Marc Roger: Die Bücher des Monsieur Picquier

Wenn ein kultivierter, belesener ehemaliger Buchhändler und ein 18-jähriger ungelernter Hilfsarbeiter aufeinandertreffen, erwartet man eher keine innige Freundschaft zwischen ihnen. Doch genau diese entwickelt sich, als der junge Grégoire, als Hilfskraft in der Küche eines Seniorenheims tätig, dem alten Mann begegnet. Das Zimmer von Monsieur Picquier ist voller Bücher, die er aus seiner Buchhandlung rettete, als er diese schließen musste. Seine Parkinson-Erkrankung macht es ihm unmöglich, noch darin zu lesen. So bittet er Grégoire, ihm vorzulesen.

Auf diese Weise lernt der junge Mann die Welt der Bücher kennen und Monsieur Picquier kämpft für Grégoire, der von manchem Kollegen heftig drangsaliert wird. Die Beiden organisieren schließlich sogar Lesungen für alle Heimbewohner zu Weihnachten, sie feiern gemeinsam Silvester. Und Grégoire lernt eine junge Frau kennen, die ihn in die Liebe einführt.

Nach und nach öffnet sich der alte Herr und erzählt dem Jungen aus seiner Vergangenheit. Als Homosexueller hatte es Monsieur Picquier nicht leicht, seine Eltern verstießen ihn und er hat viel durchgemacht im Laufe der vielen Jahre. Dennoch quält er sich nun am Ende seines Lebens mit dem Gedanken, das wahre Leben den Büchern zuliebe hintangestellt zu haben. Weiterlesen

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Rosie Walsh: Ein ganzes Leben lang

Mit ihrem Debüt „Ohne ein einziges Wort“ war die englische Autorin Rosie Walsh wochenlang auf den Bestsellerlisten. Es ist zu vermuten, dass auch der neue Roman diese stürmen wird. Vereint er doch alles, was eine anrührende Geschichte ausmacht: Liebe, Verzweiflung, Sehnsucht, Krankheit, Kinder und Tiere.

Emma ist Meeresbiologin, Mutter von Ruby, Ehefrau von Leo und sie leidet an Blutkrebs. Leo, von Beruf Verfasser von Nachrufen, bekämpft seine Sorgen um die geliebte Frau damit, dass er beginnt, einen Nachruf auf sie zu schreiben. Dabei entdeckt er jedoch Dinge aus ihrer Vergangenheit, die sie ihm all die Jahre verschwieg. Das betrifft ihren Universitätsabschluss ebenso wie den Tod ihres Vaters, ihre Ehe und sogar ihren Namen. Leo ist erschüttert und beginnt zu recherchieren, nur um noch tiefer einzudringen in Emmas Geschichte, die sie ihm immer vorenthalten hatte.

Der Roman erzählt die Geschehnisse abwechselnd aus der Sicht von Emma und von Leo sowie auch wiederholt in Rückblicken auf die vergangenen Ereignisse. Zuerst dreht sich die Handlung vor allem um Emmas Krankheit und die neuerlichen Untersuchungen, auf deren Ergebnisse sie ängstlich warten. Weiterlesen

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Carlos Ruiz Zafón: Der Friedhof der vergessenen Bücher: Erzählungen

Der viel zu frühe Tod dieses begnadeten Schriftstellers im vergangenen Jahr reißt eine große Lücke in die Literaturlandschaft. Mit der Veröffentlichung dieser Erzählungen, die in Zusammenhang mit seinen berühmten Barcelona-Romanen stehen, wird ihm posthum ein Wunsch erfüllt.

