Marc Levy: Jeder Anfang mit dir

Ein Liebesroman? Ein Science-Fiction-Roman? Ein Wissenschaftsthriller? So ganz kann ich mich nicht entscheiden, welchem Genre dieser Roman zuzuordnen ist. Vielleicht war es dem Autor selbst auch nicht so klar.

Vorrangig erzählt Marc Levy, der mit seinen Romanen schon weltweit erfolgreich war, die Liebesgeschichte zwischen Hope und Josh. Beide lernen sich während ihres Studiums kennen und lieben. Josh forscht gemeinsam mit seinem Freund Luke in einem geheimnisvollen Zentrum, dessen Betreiber den Beiden das Studium finanziert. Hope wird nach einer Weile Mitglied ihres Teams und während die Liebe zwischen Josh und ihr wächst, entwickeln die Drei gleichzeitig eine Methode, die Erinnerungen, das Gedächtnis eines Menschen zu speichern, aufzubewahren. Selbst lange verschüttete Kindheitserlebnisse werden dadurch wieder aufgerufen, eine Erfahrung, die Josh während eines Selbstversuchs durchlebt. Als Hope unheilbar erkrankt, beginnen die Forschenden, ihr Gedächtnis mittels ihrer Methode abzuspeichern. Denn sie haben beschlossen, dass sich Hope nach ihrem Tod einfrieren lässt.

Gut die ersten zwei Drittel des Romans befassen sich mit den Forschungen der jungen Leute und der wachsenden Liebe zwischen Josh und Hope. Besonders Hope ist eine sehr liebenswerte Figur, humorvoll, intelligent und offen. Die Gefühle zwischen ihr und Josh, die Eifersucht Lukes, dessen Besessenheit für seine Forschungen, all das zeichnet Marc Levy stimmig und nachfühlbar. Als Hope dann erkrankt, zeigt sie sehr viel Mut, sie trotzt den Schmerzen bis zuletzt. Weiterlesen

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Bill François: Die Eloquenz der Sardine

Ist das nicht ein wunderbarer Buchtitel? Macht der nicht so neugierig auf dieses Buch, dass man es unbedingt lesen muss? Der Gegensatz in diesem Titel ist es, der ihn so interessant, so außergewöhnlich macht: die Eloquenz der doch angeblich stummen Sardine, der angeblich schweigsamen Fische. Die, und davon berichtet der Autor, gar nicht so stumm sind.

Bill Francois ist zugleich Wissenschaftler und Schriftsteller. Seine Leidenschaft, die man in jedem Satz dieses Buch spürt, gilt den Flüssen und Meeren und den darin wohnenden Lebewesen.

Auf unnachahmliche Weise erzählt der Autor von der Wunderwelt der Meeresbewohner, von den Sardinen, die ein von der Natur choreografiertes Ballett aufführen und dadurch ihr Leben retten, von den Austern, die das als Fremdkörper in sie eingedrungene Sandkorn so lange drehen und wenden, bis daraus eine Perle geworden ist. Er schildert die Einsamkeit des Wals, der eine andere Sprache spricht als alle anderen Wale und daher keine Gesellschaft findet.

Die Leserin lernt die Wege der Aale kennen, die Tausende Kilometer zurücklegen, um zu ihren Laichplätzen zu gelangen. Man erfährt, welche absonderliche und vielfältige Weisen es gibt, den eigenen Nachwuchs aufzuziehen. Und man meint, die Unterhaltungen der vielen Fischarten zu hören, von denen manche über Hunderte Kilometer hinweg kommunizieren können. Weiterlesen

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Astrid Rosenfeld: Die einzige Straße

Ein Roman, der die Leserin nicht unberührt lässt. Der aber auch runterzieht, der wenig Frohsinn versprüht.

Astrid Rosenfeld, in Köln geborene und heute in Texas lebende Autorin, erzählt von einer Gruppe Menschen, die der Zufall in einer Kleinstadt in Virginia zusammenführt. Alle leben in einem, in den USA nicht unüblichen, Bungalowpark. Alle sind Gestrandete, Verlorene, Suchende, Versehrte. Die hier entweder ganz allein, mit ihrer Familie oder auch nur mit einem aus dem Müll geretteten Chihuahua leben.

