Doris Knecht: Die Nachricht

Zunächst einmal ist der Titel des Romans irreführend, denn die Hauptfigur erhält nicht eine, sondern sehr viel verstörende Nachrichten. Und diese beleidigenden Nachrichten erreichen nicht nur sie, sondern auch ihre Familie, ihre Freunde und Kollegen.

Doris Knecht, eine vielfach ausgezeichnete österreichische Autorin, ist bekannt für ihre sehr eigene Sprache. Diese kommt im vorliegenden neuen Buch wieder zum Ausdruck. Die Protagonistin Ruth, eine seit vier Jahren verwitwete, selbstbewusste Frau und Mutter, lebt in einem einsam gelegenen alten Holzhaus. Ihre Söhne und ihre Stieftochter sind mehr oder weniger erwachsen  und gehen ihre eigenen Wege. Ruth hat eine neue Beziehung begonnen mit Simon, eine On-Off-Beziehung. Sie wäre bereit zu mehr, zu einem engeren, festeren Verhältnis, doch er zieht sich immer wieder von ihr zurück.

Da beginnen die Nachrichten. Über verschiedene Kanäle – Facebook, Messengerdienste und so weiter – erhält sie widerwärtige Texte, beleidigend, bedrohlich. Und die Herkunft der Nachrichten erschließt sich ihr nicht, stets sind die Absendernamen erfunden und nicht rückverfolgbar. Der Absender oder die Absenderin kennt Ruth aber offensichtlich sehr gut, erwähnt Dinge in den Mitteilungen, die kaum jemand von ihr weiß außer den ihr sehr Nahestehenden. Weiterlesen

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Anne Mette Hancock: Narbenherz

Wenn man eine zusammenhängende Reihe von Romanen liest, mit wiederkehrenden Protagonistinnen, dann ist es ein wenig wie das Wiedertreffen von guten Bekannten. So zumindest war mein Gefühl, als ich diese Fortsetzung des Sensationserfolgs „Leichenblume“ der dänischen Autorin in die Hand nahm. Mit dem ersten Band hatte sie sämtliche Bestsellerlisten gestürmt. Und es ist zu erwarten, dass dieser zweite Roman um Heloise Kaldan dem in nichts nachstehen wird. Mich hat er jedoch nicht ganz so sehr begeistert wie die erste Folge.

Ein kleiner Junge verschwindet. Die Ermittlungen leitet Erik Schäfer, der Kommissar, der mit der Journalistin Heloise befreundet ist, seit sie sich im vorhergehenden Band zum ersten Mal begegneten. Diese wollte gerade mit Recherchen zu posttraumatischen Belastungsstörungen bei ehemaligen Soldaten beginnen, hierbei sollte ihre beste Freundin Gerda, Militärpsychologin, sie unterstützen.

Die Story entwickelt sich sehr langsam, es gibt viel Nebenhandlung, die die Spannung, die sich ohnehin nur sehr langsam aufbaut, immer wieder ausbremst. Das Privatleben von Heloise nimmt breiten Raum ein, ihre Beziehung zu Martin belastet sie, sie fühlt sich davon überfordert. Sie streitet mit Gerda, sie missbraucht das Vertrauen von Erik und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Letzteres ist typisch für diese Art von Krimis – Thriller scheint mir nicht die passende Bezeichnung für diesen Roman. Das macht es jedoch nicht weniger unrealistisch, dass die im Roman geschilderten Fälle stets in irgendeiner Weise mit den Protagonisten verbunden sind. Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Revolution der Träume

Die langersehnte Fortsetzung eines meiner Lieblingsbücher des vergangenen Jahres „Schatten der Welt“. Die Handlung schließt fast nahtlos an den Vorgängerband an, beginnt im November 1918, mit der Absetzung des deutschen Kaisers und der Ausrufung der Republik.

Vorangeschickt sei der Hinweis, dass manches in dieser Fortsetzung ohne die Kenntnis des ersten Bandes nur teilweise verständlich ist. Die Vorgeschichte der drei Protagonisten bedingt ihr Handeln in der Nachkriegszeit entscheidend, genau wie die Begegnungen mit ihren alten Freunden und Feinden. Es wird einiges aus dem ersten Teil erwähnt, aber in angenehm unaufdringlicher Weise.