Ruiz Zafón, dessen Liebe immer seiner Geburtsstadt Barcelona gehörte, hat diese verewigt in seinem Roman-Zyklus um den Friedhof der vergessenen Bücher. Die Romane sind ineinander verwoben, spielen zu ganz unterschiedlichen Zeiten und stehen dennoch miteinander in Zusammenhang, auch wenn man jeden für sich lesen kann. Ich habe sie alle verschlungen, bin eingetaucht in die Stimmung des unterirdischen Barcelonas, habe mitgelitten, mitgefiebert mit den Protagonisten der hochspannenden, geheimnisvollen und mystischen Romane.

Der S. Fischer Verlag hat nun diese Erzählungen herausgebracht, in denen die Figuren der Romane wieder in Erscheinung treten, neue Verbindungen aufgedeckt, Geheimnisse gelüftet und neue geschaffen werden und in denen immer wieder die Stadt Barcelona die Hauptrolle spielt. Die Kongenialität, mit der Ruiz Zafón die Atmosphäre, die Gerüche und Geräusche der Straßen, die Dunkelheit der Gassen und die Anonymität der Plätze beschreibt, ist unerreicht und setzt dieser Stadt wahrhaft ein Denkmal. Weiterlesen

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Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Nicht immer halten Bücher mit solch außergewöhnlichen, einprägsamen Titeln, die einem im Buchladen ins Auge springen, was dieser verspricht, doch in diesem Fall ist der Roman genauso unterhaltsam wie sein Titel.

Angelika Jodl, die auch schon mit ihrem Debütroman „Die Grammatik der Rennpferde“ vor ein paar Jahren sehr erfolgreich war, spinnt hier eine vor allem von den Figuren getragene Geschichte, in der es vorrangig um die Liebe, im Grunde aber vor allem um die Suche nach Identität, nach Wurzeln und Herkunft geht.

Medizinstudentin Olga, momentan in ihrem Praktischen Jahr an einer Klinik in Bonn beschäftigt, hadert mit ihrer Familie. Diese stammt aus Georgien, obwohl sie sich als Griechen betrachten, derweil ihr Vater ein großer Verehrer Stalins ist. Es ist vor allem ihre Mutter, mit der Olga ständig in Streit gerät, denn diese predigt die alten Sitten, nach denen ein Mädchen früh verheiratet wird, und zwar mit einem von den Eltern gewählten Mann. Die unterschiedliche Behandlung von Söhnen und Töchtern zeigt sich immer wieder, wenn Olgas kleiner Bruder gehätschelt und verwöhnt wird, während sie mit Strenge und Vorwürfen erzogen wird. Weiterlesen

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Ursula Poznanski: Blutkristalle

Auf gerade einmal 80 Seiten schafft es die bekannte österreichische Autorin, die Leserin zu fesseln, zu erschrecken und zu überraschen. In diesem neu-deutsch Short-Read genannten Kurz-Thriller erzählt sie aus der Perspektive des Antagonisten. Wolfram ist ein Stalker. Er verfolgt Ella, der er in Liebe verfallen zu sein glaubt. Ella aber liebt Paul. Die beiden planen eine mehrtägige Winterwanderung im Gebirge, über teils lebensgefährliche Wege und Pässe. Diese Gelegenheit will Wolfram nutzen, um sich seines vermeintlichen Nebenbuhlers zu entledigen. Minutiös bereitet er alles vor, wartet auf Ella und Paul am Rande einer Schlucht …

Es fasziniert mich jedes Mal wieder, wie Ursula Poznanski Atmosphäre schafft, Charaktere entwickelt und Spannung erzeugt. Und dies nun in einer Form, die nicht viel mehr als eine Erzählung ist, ihren anderen Thrillern aber in nichts nachsteht. Besonders geschickt ist es, Wolfram immer wieder, wie in einem Selbstgespräch, Dialoge führen zu lassen, ohne dass man erkennen könnte, mit wem er spricht. Allein dies ist schon ein erhebliches Spannungsmoment, vermutet man dahinter doch eine Art von Schizophrenie. Weiterlesen

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René Freund: Das Vierzehn-Tage Date

Eigentlich wollte ich auf keinen Fall je einen Roman lesen, der Corona thematisiert. Aber eigentlich soll man eigentlich ja nicht sagen und überhaupt soll man eigentlich keine Themen von vornherein ausschließen. Und das war in diesem Fall auch richtig, denn der Roman von René Freund lohnt sich, trotz oder wegen Corona.

