Ada Fink: Blütengrab

„Ingrid blickt zu Boden und spürt, wie die heiße Wange langsam anschwillt. Ihre Mutter […] flüstert: ‚Wir zwei machen nachher den Kranz. Der wird das Böse von uns fernhalten.‘ Ingrid nickt, obwohl sie denkt, das Böse ist doch schon da.“ (S. 17)

Vier Jahre nach der Wende in einem kleinen Ort in Mecklenburg läuft vieles für die Kommissarin Ulrike Bandow nicht gut. Seit einer Weile verausgabt sie sich, ohne dass sie ihren privaten oder beruflichen Zielen näherkommt: Ulrike lebt mit ihrem gerade volljährig gewordenen Bruder allein in ihrem herunter gewohnten Elternhaus, das von Ungeziefer heimgesucht wird. Entweder streiten die ungleichen Geschwister, oder sie gehen getrennte Wege. Als Ingrid im Wald die Leiche einer Dreizehnjährigen findet, die das Opfer eines Ritualmordes geworden ist, wird Ulrike von ihrem familiären Problem abgelenkt.

Für die Kommissarin Bandow beginnt eine aufreibende Zeit, in der sie mit dem neuen Kollegen auf ungewöhnlich viele Widerstände stößt. Und nach den ersten Ermittlungsergebnissen folgen weitere Widerstände. Allein die Vorstellung, es könne sich bei dem Mord um die Tat eines Serientäters handeln, stößt bei vielen Kollegen im Polizeipräsidium auf Ungläubigkeit und Ablehnung. Weiterlesen

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Sarah Crossan: Wer ist Edward Moon?

Die Familie Moon leuchtet nicht mehr so hell. Nachdem der Vater verschwunden ist, sieht sich die Mutter nicht mehr in der Lage, für ihre drei Kinder Edward, Angela und Joseph zu sorgen. Weil Edward zehn Jahre älter als Joe ist, hat er die Vaterrolle für den kleinen Bruder übernommen. Auch Angela trägt mehr Verantwortung, als für sie gut ist. Viele Jugendliche wären in so einer Situation genervt, aber Ed liebt Joe. Er wird für ihn die wichtigste Bezugsperson, und darüber hinaus ist er auch sein Freund, Beschützer und Vorbild, bis Ed abhaut. Zu diesem Zeitpunkt ist Joe sieben Jahre alt und versteht die Welt nicht mehr. Für zehn lange Jahre versteht er sie nicht, bis er beschließt, Ed zu besuchen. Dieser wartet in einem texanischen Todestrakt auf seine Hinrichtung. Für Joe bleibt nicht mehr viel Zeit, das Vergangene aufzuarbeiten. Und dann sind da noch ein paar wichtige Fragen.

Sarah Crossan lebt in England und wurde für ihre Bücher mehrfach ausgezeichnet. Für den Jugendroman Wer ist Edward Moon erhielt sie 2020 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Und dies zu Recht. Sie verarbeitet das brutale und leider alltägliche Thema Todesstrafe so behutsam in einer jugendgerechten Sprache, dass man ihr nicht nur sehr gern folgt, sondern auch gebannt Joes Geschichte liest. Weiterlesen

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Lukas Hartmann: Schattentanz: Die Wege des Louis Soutter

 „‚[…] ich muss mich von allem befreien, was mich beengt, sonst gelingen mir die Bilder nicht.‘
‚Und wann sind sie gelungen?‘, fragte ich.
‚Eine dumme Frage, Charles-Edouard. Wenn sie fertig sind, wenn ich beschließe, nichts mehr daran zu ändern.‘
‚Ich kann dich bei dieser Malweise nicht unterstützen‘, sagte ich.
‚Du willst nicht sehen, was sich dahinter verbirgt.‘ Seine Stimme senkte sich, er flüsterte bloß.“
(S. 238)

Als Charles-Edouard 1927 seinen Cousin Louis Soutter besucht, befindet sich der begnadete Maler in einer Abgeschiedenheit, die für viele nur schrecklich und trostlos wäre. Doch Louis arrangiert sich 19 Jahre lang mit seiner Entmündigung und auch mit seinem Zimmer in einem Altenheim für Mittellose. Hier entstehen seine wichtigsten Werke, die von seinen Zeitgenossen nur am Rande gewürdigt werden. So manches Bild nehmen Angestellte des Heims, um damit den Ofen zu entzünden. Dies ändert sich erst, als Louis im Beisein seiner Mitbewohner ein Honorar für einige Werke erhält.

Der Schweizer Lukas Hartmann studierte Germanistik und Psychologie. Sein bunter Werdegang über Lehramt, Journalismus und die Welt der Medien brachte ihn schließlich zu der Kunst des Schreibens von Kinder- und Erwachsenenromanen. Heute zählt er in seinem Heimatland zu den bekanntesten Schriftstellern. Weiterlesen

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Sarah Moss: Zwischen den Meeren

Ally und Tom heiraten. Beide lieben ihre Freiheit und wollen sich gegenseitig darin unterstützen. Nachdem Ally mit Bestnoten eine der ersten Ärztinnen in England geworden ist und eine bezahlte Stelle sucht, wird Tom von seinem Chef nach Japan geschickt. Für viele Monate soll der erfahrene Ingenieur den Bau von erdbebensicheren Leuchttürmen unterstützen.