Die drei Freunde Carl, Artur und Isi treffen sich in Berlin, teils unverhofft, teils nach langer Suche. Artur ist schwer gezeichnet von Kriegsverletzungen, hat sich aber bereits einen Namen in der Berliner Unterwelt gemacht und folgt somit dem ihm schon seit der Kindheit vorgezeichneten Weg. Isi ist die gleiche Ungestüme, Rebellische geblieben und beteiligt sich mit großer Begeisterung und noch mehr Zorn an der Revolution, besorgt Waffen, beschützt Revolutionäre und vertraut dabei immer auf die Hilfe von Artur. Carl, wie immer schüchtern, unsicher und ängstlich, findet eine Anstellung bei der UFA, eine neue Liebe, die er gleich wieder verliert und wird zum Beschützer eines kleinen Jungen. Weiterlesen

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Tayari Jones: Das Jahr, in dem wir verschwanden

Es ist ja bekannt, dass Erstlingswerke von Autor:innen es oft schwer haben, einen Verlag zu finden. Erst, wenn das zweite oder dritte Buch der Autorin ein Erfolg war, werden die Frühwerke ebenfalls herausgegeben. Dabei stellt sich dann manches Mal heraus, dass die ersten Ablehnungen vielleicht nicht ganz unbegründet waren. Denn die Erfolge der weiteren Romane besagen nichts über die Qualität der Debüts.

Für den vorliegenden Roman von Tayari Jones fällt es mir schwer, genau dies zu beurteilen. Von ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Das zweitbeste Leben“ war ich wirklich begeistert und ich bedaure, dass ich ihr anderes Buch „In guten wie in schlechten Tagen“ bislang noch nicht lesen konnte.

Ihr jetzt von Arche veröffentlichter Roman basiert auf wahren Ereignissen, die sie aus der Sicht von Kindern erzählt. Die Handlung ist in Atlanta angesiedelt und spielt im Jahr 1979. Damals verschwanden bis zu 20 Kinder. Endgültig aufgeklärt wurden diese Fälle wohl nie. Tayari Jones greift das auf und lässt drei Kinder im Alter von 11 oder 12 Jahren sprechen. Alle drei sind farbig, gehen in dieselbe Klasse auf einer Schule für Farbige und leben in einem Viertel, in dem keine Weißen wohnen. Dennoch sind die Lebensumstände der Drei sehr unterschiedlich. Weiterlesen

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Tessa Korber: Alte Freundinnen

Freundschaft ist etwas sehr Kostbares, besonders wenn sie über viele Jahre existiert. Eine solche Freundschaft besteht zwischen Franziska, Annabel, Nora und Luise, die sich seit ihren Studienzeiten kennen. Jede ist anders und ihre Lebenswege sind völlig unterschiedlich, dennoch haben sie über die  vielen Jahre zusammengehalten, standen einander zur Seite, teilten Freud und Leid. Und sie hatten einen Traum: im Alter wollten sie zusammenziehen, eine WG bilden.

Das ist der Ausgangspunkt des Romans von Tessa Korber. Die Autorin, Jahrgang 1966 und in Nürnberg lebend, beginnt ihre Geschichte, als Franziska, ständig am Rande der Pleite lebende Schriftstellerin, genervt von ihrer Aushilfstätigkeit in einem Altersheim, diesen Traum wieder aufleben lassen möchte. Die vier Frauen sind inzwischen alle über 60. Annabel lebt als pensionierte Lehrerin in einer nahezu staubfreien Wohnung. Nora hat Karriere gemacht und nimmt sich meist, was sie will. Und Luise ist frisch verwitwet.