David, Lehrer und Musiker, kann nur online gut und locker kommunizieren, sobald er einer Frau leibhaftig gegenübersteht, wird es schwierig. Also sucht er auf Tinder nach einer Freundin und trifft dort auf Corinna. Sie verabreden sich zum ersten Date. Da alle Restaurants und Bars wegen Corona – es ist März 2020 – geschlossen haben, besucht Corinna David bei ihm zu Hause.

Doch schon die ersten Minuten verheißen eine Katastrophe. David, pedantisch ordentlich, strukturiert und perfekt organisiert, Veganer und Nichtraucher trifft auf Corinna, chaotisch, ungestüm, unorganisiert, Kettenraucherin und Junk-Food-Junkie. Aber trotz dieses heftigen Clashs beschließen sie, sich eine Chance zu geben. Sie bestellen eine Pizza und hangeln sich mehr schlecht als recht durch einen mühsamen Abend. Weiterlesen

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Fränzi Kühne: Was Männer nie gefragt werden: Ich frage trotzdem mal

Als ich vor etlichen Jahren in meinem Beruf begann, Karriere zu machen und die ersten Geschäftsreisen anstanden, fragte mich mein damaliger, selbst vielreisender Vorgesetzter: „Was sagt denn Ihr Mann dazu, dass Sie reisen wollen?“ Zuerst war ich völlig perplex über diese Frage und fragte dann zurück: „Und was sagt Ihre Frau zu Ihren vielen Reisen?“.

An diese Frage, die Männern nie gestellt wird, musste ich denken, als ich dieses Buch in Händen hielt. Auch wenn mein Erlebnis viele Jahre her ist, hat sich, glaube ich, seither zwar manches, aber lange nicht genug geändert. Genau das thematisiert Fränzi Kühne in ihrem Buch.

Auslöser für sie, dieses Buch zu schreiben, waren Interviews, die sie gab, nachdem sie selbst als eine der ersten Frauen in den Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft berufen worden war. In diesen Interviews wurden ihr viele Fragen gestellt, die Männer nie gefragt werden, es wurde viel über ihre Kleidung, ihr Auftreten, ihre Familie berichtet, Details über das Leben eines Menschen, die in Interviews von Männern selten bis gar nicht vorkommen. Im Laufe dieser Gespräche sammelte Fränzi Kühne all diese Fragen:  Fragen danach, wer die Kinder versorgt, während sie im Aufsichtsrat sitzt, Fragen danach, warum sie keinen Hosenanzug oder High Heels trägt, den Ausdruck der Bewunderung oder wahlweise des Mitleids mit ihrem Mann, der sie unterstützt, und weitere Fragen ähnlichen Kalibers. Weiterlesen

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Julietta Henderson: Norman Foremans Weg zum Ruhm

Jax sagt, wenn man nicht weiß, wohin man will, weiß man nie, wann man da ist, und dagegen kannst du nichts sagen, Normie Boy.“ (S. 17)

Jax ist tot. Der Rolls-Royce unter den besten Freuden. Jetzt muss Norman seine Karriere als Comedy-Star allein beginnen, ohne Jax, der doch der tragende Partner in ihrem Duo war.