Ally und Tom gehen auf Zeit eigene Wege.

Sarah Moss hat mit ihrem aktuellen Roman Zwischen den Meeren die Geschichte ihrer Heldin Ally fortgeführt. Während im Roman Wo ist Licht die junge Ally den grausamem Erziehungsmethoden ihrer Mutter entflieht, um zu studieren, glaubt die Dreißigjährige nach ihrem abgeschlossenen Medizinstudium alles geschafft zu haben. Doch Ally irrt sich. Sie braucht eine Antwort auf die Frage, ob eine berufstätige Ärztin auch Ehefrau sein kann. Sie weiß, dass insbesondere Frauen ihrer Grundrechte beraubt, unterdrückt und ausgebeutet werden. Das Patriarchat hat ihr zwar über das Studium ein Schlupfloch in die Unabhängigkeit erlaubt, doch die Akzeptanz in der englischen Gesellschaft fehlt. Dies wird besonders deutlich in der tragischen Mutter-Tochter-Beziehung. Die Autorin zeigt eine seelisch verletzte Frau, der das Kämpfen nicht liegt. Auf der einen Seite hat die Wissenschaftlerin eigenständiges Denken gelernt, und auf der anderen Seite wurde ihr Gehorsam und Demut eingeprügelt. Weiterlesen

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Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Nach Walters Tod beginnt für Vesta ein neuer Lebensabschnitt. Das Ende einer langen Ehe, ein zu großes Haus und die innere Leere motivierten sie, wegzuziehen. Jetzt lebt sie mit ihrem Hund Charlie mitten im Wald. Das alte, vernachlässigte Haus, der See vor der Tür könnten auf sie heimelig wirken. Doch immer wieder rütteln Vesta Erinnerungen auf. Sie war mit Walter so eng verbunden, dass sie ihn häufig in ihren Gedanken reden hört: „So etwas ist nichts für dich […]. Deine Nerven sind zu empfindlich. Du bist ein […] kleiner Spatz, aber du willst unbedingt ein Falke sein. […] tanz ein bisschen, kehr den Boden. Mein federleichtes kleines Mädchen.“ (S. 188)

Vesta legt alte Gewohnheiten ab, eine nach der anderen, bis sie auf eine Überraschung stößt. In der neuen Umgebung findet sie eines Morgens einen mit Steinen beschwerten Zettel, der sie ablenkt und beschäftigt: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat.“ (S. 7) Und Vesta findet mehr heraus, als sie für möglich hält.

Ottessa Moshfegh wurde für ihre Romane mehrfach ausgezeichnet. Anke Caroline Burger hat Den Tod in ihren Händen übersetzt, so dass man sich sprachlich und dramaturgisch auf eine fintenreiche Lesereise begeben darf. Denn nichts ist so, wie es scheint. Weiterlesen

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Véronique Petit: Sechs Leben

Der Volksmund behauptet, eine Katze habe sieben Leben. Véronique Petit überträgt diese Aussage auf Menschen, die ebenfalls mehrere Leben haben können: Der fünfzehnjährige Gabriel liebt das Fallschirmspringen. Bei seinem Lieblingscomputerspiel lässt er seinen Springer so lange wie möglich im freien Fall. Genau das Gleiche möchte er auch real erleben. Als er erfährt, er gehöre zu den 1% der Menschen, die sechs Leben zur Verfügung haben, vereinen sich Verwirrung, Freude und Abenteuerlust. Diese Abenteuerlust bezahlt er kurz darauf mit seinem ersten Leben. Aber es stört ihn nicht weiter. Schließlich hat er noch fünf.

Tely, ein älterer Klassenkamerad, warnt ihn, er könne auch zu einer menschlichen Bombe werden. Gabriel vermutet hinter dieser Aussage persönliche Erfahrungen und ist extrem neugierig. Denn Tely hatte sieben Leben und kam mit nur noch drei Leben in seine Schule. „Er ist ein merkwürdiger Typ, in seinen Augen liegt etwas Beängstigendes. […] Er verbringt die Pausen allein, gefangen in seiner Welt.“ (S. 33) Gabriel beginnt seine eigene Welt neu zu definieren. Viel Glück und noch mehr Gefahren gehören dazu. Weiterlesen

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Lone Theils: Falsche Gesichter

Die dänische Journalistin Nora Sand wird nach Nordengland in die Stadt Toppingham geschickt, um über die ungewöhnliche Ermordung des Kriminalkommissars Crow zu berichten. Der Leiter der Sittenabteilung wurde entführt und dessen Tötung in einem Video veröffentlicht. Während viele einen Bezug zum IS sehen wollen und Crow öffentlich in den höchsten Tönen loben, sieht Nora zunächst einige Unstimmigkeiten. Wie kann sich ein Beamter einen so teuren Wagen leisten? Und warum kommen kritische Äußerungen so verhalten? Wie ein eigenwilliger Spürhund folgt Nora ihrem Instinkt.