Die 13-jährige Jackie, die sich so sehr nach Anerkennung und Lob von ihrem Vater sehnt, die zu dick ist und die keine Freunde hat, quält sich durch Tanzübungen, weil ihr Vater es auf den Geldgewinn bei einem Wettbewerb abgesehen hat. Stanley, ihr Vater, trinkt mehr als gut für ihn ist und glaubt, diesen Gewinn schon in den Händen zu halten.

Travis ist 16, wild und aufsässig, an guten Tagen ignoriert er die Verbote seiner alleinerziehenden Mutter Brianna, an schlechten macht er das genaue Gegenteil. Als sie ihm anbietet, sich im Supermarkt einen Gegenstand seiner Wahl auszusuchen, wählt er eine Axt. Weiterlesen

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Zoe Brisby: Reise mit zwei Unbekannten

Ein Hauch von „Harold and Maud“ weht durch diesen Roman, in dem eine abenteuerlustige Alte und ein depressiver junger Mann sich auf die Reise nach Brüssel machen.  Sie büxt aus einem Altersheim aus und er versucht, eine unglückliche Liebe zu vergessen. Über eine Mitfahrzentrale kommen die beiden zusammen und begeben sich auf die unterhaltsame und spannende Fahrt.

Maxine ist über 90 und glaubt, sie leide unter Alzheimer. Sie möchte den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen, solange sie dies noch kann und will aus diesem Grund nach Brüssel. Alex, der wegen Depressionen in Behandlung ist und sich selbst für einen überängstlichen Versager hält, leidet sehr unter seiner platonischen Liebe zu einer für ihn unerreichbaren Schönheit. Nach anfänglichen Unstimmigkeiten zwischen den beiden sich unbekannten Reisenden fassen sie schnell Vertrauen zueinander. So erzählt Maxine ihm von ihrem verstorbenen Ehemann und von ihrer zur Adoption freigegebenen Tochter, während Alex ihr von seiner hoffnungslosen Liebe und von dem angespannten Verhältnis zu seinen Eltern berichtet.

Aufgrund von Missverständnissen werden die Beiden schließlich polizeilich gesucht, man hält Alex für Maxines Entführer. Auf der nun zu einer Flucht werdenden Reise widerfahren den Beiden die absurdesten Erlebnisse, wie die Verwicklung in einen Tankstellenraub, der Besuch bei einer Wahrsagerin und einiges mehr. Weiterlesen

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Ewald Arenz: Der große Sommer

Schon von Ewald Arenz großartigem Roman „Alte Sorten“ aus dem vergangenen Jahr war ich restlos begeistert. Sein neues Buch, ein Coming-of-Age-Roman, steht diesem in nichts nach.

Er erzählt von einem hitzeflirrenden Sommer Anfang der 80er Jahre. Der 16-jährige Frieder kann nicht mit seiner Familie in den Sommerurlaub fahren, denn er hat im abgelaufenen Schuljahr die Dinge zu sehr schleifen lassen und muss daher jetzt für Nachprüfungen büffeln. Er zieht für diese Wochen zu seinen Großeltern, Nana, der geliebten und verehrten Großmutter und ihrem Mann, seinem Stief-Großvater, der mit ihm lernen soll.

Frieder hat eine eher zwiespältige Beziehung zu diesem Großvater, den er bis vor kurzem noch mit Sie anreden musste. Er empfindet ihn als streng, humorlos und steif. Demzufolge blickt er seinen Sommerferien wenig begeistert entgegen. Das ändert sich schlagartig, als er im Schwimmbad dem Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug begegnet und sich ohne Vorwarnung unmittelbar in sie verliebt.