Norman Foreman ist zwölf Jahre alt, höflich, zurückhaltend, am ganzen Körper von Schuppenflechte geplagt und auf dem Weg, ein gefeierter Comedian zu werden – hofft er. Norman und sein Freund Jax haben einen Fünf-Jahres-Plan geschmiedet und besiegelt, als sie zehn waren. Mit fünfzehn wollen sie zum berühmten Fringe-Festival nach Edinburgh. Doch dann stirbt Jax und Normans Welt bricht zusammen. Für ihn ist Jax‘ Tod unbegreifbar und so hat er das Gefühl, dass sein Freund noch immer für ihn da ist, mit ihm kommuniziert. So ist es auch, nach Normans Empfinden, Jax, der den Fünf-Jahres-Plan abändert. Nun stehen da die Punkte: 1. Mich um Mum kümmern, 2. Dad finden, 3. Beim Edinburgh Fringe auftreten (S. 32)

Dass Norman meint, sich um seine Mum kümmern zu müssen, zerreißt dieser fast das Herz. Denn Sadie, zart, klein, mit kaum vorhandenen Kochkünsten und angestellt auf einem Schrottplatz, hält sich für eine absolute Versagerin als Mutter. Zumal auch Punkt 2 auf seinem Plan auf ihrem vermeintlichen Versagen beruht: sie weiß nämlich nicht, wer Normans Vater ist. Da kämen mehrere in Frage. Weiterlesen

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Holly Miller: Ein letzter erster Augenblick

Die ewig-gleiche Frage: möchte man den Augenblick des eigenen Todes vorher kennen? Darum geht es im Grunde in diesem tragischen Liebesroman der englischen Autorin, die damit ihr Debüt vorlegt. Was ihr durchaus gelungen ist, auch wenn mir der Roman manchmal doch ein wenig zu rührselig war.

Joel, von Beruf Tierarzt und Mitglied einer großen, ganz normalen Familie, hat Träume. In diesen Träumen sieht er Ereignisse voraus, Dinge, die Menschen, die ihm nahestehen, geschehen werden. So weiß er im Voraus, dass sein Cousin von einem Hund angefallen werden wird, dass sein Patenkind bei einem Verkehrsunfall verletzt werden könnte und er weiß, wann seine Schwester ein Kind erwarten wird. Diese Träume machen ihn aber nicht glücklich, er leidet darunter, psychisch und physisch. Denn nicht immer kann er die Dinge, die er voraussieht, verhindern, vor allem nicht so, dass die Betroffenen davon nichts merken. Denn gesprochen hat er noch nie mit jemandem darüber. Weiterlesen

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Constantin Schreiber: Die Kandidatin

Bei diesem Buch ist es ratsam, Inhalt und Stil getrennt zu betrachten. Denn der Plot, die Handlung und die Hintergründe der Geschichte sind ungemein fesselnd, beängstigend realistisch und professionell geschildert. Der Schreibstil allerdings gemahnt eher an einen politischen Artikel in einem Wochenblatt à la Spiegel oder Zeit als an einen spannenden Roman oder gar Thriller.

Constantin Schreiber ist ein bekannter und renommierter Journalist und Buchautor und seit einigen Monaten außerdem Sprecher bei der ARD-Tagesschau. Darüber hinaus ist er Kenner der arabischen Welt, er ist der arabischen Sprache mächtig und hat einige Jahre in der Region gelebt. Er weiß also, besser als viele andere, worüber er schreibt.

Sein Roman, angesiedelt in Deutschland in etwa dreißig Jahren,  dreht sich um Sabah Hussein. Sie ist die „Kandidatin“. Sie ist Muslima, Feministin und kandidiert für das Amt der Bundeskanzlerin. Dass ihr dadurch noch mehr Hass und Feindschaft entgegenschlägt als sie es aufgrund ihrer Herkunft und Religion ohnehin schon (leider) gewohnt ist, verwundert nicht. Mit viel Sachkenntnis und viel Liebe für Details arbeitet Constantin Schreiber Herkunft, Hintergrund und Wurzeln all diesen Hasses aus, er beschreibt, wie die Menschen gestrickt sind, die so vehement, unter Einsatz von Gewalt und unter Akzeptanz jedweden Risikos gegen die Kandidatin und ihre Partei und vor allem ihre Prinzipien vorgehen. Weiterlesen

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