Es bietet sich die Gelegenheit, in Franziskas Elternhaus zu ziehen. Das erfordert zwar einige Umbaumaßnahmen und verlangt von Franziska, sich wieder in die dörfliche Gemeinschaft einzufügen, aus der sie als junge Frau geflohen war, aber die vier Frauen gehen dieses Projekt mit Begeisterung an. Annabel, die immer mehr erblindet, findet eine neue Liebe. Nora wird schwer krank, Luise entschwindet in ihre eigene Fantasiewelt und Franziska schreibt ein neues Buch. Weiterlesen

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Amélie Cordonnier: Die Entscheidung

Wer noch nicht weiß, was Worte anrichten können, sollte diesen Roman lesen. Die französische Autorin schildert genau das in ihrem Debüt. Und wie sie das tut, das geht unter die Haut, das wühlt auf, verschreckt. Daran ändert auch die etwas anstrengende Erzählweise nichts.

Eine ganz normale Familie – Vater, Mutter, zwei Kinder. Und doch ist nichts so, wie es von außen scheint. Aurélien, der Vater, verliert die Beherrschung, schreit, tobt und beleidigt dabei seine Frau mit Worten, die in Körper und Seele einschneiden, tiefe Wunden hinterlassen. Auch bei den Kindern, dem 15-jährigen Vadim und der sieben Jahre alten Romane.

Dabei hatte Aurélien Besserung gelobt, nachdem all das schon einmal so gewesen war, über Monate und Jahre und sie ihn deswegen verlassen hatte. Aber er hatte es erreicht, dass sie zurückkam. Sieben Jahre ist das her und sieben Jahre ging es gut. Bis eben jetzt, wo alles wieder von vorne anfängt.

Nun muss sie sich entscheiden. Bleibt sie, wird sie das immer weiter ertragen müssen, wird sie daran zerbrechen. Oder geht sie, verlässt sie ihn, rettet sich, wird sich selbst dadurch andere Wunden zufügen. Und den Kindern. Sie hadert, sie handelt mit sich, stellt sich ein Ultimatum: bis zu diesem Tag wird sie sich entscheiden. Weiterlesen

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Andrea Schomburg & Irmela Schautz: Der geheime Ursprung der Redensarten

Schon das im vergangenen Jahr erschienene Buch der beiden Verfasserinnen „Der geheime Ursprung der Wörter“ hat mich begeistert und wunderbar unterhalten. Nun bringen die Beiden einen weiteren Band heraus und das Vergnügen ist genauso groß.

Wir fragen uns doch alle hin und wieder, woher wohl die Redensart „Jemandem nicht das Wasser reichen können“ stammt oder welchen Ursprung der Spruch „Sich etwas hinter die Ohren schreiben“ hat. Wie im Vorgängerband bietet Andrea Schomburg jeweils vier mögliche Erklärungen für die Herkunft der Redensart. So kann die Leserin rätseln und grübeln, welche denn wohl die korrekte Herleitung ist. Die Fantasie der Autorin ist dabei offensichtlich grenzenlos, denn stets klingen alle vier Möglichkeiten plausibel, so dass man sich tatsächlich nicht entscheiden kann, welcher man den Vorzug gibt.

Die Lektüre dieser jeweils vier möglichen Ursprünge macht einen Heidenspaß und wenn man dann vielleicht aus dem Rätseln noch ein Gesellschaftsspiel macht, bereitet man nicht nur sich selbst eine unterhaltsame Zeit. Einen Extra-Spaß bieten die humoristischen Zeichnungen von Irmela Schautz, die jeweils die vier Erklärungen verknüpfen und wunderbar abgedreht sind. Weiterlesen

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Marc Roger: Die Bücher des Monsieur Picquier

Wenn ein kultivierter, belesener ehemaliger Buchhändler und ein 18-jähriger ungelernter Hilfsarbeiter aufeinandertreffen, erwartet man eher keine innige Freundschaft zwischen ihnen. Doch genau diese entwickelt sich, als der junge Grégoire, als Hilfskraft in der Küche eines Seniorenheims tätig, dem alten Mann begegnet. Das Zimmer von Monsieur Picquier ist voller Bücher, die er aus seiner Buchhandlung rettete, als er diese schließen musste. Seine Parkinson-Erkrankung macht es ihm unmöglich, noch darin zu lesen. So bittet er Grégoire, ihm vorzulesen.

