehr früh fiel ihr Mays Intelligenz auf. Sie erkannte bei ihrer Arbeit in den Haushalten reicher Weißer, wie wichtig Bildung und Förderung bei Kindern ist. Also versteckte sie jede Münze vor Mays trinkfreudigem Vater und sorgte für die häufigen Umzüge aus der Gefahrenzone sozialer Brennpunkte.

Kuwana Haulseys wunderbarer Roman ist ein Hohelied auf die Stärke der Frauen. Nach ihrem preisgekrönten Debütroman „The Red Moon“ gelang der Autorin das Kunststück, für ihren zweiten Roman gleich mehrere Preise zu erhalten. Dies liegt auch an ihrem sprachlichen Talent, mit dem sie ein aktuelles Thema mit geschichtlichen Fakten unterfüttert. Mays berührende Geschichte wurde von Dieter Fuchs übersetzt.

Anschaulich beschreibt die Autorin, wie die Hauttöne von schwarz, braun und creme sogar unter Farbigen eine zentrale Rolle spielen, als sei allein die Annäherung zur Hellhäutigkeit ein Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie. Weiterlesen

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Linda Dielemans: Im Schatten des Löwen

Junhis Geschichte beginnt vor etwa 28.000 Jahren irgendwo im heutigen Frankreich. Sie lebt bei einem Stamm, der in Höhlen lebt und zum Überleben Großwild jagen muss. Seit Junhis Eltern nicht mehr im Stamm leben, wird sie häufig von Dahs, dem Anführer und besten Jäger, und von Uma, der Stammesmutter, geschlagen und gemaßregelt.

Eines Tages beginnt sie zu träumen. Sie träumt von Tieren und einem Löwenmann, und es fühlt sich so an, wäre sie in einer anderen Welt, die sie umarmt und ihr allein gehört. Leider kann sie nicht verstehen, was diese Träume sagen wollen. Nur Tukh, der Träumer des Stammes, könnte es ihr erklären. Seine Traumdeutungen haben ihrem Stamm immer Glück gebracht und das Überleben gesichert. Aber er hat bereits einen Lehrling und darf keinen zweiten ausbilden.

Als Uma ihr das Träumen verbietet, kann es für Junhi kaum noch schlimmer werden. Trotzdem erscheint in ihren Träumen der Löwenmann. Er schweigt und beantwortet ihre Fragen mit Bildern. Die offenen Fragen lassen Junhi keine Ruhe. Weiterlesen

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Dr. Leon Windscheid: Besser fühlen: Eine Reise zur Gelassenheit

Noch immer wird das rationale Handeln höher eingeschätzt als Emotionen. Herr über die eigenen Gefühle zu sein, so wird gern behauptet, sei ein angestrebtes Ideal. Gleichzeitig wird das Vorurteil gepflegt, Männer/Jungen seien eher rational und Frauen/Mädchen emotional. Doch wie Gefühle das Handeln eines Menschen tatsächlich beeinflussen, ist ein so breites Themenfeld, dass sogar unzählige Forschungen und Versuche nur einen überschaubaren Bereich begreifbar machen. Ob es sich um die Macht des sogenannten Bauchgefühls dreht oder Ehrgeiz und Ungeduld der eigenen Karriere im Weg stehen, sie alle sind nur Facetten.

Wer den Titel Besser Fühlen liest, hat vielleicht eine Idee, wohin die Lesereise gehen könnte. Wohin sie dann tatsächlich geht, dürfte für jeden überraschend und bereichernd sein. Denn der Psychologe Dr. Leon Windscheid erklärt anschaulich, warum wir fühlen. Trotz unterschiedlicher Lebensweisen und Empfindungen, sieht er zwischen den Menschen verbindende Muster. Wer sie kennt, hat die Chance, sich „[…] selbst besser zu verstehen und ein zufriedenes Leben zu führen […] (S. 15).

„Das Buch, das Sie in der Hand halten, leitet Sie wie eine Karte durch zehn unterschiedliche Gefühlslandschaften.“ (S. 13) und sind das Ergebnis seiner Erfahrung als Psychologe und vieler Wissenschaftler, auf deren Forschungsergebnisse der Autor Bezug nimmt. Weiterlesen

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Kai Hensel: Terminal

Das Berliner Wahrzeichen hat sein Fell durch Beton- und Konstruktionsschlachten verloren. In den letzten zwei Dekaden gab es unzählige Berichte über den Flughafen Berlin-Brandenburg. Sie prangerten Inkompetenz, Schludrian und Vetternwirtschaft an. Im Zentrum des Interesses blieb der „ProblemBER“, der lange Zeit alles war, nur kein Flughafen.

Theoretisch hätte man über dieses Desaster ein Sachbuch oder sogar einen Wirtschaftskrimi schreiben können und dabei möglicherweise die Orientierung im Wirrwarr der Mängel verloren. Für dieses brisante Thema nutzte Kai Hensel seine Erfahrung als erfolgreicher Drehbuch- und Theaterautor und setzte episodenhaft eine Geschichte zusammen, die das untrennbare Für und Wider aufzeigen. Entstanden ist ein äußerst unterhaltsamer, pointierter Roman über Interessenkollisionen, in dem unterschiedliche Charaktere aufeinanderstoßen. Sie alle sind von Träumen und Wünschen beseelt. Zum Beispiel die junge Jana, die Motorradrennen über alles liebt. Während sie nachts auf einem Moped Pizza ausliefert, kollidiert sie mit dem Oldtimer des ehemaligen Bürgermeisters Pankelow. Weiterlesen

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Barbara Newhall Follett: Die Welt ohne Fenster (1927)

„Dies ist eine Geschichte. […] Ein Rätsel, eine Fantasie“ und „Sie beginnt vor über einem Jahrhundert in einem kleinen Haus in […] New Hamshire“ (S. 15) Sie handelt von dem wilden Mädchen Eepersip. Eines Tages stellt sie fest, dass sie nicht mehr mit Menschen zusammenleben möchte. Sie erträgt weder die Enge eines Hauses noch sonst irgendwelche Zwänge. Nur in der unberührten Natur kann sie leben und glücklich sein. Ihre Liebe zu den Pflanzen und Tieren, dem Sonnen- und Mondlicht, dem Wind, dem Bach, dem Meer und den Bergen wächst mit jedem Tag, den sie in völliger Abgeschiedenheit leben darf. Es ist eine Welt ohne Fenster, voller Glück und Zufriedenheit.

Diese poetische Geschichte ist so ungewöhnlich, als wäre sie nicht von dieser Welt. Wer tagtäglich mit offenen Augen seine Umgebung betrachtet, die Folgen der Industrialisierung riecht und spürt, dürfte von der Lektüre über die Liebe zur Natur mit seiner absoluten Konsequenz überrascht und angerührt werden.

Ein wildes, ungezähmtes Mädchen legt alles ab, was sie an Zivilisation erinnert und streift durch die Weiten eines Landes, das noch nicht mit Straßen, Parkplätzen und Häusern zubetoniert ist. Die Natur wird ihre Lehrerin, Freundin und Ernährerin. So ähnlich mag die Autorin Barbara Newhall Follett empfunden haben, die 1914 geboren wurde und mit zwölf Jahren als amerikanisches Wunderkind berühmt wurde. Sie lebte zeitweise selbst das Leben eines wilden, ungezähmten Mädchens, verließ häufig für eine Weile ihre Eltern, um in der Natur glücklich zu sein. Weiterlesen

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