Zum Glück versteht sich Beate, seine Angebetete, auch sehr schnell mit seiner Schwester Alma und seinem Freund Johann. Im Laufe der Ferien vertiefen sich nicht nur seine Gefühle für Beate, die von ihr erwidert werden. Er lernt auch seinen Großvater von ganz anderen Seiten kennen und schätzen. Und er lernt nicht nur Vokabeln und Integrale, sondern auch viel über Freundschaft und Zusammenhalt, über Verantwortung, Achtung und über die Liebe. Heimlich liest er im Tagebuch seiner Großmutter und erfährt von ihrer Liebesgeschichte. Und er begegnet dem Tod. Weiterlesen

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Kerstin Campbell: Ruthchen schläft

Ein Buch genau nach meinem Geschmack. Denn es sind vor allem die charaktergetriebenen Geschichten, die ich mag. Die Geschichten, in denen die Figuren, möglichst sonderliche Sonderlinge, die Handlung vorantreiben. Dabei sind es dann gerade die Schrullen, die Macken und Ticks, die diese Protagonisten so liebenswert machen.

Ein solcher liebenswerter Charakter ist Georg. Seine langjährige Freundin Linda hat ihn verlassen, eineinhalb Jahre ist das jetzt her und noch immer wartet er auf ihre Rückkehr. All ihre Sachen befinden sich unverändert in seiner Wohnung. Georg lebt in seinem eigenen, vom Großvater ererbten Mietshaus. Seine Mieterin Frau Lemke ist für ihn gleichzeitig die wichtigste Bezugsperson, seit seiner mehr als problematischen Kindheit.

Frau Lemke nun soll auf Wunsch ihres Sohnes Wolfgang zu diesem nach New York umziehen. Sie möchte das zwar nicht, wagt aber gleichzeitig nicht, sich diesem Wunsch zu widersetzen. So lautet die Vereinbarung: solange ihre Katze Ruthchen noch lebt, wird sie in Berlin in ihrer Wohnung bleiben. Nur dann segnet Ruthchen das Zeitliche und sowohl Frau Lemke wie auch Georg suchen verzweifelt nach einer Lösung. Weiterlesen

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Rainer Moritz: Als wär das Leben so

Eine ungewöhnliche Frau ist die Protagonistin dieses Romans. Lisa weiß schon als Kind, wie sie sich ihre Freiräume verschafft. Sie hat ihren eigenen Kopf und geht ihre eigenen Wege, schwimmt gegen den Strom und lässt sich nicht beirren. Wenn sie unschlüssig ist, hält sie inne, probiert Dinge aus und ändert ihre Richtung, ohne über verpasste Chancen oder vertane Zeit zu klagen.

Der Autor erzählt uns die Geschichte dieser Frau in Rückblenden. In der aktuellen Zeitebene sitzt sie am Tisch auf ihrem Balkon und versucht, einen Brief zu schreiben, an ihre Eltern. Doch immer wieder bricht sie ab, beginnt neu.

Dabei ist der Stil, in welchem wir von Lisas Leben erfahren, von ihren Erfolgen und ihren Irrtümern, von ihren glücklichen Momenten und den Zeiten, in denen sie unglücklich war, sehr eigentümlich. Rainer Moritz greift einzelne Szenen auf, schildert sie detailliert, überspringt andere Lebensphasen Lisas mit großen Sprüngen. Der Kunstgriff, den er verwendet, liegt in der immer wiederkehrenden Bezugnahme auf Lisas Alter: „Als Fünfjährige, als Achtjährige, als Zwölfjährige, als Fünfzehnjährige.“ (S. 17). So geht es durch das Buch, durch ihr Leben. Weiterlesen

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Helge-Ulrike Hyams: Denk ich an Moria: Ein Winter auf Lesbos

Der Autorin – Psychoanalytikerin und Professorin für Erziehungswissenschaften, geboren 1942 – gelingt es, die Realität im Lager Moria auf Lesbos zu schildern, ohne zu dramatisieren. In ruhigem, und dadurch vielleicht gerade wirkungsvollerem, Ton beschreibt sie das Leben der Flüchtlinge ebenso wie die Zustände, unter denen die vielen NGOs versuchen, den im Lager untergebrachten Menschen zu helfen.