Auf diese Weise lernt der junge Mann die Welt der Bücher kennen und Monsieur Picquier kämpft für Grégoire, der von manchem Kollegen heftig drangsaliert wird. Die Beiden organisieren schließlich sogar Lesungen für alle Heimbewohner zu Weihnachten, sie feiern gemeinsam Silvester. Und Grégoire lernt eine junge Frau kennen, die ihn in die Liebe einführt.

Nach und nach öffnet sich der alte Herr und erzählt dem Jungen aus seiner Vergangenheit. Als Homosexueller hatte es Monsieur Picquier nicht leicht, seine Eltern verstießen ihn und er hat viel durchgemacht im Laufe der vielen Jahre. Dennoch quält er sich nun am Ende seines Lebens mit dem Gedanken, das wahre Leben den Büchern zuliebe hintangestellt zu haben. Weiterlesen

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Rosie Walsh: Ein ganzes Leben lang

Mit ihrem Debüt „Ohne ein einziges Wort“ war die englische Autorin Rosie Walsh wochenlang auf den Bestsellerlisten. Es ist zu vermuten, dass auch der neue Roman diese stürmen wird. Vereint er doch alles, was eine anrührende Geschichte ausmacht: Liebe, Verzweiflung, Sehnsucht, Krankheit, Kinder und Tiere.

Emma ist Meeresbiologin, Mutter von Ruby, Ehefrau von Leo und sie leidet an Blutkrebs. Leo, von Beruf Verfasser von Nachrufen, bekämpft seine Sorgen um die geliebte Frau damit, dass er beginnt, einen Nachruf auf sie zu schreiben. Dabei entdeckt er jedoch Dinge aus ihrer Vergangenheit, die sie ihm all die Jahre verschwieg. Das betrifft ihren Universitätsabschluss ebenso wie den Tod ihres Vaters, ihre Ehe und sogar ihren Namen. Leo ist erschüttert und beginnt zu recherchieren, nur um noch tiefer einzudringen in Emmas Geschichte, die sie ihm immer vorenthalten hatte.

Der Roman erzählt die Geschehnisse abwechselnd aus der Sicht von Emma und von Leo sowie auch wiederholt in Rückblicken auf die vergangenen Ereignisse. Zuerst dreht sich die Handlung vor allem um Emmas Krankheit und die neuerlichen Untersuchungen, auf deren Ergebnisse sie ängstlich warten. Weiterlesen

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Carlos Ruiz Zafón: Der Friedhof der vergessenen Bücher: Erzählungen

Der viel zu frühe Tod dieses begnadeten Schriftstellers im vergangenen Jahr reißt eine große Lücke in die Literaturlandschaft. Mit der Veröffentlichung dieser Erzählungen, die in Zusammenhang mit seinen berühmten Barcelona-Romanen stehen, wird ihm posthum ein Wunsch erfüllt.

Ruiz Zafón, dessen Liebe immer seiner Geburtsstadt Barcelona gehörte, hat diese verewigt in seinem Roman-Zyklus um den Friedhof der vergessenen Bücher. Die Romane sind ineinander verwoben, spielen zu ganz unterschiedlichen Zeiten und stehen dennoch miteinander in Zusammenhang, auch wenn man jeden für sich lesen kann. Ich habe sie alle verschlungen, bin eingetaucht in die Stimmung des unterirdischen Barcelonas, habe mitgelitten, mitgefiebert mit den Protagonisten der hochspannenden, geheimnisvollen und mystischen Romane.

Der S. Fischer Verlag hat nun diese Erzählungen herausgebracht, in denen die Figuren der Romane wieder in Erscheinung treten, neue Verbindungen aufgedeckt, Geheimnisse gelüftet und neue geschaffen werden und in denen immer wieder die Stadt Barcelona die Hauptrolle spielt. Die Kongenialität, mit der Ruiz Zafón die Atmosphäre, die Gerüche und Geräusche der Straßen, die Dunkelheit der Gassen und die Anonymität der Plätze beschreibt, ist unerreicht und setzt dieser Stadt wahrhaft ein Denkmal. Weiterlesen

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