Kurz darauf muss sie beobachten, wie unsensibel die örtliche Polizei mit den Nöten junger Mädchen umgeht. Eine von ihnen ist Laura, die volltrunken jemandem in einem Imbiss vorwirft, an Mels Tod schuld zu sein. Als Nora in Lauras Umfeld recherchiert, geschieht ein zweiter Mord. Dieser stellt nicht nur die bisherige Richtung der polizeilichen Ermittlung in Frage sondern bestätigt auch Noras Zweifel. Je mehr Bewohner sie befragt, um so deutlicher spürt sie, dass hinter der Fassade der Normalität nichts mehr normal sein kann. Weiterlesen

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter

Für Pietro ist der Name der Mutter, der Name einer Fremden. Sie hat ihn verlassen, als er noch sehr klein war. Seit diesem Tag wächst er bei seinem Vater Ettore im ländlichen Norditalien auf. Der schweigsame Ettore erzieht Pietro so, wie er es von seinem schweigsamen Vater gelernt hat. Sie sprechen nur das Nötigste, weil die tägliche Arbeit im Vordergrund steht. Pietro wächst zu einem Mann heran, der nur eine strenge Erziehung und wenig Liebe kennt.

Noch immer schweigt sein Vater das Thema Mutter aus. Auch die Großeltern schweigen über die verschwundene Tochter, die alles hinter sich gelassen hat, die Familie, ihren Sohn, das Dorf und die an sie gesetzten Erwartungen. Und dann wird Pietro selbst Vater, und es sieht so aus, als könnten sich bestimmte Unzulänglichkeiten wiederholen.

Roberto Camurri gewann 2018 mit seinem ersten Roman A Misura d’Uomo gleich zwei Preise. Mit seinem zweiten Roman, Der Name seiner Mutter, übersetzt von Maja Pflug, stellt sich der Autor erstmalig dem deutschen Publikum vor. Weiterlesen

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Thomas Ziebula: Abels Auferstehung

„Die große Kreuzung […] war von demonstrierenden Menschen, berittenen Soldaten und Kraftwagen der Reichswehr verstopft. Gewerkschaften und linke Arbeitervereine protestieren gegen die geplante Erhöhung der Fahrpreise für die Elektrische und die Besetzung Leipzigs durch General Maerckers Truppen. Geschrei, Sprechchöre und Schüsse waren zu hören.“ (S. 443)

In Leipzig brodelt es. 1920 stehen viele Veränderungen an. Während in der Politik mit harten Bandagen gekämpft wird, kommen traumatisierte Soldaten aus der Gefangenschaft zurück. Jeder von ihnen braucht einen Brotberuf. Doch nicht jeder bekommt auch einen. Gleichzeitig werden viele Frauen aus ihrem Beruf und in die Verarmung gedrängt. Auch die Karriere von Kommissarinspektor Paul Stainer ist in Gefahr. Nach der Beerdigung seiner Frau muss er den Mord an einen Künstler aufklären, der sich vor kurzem duelliert hat.

Weitere Morde folgen, und es sieht so aus, als handele es sich um einen Einzeltäter. Während Stainer und seine Kollegen nach dem verbindenden Motiv suchen, intrigieren ein paar seiner Kollegen gegen Stainer. Ihm droht die Degradierung.

Thomas Ziebula schickt seine Leser auch in seinem zweiten Kriminalroman in die Vergangenheit. Sein Kriminalinspektor Paul Stainer kämpft mit den Folgen traumatischer Erlebnisse und trauert um seine Edith. Der Autor zeigt einen sympathischen, klugen Ermittler, der viele Widrigkeiten gleichzeitig händelt. Weiterlesen

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Dolf Verroen: Traumopa

Der zehnjährige Thomas trägt zu seiner roten Kappe jetzt auch einen roten Schal. Der rote Schal gehörte seinem Opa, den er sehr liebte, der mit ihm über seine Träume sprach oder ganz viel mit seinen Händen machen konnte.

Als Thomas bei seinen Großeltern zu Besuch war, schlief sein Opa ein. Er stupste noch kurz seine Frau an, und dann schlief er für immer ein. Es dauert eine Weile, bis er abgeholt wird. Thomas erinnert sich an Opas lächelndes Gesicht. Es will so gar nicht zu der schimmernden Plane passen, unter der Opa verborgen liegt.

„… Das macht mich böse. Opa in einer Plane, als wäre er ein Ding. Es ist gemein. Er ist tot. Als ob das nicht genug wäre.“ (S. 16) Thomas weiß nicht, wie er mit Opas Fehlen umgehen soll. Er ist ratlos. „Leute in Geschichten weinen, wenn jemand tot ist. Meine Oma nicht. Ich auch nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich traurig bin. Es ist, als fehlte etwas. […] Keine Ahnung.“ (S. 20) Diese Leere beschäftigt ihn, und er glaubt, er hätte viel mehr als nur seinen Opa verloren. Weiterlesen

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