Helge-Ulrike Hyams hat einen Winter auf Moria verbracht, bevor Corona alle anderen Themen aus den Köpfen der Menschen und der Politiker verdrängt hat. Sie kommt mit der Schweizer NGO „One Happy Family“ auf die griechische Insel. Dieser nicht-staatlichen Organisation geht es vor allem darum, den zumeist schwer traumatisierten Geflüchteten so etwas wie eine Struktur im täglichen Leben zu geben. Sie sorgen für regelmäßiges Essen, für Beschäftigung, für Aus- und Fortbildung. Dass der Ort dieses Hilfsangebots etliche Kilometer vom Lager entfernt lag, hinderte die Hilfesuchenden nicht, sie gingen zu Fuß oder nahmen einen der zahlreichen Busse, die man meist für kleines Geld benutzen konnte.

In thematische Kapitel gegliedert, zeigt das Buch die Dinge abseits der großen, plakativen Nachrichten. So erfährt die Leserin von der erstaunlichen Bedeutung einer Lidl-Filiale in der Nähe des Lagers, von Häkelkursen, die die Autorin anbietet und die den geflüchteten Frauen nicht nur Beschäftigung, sondern auch Selbstvertrauen verschafft sowie die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Weiterlesen

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Anja Baumheier: Die Erfindung der Sprache

Von einer Heldenreise der besonderen Art, mit einem überaus liebenswerten Helden, erzählt uns die Autorin in diesem wundervollen Roman.

Dr. Adam Riese, seines Zeichens Sprachwissenschaftler, spricht wenig und wenn, dann am liebsten mit seiner elektronischen Sprachassistentin. Seine Lieblingszahl ist die Sieben, er liebt Listen mit exakt sieben Punkten und sein Äußeres straft seinen Nachnamen Lügen. Aufgewachsen ist Adam auf einer winzigen ostfriesischen Insel, umsorgt von nahezu allen Bewohnern des Eilands, abgöttisch geliebt von seiner Mutter Oda, seinem Vater Hubert und seinen Großeltern, Leska und Ubbo.

Anja Baumheier erzählt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen. Ein Handlungsstrang schildert die Lebensgeschichte seiner Familie, beginnend mit der ersten Begegnung zwischen Leska und Ubbo, beschreibt die große Liebe zwischen Oda und Hubert und die vielen Sorgen, die der zu früh geborene Adam seiner Eltern bereitet. Als Adam 13 Jahre alt ist, verschwindet sein Vater spurlos, woraufhin seine Mutter aufhört zu sprechen.

Die zweite Zeitebene zeigt uns Adam als Erwachsenen, Dozent an der Universität in Berlin, alleinlebend, einzige Gesellschaft seine Sprachassistentin. Da ereilt ihn ein Notruf seiner Großmutter: seine Mutter ist beim Anblick eines Buches ohnmächtig geworden und verweigert seither die Nahrung. In besagtem Buch mit dem Titel „Die Erfindung der Sprache“ wurde Adams Vater namentlich erwähnt. Weiterlesen

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Louis-Philippe Dalembert: Die blaue Mauer

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Katastrophen oder Gräueltaten großen Ausmaßes für diejenigen, die davon nicht betroffen sind, nur sehr abstrakt bleiben, wenn man die schieren Opferzahlen nennt. Sobald jedoch Einzelschicksale herausgegriffen, individuelle Geschichten erzählt werden, dann sind die Zuhörer, die Leser entsetzt, schockiert, geraten in Wut oder trauern.

Diese Vorgehensweise, den wohlbehüteten Europäern die menschenverachtenden Vorgänge im Zusammenhang mit der Flucht über das Mittelmeer nach Europa vor Augen zu führen, funktioniert auch in diesem Roman.

Der Autor Louis-Philippe Dalembert wurde in Haiti geboren, er lebt heute in Paris und Port-au-Prince. Seine Geschichten und Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet, auch „Die blaue Mauer“ war für den Prix Goncourt 2019 nominiert.

„Die blaue Mauer“ – Zu Beginn habe ich mich nach dem Sinn des Titels gefragt. Doch der erschließt sich sehr schnell und hätte prägnanter kaum gewählt werden können. Diese blaue Mauer, das ist nichts anderes als das Mittelmeer, das ist die Mauer zwischen der EU und den Flüchtenden, die aus Afrika kommen, weil alles besser ist als das Leben, das sie zurücklassen. Und die EU, so will es immer wieder scheinen, ist froh um diese Mauer. Weiterlesen

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